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Wednesday, May 26, 2010

THE ESSAY ON THE JUKE BOX/ DANIEL GUTMANN, ETC

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Daniel Gutmann
Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft

Mystik und Popkultur

Peter Handke: Versuch ueber die Jukebox


Seminararbeit zum Thema: Moderne Literatur und popul aere Kultur

Inhalt:
1.
Einleitung
2.
R ueckzug in die Leere
3.
Die Handkesche Schreibweise
4.
Identit aet von Autor, Erz aehler und Protagonist
5.
Zwischen Mystik und Popkultur
6.
Literatur

 Das Schreiben ist immer Pr aeliminarie des Schreibens.

handke.jpg (25628 Byte)





1. Einleitung

Der Versuch ueber die Jukebox hat nicht die Jukebox als zentralen Mittelpunkt; die beschriebene Reise in die Abgeschiedenheit liest sich vielmehr als Reflexion ueber das Schreiben, als ein Notieren von Empfindungen und Eindr uecken, und hat demzufolge eher die Person des sich selbst Erz aehlenden zum Gegenstand. Der Erz aehl-Raum ist angesiedelt in der Kluft und der daraus resultierenden Spannung, die sich zwischen der Jukebox als Objekt der modernen Kultur und der Lebens- oder Schreibweise des Protagonisten, die deutliche Beziehungen zur Mystik aufweist, aufspannt. Handke beschreibt keine Auseinandersetzung mit dem Kultur zeichen Jukebox, sondern mit der sinnlichen Wahrnehmung in einer sozusagen akulturellen Umwelt, und dennoch ist dieses Kulturobjekt der gemeinte Inhalt des Schreibens. Insofern entspricht dieses Schreiben der Forderung Leslie Fiedlers: a closing of the gap between elite and mass culture , geht sogar noch dar ueber hinaus, indem es nicht nur ein Objekt der Massenkultur zum Gegenstand der Literatur macht, sondern dies dazuhin in Verbindung mit einer scheinbar völlig dazu in Widerspruch stehenden Methode - durch den R ueckzug aus der Kultur - geschieht.
Handkes Texte haben in der Rezeption höchst unterschiedliche Resonanz erfahren. Gemein ist zahlreichen Besprechungen, daß die Akzeptanz seiner Schreibweise von dem Maß abh aengt, in dem die Rezensenten einer spezifischen poetologisch-philosophischen Konzeption zu folgen gewillt sind. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit dieser poetologisch-philosophischen Konzeption Handkes w uerde den Rahmen einer Seminararbeit sicherlich sprengen, dennoch muß sie (in Teil 3) kurz angerissen werden, da sie auch in Zusammenhang mit der Bedeutung der Popkultur f uer dieses Schreiben steht und den möglicherweise nur scheinbaren Widerspruch aufzul oesen hilft, daß gerade in der Abgeschiedenheit einer kleinen spanischen Stadt der Versuch ueber die Jukebox gelingen soll.

 

2. R ueckzug in die Leere

Die Erz aehlung beginnt mit Leerstellen : Die Abfahrtsrampen eines Busbahnhofs waren am Morgen (...) noch bev oelkert gewesen; jetzt, am fr uehen Nachmittag, stand allein der Bus nach Soria mit ein paar eher vereinzelten Passagieren und offenen, fast leeren Ladeluken in dem Halbkreis (7) . Eine Losverk aeuferin ließ sich in der Leere nicht mehr blicken (8) und der Rußfleck durch den Auspuff eines inzwischen verschwundenen Busses (8) bewirkt, daß die Spuren vieler verschiedener Schuhsohlen und Kofferr aeder (8) auf dem Asphalt zu sehen sind - auch sie Zeichen einer Abwesenheit. Die Spuren dienen dem Protagonisten als g uenstige Vorbedeutung, sie sind ihm ein Bild, das er mitnehmen konnte auf die Weiterfahrt (9). Sodann f aehrt er zu der abgelegenen Stadt im kastilischen Hochland (10), eine Stadt fernab der Verkehrswege, seit geradezu einem Jahrtausend fast außerhalb der Geschichte, (...) der stillste und verschwiegenste Ort der ganzen Halbinsel (10). Die Fahrt dorthin f uehrt ueber die fast leere Meseta (16), auf dem kahlen Hochland liegen die wenigen Felder zwischen Felsen und Lehm brach (16). Im OEdland (19) sieht er unbenutzte Geleise, die Schwellen ueberwachsen oder ganz verschwunden (19). Und entgegen seinen Fluchtgedanken setzt er sich einem Zwang aus, sich regelrecht aussetzen zu m uessen, in eine gerade noch zu bew aeltigende Unwirtlichkeit, in eine auch die tagt aeglichen Lebensumst aende bedrohende Grenzsituation , und er tut dies, um ueber die Jukebox zu schreiben. Auch von Informationen will er sich entleeren; was er zuvor in der sogenannten Literatur ueber Jukeboxen gelesen hatte, las er mit dem Vorsatz, das meiste davon auf der Stelle wieder zu vergessen; z aehlen beim Schreiben sollte vor allem der eigene Augenschein. (12)
Der namenlose Protagonist der Erz aehlung sucht anscheinend einen R ueckzug in die Leere und nimmt die ihn umgebende Wirklichkeit in erster Linie unter der Pr aemisse der Leere wahr. Diese Wahrnehmung findet in der mittelalterlichen Mystik eine Entsprechung, in der die innere Leere als Offenheit gegen ueber der Gotteserfahrung gewertet wird, als ob sich der Held der Erz aehlung an Meister Eckhardts Reden der Unterscheidung hielte: Daz ist ein ledic gem ueete, daz mit nihte beworren enist noch ze nihte gebunden enist(...) , wenn er auch - entgegen Eckhardts Meinung - die Weltabgeschiedenheit offenbar vorzieht.
Auch aus der Geschichte zieht sich der Held zur ueck: Die Erz aehlung spielt im Jahre 1989, das Jahr der Geschichte (26), w aehrend er sich in Soria, einem Ort außerhalb der Geschichte (10), aufh aelt und sofort, instinktiv, geradezu zur ueckscheuend, ohne Gedanken (26) die direkte Konfrontation mit den Geschehnissen an der deutsch-deutschen Grenze meidet. Er m oechte kein Zeuge der Geschichte (26) sein, sondern sich, fernweg, in dieser von Steppen und Felsw uesten umgebenen, geschichtstauben Stadt (...) versuchen an einem so weltfremden Gegenstand wie der Jukebox, einer Sache f uer »Weltfl uechtlinge«(27), so daß er sich fragt: Gab es in der Jetztzeit, da jeder neue Tag ein historisches Datum war, jemand L aecherlicheren, jemand Verrannteren als gerade ihn? (27f.) »W aehrend ihm seine Tr aeume ein weltumspannendes Epos (28) erz aehlen, empfindet er ein merkw uerdiges Vergn uegen an der m oeglichen Sinnlosigkeit seines Vorhabens , sich an das Fast-Nichts zu machen (34).
In diesem Fast-Nichts, in der Ziellosigkeit (er entscheidet sich, kaum in Soria angekommen, zur Weiterfahrt, am n aechsten Tag zum Bleiben), in diesen Mystik-assoziierten Raum spielt doch immer wieder die moderne Kultur hinein. Bei der Betrachtung einer Kirche f uehlt er auf der Stelle deren Proportionen in sich (...), in den Schultern, den H ueften, den Sohlen, wie seinen eigentlichen, verborgenen K oerper (38). Dieser Ich-Entgrenzung folgt doch gleich darauf eine Beschreibung mit einem Ausdruck Karl Valentins (40). Und auch, wenn er in eines der spanischen Hinterzimmer-Restaurants geht, wo er sich beh uetet f uehlte, weil man dort f uer sich sein konnte , bleiben Fernsehen und Spielautomaten (46) aus der Bar h oerbar. Als Bild f uer dieses Nebeneinander von Mystik/Religion und Popkultur mag die Beschreibung der Busfahrt nach Logroño dienen, bei der der einzige mit ihm Reisende eine Nonne ist, w aehrend Satisfaction von den Rolling Stones und Ne me quitte pas von Jaques Brel im Busradio l aeuft. Der Erw aehnung des spanischen Fußballers Butragueño folgen im n aechsten Satz Beckett und Goya (51). Und das erste Erlebnis der Levitation , Entgrenzung und Weltwerdung (88) hat er beim H oeren der Beatles in einer Jukebox. Immer wieder werden neben Gestalten der hohen Kultur Personen aus dem Umkreis der Popkultur zitiert, und gerade an einem japanischen Tempelort findet er eine Jukebox. Die Popkultur bleibt stets gleichwertig gegenw aertig.
Den eigentlichen Hauptteil der Erz aehlung bildet eine Beschreibung, welche Bedeutung die Jukebox f uer ihn besitzt, bzw. was ein Ding einem bedeuten und, vor allem, was von einem bloßen Ding ausgehen konnte (111). Auch innerhalb dieser Beschreibung, womit der Erz aehler und Held nach zahlreichen Vorbereitungen endlich an den Kern des Intendierten gelangt (worauf der Leser durch den Titel der Erz aehlung gespannt wartet), stellt eine mystische Erfahrung den Mittelpunkt dar. Wie f uer Eckhardt und die Mystiker ist es ihm wichtig, sich lassen zu k oennen, und dies kann er neben einer Jukebox, ein Ding der Ruhe, oder etwas zum Ruhig-werden, zum Stillesitzen, in ziemlicher Reg- und fast Atemlosigkeit (85):
Ohne daß er anderes tat, als ein offenes Ohr f uer die besonderen Jukeboxakkorde zu haben (...), gestaltete sich dann in ihm, der sich ließ, die Fortsetzung: L aengst leblos gewordene Bilder kamen in Schwung und Schwebe (...) (100).
In diesem Lassen (er m oechte auch in Durchlaß-Formen (70) schreiben) gewinnt das umher vor sich Gehende eine neue Qualit aet, es besagte dann etwas, einfach, wenn ein Mann ging, ein Strauch sich bewegte, der Obus gelb war und zum Bahnhof abbog (...). Ja, das war es, der Gegenwart wurden die Gelenke eingesetzt! (103) Das Wahrnehmen von Gegenwart ist f uer ihn mit einer k oerperlichen Empfindung verbunden; so erlebt er einen Luftzug an den Schl aefen als Inbegriff, wie sollte man es nennen?, des Jetzt (42). Die ruhige Aufmerksamkeit, gelassenes Wahrnehmen erm oeglichende, fast meditative Geisteshaltung w aechst sich fast bis zum UEbernat uerlichen aus, wenn er von einer Levitationserfahrung beim H oeren der Beatles spricht (88) oder bestimmte Zeichen , Vorbedeutungen oder Winke (Spuren durch Rußfleck (8), das Flirren und Blitzen von Fischschuppen (66) oder auch nur einen Holunderstrauch (43)) als g uenstige Zeichen f uer seine Absicht, einen Versuch ueber die Jukebox zu unternehmen, erkennen will.
Die Offenheit gegen ueber der Gotteserfahrung, die durch die innere Leere erm oeglicht werden soll, wird von Handke sozusagen umgedeutet in eine Offenheit gegen ueber einer Jukeboxerfahrung . Wenn Jukeboxen im Leben des Erz aehlers eine Rolle, im Mittelpunkt gr oeßerer Geschehnisse, gespielt hatten (91f.), so war dies jedesmal (...) an einer Grenze gewesen; an dem Ende einer vertrauten Art Welt (92). Die Offenheit auch f uer Grenzerfahrungen scheint aber nicht nur eine wesentliche Komponente in Handkes Schreibstil, wie er sich im Versuch ueber die Jukebox aeußert, zu sein, sondern Bedeutung f uer große Teile seines literarischen Schaffens zu haben.

 

3. Die Handkesche Schreibweise

Handke beschreibt im Versuch ueber die M uedigkeit vier Verhaltensweisen meines Sprach-Ichs zur Welt . In der vierten Verhaltensweise erz aehlt die Welt, unter Schweigen, vollkommen wortlos, sich selber. Moser merkt an: Das Ich ist da nicht mehr bei sich, sondern bei der Sache.
Dronske faßt die Bestandteile des Handkeschen Schreibkonzepts wie folgt zusammen:
 (...) eine extreme Entsubstantialisierung, als Ausgangspunkt oder Produktivkraft des Schreibens (...), eine Pr aeferenz f uer Randlagen, Passagen, Schwellen, Zwischenr aeume, UEberg aenge, schließlich eine deutliche Tendenz zur Enthistorisierung bzw. zur Ersetzung historischer Muster durch mythische (...), kurzum eine radikale Exzentrizit aet innerhalb der Handkeschen Prosa nachgerade als Ausgangspunkt f uer die - meist nur momenthafte - Konstitution von aesthetischer Form, Anwesenheit, Einheit.
Was P uetz ueber Handkes Journal Das Gewicht der Welt schreibt, trifft meines Erachtens ebenso auf den Versuch ueber die Jukebox zu. Handke teile nicht seine privaten W uensche und Leiden mit, sondern gebe eine Reportage des Bewußtseins (...), dessen Vorg aenge weder psychologisch abgeleitet noch f uer einen Zweck funktionalisiert werden.
Auch aus der Sicht einer psychoanalytischen Interpretation wird die Handkesche Schreibweise eher als reiner Bewußtseinsstrom gewertet denn als bewußte Gestaltung: (...) gerade daß der Autor keine explizite Anleihe bei der Psychoanalyse aufnimmt und nur berichtet, nicht deutet, macht diese Texte so stichhaltig und ueberzeugend. Dettmering weiter:
 W aehrend ich so Handkes Texte als eigengesetzliche und paradigmatische Entsprechungen zu essentiell psychoanalytischen Prozessen wie Trennungs- und Abgrenzungsarbeit verstehe, lesen andere aus ihnen vorwiegend eine Gef aehrdung des Autors, seine vermeintlich (sic!) Psychosen aehe heraus.
P uetz sieht gar durch das Gewicht der Welt eine Cartesianische Wende in der Literatur eingel aeutet:
 Wie erkl aerte sich Handkes Wirkung, wenn seine Schriften nur von den Intimquerelen mit seinem eigenen Ego spr aechen? Nicht allein aus diesem Grunde erscheint es ratsam, statt von einem angeblich resignierenden R ueckzug in die Privatsph aere zu reden, eine tiefer reichende und ueberpers oenliche Problematik, n aemlich die fundamentale R ueckbesinnung auf die erkenntnistheoretische Funktion des Subjekts, zur Kenntnis zu nehmen und darin eine Art Cartesianischer Wende zu sehen.
Handkes Schreibweise will ebenso objektivistisch wie subjektivistisch sein und da gibt es keinen Unterschied mehr zwischen historischen und historisch unwichtigen Ereignissen. Wichtig ist nur noch, was der Schriftsteller zum Ereignis werden l aeßt. Und Ereignis wird das, was ist. Der Roman wird ueberfl uessig. Die Zeit wird wieder Raum. Was auch immer damit gemeint sein mag, daß die Zeit Raum wird, scheint Handkes Erz aehlstil in einem Maße ungew oehnlich und ungewohnt, das er als Autor und Schriftsteller selbst nicht m uede wird zu betonen:
 Die Fiktion, die Erfindung eines Geschehens als Vehikel zu meiner Information ueber die Welt ist nicht mehr n oetig, sie hindert nur. UEberhaupt scheint mir der Fortschritt in der Literatur in einem allm aehlichen Entfernen von unn oetigen Fiktionen zu bestehen. Immer mehr Vehikel fallen weg, die Geschichte wird unn oetig, das Erfinden wird unn oetig, es geht mehr um die Mitteilung von Erfahrungen, sprachlichen und nicht sprachlichen, und dazu ist es nicht mehr n oetig, eine Geschichte zu erfinden.
Folgerichtig wird ihm der Gegenstand und Anlaß seines Schreibens im Versuch ueber die Jukebox einerseits umso nichtiger (25), je mehr er sich dem Schreiben dar ueber ann aehert, andererseits erlaubt gerade diese Nichtigkeit des Gegenstandes einen unverstellten Blick auf denselben: So hat das Leer- und Wegr aeumen bei Peter Handke nichts Destruktives: es ist ein sch oepferisches Beleben des Gegenstandes, das ohne den durch die Phantasie ausgeleuchteten Raum nicht sein kann. In anderen Worten:
 Erz aehlbarkeit ist das Kriterium: die Dinge sind nicht gut oder schlecht, wahr oder falsch, sch oen oder h aeßlich. Sie sind erz aehlbar oder nicht erz aehlbar. Sie geben Bilder und Sprache ab oder bleiben stumm. Als k aeme es f uer den Dichter nur darauf an, auf sie zu warten, ihnen nicht im Wege zu stehen.
So f uehrt denn das Leere-Schaffen nicht dazu, daß der beabsichtigte Gegenstand umso klarer in den Mittelpunkt tritt, es bleibt bei einer Ann aeherung an - oder eben: einem Versuch ueber - den Gegenstand; im Mittelpunkt steht nicht die Jukebox, sondern das Schreiben des Versuchs (oder das Beschreiben der Ann aeherung) selbst: Dieser Versuch ist nichts anderes als die Erz aehlung ueber einen Schriftsteller, der nach Spanien ging, um einen Versuch ueber die Jukebox zu versuchen .
Die epischen Formen der vergangenen Epochen - ihre Einheitlichkeit, ihre Gesten der Beschw oerung und Bem aechtigung (...), ihr so vielwisserischer wie ahnungsloser Totalit aetsanspruch (70) wirken auf ihn dabei als ein bloßes Getue . Er setzt entgegen: Vielseitige kleine und gr oeßere Ann aeherungen, und zwar, statt in den ueblichen Einfang-, in Durchlaß-Formen (...): den Abstand wahren; umkreisen; umreißen; umspielen - deiner Sache von den R aendern her den Begleitschutz geben (70). Das Erz aehlen selbst diene im Versuch ueber die Jukebox , so Moser, wie das Gehen der Erm uedung des Ichs. Gehend wird es zum Schweigen gebracht. (Das Gehen liefert in der Erz aehlung ein (bewußtes?) Wortspiel: Als sich der Protagonist zu einer Wanderung (66) aufmacht, denkt er an die platonischen Dialoge und bezeichnet in seinen Gedankeng aengen kurz darauf Sokrates als der Bewanderte (67).)
Die verschiedenen Bedeutungen des Begriffs Geschichte n aehert der Autor einander an, indem er der Formengeschichte der Jukebox (im Sinne einer Entwicklungsgeschichte) einen Haupthelden (16) zugesellt (und sie damit in die N aehe der Geschichte als Erz aehlung r ueckt) oder die Geschichte (als Historie) als das große M aerchen der Welt oder eine Abart der alten Gespenstergeschichte (27) bezeichnet.

 

4. Identit aet von Autor, Erz aehler und Protagonist

Wenn die Erfindung eines Geschehens zum Schreiben von Literatur nicht mehr n oetig ist, so wird auch das Erfinden einer Figur ueberfl uessig. Demzufolge ist auch im Versuch ueber die Jukebox nachzuweisen, daß es sich um einen autobiographischen Text (wenn auch nicht im Sinne einer Biographie) handelt.
Die Erz aehlperspektive und Erz aehlerhaltung im Versuch ueber die Jukebox wechseln: Der Erz aehler schreibt ueber einen Schriftsteller, der mit den Vorbereitungen f uer einen Versuch ueber die Jukebox besch aeftigt ist. Er hatte vor, sich die Bedeutung dieses Dings in den verschiedenen Phasen seines nun schon lange nicht mehr jungen Lebens klarzumachen. (11) Der Erz aehler weiß auch um die Pl aene, wie dieses Werk aussehen soll. Nachdem alle Vorbereitungen getroffen sind und der Schriftsteller endlich am Schreibtisch sitzt, wird beschrieben, wie sich der Schriftsteller vom Schreiben ablenken l aeßt. Darauf folgt der eigentliche Kern der Erz aehlung: Assoziationen um die Jukebox, die Beschreibung der »Stellenwerteteller aufgehoben und der Erz aehler erz aehlt vom erz aehlenden Erz aehler: Was er von seinem Gef uehl des Angekommen- und Aufgehobenseins (...) erz aehlt hatte, galt w oertlich auch f uer die Musicboxen. (79) An dieser Stelle wird deutlich, daß der nur mit dem Personalpronomen oder als der Reisende (7) bezeichnete Held und der Erz aehler identisch sind und also die Erz aehlung mit dem Titel Versuch ueber die Jukebox von ihrem eigenen Entstehen handelt, (denkbar w aere schließlich auch, daß der vom Schriftsteller geplante Versuch ueber die Jukebox fiktiv bliebe) obwohl ihre Form nicht mit der in der Erz aehlung geplanten Weise ausgef uehrt ist.
Auch der Unterschied zwischen Erz aehler und Autor wird aufgehoben, indem der Erz aehler auf ein anderes Werk des Autors als Paratext (im Sinne Genettes) referiert: Auch daß er den »Versuch ueber die Jukebox Ja, sitzen wir. Aber nicht hier, in der Menschenleere, im Rauschen des Eukalyptus, allein, sondern am Rand der Boulevards und der Avenidas, im Zuschauen, vielleicht mit einer Jukebox in Reichweite.
In ganz Spanien gibt es doch keine Jukebox.
Hier in Linares gibt es eine, eine sehr seltsame.
Erz aehl.
Nein. Ein andermal, in einem Versuch ueber die Jukebox. Vielleicht.
Beschrieben wird diese Jukebox in Linares auf den Seiten 135ff.
Mit Modick k oennte man sagen, Handke mache die Erz aehlung zum Versuch ueber die M oeglichkeiten des Erz aehlens :
 Die drei Versuche sind auch Selbstportr aets des arbeitenden Schriftstellers Handke, der sich beim Schreiben beobachtet und diese Beobachtungen, um seine Motive transparent zu machen, an den Leser weitergibt (...) .

 

5. Zwischen Mystik und Popkultur

Wenn Gottwald behauptet, Handkes Schreiben m uesse im uebergreifenden Zusammenhang der Auseinandersetzung bedeutender Str oemungen der Literatur und Philosophie seit der Romantik mit den Folgen von S aekularisierung, Aufkl aerung, Entfremdung und den daraus resultierenden Sinn- und Kulturkrisen seit dem 18. Jahrhundert eingeordnet und vor allem aus diesem Kontext heraus gesehen werden , so kann man noch einen Schritt weitergehen und am Beispiel dieser Erz aehlung aufweisen, daß es sich hierbei nicht lediglich um einen Rekurs auf das Mystische als behauptete Vorbedingung des Schreibens handelt, sondern um eine Auseinandersetzung mit der modernen Kultur, die den Menschen (und damit auch den Autor) pr aegt. Diese Pr aegung wird nicht verleugnet zugunsten einer die Mystik verkl aerenden oder romantisierenden Schreibweise, sondern wird integriert in ein poetologisches Konzept, das sich schon deshalb nicht als Ausdruck einer Weltabgewandtheit darstellt (wie es Handke oefter zum Vorwurf gemacht wird), sondern gerade das als Ausgangspunkt nimmt, was in einer Weltzugewandtheit dem Menschen als Erfahrung widerf aehrt. Die verschiedenen kulturellen Pr aegungen, von Sokrates bis Madonna, von Theophrast bis Butragueño, kommen dabei gleichwertig zum Ausdruck. Diesem postmodernen Nebeneinander und Miteinander von kulturellen Einfl uessen, in dem keine Unterscheidung zwischen hoher Kultur und Massenkultur vorgenommen wird, n aehert sich Handke mit einer Methode, die sich von den modernen Unterhaltungs- und Informationsmedien und in einer allgemein als schnell-lebig erkannten Zeit in ihrer Betonung der mystischen Elemente stark abhebt:
 (...) das Wegschieben der Zeitthemen und Aufschieben des Schreibens ueber die Jukebox, bis ueber diesen Versuch pl oetzlich geschrieben wird, als w aere er schon geschrieben; das Umkreisen, Einkreisen und Herrichten des Schreibortes und so weiter; der ganze Apparat also dient ja nur dazu, den Schriftsteller parat zu machen, das heißt frei von allen Bestimmungen, frei f uer seine Bestimmung. Das Schreiben ist immer Pr aeliminarie des Schreibens. Es bringt den Schriftsteller auf die Schwelle zum Schreiben.
 

6. Literatur:

· Dettmering, Peter: Das Selbst in der Krise. Literaturanalytische Arbeiten 1971-1985. Eschborn 1986.
· Dronske, Ulrich: Erz aehlen aus einem - mythischen - Guß. Zu den zeit- und sprachtheoretischen Implikationen (nicht nur) einer Erz aehlung Peter Handkes. In: Zagreber Germanistische Beitr aege 2 (1993). S. 123-131.
· Fiedler, Leslie: The Collected Essays of Leslie Fiedler. Volume II. New York 1971.
· Gottwald, Herwig: Mythos und Mythisches in der Gegenwartsliteratur. Studien zu Christoph Ransmayr, Peter Handke, Botho Strauß, George Steiner, Patrick Roth und Robert Schneider. Stuttgart 1996. (= Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik Nr. 333)
· Handke, Peter: Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms. In: Ders.: Prosa, Gedichte, Theaterst uecke, H oerspiel, Aufs aetze. Frankfurt 1969.
· Handke, Peter: Versuch ueber die Jukebox. Frankfurt 1990.
· Handke, Peter: Versuch ueber die M uedigkeit. Frankfurt 1989.
· Meister Eckhardts Traktate. Hrsg. und uebersetzt von Josef Quint. Stuttgart 1963 (Deutsche Werke. V.).
· Modick, Klaus: Inbilder. Kleiner Versuch ueber Peter Handkes »Versuche« In: Merkur 1993 (47). S. 332-339.
· Moser, Samuel: Das Gl ueck des Erz aehlens ist das Erz aehlen des Gl uecks. Peter Handkes Versuche. In: Fuchs, Gerhard und Gerhard Melzer (Hrsg.): Peter Handke. Die Langsamkeit der Welt. Graz/Wien 1993. S. 137-154.
· P uetz, Peter: Peter Handke. Frankfurt 1982.


Zum n aechsten Text: Rilke
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