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Thursday, July 27, 2017

Die Obstdiebin

http://www.suhrkamp.de/buecher/die_obstdiebin_-_oder_-_einfache_fahrt_ins_landesinnere-peter_handke_42757.html

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560 Seiten umfasst das neue Buch von Peter Handke, aber es ist kein langes Buch. Die Seiten sind locker gesetzt, jeder Absatz bringt eine Leerzeile mit sich. Das tut dem Auge und dem Lesefluss gut. Es gibt auch keine Kapitel oder Kapitelüberschriften, die den Text unterteilen und den Leser womöglich zu längerem Innehalten einladen würden, einer Unterbrechung der Lektüre gar. Aber auf der Umschlaginnenseite findet sich doch so etwas wie eine Kapitelunterteilung, eine Aufzählung der Episoden, vor allem der Orte dieser Erzählung http://www.deutschlandfunk.de/peter-handke-die-obstdiebin-das-erzaehlen-ist-die-geschichte.700.de.html?dram:article_id=402874


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Audio Peter Hamm: "Peter Handke und kein Ende" - Vom scharfen Kritiker zum großen Bewunderer


https://www.podcast.de/episode/368910656/Peter+Hamm%3A+%22Peter+Handke+und+kein+Ende%22+-+Vom+scharfen+Kritiker+zum+gro%C3%9Fen+Bewunderer/


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LESESTOFF

Peter Handke: "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere"

Fr 01.12.17 08:45 | 05:34 min | Bis 02.12.18 | kulturradiohttp://mediathek.rbb-online.de/radio/Kulturradio-am-Morgen/Peter-Handke-Die-Obstdiebin-oder-Einfa/kulturradio/Audio?bcastId=9839110&documentId=48049820







LESEPROBE http://www.suhrkamp.de/download/Blickinsbuch/9783518427576.pdf


POSTED BELOW AS WELL


Die Obstdiebin - oder - Einfache Fahrt ins Landesinnere


Fahnenkorrekturen des Autors Peter Handke zur Obstdiebin http://www.suhrkamp.de/mediathek/peter_handke_die_obstdiebin_bildergalerie_1373.html

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Wenn irgendwann eine digitale Volltextausgabe von Peter Handkes Gesamtwerk vorliegt, wird eine Suche nach bestimmten Stichworten wohl wahre Trefferexplosionen zeitigen. Wie oft etwa mag ein Wort wie „Landstraße“ auftauchen? Und wie oft in seinem Umfeld auch noch die Erwähnung, wie es auf Französisch, Spanisch und Arabisch heißt? Wie oft das Wort „Bucht“ in verschiedenen Zusammensetzungen, also nicht nur „Niemandsbucht“, sondern auch „Buchtbahnhof“, „Buchtkirche“, „Buchtgegend“, „Buchtwälder“?


Auch in Handkes neuem Buch tauchen Wörter und Wortfelder wie diese – und längst nicht nur diese – zum wiederholten Male auf. Und wiederum könnte man auf die Idee kommen, dass das jeweils neue Werk Motive, Meinungen und Ideen aller vorherigen wieder aufnimmt, weiterspinnt, manchmal wie im Traum und in einer Art Freudscher Verdichtung und Verschiebung. Man kann sich über diese Wiederholungen wundern, vielleicht sogar ärgern – wenn man allerdings ernst nimmt, was Handke zeitlebens, explizit und implizit, gegen „Begriffe“ gesagt hat, könnten sie einen auch zu einer ganz anderen Überlegung führen: ob man nämlich angesichts seines Schreibens überhaupt noch am Begriff des Einzelwerks festhalten sollte.
Vielleicht gehören ja alle seine Texte zusammen, als fortgeschriebenes Epos? Vielleicht sind die vermeintlichen Redundanzen eben seine „Phantasien der Wiederholung“ (so ein Buchtitel von 1983)? Und vielleicht wäre es gar möglich, denkt man manchmal, bei der Handke-Lektüre mitunter zu mischen und zu springen – also etwa, statt in seinem neuen Buch „Die Obstdiebin“ die Seite umzublättern, einfach eine aus dem „Jahr in der Niemandsbucht“ (1994) aufzuschlagen, aus „Don Juan, erzählt von ihm selbst“ (2004) odeus „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ (2015), um dort weiterzulesen....





Peter Handke: „Die Obstdiebin“. Oder: Einfache Fahrt ins Landesinnere. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 562 S., geb., 34,- €. : Bild: Suhrkamp

Zumindest im ersten Teil des neuen Buches, das im Untertitel eine „einfache Fahrt ins Landesinnere“ verspricht, erschiene das tatsächlich möglich – denn wieder beginnt es in der Pariser Vorortgegend, in der Handke seit vielen Jahren lebt: im Garten, an der Schnellstraße, im umliegenden Wald, im benachbarten Versailles und vor allem an den Bahnhöfen dieser Gegend.
Raus aus der Alterselegie, auf in die Picardie Eine Vorgeschichte braucht Handke ja oft zum Warmlaufen; in der „Niemandsbucht“ fragte sich der Erzähler gar, ob er womöglich über Vorgeschichten nie hinauskomme. Auf Seite 31 hier nun ist er jedenfalls noch am Gartentor – daran kann man ungefähr ablesen, in welchem Tempo das vorangeht. Aber es gibt ja auch keinerlei Eile. Beim Betrachten seiner Obstbäume, die er sämtlich selbst gepflanzt habe, fällt dem Erzähler die doch sehr magere Ernte auf: vier Nüsse, sechs Birnen, und der Quittenbaum ist vollkommen leer. Diese Bilanz scheint, lotet man auch ihren Symbolgehalt aus, vorderhand noch düsterer als Hölderlins „Hälfte des Lebens“. Auch andere Stellen deuten darauf hin, dass der Erzähler alt geworden ist. Er spricht dann einmal gar von einem „letzten Epos“ – das darf man hoffentlich so ernst nehmen wie die jeweilige Ankündigung einer Abschiedstournee bei den großen Rockbands. Sicher, es schmerzt. „Ah, Verjüngung. Ah, junge Welt“, ruft er einmal aus. Damit aus dem Buch aber keine Alterselegie wird, benutzt er einen alten Handke-Trick: Er denkt sich, unter den Augen des Lesers, eine Figur aus, durch deren Augen er die Welt sehen möchte – und wenig später raschelt es auch schon in den Zweigen, und es kommt die Obstdiebin daher. „Blutjung“ ist sie. Und ihren Namen darf man vielleicht so verstehen, dass sie, die sonst meist an Straßenbäumen oder in entlegenen Gebüschen pflückt, jetzt dem bisherigen Erzähler die Quitten gestohlen, ihm also die Butter vom Brot genommen hat. Sie nun lässt er aufbrechen auf eine „Ein-Frau-Expedition“ durch die Pariser Vorstädte, dann in die Ausläufer der Île-de-France, dann Richtung Picardie. Die Liebe zum Pizzalieferanten Was sie dort sucht, weiß man, wie oft bei Handke, erst mal nicht genau, aber sie findet gleich mehreres: nämlich eine deutlicher als den meisten seiner anderen Bücher eingeschriebene historische Wirklichkeit, die französische des Sommers 2016, während das Land von Terroranschlägen heimgesucht wird. Von „Blutbad“ und „Gemetzel“ ist die Rede, aber im Vordergrund der Erzählung stehen Menschen, die sich Frieden wünschen. Fremde Menschen trifft die Obstdiebin einige, geht mit ihnen ein Stück, und dann entspinnt sich sogar eine Art Liebesgeschichte mit einem Pizzalieferanten auf einem Scooter, den sie einfach bei der Hand und mit sich nimmt. Hoffentlich noch nicht auf Abschiedstournee: Peter Handke Hoffentlich noch nicht auf Abschiedstournee: Peter Handke : Bild: dpa Während man mit der Obstdiebin die französischen Vorstädte durchschreitet, könnte man sich auch an einen langjährigen Weggefährten Handkes erinnert fühlen: nämlich Wim Wenders und dessen Film „Alice in den Städten“. Nur ist es hier nicht Wuppertal, sondern das Städtekonglomerat Cergy-Pontoise, das teils brutalistische Projekt einer „ville nouvelle“ der Siebziger. Aber in dieser Gegenwart der Betonbauten und Schnellstraßen ist auch immer Platz für Vergangenheit: „Wären die Eisenbahnschienen nicht gewesen, die sich allmählich zu einem Gleisfeld bauchten, hätte die Szenerie vor ihnen ein anderes Zeitalter vorspielen können“, heißt es einmal. Nicht nur in Bauten grüßt dann bald das Mittelalter; es sind auch in der Erzählung wieder manche Verweise auf den von Handke verehrten Wolfram von Eschenbach zu finden, dessen „hakenschlagendes Erzählen“ er offenbar noch übertreffen will. Da ist Platz für manchen Exkurs, sei er nun über Untertreppenbehausungen oder die Ähnlichkeit vom Herauslösen einer Nuss aus der Schale und dem Geburtsvorgang. Dennoch: Das immer tiefere Vordringen der Obstdiebin in die Provinz gibt dem Buch eine Art Roadmovie-Stringenz, und es schält sich dann langsam auch ein Hauptthema heraus: das der entfremdeten Familie, seinerseits vielleicht vorsichtig inspiriert von Wolframs „Parzival“. Die Obstdiebin trifft nämlich sukzessive auf Verwandte, erst ihren Vater in Paris, einen etwas sonderlichen Akademiker, dann ihre Mutter, eine „Bankfrau“ im Vexin, die an die Protagonistin aus dem Roman „Der Bildverlust“ erinnert, dann auch ihren Bruder. Jetzt soll er auch noch der Vater einer Tätowierten sein Auch biographische Spiegelungen Handkes, der zwei Töchter hat, sind hier mit eingebaut, insbesondere eine lange Passage, in welcher der Vater über die Entfremdung vom erwachsen gewordenen Kind spricht (sie wirkt wie ein spätes Komplementärstück zur „Kindergeschichte“ von 1981): „Jetzt soll ich also auch noch der Vater einer Tätowierten sein!“ Seine Sprachkritik macht auch vor Verwandten nicht halt: „Und dann die Wörter aus ihrem Mund wie ,Wintergarten‘, ,genau!‘, ,Sarajevo‘, ,Wurst‘, ,Klosettpapier‘, ,Meeting‘: Still jetzt! Verschwinde! Gute Reise!“ So unversöhnlich ist das Buch aber nicht immer. Und einmal geschieht sogar geradezu Wunderbares: Da wird nämlich ein „Terrorakt“ verhindert – einer eines Menschen gegen sich selbst –, und zwar durch eine Aufforderung zum Tanz. Wie eh und je müssen auch ein paar Handkesche Wutausbrüche der einen oder anderen Figur in den Mund geschoben werden – natürlich auch einer gegen Journalisten, die keiner mehr brauche. Mancher Exkurs kommt etwas aus dem Nichts – was aber auch innerhalb der Erzählung durchaus mit Humor eingestanden wird: Da hält jemand eine Rede über den Selbstmord, und ein Mann am Nebentisch kontert: „Danke für das Referat, junger Mann.“ Sehr relevant wirkt dagegen eine Stelle, an der Handke aus einer Schelte über Kriminalromane sein erzählerisches Gegenprogramm ableitet: „Die Stille des Landes für Horror mißbrauchen? Seine Weite mit Schrecken verengen? Weg mit den Unheimlichkeiten. Heimliches, nicht Unheimliches.“ Sehr reizvoll ist, dass die „Obstdiebin“ über die ganze Erzählung hinweg zwischen einer Figur aus Fleisch und Blut und einem Phantasma schillert (seltsamerweise hat sie „Nüstern“). Über Umwege und erzählerische Entgrenzung ist vielleicht auch ihre Reise eine „Langsame Heimkehr“, nämlich Handkes zu seinen Lebensthemen. Am Ende findet die Obstdiebin dann auch die Quitte aller Quitten, einsam, versteckt in einem Baum.







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Erkundungsgang

Peter Handke begleitet seine »Obstdiebin« ins Landesinnere

Von Lothar Struck

Wieder eine Frau als Hauptfigur bei Peter Handke. Keine linkshändige Frau, keine Zukunftsdeuterin (Über die Dörfer) und keine Sängerin (Kali), sondern die Tochter der »Bankfrau« aus dem Bildverlust, »anderthalb Jahrzehnte« nach deren Durchquerung der balkanesk erzählten spanischen Sierra del Gredos. Sie heißt Alexia »oder Aleksija«, später auch einmal Alicia, aber man nennt sie die Obstdiebin. Und sie macht sich auf als »Ein-Frau-Expedition« die Mutter zu suchen. Vorher hatte sie sich noch »im Restaurant ›Mollard‹ vor der Gare Saint-Lazare mit ihrem Vater getroffen«.


Aber zunächst ist da der Erzähler, der von der Niemandsbucht aus aufbricht, die Obstdiebin – ja, was? Zu beobachten? Still zu begleiten? Nein: Ihren Weg, ihre Erlebnisse zu bezeugen. Der Erzähler ist Mitgeher, »der Geduldige«. Initiation ist ein Stich einer Biene, die auf wundersame Weise überlebt (es wird nicht das einzige Wunder bleiben). Da und dort noch mehr Aufbruchsignale (mit zuweilen schön-komischen Selbstironiesprengseln des autofiktionalen Ich-Erzählers), hineingetupft und den Leser in den Rhythmus der Erzählung einbettend, oder, besser: überführend. http://www.glanzundelend.de/Red17/h17/peter-handke-die-obstdiebin-lothar-struck-glanz-und-elend.htm


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Peter Handke - Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinne von Martin Krumbholz

Dauer: 00:05:49 "Die Obstdiebin" ist ein Geschenk an den Leser, ein weiterer Meilenstein im Werk des Epikers Peter Handke. Martin Krumbholz stellt das Buch vor.
Dieser Beitrag ist eine Audio-Datei aus dem Kanal des Podcasts WDR 3 - Buchrezensionen, die du hier downloaden und online anhören kannst. Informiere dich über den WDR 3 - Buchrezensionen Podcast Download.     
               

https://www.podcast.de/episode/368825540/Peter+Handke+-+Die+Obstdiebin+oder+Einfache+Fahrt+ins+Landesinne/
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https://www.neues-deutschland.de/artikel/1072361.peter-handke-mut-weit-mehr-anmut.html


Mut? Weit mehr: Anmut

Zum 75. von Peter Handke ein neues Epos des Dichters: »Die Obstdiebin«

  • Von Hans-Dieter Schütt
  •  
  • 06.12.2017
  •  
  • Lesedauer: 7 Min.






Peter Handke: Mut? Weit mehr: Anmut
Hör den Ton, der nichts nachweisen will. Vertrau dem Blick. Welchem? Jenem ersten? Der sogar die Magie haben soll, Liebe zu begründen? Nein, jeder erste Blick ist auch Begründer von Fehl- wie Vorurteilen. Wahre Lebenskunde möchte, wie Peter Handke schrieb, »den zweiten Blick lehren«.
Der zweite Blick. Wofür? Hier für die Wege der »Obstdiebin« und des Mannes auf ihren Spuren. Handke schrieb vor Jahren einen sehr besonderen Zyklus von Erzählungen, Versuche über die Jukebox, die Müdigkeit, den geglückten Tag, später über den Pilznarren und den Stillen Ort. Darin die Fügung vom »entdeckerischen Verirren« - einer umkreisenden Erzählweise, die auch auf diese dreitägige »einfache Fahrt ins Landesinnere« zutrifft. Überhaupt mischt sich dem Lesen des überwältigenden neuen Buches ständig Erinnerung bei - an andere Werke des Dichters. Erinnerung? Eher Leibhaftigkeit - eines Wortschatzes, darin wiederholt Hiesigkeit und Niemandsbucht vorkommen. Und in dem seit eh und je Zeit und Schwelle und Gehen und Verwandlung, ja: was? Vorherrschen? Erneut nein. Es gibt Worte, die können nicht herrschen, so, wie die Feststellung falsch ist, ein Frieden herrsche.
Entdeckerisches Verirren also. Kein Handlungsverlauf. Eher ein Handlungs-Verlaufen. Des Lesers Lust muss die eines Mitreisenden, Mitatmenden sein. Inmitten des Ereignislosen. »Raumtreue« hat Handke das genannt. Aber was heißt ereignislos? An einer Haltestelle stehen, das genügt, und die Welt tut sich auf. Handke und Weltflucht? Nie und nimmer. Was überhaupt ist Welt? »Dreiecksgeschichte zwischen einem selber, der Natur und den Anderen.«
Der Erzähler tritt auf einen losen Kanaldeckel, und schon schnellt eine Dreierschaft Polizei, schwer bewaffnet, zu ihm herum. Oder er bemerkt, dass ihn aus den finsteren Gesichtern von Asylbewerbern Freundlichkeit anfliegt, »welche mit der handelsüblichen nichts gemein hat«. Das Geringe und das Gewaltige - zugleich. An jeder Stelle. Bleistiftspitzen, ja, aber wir sind im Terror-Terrain 2016; Schuhputzen, ja, aber wir sind getroffen vom weltweiten Flucht-Fluch; Apfelschälen, ja, aber der Krieg, sonstwo und doch sehr nah, bewegt sich auf altbewährte Weise: Er kriegt sich nicht ein.
Fahrkartenkontrolleure erscheinen, Clochards, Markthelfer, Gleisrandbesiedler, Dorfdeppen, Terrassensitzer, Stadtrandzeichner. Im Moment und noch einem Moment und so zahllosen weiteren Momenten blitzen Zeit und Geschichte auf. Oder unvermittelt die Frage: Wie riecht Armut? Lies und fühl, fühl und sink ein. »Einsinken«, für Handke eine Lebensbewegungsart. Einsinken, nicht Eingreifen, also Übergriff.
Der Erzähler sucht die Obstdiebin, die Obstdiebin ihre Mutter. Alexia, diese Diebin, ist Botschafterin gleichsam jener Apfelfülle, die Handkes Romane und Theaterstücke durchzieht. Obst stehlen: etwas mit sich gehen lassen, das Natürliche bei sich, in sich haben. Fruchtigster, saftigster, gesündester Materialismus. Alexia ist des Dichters poetischer Auftrag, ist Frau, aber auch Traumbild. Ein Schatten, aber fast nur aus Helle. Sie kommt von weither, ist ein Hauch Jenissei, ein Duft Paradies, ist »heimisch im Unerklärlichen«.
Der Weg geht vom Pariser Rand in die Picardie. Mehr nicht. Der Erzähler war gleich zu Beginn, mittsommers, von einer Biene in den Fuß gestochen worden (der Mensch benötigt zur Erweckung einen »Stich-Tag«); er spürt, dass es Zeit sei. Zeit zum Aufbruch. Und Zeit ist keine Uhrzeit, Zeit ist, wie gesagt: Schwelle. Und Erzählen ist »ein Schwingen weg von all dem Definierten«.
Der Dichter und das Unterwegs. Er sieht nicht, sondern er schaut. Gleich dem Türmer Goethes, der fragt: Was an Werdendem, was an Vergangenem singt im Bestehenden? Wie Hamlets Vater den Sohn missionarisch beauftragte, so erfuhr auch die Obstdiebin, die Unfassbare, von ihrem Vater Einflüsterung: »Du hast die Pflicht zur Macht. Du wirst die, welche es nötig haben, und es gibt sie, anders als du denkst, dein Licht sehen lassen, ihnen mit deinem Licht die falschen Wimpern verbrennen.« So ist sie Vor-Läuferin. Und zwar derer, die »jenseits all der ausgedienten ›Gesellschaftsverträge‹, sprich Ideologien, die ganz andere Gesellschaft bilden«. Bald, nie, jetzt schon.
Die Reise selbst: Serpentinen und Bars, Kirchmessen und Trauerfeiern, Untertreppenhöhlen und Kebab᠆buden. Am Ende eine Arbeitersiedlung und ein Familienfest. Und das Dickicht der Auen. Die Diebin, begleitet von Hund, mal Rabe, mal Fasan. Ach ja, da ist auch - einprägsam! - der Pizzabote und jener andere Mann, auf der Suche nach seiner Katze. Erzähler und Obstdiebin (»ich allein bin drei Wanderer«) treffen auf Verlorene und Verlogene, auf Vermessene und Vergessene, auf Verwundete und Verwunderte, auf Verluderte und Verlederte, auf Vernutzte und Vernetzte.
Erzählers Gedanken im Vorortzug: »Weg mit all euch Verschleierten und Vermummten, um Gottes willen.« Aber gleich darauf der Nach-Schlag gegen die anderen, die »verlarvten weiblichen Körper« der eigenen, westlichen Welt. Plötzlich steht eine junge Frau auf, verzweifelt rebellisch, angeekelt vom Fortschritt zwischen französischer Revolution und den heutigen Bürgerbelästigungen durch Streiks, plebejische Grobheit und Schürung nationalen Hasses: Früher »die Königskiller im Namen der Menschenrechte, jetzt die Landzerstörer im Namen der sozialen Bewegungen«.
Schön: Handkes heiliger Jähzorn. Er verachtet herzlich ein Großteil Zivilisationspersonal - diese Wahrheitsbesitzer, diese Radikalgernegroße, diese Gesinnungsschwitzenden, diese satten und gehaltsgefesselten Unlebendigen, die angstvoll Haltelinien ziehen, weil sie unfähig sind, Sternbilder zu malen. Wo einst der leise Durchdrungene etwas galt, besetzten doch längst laute Eindringlinge die Plätze. Da! Ein Nachbar, der sich bedroht fühlt allein von der Stille, die aus dem Haus des Erzählers kommt. Handkes Witz blitzt auf: Kurzerhand erklärt einer das Jahr zum »Jahr der Haselnüsse«, genervt von all den anderen Jahren - »des Erbarmens, der geschlagenen Frauen, der zerrissenen Schuhbänder«.
Der Erzähler fühlt sich als »Illegaler«, inmitten der vielen rechthaberisch Gerechtfertigten. Er ist auf Suche nach den ach, so elend wenigen »Erreichbaren« in der »Masse und Rasse der Unerreichbaren«. Aber! Er sagt: »meine« Unerreichbaren. Er weiß zwar, »oder ich glaube zu wissen: niemand und nichts kann sie erreichen, kein Wahres wie Schönes, und schon gar kein, es war einmal, ›Gottschönes‹, keinen einzigen von ihnen ... Aber ich brenne seit je darauf, es zu schaffen, dass sie Erreichbare würden - Aufhorchende - Offene - Antwortende (und sei es wortlos).« Handke: Menschenfreund.
Kein Schau-Lustiger ist er, aber ein Heiterer des Aufschauens; er berührt die Dinge mit Händen, die nicht zugreifen, sondern deren Umrisse umgarnen. In einer Sprache, in der es mosaikisches Geschimmer gibt, Steppendistelsporen, Taubentrippelspuren, Flussuferschwalbensirren, Moosgrünbereich, Gallgeschmack, Bildschnuppenschwärme, Dorfkinderaugen. Und die Falter zickzacken.
An diesem Mittwoch wird der Solitär Peter Handke 75, er wurde 1942 im Kärntner Griffen geboren. Ort mit dem »See der Kindheit«, wo der geliebte Großvater Schilf schnitt. Der geliebten Mutter Maria wird der Jurastudent erschütternd liebe Briefe senden, nach ihrem Freitod 1971 schreibt er sie ein in eines seiner stärksten Bücher, »Wunschloses Unglück«. Früh hatte die Mutter in einem Brief erfahren: »Ich bin schon ziemlich zäh und außerdem werde ich sicher weltberühmt.« Seinen großen Roman »Mein Jahr in der Niemandsbucht« wird er an einem Waldsee schreiben und jeden Morgen eine Stunde Horaz im Original lesen, »damit der Kopf frei ist, und wenn das Schreiben anfängt, dann sind Spinoza und Goethe meine In᠆stanzen«.
Dieser Dichter glaubt an eine Welt, in der immer Zierlichkeit sein wird. Von welcher Öde auch umzingelt. Da sitzt auf einem Spielplatz, auf einer Schaukel, eine junge dunkelhäutige Frau. Der Erzähler erkennt sie: die Kassiererin vom Supermarkt. Banal: Mittagspause, mehr nicht, und doch sitzt dort plötzlich, »umspielt von Licht und Schatten, ein anderer Mensch, ein verwandelter, ein Wesen, so wie ich einmal jemanden, vor einem Kind, hatte ausrufen hören: ›Das ist ja kein Kind, das ist ein Wesen!‹«
Der Mensch als immerwährende Chance: eines »jederzeit möglichen Umschwungs ins Höhere und Offene«. Des Erzählers Blick verwandelt die Kassiererin, sie verwandelt den Betrachtenden. Zauber. Nicht die Stunde der Wahrheit schlägt, sondern »Die Stunde der wahren Empfindung«, wie ein Handke-Buch heißt. So geschieht »das gesetzmäßige Weltreich«. Peter Handke ist nicht mutig, sondern mutiger: anmutig. Lesen, schöne Zeit, so ganz anders messbar: ein Buch lang - Erlösung, Erleuchtung.
Peter Handke: Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere. Suhrkamp, 560 S., geb., 34 €.




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Die Obstdiebin - oder - Einfache Fahrt ins Landesinnere
 Die Obstdiebin - oder - Einfache Fahrt ins Landesinnere
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D: 32,00 € 

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CH: 42,90 sFr
Gepl. Erscheinen: 13.11.2017
Gebunden, 559 Seiten
ISBN: 978-3-518-42757-6
Inhalt
Als das »Letzte Epos« (mit großem »L«) hat Peter Handke seinen neuen Roman bezeichnet. Mit der Niederschrift begann er am 1. August 2016: »Diese Geschichte hat begonnen seinerzeit an einem jener Mittsommertage, da man beim Barfußgehen im Gras wie eh und je zum ersten Mal im Jahr von einer Biene gestochen wird.« Dieser Stich wird, wie der Autor am 2. August festhält, zum »Zeichen«. »Ein gutes oder ein schlechtes? Weder als gutes noch als ein schlechtes, gar böses – einfach als ein Zeichen. Der Stich jetzt gab das Zeichen, aufzubrechen. Zeit, daß du dich auf den Weg machst. Reiß dich los von Garten und Gegend. Fort mit dir. Die Stunde des Aufbruchs, sie ist gekommen.«
Die Reise führt aus der Niemandsbucht, Umwegen folgend, sie suchend, in das Landesinnere, wo die Obstdiebin, »einfache Fahrt«, keine Rückfahrt, bleiben wird, oder auch nicht?. Am 30. November 2016, dem letzten Tag der Niederschrift des Epos, resumiert Peter Handke die ungeheuerlichen und bisher nie gekannten Gefahren auf ihrem Weg dorthin: »Was sie doch in den drei Tagen ihrer Fahrt ins Landesinnere alles erlebt hatte: seltsam. Oder auch nicht? Nein, seltsam. Bleibend seltsam. Ewig seltsam.«
Aus dem Buch
»Den Weg zum verschütteten Herzen freischaufeln, mit bloßen, mit eigenen Händen!«
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EIN TOLLER EINBLICK: Wir haben gerade im Lektorat die original handschriftlichen Anmerkungen von Peter Handke in der Druckfahne seines Romans »Die Obstdiebin« (http://mein.shrk.vg/6) entdeckt – und für Euch abgelichtet:

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HANS HOELLER'S VERY INTERESTING LONG REVIEW...

Die Obstdiebin könnte man im bisherigen Werk Peter Handkes neben die großen, mehr als fünfhundertseitigen epischen Erzählwerke seit Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994) stellen. In Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos (2002) ist bereits von einem Erzählvorhaben mit dem Titel Die Obstdiebin die Rede. Das jetzt vorliegende Buch stellt sogar eine Art Fortsetzung von Der Bildverlust dar. Die erzählten Figuren aus dem früheren Roman, Vater, Mutter, Schwester und Bruder – der am wenigsten -, sind noch immer unterwegs, jetzt aber in der Landschaft nördlich von Paris, in der Picardie, dem "inneren Land" Frankreichs.

https://www.derstandard.de/story/2000068860569/die-obstdiebin-von-den-vaetern-und-muettern-frei-werden
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Peter Handke: "Die Obstdiebin"Eine einfache Fahrt ins Landesinnere

Von Helmut Böttiger
 Mit "Die Obstdiebin" erschuf Peter Handke ein Epos, in dem sich kleine, oft abseitige, skurrile Beobachtungen und Begegnungen während einer "einfachen Fahrt ins Landesinnere" zu einer eigenen Märchen- und Wahrnehmungswelt verdichten.


Peter Handke schreibt keine Romane. Man kann sein neues, großes Buch "Die Obstdiebin", das keine Gattungsbezeichnung trägt, mit dem irritierenden, wie von fern her klingenden Ton nur verstehen, wenn man es als "Epos" begreift. In den Notizen und tagebuchähnlichen Aufzeichnungen von "Vor der Baumschattenwand nachts" aus dem letzten Jahr wies er auf das kommende große Buch bereits hin: Es solle "Die Obstdiebin" heißen und sein "letztes Epos" sein. 

Die mittelhochdeutschen Epen sind Abenteuer- und Reiseromane, die viel beschreiben, aber nichts erklären. Es geht um Mythen. Sie umkreisen eine Wahrheit, die sich im pragmatischen Sprechen nicht erfassen lässt. So hat Handkes "Obstdiebin" etwas seltsam Zeitloses und doch Gegenwärtiges. Man sieht die Gegend um Versailles, die Handke als seine "Niemandsbucht" nun schon seit Jahrzehnten beschwört, durchaus mit dem Blick aus dem Jahr 2017 mitsamt den Metro- und Regionalzugstationen, und man sieht die Picardie, in die die Obstdiebin aufbricht, in ihrer zeitgenössischen Verlorenheit und Leere.

In einer eigenen Märchen- und Wahrnehmungswelt

Es gibt dabei verblüffende Gemeinsamkeiten mit dem herausragenden Buch "Fremd gewordenes Land" des brillanten Essayisten Jean-Christophe Bailly, das das gegenwärtige Frankreich unter anderem analysiert, indem es dem Flusslauf der Oise in der Picardie folgt.
Die allgegenwärtige Terrorahnung, die Bilder von Flüchtlingen und ihren andersartigen Kleidungs- und Essensgepflogenheiten sind in den Zeilen dieses Epos immer präsent. Und dennoch entzieht sich "Die Obstdiebin" eindeutigen Zuschreibungen und entfaltet eine eigene Märchen- und Wahrnehmungswelt. Es gibt gleichwohl autobiografische Bezüge, die Handke lustvoll und selbstironisch herstellt, es gibt binnenliterarische Verweise etwa auf sein Prosabuch "Der Bildverlust" von 2002: Jetzt sucht die Tochter, die Obstdiebin, ihre Mutter, so wie die Mutter im "Bildverlust" die Tochter sucht. Es geht um nichts anderes als um eine "einfache Fahrt ins Landesinnere", wie es der Untertitel verheißt.

Begegnungen und Beobachtungen, abseitig und skurril


Man sollte sich von dem gewaltigen Umfang dieses Buchs nicht täuschen lassen. Es besteht vor allem aus in sich geschlossenen Szenen, kleinen Begegnungen und Beobachtungen, oft abseitig und skurril, und der Autor lässt seine Figuren manchmal wie in einem Theaterstück wunderliche, pathetische und gerade dadurch wirklichkeitssatte Monologe sprechen. Es ist erstaunlich, wie konsequent der Schriftsteller Handke dem allgemeinen Lauf der Welt seine eigenen Sprachbilder entgegenhält: mit allen selbstreferenziellen Verspieltheiten, Narreteien und stilistischen Eigenheiten, bei denen auch die gewaltigsten Idiosynkrasien unabdingbar zur Poetologie gehören. Wenn er zum Beispiel auf wenigen Seiten das Wesen der Haselnuss beschreibt, verzeiht man ihm alles.



http://www.deutschlandfunkkultur.de/peter-handke-die-obstdiebin-eine-einfache-fahrt-ins.950.de.html?dram:article_id=402091http://www.deutschlandfunkkultur.de/peter-handke-die-obstdiebin-eine-einfache-fahrt-ins.950.de.html?dram:article_id=402091
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Ein bisschen Ronja Räubertochter, halb biblische Eva: In seinem neuen Roman erzählt Peter Handke, der am 6. Dezember 75. Geburtstag feiert, von einer „Obstdiebin“.

http://iphoneapp.hz-online.de/ulm/nachrichten/kultur/Peter-Handke-zum-75-Das-Ereignis-der-Augen;art1222892,4469114
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https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritik/peter-handke/die-obstdiebin



Auf Seite 166 dieser „einfachen Fahrt ins Landesinnere“ sagt der Ich-Erzähler, der seinem Autor Peter Handke zum Verwechseln ähnlich ist, ähnlich sein muss: „Es ist jetzt die Zeit, zu erzählen, was es mit der »Obstdiebin« auf sich hat; Zeit, zu erzählen, wie aus ihr »Die Obstdiebin« geworden ist.“ Erst nach über einem Viertel also, wenn man den Text quantifizieren möchte, setzt die „eigentliche“ Erzählung von der Obstdiebin und ihrer Wanderung in die und in der Picardie ein. Von einer Handlung, gar einem Plot will ich nicht sprechen, auch wenn man etwas in dieser Richtung nacherzählen könnte. Aber wozu? 166 Seiten, genau genommen 158 Seiten, des Anschubs, des Hinführens zur Erzählung braucht es also, dass der Leser ausreichend vorbereitet, ausgestattet, gewappnet scheint, um der Obstdiebin durchs ländliche Frankreich zu folgen. Und die Seiten davor? Sie sind der Auszug des besagten Ich-Erzählers selbst, aus dem Pariser Vorort Chaville nach Lavilleterte im Vexin. Eine kleine Reise, die noch einmal – ein letztes Mal? – Große Erzählung im Wortsinne „auf den Weg“ bringt, einer Figur nachspürt, die ganz klar vor einem steht und sich dennoch nicht fassen lässt. Die, sich selbst überlassen, vielmehr von sich preisgibt, als wenn ein Ich-Erzähler ihr nachstellt. Weswegen er sich zurückziehen muss, um der Erzählung von der Obstdiebin ihren Lauf zu lassen.
Drei Tage lang ist die Obstdiebin unterwegs, der Leser vielleicht länger. Sich die Zeit für Handkes „Letztes Epos“ zu nehmen, lohnt sich allemal, aber nicht in jedem Fall. Ist man bisher nicht mit Handkes Art des suchenden, forschenden, erinnernden Erzählens „warm geworden“, oder hat man Handke in der Niemandsbucht, der Sierra de Gredos oder in morawischer Nacht zurückgelassen, sich selbst überlassen, wird man auf dieser Fahrt ins Landesinnere nicht zu ihm zurückfinden. Kein Buch für „Handke-Einsteiger“ würde man bei Amazon schreiben, aber das hier ist nicht Amazon. „Schaut nach im Internet!“, wird dem Leser in Handkes neuem Buch nicht nur einmal zugerufen. Trotzig, beiläufig, abwinkend endet so die ein oder andere ausschweifende Passage, in denen jeweils überdeutlich wird, dass es Handke noch immer und wohl vor allem um die Frage geht: wie erzählen?1 Und weil er diese Frage nicht mit ironischer Distanz, mit metafiktionalen Gags oder sonstigen postmodernen Knalleffekten stellt, gilt er – in unzähligen Rezensionen ist es immer wieder nachzulesen, gerade auch jetzt wieder – als Weltflüchtender, als Eskapist, als ganz und gar ungegenwärtig. (Buh!) Begriffe, an denen man sich als Rezensent immer gut entlanghangeln kann, wenn das Buch schnellstmöglich besprochen werden muss. Dabei macht Handke erst einmal nichts anderes – und damit alles anders, als so viele andere Erzähler – als sich Zeit zu nehmen. Zeit zur Anschauung, Zeit für Details, Zeit zum Erzählen und wird damit ganz und gar gegenwärtig, erzählt fast in einer Art Sekundenstil von dem, was der Obstdiebin widerfährt, wem sie begegnet, welche Wege sie wählt und warum.2 Und das alles nicht isoliert in einer Wahrnehmungsblase, sondern durchaus vor dem Hintergrund aktuellen Tagesgeschehens und gesellschaftlicher Entwicklungen. Terror, Flucht und Populismus lassen sich in der Obstdiebin genauso finden, wie – und vor allem – ein gewisses Auseinanderdriften der urbanen und der ländlichen Bevölkerung mit der Konsequenz, dass ganze Landstriche menschlich veröden und vergessen werden.
Und liest sich, zurück auf den Eskapismusvorwurf kommend, die Binnenerzählung vom Tod Zdeněk Adamecs nicht geradezu wie eine Warnung vor der selbstgewählten Isolation?
„Uniformiert soll er bis an sein Ende geblieben sein, unbeleckt von den Weltnachrichten, blind für die zugehörigen Bilder. »Weg mit eurer Information!« – Womit er auch bei seinen Freunden ins Abseits geriet.“
Mag sein, dass dieser Text etwas zu grundsätzlich gerät. Mag sein, es liegt daran, dass auch Die Obstdiebin mitunter als ein sehr grundsätzliches Buch erscheint.
„Diese Geschichte, sie ruft doch nach Überliefern? So eine ist doch noch keinmal erzählt worden? Und ist sie denn nicht eine von heute, wenn je eine? Oder? Oder auch nicht? Laßt uns sehen.“
Und was man in der Folge zu sehen bekommt, ist nicht nur die Wanderung von Handkes Protagonistin, sondern auch eine Wanderung durch Handkes Erzählwelt, die wohl nie zuvor so sehr mit Selbstzitaten angereichert war wie in der Obstdiebin. Da ist die Jukebox, die einen Abend lang eine eigentlich schon verlassene Herberge wieder aufleben lässt und dann ausgerechnet zur Deeskalation beiträgt. Da ist die Liebe zum Fußball, die zu einer poetischen Hommage an Javier Pastore führt. Da ist die Festrede des Vaters vor der Familie, die zum Sprechstück wird. Und nicht zuletzt scheint es kein Zufall zu sein, dass Alexia, so der Name der Obstdiebin, vor allem ihrer Mutter „entgegengeht“.
Ein „scharfer Ortssinn“ trifft auf ein überzeitliches Erzählen, wie es das im deutschsprachigen Raum kein zweites Mal gibt. Die Obstdiebin ist sicher nicht das „Letzte Epos“, vielleicht aber die letzte größere Prosaarbeit Handkes? Erstaunlich ist neben den rekapitulierenden Selbstzitaten auch die Häufung der Abschiede in diesem Buch, die immer noch einmal als solche Betonung finden. Dazu merkwürdig passend die beiliegende Verlagswerbung für die im Februar erscheinende Werkausgabe. In diesem Monat feiert Peter Handke seinen 75. Geburtstag. Ich wünsche ihm noch viele Jahre.
  • 1. Wie erzählen – auf althergebrachte Weise? – zumal in Zeiten des Internets, in denen leicht nachzuschauen ist, dass die Obstdiebin für ihren Weg zu Fuß keine drei Tage bräuchte; allenfalls sechs Stunden, sagt Google Maps, aber darum geht es nicht! Vielmehr scheint es die konkrete Umsetzung eines der dem Buch vorangestellten Motti zu sein: „Wenn einer dich zwingt, mit ihm eine Meile zu gehen, geh mit ihm zwei.“ (Matthäus, 5,41)
  • 2. Merkwürdig, dass Handkes Erzählen nicht viel mehr „im Trend“ liegt, wo alle (westliche) Welt sich nach Entschleunigung, nach intensivem und bewusstem Leben und Erfahren, nach wahrer Empfindung sehnt.

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Seit einigen Jahren lebt Peter Handke in der Nähe von Paris. Dort beginnt auch die Wanderung der Hauptfigur seines neuen Buches: "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere".

Obgleich es im Werk von Peter Handke wiederkehrende Leitmotive gibt - seltene Wörter, die bei ihm immer wieder auftauchen wie "Entrückung", Stimmungen wie ein Lufthauch, der kaum wahrnehmbar ins Zentrum gerückt wird, dann wieder leise Empfindungen - obgleich sich das alles wiederholt, ergeht es vielen Leser so, dass sie immer eines seiner Bücher mögen und das nächste nicht. Wie in Wellen.

Vorliebe für seltene Worte

Er ist nicht ganz von dieser Welt, dieser Dichter, der scheinbar nachts an Mondseen sitzt und seine Sätze aus silbrigen Gewässern fischt oder vom Firmament klaubt. http://www.ndr.de/kultur/buch/Peter-Handke-Die-Obstdiebin,dieobstdiebin104.html

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Roman - Peter Handke: "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere"

Bewertung:
Peter Handke beschenkt sich zu seinem 75. Geburtstag mit einem Buch, das vollgepackt ist mit literarischen Anspielungen und poetischen Fantasien. Auch die Liste der kokett darin herbeizitierten Handke-Bücher ist unendlich lang und eine Fundgrube für Fans und Freunde.
Er weiß um "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" und wie schwer "Das Gewicht der Welt" wiegt. "Wunschloses Unglück" hat er erfahren und "Die Stunde der wahren Empfindung" durchlebt. Wenn er sich nicht gerade der "Publikumsbeschimpfung" widmet und sich zum "Bewohner des Elfenbeinturms" stilisiert, fließt ihm "Der kurze Brief zum langen Abschied" aus der Feder: Selbst wer noch nie einen Roman von Peter Handke gelesen oder eines seiner Theaterstück gesehen hat, kennt die zu poetischen Gemeinplätzen und literarischen Sprichwörtern gewordenen Titel seiner Werke. Pünktlich zu seinem 75. Geburtstag, den 1942 der in Kärnten geborene Autor in wenigen Tagen (am 6. Dezember) feiert, veröffentlicht Handke ein neues Buch: "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere."

Literarische Anspielungen und poetische Fantasien

Handke zählt zu den bekanntesten deutschsprachigen Schriftstellern der Gegenwart, aber seine Bücher haben nie große Auflagen erzielt. Das liegt auch an seiner intellektuellen Arroganz gegenüber dem Publikum, an seiner notorischen Abneigung gegen Kritiker und Kollegen, an seiner weltflüchtigen Attitüde. Er lebt seit vielen Jahren allein in einem verwunschenen Haus mit verwildertem Garten in der Nähe von Paris, versteht sich als Wortkünstler, der eine Welt allein aus Sprache konstruiert: Jeder schnöde Realismus, jede erzählerische Logik, jede Form von politischer Literatur ist im völlig fremd.

Trotzdem war er lange Zeit (vielleicht weil er zusammen mit Filme-Macher Wim Wenders und den Schauspielern Bruno Ganz und Otto Sander den "Himmel über Berlin" engelsgleich erstrahlen ließ) so etwas wie der Lieblingsautor der linken Kultur-Schickeria. Doch spätestens seit er eine "winterliche Reise" auf den von blutigen Bürgerkriegen zerstörten Balkan unternahm, "Gerechtigkeit für Serbien" forderte und beim Begräbnis von Massenmörder Milošević als Grabredner auftrat, hat Handke es sich mit den meisten ehemaligen Fans und Freunden doch gründlich verscherzt. Nur mit spitzen Fingern werden seine Bücher noch zur Kenntnis genommen.

Aber das dürfte Handke ziemlich schnuppe sein: Hat er seinen Kritikern und Kollegen doch immer schon eine notorische "Beschreibungs-Impotenz" attestiert und ihre Literatur als "idiotisch" und "läppisch" beschimpft. Dass Handke sich nun zu seinem 75. Geburtstag mit einem Buch beschenkt, das vollgepackt ist mit literarischen Anspielungen und poetischen Fantasien, die nur er selbst in Gänze wirklich verstehen und genießen kann, liegt eigentlich auf der Hand.

Kokett herbeizitiert

Das Buch trägt Züge eines mild-ironischen Alterswerks und wirkt, als wolle Handke rechtzeitig seinen Nachlass sichten: Die zwischen Märchen und Meditation, Gebet und Gesang angesiedelte Geschichte beginnt "an einem jener Mittsommertage, da man beim Barfußgehen im Gras zum ersten Mal im Jahr von einer Biene gestochen wird." Der Erzähler, niemand anderes als Handke selbst, bricht von Chaville bei Paris auf zu einer dreitägigen Reise ins Umland, in die Picardie, die Kornkammer Frankreichs.

Doch bis er sein Haus aufgeräumt, das Gartentor verschlossen und sein Bahnticket gekauft hat, sind schon fast 100 Seiten vergangen. Denn alles was er erlebt, sieht und denkt, muss noch schnell aufs Papier. Und kaum sitzt er im Zug, glaubt er sie unter den Mitreisenden zu erkennen: Alexia, die Obstdiebin, auf deren Spuren er sich begeben, die er beobachten und begleiten möchte auf ihrem Weg zu einem Familientreffen.

Der mit dem Handke-Kosmos vertraute Leser kennt sie aus dem Theaterstück "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße": Dort huschte sie einmal als "Parzivals Schwester" und "im Gewand einer Obstdiebin" durch die an Wolfram von Eschenbach erinnernde Szenerie. Und so wie Wolframs Geschichte von der Gralssuche hier wieder mit unzähligen Querverweisen aufgegriffen wird, lässt Handke so viele seiner alten Bücher wie nur möglich spielerisch wieder aufleben: Ob die Erzählung über sein "Jahr in der Niemandsbucht" oder sein "Versuch über die Jukebox", die Liste der kokett herbeizitierten Handke-Bücher ist unendlich lang und eine Fundgrube für Fans und Freunde. 

Rein literarische Wirklichkeit

Handke interessiert sich für die junge Frau, weil sie eigentlich keine Diebin ist und niemandem etwas klaut, sondern - wie der Autor selbst - alles, was man am Wegesrand so finden, sehen, erfahren kann, aufsammelt: Obst, Blumen, Menschen, Gedanken und Geschichten, dann das beiläufig Gesammelte sich einverleibt, mit neuem Leben erfüllt und daraus - wie der Autor - eine andere, rein literarische Wirklichkeit erschafft.

Kaum hält der Zug, den der Autor bestiegen hat, einmal auf freier Strecke, eilt die Obstdiebin über die Stoppelfelder davon: Der Erzähler immer hinterher. Genau in diesem Moment hört der Erzähler auch auf, von sich und seinen Befindlichkeiten zu sprechen, sondern er denkt sich ab jetzt ganz in die junge Frau hinein und beschreibt nur, was sie sieht und fühlt. Mal übernachtet sie in einer aus der Zeit gefallenen trostlosen Herberge, mal gabelt sie einen melancholischen Jungen auf, rettet ihn tanzend vorm Selbstmord und besucht mit ihm ein Fußballspiel und kennt - natürlich! - "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter". Dann wieder sitzt sie am Rande eines Dorfplatzes und beobachtet das muntere Treiben, als wären wir plötzlich in Handkes magischem Schauspiel über "Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten" hinein versetzt. Die Obstdiebin ist - auch das noch! - eine Wahlverwandte von Handkes Tochter Léocadie, die schon einmal in der Erzählung über "Die morawische Nacht" einen kurzen Auftritt hatte und nun für den Rapper Eminem schwärmt, über den der eingefleischte Pop-Musik-Kenner Handke genauso viel weiß wie über die Beatles, Janis Joplin oder Johnny Cash: Auch das wieder ein weites Feld für nimmermüde Handke-Interpreten. 
Die aus nichts als Sprache bestehende Geschichte der Obstdiebin endet, wie sie anfängt: im Offenen, die herum streunende Obstdiebin findet zwar nicht den Gral, aber dafür in tiefster Provinz Vater, Mutter und Bruder wieder, ist ihnen nah und doch sehr fern und verschwindet im Nebel der Fantasie. Aber die ganze Geschichte kennt keine Begründung und ihre Figuren haben keine Psychologie: Auf die Frage "Warum?" antwortet der Erzähler immer wieder: "Kein Warum". Denn für die Obstdiebin wie für Handke gilt: "Alles war, was es war. Der Schuh im Straßengraben war ein Schuh im Straßengraben. Und das jetzt ist das, und das jetzt das, und so fort."

Doch dann schwappt für kurze Momente der Terror, die allgegenwärtige Bedrohung und Verunsicherung immer mal wieder ans Ufer des von unzähligen Frage- und Ausrufezeichen unterbrochenen Erzählstroms: Nachrichten flackern durchs Bild, bewaffnete Polizisten sichern das Terrain, verschleierte Frauen verbreiten Furcht. Aber nach drei Tagen ist alles erlebt und alles gesagt, ist "jede Stunde dramatisch gewesen, auch wenn sich nichts ereignete." Jetzt aber schnell nach Hause, zurück in die "Niemandsbucht": Oder lieber woandershin, mal etwas ganz Neues wagen?
Frank Dietschreit, kulturradio

 





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Alice in den Vorstädten: Peter Handkes spätes Epos „Die Obstdiebin“ blickt durch jüngere Augen auf seine Lebensthemen und rettet die Menschen durch Tanz. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/peter-handke-liebling-ich-habe-die-quitten-geklaut-15294210.html



Wenn irgendwann eine digitale Volltextausgabe von Peter Handkes Gesamtwerk vorliegt, wird eine Suche nach bestimmten Stichworten wohl wahre Trefferexplosionen zeitigen. Wie oft etwa mag ein Wort wie „Landstraße“ auftauchen? Und wie oft in seinem Umfeld auch noch die Erwähnung, wie es auf Französisch, Spanisch und Arabisch heißt? Wie oft das Wort „Bucht“ in verschiedenen Zusammensetzungen, also nicht nur „Niemandsbucht“, sondern auch „Buchtbahnhof“, „Buchtkirche“, „Buchtgegend“, „Buchtwälder“?
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
Auch in Handkes neuem Buch tauchen Wörter und Wortfelder wie diese – und längst nicht nur diese – zum wiederholten Male auf. Und wiederum könnte man auf die Idee kommen, dass das jeweils neue Werk Motive, Meinungen und Ideen aller vorherigen wieder aufnimmt, weiterspinnt, manchmal wie im Traum und in einer Art Freudscher Verdichtung und Verschiebung. Man kann sich über diese Wiederholungen wundern, vielleicht sogar ärgern – wenn man allerdings ernst nimmt, was Handke zeitlebens, explizit und implizit, gegen „Begriffe“ gesagt hat, könnten sie einen auch zu einer ganz anderen Überlegung führen: ob man nämlich angesichts seines Schreibens überhaupt noch am Begriff des Einzelwerks festhalten sollte.
Vielleicht gehören ja alle seine Texte zusammen, als fortgeschriebenes Epos? Vielleicht sind die vermeintlichen Redundanzen eben seine „Phantasien der Wiederholung“ (so ein Buchtitel von 1983)? Und vielleicht wäre es gar möglich, denkt man manchmal, bei der Handke-Lektüre mitunter zu mischen und zu springen – also etwa, statt in seinem neuen Buch „Die Obstdiebin“ die Seite umzublättern, einfach eine aus dem „Jahr in der Niemandsbucht“ (1994) aufzuschlagen, aus „Don Juan, erzählt von ihm selbst“ (2004) oder aus „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ (2015), um dort weiterzulesen?




















Peter Handke: „Die Obstdiebin“. Oder: Einfache Fahrt ins Landesinnere. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 562 S., geb., 34,- €.
Peter Handke: „Die Obstdiebin“. Oder: Einfache Fahrt ins Landesinnere. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 562 S., geb., 34,- €. :Bild: Suhrkamp
Zumindest im ersten Teil des neuen Buches, das im Untertitel eine „einfache Fahrt ins Landesinnere“ verspricht, erschiene das tatsächlich möglich – denn wieder beginnt es in der Pariser Vorortgegend, in der Handke seit vielen Jahren lebt: im Garten, an der Schnellstraße, im umliegenden Wald, im benachbarten Versailles und vor allem an den Bahnhöfen dieser Gegend


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DIE OBSTDIEBIN oder einfache fahrt ins landesinnere  

Man gesach den liehten summer in sô maniger varwe nie Wolfram von Eschenbach, Willehalm (Man sah den lichten Sommer in so mannigfacher Farbe nie) Wenn einer dich zwingt, mit ihm eine Meile zu gehn, geh mit ihm zwei. Matthäus, 5,41 Keiner am Weg gab Feuer und am Stelldichein Licht Fritz Schwegler von Breech

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Auch in seinem aktuellen Roman «Die Obstdiebin», in welchem er einmal mehr die Geschichte einer Wanderung ins «Offene» erzählt. Das Ergebnis ist ein Text, in dem es um die aufrüttelnde Wirkung eines Bienenstichs ebenso geht wie um das allenorts herrschende «allgemeine Stillschweigen».

Bei sich und der Welt

Wer Handkes Heldin vom Pariser Vorort Chaville, der sogenannten Niemandsbucht, auf ihrer Wanderung in den Sehnsuchtsort Picardie folgt, den nimmt ihr Schöpfer einmal mehr mit auf eine Reise durch seinen eigenen Denk-und-Fühl-Kosmos. Er versammelt in seinem Buch all das, was schon seine früheren grossen Bewegungsbücher «Mein Jahr in der Niemandsbucht» (1994) oder «Der Bildverlust» (2002) beschworen haben.
Diesmal allerdings verdichtet in der stellvertretenden Suche seiner Protagonistin nach Halt, Erkenntnis und geglückter innerer Einkehr. Das Resultat ist ein weiteres «Märchen aus neueren Zeiten», wie nur Handke sie zu schreiben vermag.
Am 6. Dezember begeht er seit einem halben Jahrhundert im Gewand des Schriftstellers die Welt mit Worten bereisende erleuchtungssüchtige Mythologe seinen 75. Geburtstag.

Seine kurzen, Mitte der Neunzigerjahre erschienenen «Versuche über die Müdigkeit», die «Jukebox» oder den «Geglückten Tag» zählen dabei zum Schönsten dessen, was ihm aus der Feder floss. In ihnen ist er ganz bei sich – und der Welt. Und in ihnen kommt es zu jener wahrhaft vollkommenen Verschmelzung von Inhalt und Form, um derentwillen dieser Autor bis heute schreibt und schreibt. Möge er es noch lange tun!

https://www.grenchnertagblatt.ch/kultur/buch-buehne-kunst/peter-handke-vom-revoluzzer-zum-sanften-erzaehler-131930632
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 Peter Handkes neues Buch „Die Obstdiebin“ soll ein Roman sein, ist aber eher eine Meditation. Handke frönt darin einer Sprach- und Verschmelzungsekstase, übertreibt es jedoch zuweilen mit seinem literarischen Pathos. Von Roland Mischke

Gibt es das, dass auf einmal ein Ruck durch das Leben eines Menschen geht – und er daraufhin die Welt anders sieht? So wie ein unschuldiges Kind, das mit reinen Blicken auf alles um sich herumschaut. Das dieses und jenes in der Natur und im Umgang der Menschen betrachtet, sich wundert, staunt. Das Episoden und große Momente erlebt und wie sie auf einmal alle zusammenkommen, harmonisch, völlig überzeugend – die Welt als individuelle Erfahrung.


Peter Handke, der am 6. Dezember 75 wird, versucht das seit 40 Jahren. Dem Schamanen unter den Schriftstellern deutscher Sprache geht es um das „reine“ Erzählen. Ob sein Verlag das neue Buch „Die Obstdiebin“ als Roman bezeichnet, das interessiert Handke nicht. Er will ein Magier sein, die Welt anders erfassen, den Menschen anders beschreiben als andere, die Endlichkeit mit der Ewigkeit versöhnen, das unaussprechliche Geheimnis des Menschseins finden. Darum nun sein „letztes Epos“, wie er es nennt.

Dabei beschreibt er sehr realistische Dinge. Sein verwunschenes Sandsteinhaus nahe Paris, Spaziergänge und Wanderungen, seine Gedanken über die Zeit, als er ein junger rebellischer Mann war, und seine Altersbeschwerden heute. Zwar gibt es einen namenlosen Ich-Erzähler, aber es ist immer klar, dass es sich um den Autor handelt, zumal er gleich am Anfang über das Erzählen schreibt – und sich zugleich in der „Druckwelle einer weltweiten Katastrophe“ weiß. Europäische Flüchtlingscamps tauchen auf, die islamistischen Anschläge in Frankreich, der Terror weltweit, der abgrundtiefe Hass. Beim Pilzesuchen in der Picardie, wo er seit kurzem ein zweites Haus hat, beim Gehen durch die Wälder und auf Reisen reflektiert Handke unsere Epoche. Und erfindet die Obstdiebin Alexia und ihre „Einfache Fahrt ins Landesinnere“.

Alexia ist eine attraktive junge Frau, sie erregt Aufmerksamkeit und fühlt sich als „Auserwählte unter den Frauen“. Sie geht nicht nur durch die Landschaft der Picardie und stiehlt Obst von den Bäumen. Sie kommt von weither, aus Sibirien, vom Ufer des Jenissej, aus einem anderen Zeitraum. Sie ist eine Erleuchtete, aber der Autor nimmt das viel ernster als seine Figur. Handke macht aus der Sprache eine Epiphanie, er schüttet Gesänge, Gebete und Predigten. Er übertreibt es, ist zu pathetisch, bringt Floskeln und fällt sich bei manchen seiner Gedanken selbst ins Wort, womit er seine Unsicherheit in existenziellen Fragen ausstellt.

Alexia soll kein Geistwesen, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut sein. Sie sucht „das Wirkliche an der Wirklichkeit“, will es einfangen, festhalten. Hornissen gibt es, Kröten, Schlangen und allerlei Pflanzen. „Wie streckte jetzt das Land in Gestalt der Silhouetten der Hasel- und Holunderzweige, der Eschen- und Robinienfächer am Gleisrand, schwarz ausgeschnitten tief unten, weit weg von dem Himmelblau- geschenkt! – mir, einem, uns ihre Buketts als ein ganz anderes Willkomm entgegen.“ Ein Autor in Sprach- und Verschmelzungsekstase.


Dem reinen Anschauen wird gehuldigt. „In dem klaren Vorabendlicht sah ich die Obstdiebin in die Weite, dabei wie nahe gerückt, über das Vexinplateau gehen“, heißt es. Drei Tage ist sie unterwegs, verfolgt von ihrem Schöpfer. Ihre Begegnungen und Abenteuer zielen auf Visionen, die mehr von der Wirklichkeit preisgeben. Auf ihrem Gang findet Alexia ein Kätzchen, beobachtet aber gleich danach einen Menschen, der um sein Leben rennt. „Und was jetzt?“ Alles soll zusammengeführt werden, aber das ist schwer.

In einer Notiz heißt es: „Wie lange man braucht, die SEINEN zu finden; welch weiter Weg.“ Peter Handke kommt uns wieder verrätselt mit diesem Buch, aber er gibt mehr von sich preis, dem Einsamkeitsmelancholiker. Irgendwie ist das schon ein Alterswerk.


Peter Handke: Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere. Suhrkamp, 559 S., 34 €

https://www.saarbruecker-zeitung.de/kultur/sz-kultur/alles-sehen-wie-zum-ersten-mal_aid-6896037


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first negative review not worth quoting from

http://www.taz.de/Neues-Werk-von-Peter-Handke/!5464614/


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Diese Geschichte hat begonnen an einem jener Mittsommertage, da man beim Barfußgehen im Gras zum ersten Mal im Jahr von einer Biene gestochen wird. Zumindest mir ist das seit jeher zugestoßen. Und inzwischen weiß ich, daß diese Tage des ersten und oft einzigen jährlichen Bienenstichs in der Regel zusammenfallen mit dem Sichauftun der weißen Kleeblüten, der erdbodennahen, worin sich die Bienen halbversteckt tummeln. Es war, auch das wie immer, ein, jedenfalls am späten Morgen, sonniger, aber noch nicht heißer Tag Anfang August, mit einem beständigen Blauen, hoch und immer höher, im Himmel. Kaum eine Wolke – und wenn eine: schon wieder aufgelöst. Ein leichter, beflügelnder Wind wehte, wie meist im Sommer vom Westen her, in der Einbildung vom Atlantik in die Niemandsbucht fächernd. Kein Tau zum Trocknen. Wie schon seit einer guten Woche beim frühmor-  gendlichen Durchstreifen des Gartens auch nicht eine Ahnung von Feuchtigkeit an den bloßen Sohlen, geschweige denn zwischen den Zehen. Es heißt, daß die Bienen, indem sie, anders als die Wespen, beim Stechen ihren Stachel verlieren, an ihrem Stich sterben müssen. In all den Jahren zuvor, sooft ich gestochen worden war – fast immer in den nackten Fuß –, hatte ich das nicht selten auch selber mitbekommen, wenigstens angesichts der wie aus dem innersten Fleisch der Biene gerissenen, so kleinwinzigen wie urgewaltigen, dreigezackten Harpune, an der etwas Flockig-Gallertiges, als das Innerste des Tiers, sich bauschte, vor Augen dazu ein Einkrümmen, Zittern, Bibbern, Flügellahmwerden des Wesens. Doch an dem Stich-Tag damals, da die Geschichte von der Obstdiebin Gestalt annahm, ging die Biene, die mich Barfüßigen stach, daran nicht zugrunde. Obwohl es sich um eine erbsenkleine handelte, pelzig, wollig, in den altbekannten Bienenfarben und -streifen, verlor sie im Stechen keinerlei Stachel und entschwirrte nach dem Stich, einem Bienenstich wie nur je einem – jäh wie heftig –, in einem Schwung, so als sei nicht bloß nichts gewesen, sondern sie sei darüber  hinaus kraft ihrer Aktion auch noch zu zusätzlichen Kräften gekommen. Mir kam das Gestochenwerden recht, und nicht nur wegen der überlebenden Biene. Es gab noch andere Gründe. Erst einmal, sagte man, seien Bienenstiche, angeblich wieder zum Unterschied von denen der Wespen oder Hornissen, gut für die Gesundheit, gegen Rheumabeschwerden, zur Stärkung des Blutkreislaufs, oder wozu auch immer – und so ein Stich jetzt würde, wieder eine meiner Einbildungen, die von Jahr zu Jahr schwächer durchbluteten, empfindungsloser, gar taub gewordenen Zehen wenigstens eine Zeitlang wiederbeleben; in einer ähnlichen Einbildung oder Phantasie riß ich ja jedesmal, ob im Garten der Niemandsbucht oder auf den Terrassen des Anwesens fern in der Picardie, die Brennesseln oft büschelweise mit den bloßen Händen aus dem hier Löß-, dort Kalkboden. Aus einem zweiten Grund war mir der Stich willkommen. Ich nahm ihn als ein Zeichen. Ein gutes oder ein schlechtes? Weder als ein gutes noch als ein schlechtes, gar böses – schlicht als ein Zeichen. Der Stich gab das Zeichen, aufzubrechen. Zeit, daß du dich auf den Weg  machst. Reiß dich los von Garten und Gegend. Fort mit dir. Die Stunde des Aufbruchs, sie ist gekommen. Brauchte ich denn solcherart Zeichen? An dem Tag damals: ja, und sei es wiederum nur eingebildet oder sommertaggeträumt. Ich räumte in Haus und Garten auf, was aufzuräumen war, ließ dies und das auch eigens, wo es stand oder lag, bügelte die zwei, drei alten Hemden – kaum im Gras getrocknet –, an denen mir besonders gelegen war, packte, steckte die Schlüssel für das Land ein, die so viel schwereren als die für das Vorstadthaus. Und nicht zum ersten Mal kurz vor einem Aufbruch riß mir beim Knüpfen der knöchelhohen Schuhe ein Schnürband, fand ich nicht und nicht die Socken, die zueinanderpaßten, gerieten mir drei Dutzend von Detaillandkarten zwischen die Finger, bis auf die eine, auf die ich aus war, mit dem Unterschied dieses Mal, daß mir alle zwei Schuhbänder rissen – bei deren viertelstündigem Aufknoten vorher mir ein Daumennagel abbrach –, daß ich zuletzt die unzugehörigen Socken paarweise zusammenstülpte – fast einzig solche –, und daß es mir auf einmal recht war, ohne jede Landkarte unterwegs zu sein.  Auf einmal auch kam ich frei von der Zeitnot, in der ich mich verfangen hatte, eine grundlose Zeitnot, die mich immer wieder befiel, nicht allein in den Aufbruchsstunden, da in der Regel besonders atemabschnürend, und in der Stunde vor dem Aufbrechen geradezu mörderisch. Keine Stunde darüber hinaus. Buch des Lebens? Blindband. Aus der Traum. Aus das Spiel. Unverhofft jetzt aber: Zeitnot verflogen, und gegenstandslos geworden. Alle Zeit auf Erden hatte ich plötzlich. Alt wie ich war: Mehr Zeit denn je. Und das Buch des Lebens: Offen und dabei dingfest, die Seiten, besonders die unbeschriebenen, aufleuchtend im Wind der Welt, der Erde hier, der Hiesigkeit. Ja, ich würde meine Obstdiebin endlich, nicht heute, nicht morgen, doch bald, sehr bald zu Gesicht bekommen, als Person, als ganze, und nicht bloß in den Teilen, den phantomatischen, wie sie mir in all den Jahren zuvor, meist in der Menge, und da immer nur von weitem, unter die altgewordenen Augen gekommen sind und mich noch einmal auf die Sprünge gebracht haben. Ein letztes Mal?  Ja, hast du denn vergessen, daß es sich nicht gehört, von einem »letzten Mal« zu reden, ebensowenig wie von einem »letzten Glas Wein«? Oder wenn, dann so wie jenes Kind, das, nachdem ihm sein Spiel »ein letztes Mal!« (sagen wir, auf einer Schaukel oder einer Wippe) zugestanden worden war, ruft: »Noch ein letztes Mal!«, und danach: »Und noch ein letztes Mal!« Ruft? Jauchzt! – Aber hast du das nicht schon öfter verlauten lassen? – Ja, aber in einem anderen Land. Und wenn – Kein Buch packte ich an jenem Sommertag mit ein, räumte sogar das eine vom Tisch, in dem ich noch am Morgen gelesen hatte, die mittelalterliche Geschichte von einer jungen Frau, die, um sich zu entstellen und so für die sie verfolgenden Männer nicht in Frage zu kommen, sich beide Hände abgehackt hatte. (Sich selber die beiden Hände abhacken? Nur in Mittelaltergeschichten war so etwas möglich?) Auch meine Notizbücher und -hefte ließ ich im Haus, sperrte sie weg, versteckte sie wie vor mir selber, es auch in Kauf nehmend, sie nicht mehr zu finden, wenigstens nicht für die kommende Zeit, mir verbietend, mich ihrer zu bedienen.  Bevor ich mich auf den Weg machte, setzte ich mich, das Bündel zu Füßen, in den Garten, mitten da hinein, auf einen einzelnen Stuhl, eher einen Hocker, im Abstand zu den Bäumen, und vor allem weg von den Tischen, dem unterm Holunder, dem unter der Linde, dem unter den Apfelbäumen, dem größten, oder jedenfalls ausladendsten. In meiner Vorstellung verkörperte ich so, untätig dasitzend, in Maßen aufrecht, ein Bein übers andere geschlagen, den Reisestrohhut über den Schädel gestülpt, jenen Gärtner namens »Vallier« (oder wie auch), den Paul Cézanne gegen Ende seines Lebens immer wieder gemalt und gezeichnet hat, besonders 1906, in des Malers Sterbejahr. »Der Gärtner Vaillier« zeigt auf all diesen Bildern, und nicht nur wegen des die Stirn beschattenden Huts, kaum ein Gesicht, oder eins, bilde ich mir ein, ohne Augen, auch Nase und Mund wie weggewischt. Nichts als den Umriß habe ich von dem Gesicht des da Hockenden jetzt im Sinn. Doch was für einen Umriß. Eine Kontur, kraft deren die von ihr umgebene Fastleerfläche des Gesichts etwas verkörpert, ausdrückt und aussendet, was über das hinausgeht, was je eine detailtreu gezeichnete Physiognomie vermitteln könnte – oder zumindest etwas anderes ist und übermittelt, etwas vom Grunde auf anderes – eine grundandere Spiel-  art. Wäre eine mögliche Übersetzung des von mir umgemodelten Namens jenes Gärtners von »Vallier« zu »Vaillant« nicht »Aufpasser«, nein, »Achtgeber«, »Wachender«, oder, kurz, »Wacher«, und das würde, mitsamt den halb verschwundenen Sinnesorganen, Ohren, Nase, Mund und vor allem die Augen wie weggewischt, auf sämtliche Konterfeis des Gärtners Vaillier passen? So sitzend, wachend, zugleich wie in einem Schlaf, einem anderen Schlaf, bin ich auf einmal angeflogen worden von einer Stimme, nah – näher nicht möglich – am Ohr. Das war die Stimme der Obstdiebin, eine fragende, so zarte wie bestimmte – zarter und bestimmender nicht möglich. Und was fragte sie mich? Wenn ich mich recht erinnere (unsere Geschichte ist ja schon wieder lang her), nichts irgendwie Besonderes; etwas zum Beispiel wie »Wie geht’s dir?«, »Wann fährst du?« (oder nein, jetzt kommt es mir, das Gedächtnis). Sie hat mich gefragt: »Was fehlt Ihnen, mein Herr? Worüber sorgen Sie sich denn so? Qu’est-ce qu’il vous manque, monsieur? C’est quoi, souci?« Und das ist dann auch in der Geschichte das einzige Mal geblieben, daß die Obstdiebin mich in Person angeredet hat. (Wie konnte ich übrigens mei-  nen, sie habe mich dieses erste und einzige Mal geduzt?) Das Besondere dabei war allein ihre Stimme, eine Stimme, wie sie heute gar selten geworden ist, oder vielleicht seit jeher eine Seltenheit war, eine Stimme voll der Sorgsamkeit, ohne einen Tonfall von Extra-Besorgtheit, und vor allem eine, die, Stimme der Geduld, der Geduld sowohl als einer Eigenschaft als auch, stärker noch, als einer Tätigkeit, eines beständigen Tätigwerdens, im Sinne von »Gedulden«, auch »Dulden«: »Ich gedulde mich und ich dulde dich, ihn, sie – ich dulde wen oder was auch immer, ohne Unterschied und, ja doch, ohne Unterlaß.« Nie im Leben würde solch eine Stimme anders modulieren, geschweige denn umspringen in eine erschreckend andere – wie mir das bei den meisten Menschenstimmen (auch der eigenen), akzentuiert noch bei Frauenstimmen, der Fall scheint. Wohl aber war diese Stimme ständig in Gefahr, zu verstummen, womöglich – bewahre! springt bei meiner Obstdiebin, ihr Mächte! – für immer. Die Stimme nach Jahren weiterhin im Ohr, denke ich, es passe zu ihr, was ein Schauspieler, gefragt in einem Interview, wie seine Stimme ihm helfe, in einem Film die jeweilige Geschichte zu spielen, geantwortet hat: Er spüre, nicht bloß bei sich selber, wenn eine Szene, oder auch die  ganze Geschichte, »die rechte Tonalität« habe, und es passiere ihm, daß er die Wahrhaftigkeit einer Szene, ja, des Films, einschätze nicht nach dem, was er sehe, sondern nach dem, was er höre. Worauf der Schauspieler, mit einem Lachen, anfügte, was mich für einen Moment an seine Stelle rücken ließ: »Und im übrigen höre ich sehr gut, das habe ich von meiner Mut - ter.« Es war hoher Mittag, der Hohe Mittag wie vielleicht nur in der ersten Woche des August. Alle die Nachbarn im Umkreis schienen verschwunden, nicht erst seit gestern. Es war, als seien sie nicht nur den Sommer über umgezogen in ihre Zweitwohnungen oder Chalets in den französischen Provinzen oder sonstwo. Sie waren, stellte ich mir vor, überhaupt ausgezogen, ferner als fern, weit weg von Frankreich, zurückgekehrt in die Heimat ihrer Vorfahren, nach Griechenland, ins portugiesische Hinterbergland, in die argentinische Pampa, an das japanische Ostmeer, die spanische Meseta, und, vor allem, in die russischen Steppen. Ihre Häuser und Hütten an der Niemandsbucht standen sämtlich leer, und anders als in den Sommern zuvor war in den Tagen und Nächten vor meinem Aufbruch nirgendwo eine Alarmanlage an-  gesprungen, auch nicht in den wenigen, seit langem geparkten, motorlos liegengebliebenen Autos. Schon den ganzen Morgen hatte, wie an den Vormorgen, eine Stille geherrscht, die sich im Lauf der Stunden noch ausbreitete, über die Grenzen oder Ränder der Buchtgegend hinaus, von den episodischen, in der Regel dreitaktigen Rabenrufen weniger unterbrochen als vielmehr womöglich noch weitergetragen. Jetzt aber, mit der Mittagsstunde, umfangen von einem unhörbaren, an dem Sommerlaub auch nicht sichtbaren, windlosen Wehen, eher einem zusätzlichen Luftstrom ohne eigens eine Strömung, einer nach außenhin, auf der Haut, weder an den Armen noch an den Schläfen, unspürbaren Luftzufuhr – kein einziges Blatt, auch nicht das leichteste, das der Linde, regte sich mehr –, senkte sich die über die Gegend gebreitete Stille, und zwar mit einem Mal, mit einem so sanften wie machtvollen Ruck herab auf die Erdlandschaft, und, einzigartiger Vorgang, allsommerlich nur momentlang sich ereignend: die Landschaft, schon vorher umfaßt von Stille, senkte sich oder sank ein mit Hilfe der aus den Himmelhöhen sich urplötzlich herabsenkenden Stillezufuhr und blieb dabei weiterhin die vertraute gebuckelte, aufgewölbte, tragende Erdoberfläche. Jenseits  des Hörbaren, Sichtbaren, Spürbaren geschah das. Und doch war es offenbar. Einsinken ins Land, das war seit jeher einer meiner Tagträume gewesen. Und der hatte sich bisher, noch ein jedes Mal, den einen, einen einzigen Sommermoment lang, erfüllt, zumindest während der mehr als fünfundzwanzig Jahre meines Daseins an ein und demselben Ort. Auch an jenem Tag, in der Stunde vor dem Aufbruch in das Departement der Oise, hatte sich also für den einen, langerwarteten Moment in der allgemeinen Stille noch die zusätzliche herabgesenkt. Es war gekommen wie immer. Und doch war einiges nicht wie immer, ganz und gar. Wie immer sah ich, als ich danach den Kopf hob, im Himmel über mir mit ausgebreiteten, sichelförmig gekurvten Schwingen den Adler heraufkreisen, der bis jetzt noch ein jedes Mal verläßlich zum lebenden Bild des einen Moments geworden war, still daherkurvend als dessen Folgemoment. In meiner Vorstellung war es Jahr für Jahr derselbe Raubvogel, der sich aufgeschwungen hatte aus seinem mit Falken, Bussarden,

http://www.suhrkamp.de/download/Blickinsbuch/9783518427576.pdf
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Man muss dieser zwischen Reflexion und Beschreibung pendelnden Prosa sehr gewogen sein, um auch darin ihr antirealistisches Aufbegehren zu sehen und die spezifische Modernität dieses ansonsten auf ein klassisches Maß geeichten Antimodernisten. Schon die Wochen und Monate suggerierende Fülle der Abenteuer, die Handke seiner Heldin im Lauf ihrer dreitägigen Reise andichtet, würde genügen, um sich von der Idee zu verabschieden, Alexia als Frau aus literarischem Fleisch und Blut zu sehen statt einen bloßen Bewegungsmelder von Wahrnehmungen und Empfindungen.


Das Zweifelhafte an Handkes Strategien ist, dass er damit „das Wirkliche an der Wirklichkeit“ einfangen will. Mit dem Auge des Propheten, das hinter die Dinge zu blicken vorgibt, den Ausweis seiner Fähigkeit aber allein durch seine Wortmacht erlangt, entwirft er eine Friedenslehre, in der ihm Schlangen, Kröten und Hornissen als „Aufhorchende – Offene – Antwortende“ näher sind als die verhöhnte „Krone der Schöpfung“.
So kommt es immer wieder zu jenen hasserfüllten Ausfällen gegen die Bewohner einer Welt, die sich ans Falsche verraten hat. Im Vorortzug begegnet er einer jungen Frau, der er im Namen wahrer Schönheit am liebsten ins Gesicht schreien würde: „Bilde dir nicht ein, dass ich etwas von dir will. Kein Mann, niemand erträumt sich mehr etwas von euren Larven. Und wenn: Weh über die armen Männer, die in eure Fänge geraten, ihr falschen Hoheiten. Platterdings, wie ihr Maskenweiber auf eurem Kriegspfad seid, werdet ihr sie plattmachen.“
Oder er hetzt gegen die grinsenden Visagen von Journalisten: „Geheimbündler und Verschwörer einer Elite, die niemand braucht, und eine Macht, die es längst nicht mehr gibt. Verschont uns wenigstens hier, in der Wirklichkeit.“ Das ist nicht mehr als die spirituelle Variante der populistischen Invektive gegen die „Lügenpresse“. Sie gehören zu einem Handke, der auch in diesem Buch nicht den Finger rührt, um vielen wolkigen Oder-so-ähnlich-Tatsachen, die sich im Nu nachschlagen ließen, Genauigkeit zu verleihen.

Visionäre Wesensschau

Es sind aber nicht die Tiraden, die der „Obstdiebin“ eine unangenehme Färbung geben. Es ist der Versuch, die visionäre Wesensschau einer Wirklichkeit zu oktroyieren, die auf vielen verschiedenen Ebenen verstanden werden will. Die wilden, mit der Metapher des Dschungels versehenen Flüchtlingscamps von Calais und Paris, deren Schrecken offenbar auch Handke gestreift haben, lassen sich nicht mit einem metaphorischen Dickicht einholen, in dessen Tiefen Alexia zunächst ein Kätzchen findet, bevor sie darin einen Menschen um sein Leben rennen sieht.
Man sollte Handke bei allem kulturkritischen Jähzorn nur die besten Absichten unterstellen. Doch ohne einen literarischen Sinn für individuelle Not einerseits und politische Ursachen andererseits – sowohl Geschichte als auch Gesellschaft sind dem Eremiten Handke fremd – fehlt solchen Bildern jede Tiefe. Von daher bilden auch seine übrigen Hinweise auf eine sich verdunkelnde Welt nur die düstere Begleitmusik einer Krise, deren Heillosigkeit in erster Linie geistiger Natur ist. Damit befindet er sich in guter – oder vielmehr schlechter – Gesellschaft von religiösen Apokalyptikern, die auf die Heraufkunft einer neuen Welt warten.
Das Tröstliche an Peter Handkes Vision besteht darin, dass das Andere immer schon da ist. Auf Schritt und Tritt stößt man auf punktuell aufblitzende Andersheiten aller Art, auf das Andersklare, das Andersriechende, das sich bis zum archetypisierenden „wie nur je“ eines Phänomens steigern kann. Ein „wie immer, und zugleich anders“, wie es einmal heißt. Das kann man auch für dieses erste große Alterswerk in Anspruch nehmen.
Peter Handke: Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 559 Seiten, 34 €.

http://www.tagesspiegel.de/kultur/peter-handke-und-die-obstdiebin-zwischen-reflexion-und-beschreibung/20568954-2.html


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Als „Letztes Epos“ will der bald 75-jährige Dichter Peter Handke diese Geschichte verstanden haben. Es wird nicht das letzte sein, es gibt keine letzten Epen wie es keine ersten gibt, für diesen Dichter in Sonderheit nicht, der sein Erzählen niemals als Zeit-Zeuge oder gar als Zeit-Genosse, sondern stets als „Bezeuger“ der „hiesigen“ Welt betreibt. https://www.berliner-zeitung.de/kultur/literatur/-die-obstdiebin--peter-handkes-neuer-roman-schreibt-die-lust-am-verirren-fort-28824652



Als „Letztes Epos“ will der bald 75-jährige Dichter Peter Handke diese Geschichte verstanden haben. Es wird nicht das letzte sein, es gibt keine letzten Epen wie es keine ersten gibt, für diesen Dichter in Sonderheit nicht, der sein Erzählen niemals als Zeit-Zeuge oder gar als Zeit-Genosse, sondern stets als „Bezeuger“ der „hiesigen“ Welt betreibt.
Und Welt, so definiert dieses Buch überraschend unzweideutig, das ist „die Dreiecksgeschichte zwischen einem selber, der Natur und den Anderen“.

Biene sticht Dichter

Bei „einem selber“ beginnt dies Epos auch, einem Ich-Erzähler, der absichtlich alle Gräben zwischen Fiktion und Dokumentation „umgeht“, also unumwunden als Handke-Ich identifizierbar ist. Diesem Dichter-Ich „widerfährt“ ein Bienenstich: Mit einem „Gestochenwerden“, einem Einstich durch die Natur zu Hause „im Garten der Niemandsbucht“ setzt das Erzählen ein.
Das will ein Zeichen sein: „Fort mit dir. Die Stunde des Aufbruchs, sie ist gekommen.“ Also macht sich dies Ich auf, verlässt „das Anwesen“, geht in die Stadt, beschaut Mensch und Natur, Bäume, Tiere, „Landstraßenkot“ und ergeht sich in der „ans Herz gewachsenen Beschäftigung“ des „Nachschauens“, der Suche nach „Stillezufuhr“. Das Motto der ersten gut 130 Seiten: „Lasst uns sehen“.

Von Grimm und Groll befallen

Aber das umherschauende Handke-Ich versieht, verirrt sich offenbar in „einem selber“, wird von Grimm und Groll befallen, fantasiert sich eine „erdrückende Mehrheit der Zweibeiner“ zurecht, die er zur „Rasse der Unerreichbaren“ rechnet: „Nichts wundert sie. Nichts macht sie aufhorchen.“
Die Anderen als die vom eigenen Ich Abgehängten: Handke weiß, welches identitätslogische Denken, welche rassistisch ausbeutbaren Vorstellungen er hier bedient. Sein Erzähler-Ich sucht sich zu retten, indem es von „meinen Unerreichbaren“ spricht, in der Hoffnung, dass sie zu Erreichbaren würden: „Hochmütiger Gedanke. Hoffährtiger!“

Verfolgte Obstdiebin

„Fast feierlich“ wird diesem Dichter-Ich darauf zumute „bei dem Gefühl, nichts mehr zu sagen zu haben.“ Abschied vom „süßen Schrecken“, und mit „Staunen“ beginnt die Geschichte der „Obstdiebin“, erzählt aus halbsicherer, auktorialer Distanz. Für drei Tage folgt das Buch ihren Wanderungen, die kein gewöhnliches Ziel haben, sondern einen „Behuf“, um „zu erforschen was auch immer“.
Die „Obstdiebin“, Alexia genannt, „blutjung“, ist „auf Muttersuche“ unterwegs „ins Landesinnere“, in die Picardie. Eine, die „heimisch im Unerklärlichen“ ist, eine „Auserwählte“. Eine, die „mit all den Staaten der Welt nichts zu schaffen haben“ wollte. Eine Umhergeherin, deren „kaleidoskopisches Gehen“ ein Weltdurchstreifen „in sich weitenden Spiralen“ ist. Sie geht allein, sie geht mit einem „Valter“ genannten „Fremden“, sitzt, staunt, schweigt, zürnt und ist voller Zartheit.


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PETER HANDKES NEUER ROMAN „DIE OBSTDIEBIN“ MACHT EINE REISE ZU EINER FRAU, DIE UNS FREUNDLICHKEIT VORLEBT

Jeder schenkt und wird beschenkt
https://www.ovb-online.de/kultur-tv/jeder-schenkt-wird-beschenkt-9408186.html

PETER HANDKES NEUER ROMAN „DIE OBSTDIEBIN“ MACHT EINE REISE ZU EINER FRAU, DIE UNS FREUNDLICHKEIT VORLEBT
Jeder schenkt und wird beschenkt

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© OVB

Neuerscheinung . Von Andreas Puff-Trojan.

„Alle Zeit auf Erden hatte ich plötzlich. Alt wie ich war: Mehr Zeit denn je. Und das Buch des Lebens: Offen und dabei dingfest, die Seiten, aufleuchtend im Wind der Welt.“ Solche Gedanken findet man am Anfang des neuen Buchs „Die Obstdiebin“ von Peter Handke (Foto: Antonio Cotrim/ epa/ dpa). Der Ich-Erzähler ist dabei ein literarisierter Autor, sein künstlerisches Double. Er geht auf Reise, bricht von seiner „Niemandsbucht“ auf. Damit ist ohne Zweifel Handkes Haus in Chaville gemeint, gelegen an der südwestlichen Peripherie von Paris. Der Autor-Erzähler nimmt den Leser bei der Hand: erst den Koffer packen, nochmals durch den Garten gehen, das Haus absperren. Und dann sich aufmachen zum gemütlichen Reiseabenteuer. Es ist keine Kontinente umspannende Fahrt, wie sie Handke Ende der Achtzigerjahre unternommen hat, sondern es geht vom Pariser Gare Saint- Lazare durch die Île-de-France hinein in die Picardie.

Bis Handkes Obstdiebin ins Bild kommt, vergeht einige Zeit. Beobachtungen und Gedanken des Autor-Erzählers deuten an, dass man sich die Schönheit und die Erhabenheit ruhiger Wahrnehmung durchaus erarbeiten, besser noch, sehend erkämpfen muss. Denn Handkes Welt kennt auch den islamistischen Terror. Dieser Terror schwebt wie eine dunkle Wolke über dem Erzählten. Wer aber ist diese Obstdiebin? Sie, die mit Vornamen Alexia heißt, wurde schon seit Kindheitstagen Obstdiebin genannt. Das ist durchaus ironisch gemeint. Das Mädchen, jetzt eine junge Frau, hat es sich zur Gewohnheit  gemacht,  in fremden Gärten  eine Frucht vom Baum oder Strauch zu nehmen: eine Birne, einen Apfel, vielleicht eine Handvoll Brombeeren – mehr nicht. So ist Alexia in Wahrheit weniger eine Obstdiebin denn eher eine, die Obst stibitzt, also eine Obststibitzerin.

Handkes Heldin hat gerade eine weite Reise hinter sich, Tundra und Taiga werden genannt. Jetzt ist sie nach Frankreich zurückgekehrt, sucht nach ihrer angeblich verschollenen Mutter und trifft bei ihrer Reise durch die Picardie auch auf Vater und Bruder. Diese Familie der Obstdiebin ergibt eine seltsame Mischung. Ihre Mutter ist Chefin einer Bank, also ganz im geschäftigen Diesseits befangen. Der Vater, ein etwas heruntergekommener Lebemann, wird als selbst ernannter Historiker, Geograf und Vielredner dargestellt. Der Bruder arbeitet zufrieden als Schreiner. Und Alexia selbst? Sie ist irgendwie ein Lichtwesen. Dass sie Obst klaut, macht sie in den Augen der anderen zu jemanden, der die Früchte der Natur als eine Art Geschenk schätzt.

Diese Obstdiebin ist der Natur, aber auch dem langsamen Beobachten nahe. Deswegen sagen einige, sie sei auf einer „Mission“. Freilich, die „Mission“ Alexias besteht nicht darin, andere zu veganer Lebensführung zu bringen oder Menschen zu Frutariern umzupolen. Handkes Heldin isst Fleisch, trinkt Wein – doch dies alles in Maßen. Bei der „Mission“, wenn man sie überhaupt so nennen will, geht es um Entschleunigung, genaues Beobachten, schlicht gesagt, um Natur- und Menschenliebe: „Die Welt, das war die Dreiecksgeschichte zwischen einem selber, der Natur und den Anderen. O die Anderen! Die göttlichen Anderen.“ Der andere – der kann etwa der Inhaber eines kleinen Hotels sein, der die Frau und ihren zeitweiligen Begleiter bei sich aufnimmt,  beide freundschaftlich bewirtet, aber bei der Erstellung der Rechnung ganz ungeschickt hin und her tut, als habe er einem Gast noch nie etwas berechnet. So eine Szene mag komisch, ja, einfältig erscheinen. Doch Handke geht es auch um das große Thema der Gastfreundschaft, um die Freundschaft und Freundlichkeit der Menschen untereinander, den anderen als „Gast“ zu erkennen – und dies nicht nur in Zeiten großer Not.

Am Schluss von Peter Handkes Prosatext kommt es zu einem großen Fest, das die heimgekehrte Mutter Alexias organisiert. Auch ihr Vater ist da, hält eine Rede, spricht die Gäste mit Worten an, die der Autor ihm in den Mund legt: „Wir Staatenlosen, hier und heute den Staat Losen, unbelangbar vom Staat. Wir ohne Rolle, während die Staatsleute, unbeirrbar, in ihrer Rolle bleiben. Wir ewig zagen Unverzagten. Die ewigen Zögerer und Hinauszögerer. Die Ungeduldigen im Herrn. Die Umwegmacher.“

Geübte Leser von Handkes Prosa wissen, dass in seinen Büchern, so in „Die Obstdiebin“, immer Passagen vorkommen, deren Länge den Geduldsfaden bis zur Zerreißgrenze dehnen. Geübte Leser wissen aber auch, dass man an solchen Stellen lesend von Langsamkeit auf Beschleunigung umschalten kann, ja, darf. Das alles ändert aber nichts an der, sagen wir „Botschaft“, die der Autor seinen Lesern als „Mission“ an die Hand gibt: gegen die Schnelligkeit, Hartherzigkeit, Ignoranz unserer westlichen Lebenswelt aufzutreten – als wacher, menschen- und naturfreundlicher Zeitgenosse, der vielleicht sogar ahnt, wo Gott wohnen könnte. Dieses stete Beharren auf Entschleunigung, auf das Sich-Hinwenden zum Schönen und Guten der Welt, jenseits des Kitsches, macht aus Peter Handke einen Dichter, dessen Worte achtsam gelesen und vielleicht auf Umwegen ins eigene Leben übertragen werden sollten. Das gilt für die „Obstdiebin“ in besonderem Maß.

Peter Handke:

„Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere“. Suhrkamp Verlag, Berlin, 560 Seiten; 34 Euro.




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Die „Obstdiebin“ ist die idealische Handke-Figur, eine Doppelgängerin seines Dichtens, und es ist von einigem selbstironischen Witz, dass er es am Ende nicht nur zur Hochzeit zwischen Bruder und Schwester (Dichter und Figur?), sondern auch zum Doppelgänger-Kampf mit Momenten der „Totschlagwut“ kommen lässt: Wo zwei sich ineinander verwandeln, wächst die Verwechslungsgefahr. Sich verwandeln, meint bei Handke sich verlieren, sich verirren. „Wie man sich verirrt, so erlebt man“, ruft dieses Buch am Ende, die letzten Worte lauten entsprechend: „Ewig seltsam.“

Im Himmel der Andeutungen

Ablesbar ist an dieser Lust am Verirren auch der Weg, den die Handke-Literatur genommen hat. In „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ (1994) wurde das Verwandeln „als ein einziges Würgen“ erfahren, jetzt will es „Umschwung ins Höhere und Offene“ sein, „ein Schwingen weg von all dem Definierten ins Undefinierbare“.
Der Zuwachs an Weltflucht ist unübersehbar: Die Literatur wird zum „Schrift-Zug hinter geschlossenen Lidern“, zum Flucht-Ort, zur Insel, zum Rück-Zug. Die vielen Bezüge auf Wolfram von Eschenbach sind hierbei nur das äußere Zeichen einer Dichtung im inneren Exil. Ihr Hauptheld ist ohnehin, wie stets bei Handke, die Sprache, die „gute und schöne deutsche Sprache“. Und auch dieses Buch scheint mitunter einzig geschrieben, um sie hinaufzuheben in einen unermesslichen Himmel der Andeutungen, um überhaupt himmelhebende Worte zu finden.

Der ewige Handke

Es wird bei Handke „vorbeigeäugelt“, eine Handschrift „entflittert“, eine Tasche „emporgelupft“ wird. Es wird von Spurlosigkeit, Augenmerk und Auskehr geredet. Stets drängt es den Text, wie die Obstdiebin, ins „wild verflochtene Quellgebiet“ des Sprechens und Schreibens selbst, das es zu „durchqueren“ gilt: „Etwas anderes kam nicht in Frage.“ Etwas anderes hat Handke nie getan.
Das Lesen wird so zur „heimlichen“ Komplizenschaft. „Mit dem Lesen“, so wird von der Obstdiebin berichtet, „durch es, in ihm, kraft und dank seiner jemand schützen zu können und ihn tatsächlich zu schützen, ihn, um den es ihr ging, das war ihr Glaube.“ Den Glaubenden macht er selig.
– Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/28824652 ©2017

– Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/28824652
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Peter Handke and “The fruit thief”: Praise Hornet – Culture





























See things asas if for the first timeidentify with the innocence of the pure gazehow they live their own life and at the same time provide a single connectionPeter Handkes works for almost consumed 40 Years from the phantasmto capture the active forces of all earthly things in a narrative without beginning and without endthe almost shamanistic type of manAnimal and landscapecombines animated and inanimatea patient collecting of detailstogether shoot epiphanic moments into a kind of world formulaThis is a great book now writes "The fruit thief" continued. 559 pages vocalsprayerPreaching and walking meditationthe invocation of the first time with the idea - and the magical defense - a last times are afflictedAm 6. December is Handke 75 year old.

See things asas if for the first timeidentify with the innocence of the pure gazehow they live their own life and at the same time provide a single connectionPeter Handkes works for almost consumed 40 Years from the phantasmto capture the active forces of all earthly things in a narrative without beginning and without endthe almost shamanistic type of manAnimal and landscapecombines animated and inanimatea patient collecting of detailstogether shoot epiphanic moments into a kind of world formulaThis is a great book now writes "The fruit thief" continued. 559 pages vocalsprayerPreaching and walking meditationthe invocation of the first time with the idea - and the magical defense - a last times are afflictedAm 6. December is Handke 75 year old.
The "last epic"as he calls itis not sure his last wordBut has never been his effortsto reconcile own mortality with that eternal lawhe has "Slow Homecoming" (1979) encirclesas strong as hereThe repeat loopshe takes onboth reaffirmation of that will be a new beginning unremittingthe "Repetition" (1986) rose to the programas well as the expression of a personal obsession - and more recently a strange coquetryFor one thing, this prose is moving in the same orbit around their ineffable mystery as everSecondly, it just stares as before Allusions to the earlier booksabout the "Essay on the Jukebox" (1990) or "loss of image" (2002). Expressly draws in particular on the transformation of desire of "A Year in Bay No" to.
Where his is 1994 published "Tales of the new times" unfolded in the shadow of a fictional European Civil Warroars on "The fruit thief" the unequal more real "pressure wave of a global catastrophe" of timeIn it, both the European refugee crisis as the Islamist attacks reflect on the club Bataclan or "Charlie Hebdo": Events, with its vague evocation to Handke's world remote from praise of the inconspicuous even challenge.

Homer the Parisian suburb

1990 he was to Chavillea small town between Paris and Versailles, drawn. There, No one in his bayhe livesan enchanted sandstone house with gardenbreaks from which he to his mushroom collection trips in the neighboring woods and his travelsMeanwhile, he also has a simple cottage, in the PicardieBoth experiences flowing nearly unhindered autobiographical into the "fruit thief"The nameless narrator even dispensed with his alter ego Gregor Keuschnighe at first 160 Pages recurs as Homer the Parisian suburbAs a chronicler of uneventful he muses on his walks over being young and his - not only unfortunate - senilitybefore he steps aside and the fruit thief Alexia the field of Picardy and the plateau of Vexin leavesIt is taking those "Easy drive inland"gives his second title of the book.
Despite their youth Alexia comes from far away by the time and spacesomehow from the banks of the Siberian Yenisei ago and actually straight from paradiseFor it is the Old Testament Evewhich has picked the forbidden appleA female Franz von Assisiof all animals attached by the floodplains pilgrimageA descendant of Teresa of AvilaA sister of Wolfram von EschenbachPart of a holy familywho gathered at the end of an anarchist party in the name of the beautiful futility.
To make matters worse, it is a "chosen one among women"the aufflimmert on the "screen behind the eyelids" a manuscriptwhich is to decipher it as a storytellingwants to tell themselves and their points the wayHandke is once again on the brink of enlightenment and deliriumIt could be his literaturein the page 489 relish Eucharist is celebratedsubmit a theological Oberseminar to Exegesefoist but also as a self-parody of the "Titanic"Paragraphs of beguiling tranquility and sensuality go with pathetic rattles full bulleted drives and redundant phrasesParticularly unnerving is the mechanicsitself falls into word questioning the Handkewhether this or that unless really been sothen again takes off and like to make the jump to the next paragraph with another question"And what now?“
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Wenn die Uhr steht

In seinem Buch "Die Obstdiebin" setzt Peter Handke seine Suche nach dem Epos fort - und findet Augenblicke, Schrecksekunden, aber auch den lichten Sommer in mannigfacher Farbe.
Von Lothar Müller
Zu den Doppelgängerfiguren, die in seinem Werk auftauchen, gehört Peter Handke selbst. In ihm gibt es, nunmehr schon seit Jahrzehnten, zwei Autoren, die einander zum Verwechseln ähnlich sehen, einander zuarbeiten, miteinander rivalisieren, hin und wieder über einander den Kopf schütteln, sich voneinander entfernen, aber nie aus den Augen verlieren. Der eine verfasst, auf Reisen oder an seinem jeweiligen Wohnort, Notizen, Aufzeichnungen, Kommentare zu Lektüren, Einfälle, und macht daraus irgendwann ein Buch. Der andere arbeitet derweil in immer neuen Anläufen daran, ein Erzähler zu werden und hat es dabei nicht leicht, weil er kein Geschichtenerfinder ist.
So nimmt er, was ihm seit der Kindheit andere erzählt haben, was er im Kino gesehen, in Bluesballaden und Rocksongs gehört hat, und nicht zuletzt den Stoff des eigenen Lebens, um es in die Form von Geschichten zu bringen und so zum Erzähler zu werden. Lange Zeit hat er, etwa seit 1989, "Versuche" über alles mögliche geschrieben, die Jukebox, die Müdigkeit, den geglückten Tag oder den stillen Ort, die trotz ihres Titels nicht Essays waren, sondern Versuche des Erzählers, seinen Doppelgänger in den Helden einer Geschichte zu verwandeln.

"Man sah den lichten Sommer in so mannigfacher Farbe nie", heißt es bei Wolfram von Eschenbach

Peter Handke geht inzwischen auf seinen 75. Geburtstag zu. An diesem Montag erscheint nach längerer Zeit wieder einer seiner epischen Großversuche. Er heißt "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere". Wer darin nach Verbindungslinien zu seinen Vorläufern und nach dem Lebensstoff seines Autors sucht, wird rasch fündig. In dem Buch "Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos" (2002) war ebenfalls eine weibliche Heldin, die im Finanzsektor arbeitende "Bankfrau", zu einer Abenteuerreise in die spanische Hochebene aufgebrochen und war auf der Suche nach ihrer Tochter. Nun ist die junge Obstdiebin auf der Suche nach ihrer Mutter unterwegs, zwischen den nördlichen Ausläufern der Île de France und einem - freilich niedrigeren - Hochplateau in der angrenzenden Picardie.
Aber ehe die junge Frau auftaucht, bricht der Erzähler aus seinem Haus in der "Niemandsbucht" Richtung Picardie auf, an einem Sommertag im August, nachdem er von einer Biene gestochen worden ist. Der Autor hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er seine Niemandsbucht um das Haus in Chaville südwestlich von Paris herum entworfen hat, in dem er seit fast dreißig Jahren lebt. Und in Interviews hat er berichtet, er habe vor einigen Jahren ein weiteren Haus erworben, in der Picardie.
CERGY
"Die Uhr von Cergy-Saint-Christophe war freilich an jenem Abend stehengeblieben, oder stand vielleicht schon seit längerem. Hinter den Speichen dieser Uhr fast in Form eines Riesenrads, zu denen jetzt auch das stehengebliebene Zeigerpaar gehört, wurde der Himmel, obwohl weiterhin hell, ein Abendhimmel."
 (Foto: Franck Renoir/picture-alliance/dpa)
Das Buch "Mein Jahr in der Niemandsbucht"(1994) firmierte im Untertitel als "ein Märchen aus neueren Zeiten", und "Der Bildverlust" gab sich im Untertitel offenkundig nur deshalb als "Roman" aus, um zum "Don Quijote" des Miguel de Cervantes hinüber zu grüßen, dem er sein Motto verdankte: "Vielleicht haben die Ritterschaft und die Verzauberungen heutzutage andere Wege zu nehmen als bei den Alten". Mit dem landläufigen Roman, seinen Plots, seinen Handlungsmustern hat der Schriftsteller Peter Handke seit je nichts zu schaffen. Und vom James Joyce des "Ulysses" wie vom "Mann ohne Eigenschaften" Robert Musils hat Handke sich mit Grausen abgewandt, als er das "epische" Erzählen zu seinem Ideal und das Mittelalter zu seiner Wahlheimat erklärte. Früh tauchte dabei, etwa in der "Niemandsbucht", die Hoffnung auf eine Wiederkehr des Wolfram von Eschenbach als Autor der Gegenwart auf. Er ist nun der wichtigste Schirmherr der "Obstdiebin", die sich in Handkes letztem Aufzeichnungsband "Vor der Baumschattenwand nachts" als Projekt eines "letzten Epos" findet.
Wolfram von Eschenbach erzählt von Ereignissen, die in Frankreich stattfinden,und im "Willehalm", dem Handke eines seiner Motti entnimmt ("Man gesach den liehten summer in sô maniger varwe nie", "Man sah den lichten Sommer in so mannigfacher Farbe nie"), begegnen sich Christen und Muslime, wie auf dieser kurzen, nur wenigen Tage dauernden Reise in die Picardie, der alten Kornkammer der französischen Könige, deren Name in den Ohren der Obstdiebin etwas "Ritterliches", "Chevaleresques" hat.
Nach etwa 150 Seiten verlässt der Erzähler als leibhaftige Figur seine Geschichte, um nur noch Begleiter der Obstdiebin zu sein, die kein Obst stiehlt, sondern nur einzelne Früchte, also allenfalls Mundraub begeht und nur dem Namen nach eine Diebin ist. Sie ist eine Art Wünschelrutengängerin, wo sie eine Frucht pflückt, auch eine Lesefrucht, findet der Erzähler Berichtenswertes. Was aber ist erzählenswert? In einem Epos vor allem Abenteuer, die sich episodisch aneinander reihen, wenn der Held erst einmal aufgebrochen ist. Doch wo gibt es die, in der Jetztzeit, beim Wandern durch die industrialisierte Provinz, in den Regionalzügen, vor den Supermärkten, in den Kebab-Imbissen, im Niemandsland zwischen Metropole und Provinz?
Nur in Form der Verwandlung von Alltagsbegebenheiten in Prüfungen, Gefahrenmomente, vermiedene Katastrophen. "Verwandlung" ist das Schlüsselwort in Handkes Projekt eines neuen epischen Erzählens. Und so gehören zu den schönsten Passagen des Aufbruchs die Seiten, auf denen sich die Supermarktkassiererin auf dem Spielplatz am Bahnhof der Niemandbucht in eine epiphanische Erscheinung verwandelt.
Ihnen stehen die Schrecksekunden und Gefahrenmomente gegenüber, das wichtigste Organ ihrer Wahrnehmung ist das Gehör. Ein Tritt auf dröhnende Kanalisationsplatten ruft die Vorstellung automatisch aus dem Boden schießender Sperrvorrichtungen hervor, das Krachen im Regionalzug, der plötzlich auf freiem Feld stoppt, lässt Anschlagsangst über die Passagiere gleiten, in der Gratiszeitung taucht "der Mörder des greisen Priesters in der Kirche bei Rouen" auf, angesichts verschleierter junger Frauen muss der Erzähler einen Wutanfall in sich unterdrücken. Und der todessüchtige junge Pizzabote, der sich eine Zeitlang der Obstdiebin auf ihrer Wanderung anschließt, gerät momentweise in eine Panik und ein Zwielicht, die ununterscheidbar werden lassen, ob in ihm ein Selbstmordattentäter oder nur ein Selbstmörder steckt. Die Reise ins Landesinnere führt auch ins Innere eines vom Terror erschütterten Landes

"Die Sonne ging unter. Ein erster kühler Hauch kam nach dem sommerwarmen Tag daher . . ."

Man kann die Stationen dieses Buches auf der Landkarte verfolgen, es gibt die riesige Uhr am Regionalbahnhof von Cergy-Saint-Christophe, die stehengeblieben ist, um der Zeit der epischen Erzählung den Vortritt zu lassen. Aber nicht der Gehalt der Erzählung ist das Entscheidende, der Weg der Obstdiebin zur Familienzusammenkunft mit der Mutter, dem Vater und dem jüngeren Bruder, die Begegnung mit einem Ungeheuer, das sich als kleiner gallischer Hahn entpuppt, die Rettung einer halbtoten Katze, die Einkehr in ein Totenhaus, eine Herberge, die Teilnahme an der heiligen Messe.
Entscheidend ist der Satzbau, der in Appositionen und Einschüben den Rhythmus des Aufbruchs und Voranschreitens in sich aufnimmt, als eine einzige lange Polemik gegen den "lakonischen" Kurzsatzstil und den Aufstieg des Präsens als Erzähltempus in der Gegenwartsliteratur. Und, auf der anderen Seite, die in Schrift, in Prosa verwandelten Nachbilder, die alle behaupteten Bildverluste dementieren: "Die Sonne ging unter. Ein erster kühler Hauch kam nach dem sommerwarmen Tag daher über die Picardie und das Vexinplateau. Die dunkelnden, da abgeernteten Felder zeigten sich unversehens weiß in weiß von den vorher verborgenen Möwen. Hoch im Zenit, ebenso weiß Wolkenbänder als Schaumstellen im Sand nach dem Zurückfließen einer Meereswelle. Zwei dieser Wölkchen, im Abstand, wurden von einem Strahl der sonst allüberall schon verschwundenen Sonne erfasst, trieben jetzt sacht aufeinander zu und gleißten auf in dem einen Moment, da eins auf das andere traf."
Man findet solche Prosa auch in den Notizheften Handkes. Anders, als der Autor glauben mag, liegt die Stärke dieses wie seiner anderen epischen Großprojekte nicht im weltumspannenden Gestus des Erzählers. Sondern in den Passagen, in denen er seinem Doppelgänger den Vortritt lässt, dem Verfasser von Aufzeichnungen und Meister der Prosa des Augenblicks.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/der-neue-handke-wenn-die-uhr-steht-1.3746197


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https://www.nzz.ch/feuilleton/peter-handke-uebt-die-anrufung-des-heiligen-bimbam-ld.1328105


Peter Handke übt die Anrufung des heiligen Bimbams

Die titelgebende Obstdiebin in Peter Handkes neuem Roman ist vieles und nichts. Vor allem aber ist sie eine Wünschelrute in der Hand des Erzählers, der mit ihr eine versehrte Landschaft erkundet.


In den autonomen Ländern der Literatur kann der Autor alles sein: Herrscher oder Volk, Spassmacher oder Ernstmacher. Dass Peter Handke für gewöhnlich als Seine Majestät die königliche Deutungshoheit auftritt, hat die Sache seit eh und je nicht unbedingt leichter gemacht. In seinen Romanen geht kein Blatt zwischen die Welt und die literarischen Behauptungen, die über sie gemacht werden. Der Gemeinde wird ein «Glaube mir!» zugeraunt, das die einen in die Arme des Dichters treibt und die anderen mitunter ratlos zurücklässt.
Man muss also erst einmal alles glauben, was in Peter Handkes neuem Roman «Die Obstdiebin» steht. Das Buch, das mit den Worten endet: «Bleibend seltsam. Ewig seltsam», beginnt seltsam genug. Es ist ein bedeutungsschwangerer «Stichtag», an dem ein Bienenstachel den Fuss des Erzählers durchbohrt, der Himmel vom Atlantik her blaut und die Schnürsenkel beidseitig reissen. Aus Handkes berühmter «Niemandsbucht» am Stadtrand von Paris bricht einer auf, um in die Picardie zu fahren.
Ein Anfang, wie man ihn aus anderen Büchern des österreichischen Schriftstellers kennt. Im Fortgehen gibt es ein «Einsinken ins Land», aber diesmal keine selbstsüchtige Suche nach dem Ich, sondern die Suche nach der rätselhaften Obstdiebin, die dem Roman den Titel gegeben hat. Im Zug geht es gegen Norden. Womöglich sitzt die Frau schon im Abteil, jung und schön. Oder geht sie da draussen neben den Gleisen auf dem Stoppelfeld?

Verneigung vor der Schöpfung

Eine irrlichternde Erscheinung und vor allem eine «Auserwählte» ist Handkes Obstdiebin, aber dass das Heiligmässige ihres Auftrags im Roman auch sonst Brief und Siegel erhält, kann man nicht sagen. Ihre Vita hat sie vom sibirischen Jenissei in die Picardie geführt, die Eltern sind im zivilen Leben «Erdforscher» und «Bankfrau», und auch diese Figurenreprise aus dem 2002 erschienenen Roman «Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos» ergibt noch keine Legende.
Heiliges vollbringt die Obstdiebin ebenfalls nicht, eher Heimliches. Das wird von Peter Handke dann kurzerhand synonym gesetzt. Aus Gärten oder von Stadtbrachen holt sich Alexia, wie sie mit Namen heisst, diverse Früchte. Einen Pizzaboten gabelt sie irgendwo auf, der sie dann durch ein paar Städte am Flüsschen Viosne begleitet, hinauf zum Vexin-Hochplateau. Man kommt an einer Trauergesellschaft vorbei, an einem «Vatersucher» und an einer «Aushilfsbriefträgerin», nächtigt in einer Herberge und trennt sich wieder.
Wenn Peter Handkes Verneigung vor der Schöpfung schon immer auch Versenkung war, und sei es nur in die Notizbücher beim Schreiben, dann ist dieser ausufernd lange Roman ein weiterer Anwendungsfall von theologischer Poetologie. Handkes Obstdiebin ist ein himmlisches Kind des Zufalls, dessen «Leergang» und «kaleidoskopisches Gehen» die Landschaft durch Schritte beschriftet. Ginge sie nicht, dann könnte man nicht von ihr erzählen.
Diesen Schöpfungs-Witz verdoppelt Handke noch, indem er der «blutjungen» Frau eine heilige Kunst andichtet, die allerdings cybertechnisch schon eingeholt scheint. Die Obstdiebin sieht ein Schriftband vor ihren Augen. Was es zu erzählen hat, wird allerdings verschwiegen. Sind wir in der wunderschönen Picardie mit Peter Handke einem Wunder auf der Spur? Schlägt hier der mächtige Blitz der Metaphysik ein, oder ist es nur eine Anrufung des heiligen Bimbam?
Es gibt allerdings noch eine Variante, bei der sich Literatur und Höheres verschwistern. Wolfram von Eschenbachs «Parzival» trägt der Erzähler in seinem imaginären Gepäck mit sich. Wie die Sache mit dem Gral ist auch «Die Obstdiebin» eine Geschichte des Suchens. Die Mutter wird gesucht, es gibt Väter, die ihre Söhne verloren haben, und den einen Vater, der selbst verloren wirkt. Das könnte immerhin ein Selbstporträt Peter Handkes sein. Dann ist die Obstdiebin wohl eine seiner beiden Töchter.
Die popkulturellen Anspielungen von den Beatles bis zu Eminem würden da einiges hergeben, und der Parzival scheint mithin auf eine sehr private Ebene heruntergebrochen: die Suche nach dem heiligen Clan. Heiligmässig geht es im Roman weiter zu, wenn an seinem Ende ein Familienfest unter freiem Himmel stattfindet. Eine Communio unter Gleichen, wie sie für Handke typisch ist. Es gibt die Eingeweihten und die Ausgeschlossenen, und damit ist man auch bei den heiklen psychologischen Schattierungen von Peter Handkes neuem Roman.
Seine Bücher waren immer auch Schauplatz eines irritierenden Kampfs im Zentrum des Erzählens. Dem Kampf zwischen Demut und Unmut. Das Muster, nach dem beide verteilt werden, ist über Jahrzehnte gleich geblieben, aber die Konturen haben sich möglicherweise verschärft. Da ist die Demut gegenüber der Natur und der Unmut gegenüber den Menschen und ihren Werken. Einen Sarazenerdolch habe er früher in der Pariser Metro immer bei sich getragen, teilt uns der Erzähler mit, der übellaunig das menschliche Leben um sich herum erträgt.
Die Bettler am Bahnhof oder die vom Tun abgestumpften «Unerreichbaren» sind genauso Ziel der Schmähung wie eine junge Frau im Zug, die doch nur das eine von ihm will: dass er etwas von ihr will. Daneben gibt es als Kontrast das ganze Programm einer ins Sepia des Altmodischen getauchten Natur. Wendungen, die Handke mit den Worten einleitet: «Sagt man noch so?» Synästhesien des «anders Schönen» wie «Bildschnuppenschwärme», «Flussschwalbensirren», «dreitaktige Rabenrufe», «zickzackende Falter», «stillgelbe heimliche Sonnennester».

Bomben und Brombeeren

Den Kriegszustand, in dem sich die Welt befindet, klammert Handke in seinem Roman nicht aus. Als existenzielle Grundkonstante ist der Krieg so omnipräsent, wie es auch die Aversionen des Erzählers sind. Die Wogen der Bedrängnis schlagen gegen die «Niemandsbucht» am Pariser Stadtrand und «die Geschichte der letzten Monate und Jahre, mörderisch zugeschärft, jetzt, im zweiten Jahrzehnt des meinetwegen dritten Jahrtausends».
Die Landschaft der Picardie ist vernarbt von den Bombentrichtern des Zweiten Weltkriegs, aber darüber wölbt sich der Brombeerhag eines epischen Erzählens, das vor allem nach einem verlangt: «Stillezufuhr». Die fast nur schweigend durchs Land wandernde Obstdiebin ist dafür genauso eine Symbolfigur, wie sie eben den eklatanten Widerspruch zwischen Poesie und Praxis offenbart.
Wo Gefahr ist, wächst möglicherweise das Rettende auch. In der Literatur kann es ja wie im Leben sein: Nicht jeder muss gleich Rettung darin suchen, dass er sich die Welt metaphysisch schöntrinkt.
Peter Handke: Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere. Roman. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2017. 559 S., Fr. 44.90.
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 Der Meister der Prosa des Augenblicks





Der Meister der Prosa des Augenblicks

Der österreichische Schriftsteller Peter Handke setzt im Roman «Die Obstdiebin» seine Suche nach dem Epos fort. Er findet die Abenteuer im Niemandsland zwischen Supermarkt und Kebabimbiss. https://www.tagesanzeiger.ch/kultur/buecher/der-meister-der-prosa-des-augenblicks/story/15733991


  

Der österreichische Schriftsteller Peter Handke setzt im Roman «Die Obstdiebin» seine Suche nach dem Epos fort. Er findet die Abenteuer im Niemandsland zwischen Supermarkt und Kebabimbiss.

Nicht der Gehalt der Erzählung ist entscheidend, sondern der Satzbau: Schriftsteller Peter Handke. Foto: Serge Picard (VU, Laif)
Nicht der Gehalt der Erzählung ist entscheidend, sondern der Satzbau: Schriftsteller Peter Handke. Foto: Serge Picard (VU, Laif)

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Peter Handke: Poesie vom Staatsfeind



Ist das nun grotesk oder erhaben? In seinem neuen Roman "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere" bricht Peter Handke in die Picardie auf, um die Verstockten Hören und Fühlen zu lehren.  http://www.zeit.de/2017/47/peter-handke-die-obstdiebin-einfache-fahrt-landesinnere
Ist das nun grotesk oder erhaben? In seinem neuen Roman "Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere" bricht Peter Handke in die Picardie auf, um die Verstockten Hören und Fühlen zu lehren.























Peter Handke: "Die Welt, das war die Dreiecksgeschichte zwischen einem selber, der Natur und den Anderen." Aus Peter Handkes Roman "Die Obstdiebin"
"Die Welt, das war die Dreiecksgeschichte zwischen einem selber, der Natur und den Anderen." Aus Peter Handkes Roman "Die Obstdiebin" © Wolf Heider-Sawall/laif
























An einem langen Wochenende auf dem Land, neben dem Kamin sitzend, während draußen der Regen die letzten Herbstblätter von den Bäumen löst und die Luft, die durch die Fensterritzen zieht, nach nass-modrigen Blättern riecht – an einem solchen ablenkungsfreien Ort liest sich Die Obstdiebin, der neue Roman von Peter Handke, wie die allernatürlichste Sache der Welt: so einzig richtig und angemessen wie Laub harken, Holz hacken, ein Rehpfeffer zubereiten oder mit Gummistiefeln durch sumpfige Wiesen stapfen. Der eigene Atemrhythmus folgt dem Takt von Handkes Sätzen, jedes Wort gewinnt dabei eine wohltuende Griffigkeit wie die Holzscheite, die man zwischendurch im Kamin nachlegt, und der Eskapismus, den Die Obstdiebin weniger verklärt als mit Klauen und Zähnen verteidigt als höchstes Menschenrecht, erscheint einem als die naheliegendste Lebensform, über jeden Zweifel erhaben und kaum einer Begründung notwendig. Einmal heißt es gar über Bibelgeschichten, die einen "Bezug auf irgendwelche Aktualitäten" haben: "Schert euch weg aus der Geschichte."
Weil der neue Handke aber 600 Seiten umfasst, ist das Wochenende schneller vorbei, als man mit der Obstdiebin durch ist. Wenn man dann im ICE von Berlin nach Hamburg weiterliest, während die Durchsage den Reisenden einen Snack im Bordbistro nahelegt, erscheint einem das Buch geradezu grotesk, als parodiere sich der Autor selbst. Ungläubig will man ausrufen: "Das kann der Handke doch nicht ernst meinen! Wie viele Frage- und Ausrufezeichen will er denn noch in jeden Satz streuen? Wann kommt die Geschichte denn endlich in Gang? Bitte nicht noch eine Abschweifung zum Eulenruf und zum Grillenzirpen! Und wer, verdammt noch mal, ist denn nun diese prätentiöse Obstdiebin mit dem geschulterten Militärsack, die da durchs Dickicht der Vorstädte kreucht, auf dem Weg in die Picardie?"
Aber fühlte man sich nicht gestern noch auf dem nebelverhangenen Land von jedem Satz durchgeknetet, erhoben, neugeboren? Muss man sich in ein Kloster zurückziehen, um Peter Handke lesen zu können?

Um was geht es in der Obstdiebin? Das ist nicht leicht zu sagen

Die meisten Schriftsteller produzieren Normaltext mit gelegentlichen Idiosynkrasien, an denen man dann ihren persönlichen Stil erkennt. Handke hingegen ist es über die Jahre gelungen, seine Texte so zu destillieren, dass sie nur noch aus Idiosynkrasien bestehen. Deshalb lässt er sich so leicht parodieren. Aber mit einer solchen Parodie ist interessanterweise nichts gewonnen. Die Eigentümlichkeiten dieses Autors werden nämlich so ungeschützt zur Schau getragen, dass man sich nicht den Ruf von Scharfsinn erwirbt, wenn man sie verspottet. Dass Handke in jedem Satzzeichen ganz Handke ist, hat damit zu tun, dass er alles, was sonst Romanliteratur aus- und verwechselbar macht, radikal aus dem Erzählprozess verbannt: Figurenpsychologie, Handlung, einen benennbaren Konflikt, kausale Entwicklungslinien, Spannung. Das Ziel dieses Erzählens ist nicht die Imagination, bei der im Kopf des Lesers Figuren lebendig werden, mit denen er dann mitfiebert; die Lektüre gleicht eher einer Meditationsübung, bei der der Leser das Gewicht der eigenen Körperglieder spürt: "Deine Fersen werden jetzt ganz schwer ..." Wenn Handke schreibt: "Sonst hatte mir beim Verlassen des Hauses das Bergaufgehen gutgetan, indem es mich den Boden unter den Füßen spüren ließ und die Knie stärkte", spürt man plötzlich selber das eigene Körpergewicht am Berghang auf den Knien lasten.
Um was geht es in der Obstdiebin? Das ist nicht leicht zu sagen. Am Anfang erleben wir den Erzähler in der vertrauten Umgebung seiner Niemandsbucht bei Paris. Er möchte, was er erzählt, genau datieren, aber doch nach den eigenen Maßstäben von Genauigkeit, weshalb der lineare Kalender der Aktualitäten durch eine mythisch-zyklische Zeitrechnung ersetzt wird: "Diese Geschichte hat begonnen an einem jener Mittsommertage, da man beim Barfußgehen im Gras zum ersten Mal im Jahr von einer Biene gestochen wird." Wer Zehen hat, zu fühlen, möchte sich nach diesem Satz dafür verwünschen, noch nie barfuß in eine Biene getreten zu sein.
Wir erleben den Erzähler, wie er sich in Haus, Garten und näherer Umgebung zu schaffen macht. Er leert den Briefkasten und stellt befriedigt fest, dass er echte Post, nicht amtlichen Schriftverkehr erhalten hat: "Die ersten beiden Augustwochen waren die Zeit, da man damit rechnen konnte, endlich einmal vom Staat verschont zu werden." Doch Unbill droht dem Anarchen mit der Lust am Barfußgehen nicht nur von staatlicher Seite, auch der Nachbar rückt ihm unangenehm auf die Pelle, indem er den Privatweg mit seinem Auto befährt und die gerade vom Erzähler sorgfältig ausgebesserten Schlaglöcher erneut aushöhlt. Ein "Krepier!" kommt dem Erzähler da von den Lippen.
Ein Menschenfreund ist dieser Staatsfeind also noch lange nicht. Zumindest sind seine Regungen widersprüchlich, hin- und hergerissen zwischen Misanthropie und Kommunionssehnsüchten. Mal sieht er sich als Illegalen, von der Menschheit ausgeschlossen, dann wieder träumt er von einer alle und alles versöhnenden Friedensfeier. Kann man das, was der Erzähler an seiner Gegenwart beobachtet, politisch nennen? Einmal, im Zug, gerät er in Wut, weil die muslimischen Frauen seinen suchenden Blick nicht erwidern: "Weg mit all euch Verschleierten und Vermummten, um Gottes willen. (...) Ich spürte, wie ich in eine Art Wut geriet; wie ich dran war, das Weibszeug zu beschimpfen, weil es so gar nicht war, wie es in meinen Augen sein sollte." Gegen die Bedrohung durch Terroranschläge indes führt der Erzähler ausgerechnet einen Sarazener-Dolch mit sich, als wäre es ihm wichtig, zwischen verschiedenen Kulturen des Islamischen zu unterscheiden.

Die Wut kommt wie ein Unwetter

Aber er kann auch eine Bar betreten, und sowie die Blicke aller miteinander in Beziehung treten, schon entsteht geradezu ein Multikulti-Versöhnungstableau: "Die Polin war müde von dem Nachtdienst im Altersheim. Der Markthelfer aus Martinique wollte vor seiner Rückkehr mit uns anderen noch ein Fest feiern. Der Schotte war gegen die reichen Protestanten der Glasgow Rangers und für die armen Katholiken von Celtic. (...) Der algerische Wirt führte vor, wie lange er auf einem Bein stehen konnte, und erklärte mir die Aussprache des arabischen Worts für 'Geduld': sabr."
Was ihn erbost: wenn die Menschen nicht mehr erreichbar füreinander sind. Wenn sie sich verschließen. Die Obstdiebin ist deshalb auch ein Erzählprogramm gegen Verstocktheit und Taubheit: "Vor langer Zeit habe ich mir vorgestellt, etwas zu schaffen, was selbst einen Menschen, gefesselt und geknebelt in einem stockfinsteren Schrank, wenn es ihm zu Ohren käme, dafür öffnen würde."
Der Erzähler jedenfalls macht sich auf in die Picardie, auf die Suche nach der Obstdiebin, die ihrerseits auf der Suche nach Vater, Mutter, Bruder durch die Picardie streunt, ein ortloses Luftwesen, das sich von Früchten ernährt, die sie bei ihren Streifzügen von Bäumen und Sträuchern mitgehen lässt – eine besonders anmutige Form von Weltaufmerksamkeit. Warum der Erzähler der Obstdiebin folgt, darauf gibt es keine Antwort. Wie es in diesem Erzählen überhaupt nie eine Antwort auf die Frage nach dem Warum gibt. Offen sein heißt: alle zwingenden Gründe hinter sich lassen.

Handke tut alles, sich der Geschichte zu entwinden

Diese Grundlosigkeit des Geschehens hängt zusammen mit einem anderen Erzählverfahren: der Verweigerung von Psychologie. Handkes Figuren haben Affekte, wohlvertraute, uralte, alleralltäglichste, sie werden bestimmt von diesen Affekten, der Wut, dem Aufschluchzen-Wollen, dem Rachegelüst, der Hoffart. Die Figuren sind geradezu Affektbündel – aber lieber bisse sich der Autor die Zunge ab, bevor er diesen Affekten ein psychologisches Motiv unterstellte. Die Wut kommt wie ein Unwetter, vielleicht nicht grundlos, aber doch mehr den ewigen Gesetzen von Spannungsaufbau und Entladung folgend.
Handkes Erzählen beharrt störrisch auf Tautologien: "Die Welt war die Welt war die Welt." Einmal schließt sich den Wanderungen der Obstdiebin ein junger Pizzaauslieferer an, den plötzlich die Sorge befällt, zu spät sein zu können: "Zu spät wozu? Zu spät." Etwas durch etwas anderes zu erklären ist immer schwächer, als etwas durch sich selbst zu erklären, ein unbedingtes "zu spät" wuchtiger als ein relationales "zu spät für irgendwas".
Die Tautologie ist der Ort der Poesie, dort sind die Dinge nie etwas anderes, sondern sie selbst. Nur für die Geschichte, die Politik, die Aktualität müssen die Dinge immer etwas anderes sein: "Der Historie, der sogenannten, der mit großem H, kann, heißt es, keine kleine, eine mit kleinem h, entgehen, in dem Sinn, wie der feiste, gewalttätige Fleischermeister in jenem berühmten Theaterstück zu der unschuldig jungen Frau sagt: 'Du wirst meiner Liebe nicht entgehen!'" Handke tut alles, sich der Geschichte mit großem H zu entwinden, aber er ist tapfer genug, sie auf jeder Seite seines Buchs durchscheinen zu lassen.
Peter Handke: Die Obstdiebin. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017; 559 S., 34,– €
In Peter Handkes Werk gibt es zwei Autoren, die einander zuarbeiten, miteinander rivalisieren, sich voneinander entfernen, aber nie aus den Augen verlieren. Der eine verfasst Notizen, Aufzeichnungen, Einfälle und macht daraus irgendwann ein Buch. Der andere arbeitet derweil in immer neuen Anläufen daran, ein Erzähler zu werden, und hat es dabei nicht leicht, weil er kein Ge-schichtenerfinder ist.
So nimmt er, was ihm seit der Kindheit andere erzählt haben, was er im Kino gesehen, in Bluesballaden gehört hat, und nicht zuletzt den Stoff des eigenen Lebens, um es in die Form von Geschichten zu bringen und so zum Erzähler zu werden.
Nun ist nach längerer Zeit wieder einer von Handkes epischen Grossversuchen erschienen: «Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere». In dem Buch «Der Bildverlust» (2002) war eine Heldin, die «Bankfrau», zu einer Abenteuerreise in die spanische Hochebene aufgebrochen, auf der Suche nach ihrer Tochter. Nun ist die junge Obst­diebin auf der Suche nach ihrer Mutter unterwegs, zwischen den nördlichen Ausläufern der Île-de-France und einem Hochplateau in der Picardie.
Das «epische» Erzählen als Ideal
Aber ehe die junge Frau auftaucht, bricht der Erzähler aus seinem Haus in der «Niemandsbucht» auf, an einem Sommertag im August, nachdem er von einer Biene gestochen worden ist. Der Autor hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er seine Niemandsbucht um das Haus in Chaville südwestlich von Paris herum entworfen hat, in dem er seit fast dreissig Jahren lebt. Und in Interviews hat er berichtet, er habe vor einigen Jahren ein weiteres Haus erworben, in der Picardie.
Mit dem landläufigen Roman und seinen Handlungsmustern hat Handke seit je nichts zu schaffen. Und vom James Joyce des «Ulysses» wie vom «Mann ohne Eigenschaften» Robert Musils hat Handke sich mit Grausen abgewandt, als er das «epische» Erzählen zu seinem Ideal und das Mittelalter zu seiner Wahlheimat erklärte. Früh tauchte dabei die Hoffnung auf eine Wiederkehr des Wolfram von Eschenbach als Autor der Gegenwart auf. Er ist nun der wichtigste Schirmherr der «Obstdiebin».

Das Krachen im Regionalzug, der jäh auf freiem Feld stoppt, lässt Anschlagsangst über die Passagiere gleiten.

Wolfram von Eschenbach erzählt von Ereignissen, die in Frankreich stattfinden, und im «Willehalm», dem Handke eines seiner Motti entnimmt («Man sah den lichten Sommer in so mannigfacher Farbe nie»), begegnen sich Christen und Muslime, wie auf dieser kurzen, nur wenige Tage dauernden Reise in die Picardie, die alte Kornkammer der französischen Könige.
Nach etwa 150 Seiten verlässt der Erzähler als leibhaftige Figur seine Geschichte, um nur noch Begleiter der Obstdiebin zu sein. Sie ist eine Art Wünschelrutengängerin; wo sie eine Frucht pflückt, auch eine Lesefrucht, findet der Erzähler Berichtenswertes. Was aber ist erzählenswert? In einem Epos vor allem Abenteuer. Doch wo gibt es die, in der Jetztzeit, beim Wandern durch die industrialisierte Provinz, in den Regionalzügen, vor den Supermärkten, in den Kebabimbissen, im Niemandsland zwischen Metropole und Provinz?
Nur in Form der Verwandlung von Alltagsbegebenheiten in Prüfungen, Gefahrenmomente, vermiedene Katastrophen. «Verwandlung» ist das Schlüsselwort in Handkes Projekt eines neuen epischen Erzählens. Und so gehören zu den schönsten Passagen des Aufbruchs die Seiten, auf denen sich die Supermarktkassiererin auf dem Spielplatz am Bahnhof der Niemandsbucht in eine epiphanische Erscheinung verwandelt.
Ihnen stehen die Schrecksekunden und Gefahrenmomente gegenüber, das wichtigste Organ ihrer Wahrnehmung ist das Gehör. Ein Tritt auf dröhnende Kanalisationsplatten ruft die Vorstellung automatisch aus dem Boden schiessender Sperrvorrichtungen hervor, das Krachen im Regionalzug, der plötzlich auf freiem Feld stoppt, lässt Anschlagsangst über die Passagiere gleiten, in der Gratiszeitung taucht «der Mörder des greisen Priesters in der Kirche bei Rouen» auf, angesichts verschleierter junger Frauen muss der Erzähler einen Wutanfall in sich unterdrücken.
Polemik gegen den Kurzsatzstil
Und der todessüchtige junge Pizzakurier, der sich eine Zeit lang der Obstdiebin auf ihrer Wanderung anschliesst, gerät momentweise in eine Panik und ein Zwielicht, die ununterscheidbar werden lassen, ob in ihm ein Selbstmordattentäter oder nur ein Selbstmörder steckt. Die Reise ins Landesinnere führt auch ins Innere eines vom Terror erschütterten Landes.
Man kann die Stationen dieses Buches auf der Landkarte verfolgen. Aber nicht der Gehalt der Erzählung ist das Entscheidende, der Weg der Obstdiebin zur Familienzusammenkunft mit der Mutter, dem Vater und dem jüngeren Bruder, die Begegnung mit einem Ungeheuer, das sich als kleiner gallischer Hahn entpuppt, die Rettung einer halb toten Katze, die Einkehr in ein Totenhaus, eine Herberge, die Teilnahme an der heiligen Messe.
Entscheidend ist der Satzbau, der den Rhythmus des Aufbruchs und Voranschreitens in sich aufnimmt, als eine einzige lange Polemik gegen den Kurzsatzstil und den Aufstieg des Präsens als Erzähltempus in der Gegenwartsliteratur. Und, auf der anderen Seite, die in Schrift verwandelten Nachbilder, die alle behaupteten Bildverluste dementieren: «Die Sonne ging unter. Ein erster kühler Hauch kam nach dem sommerwarmen Tag daher über die Picardie und das Vexinplateau. Die dunkelnden, da abgeernteten Felder zeigten sich unversehens weiss in weiss von den vorher verborgenen Möwen. Hoch im Zenit, ebenso weiss Wolkenbänder als Schaumstellen im Sand nach dem Zurückfliessen einer Meereswelle. Zwei dieser Wölkchen, im Abstand, wurden von einem Strahl der sonst allüberall schon verschwundenen Sonne erfasst, trieben jetzt sacht aufeinander zu und gleissten auf in dem einen Moment, da eins auf das andere traf.»
Man findet solche Prosa auch in den Notizheften. Anders als der Autor glauben mag, liegt die Stärke seiner epischen Grossprojekte nicht im weltumspannenden Gestus des Erzählers. Sondern in den Passagen, in denen er seinem Doppelgänger den Vortritt lässt, dem Verfasser von Aufzeichnungen und Meister der Prosa des Augenblicks.
Peter Handke: Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere. Suhrkamp, Berlin 2017. 559 S., ca. 45 Fr. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.11.2017, 19:31 Uhr

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https://kurier.at/kultur/peter-handke-reist-mit-der-obstdiebin/297.375.915

Sein neuer Roman wird von ihm als das "Letzte Epos" bezeichnet.
Peter Pisa Peter Pisa
11.11.2017, 06:00
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Peter Handke über Milliarden "Unerreichbare":

Unerreichbar für das Schöne, für das Wahre. Gern würde er sie (schreibt er) zum Aufhorchen bringen, gern würde er sie öffnen.

Bei Vögeln sei ihm das schon gelungen. sogar eine Kröte und eine Schlange hätten, als er sie anredete, die Ohren gespitzt (sozusagen).

Aber die unerreichbaren Menschen: Niemals lauschen sie ihm ...

Was würden sie denn von Handke zu hören, zu lesen, zu sehen bekommen im neuen Roman – der das "Letzte Epos" von ihm sein soll?

Eine wilde Haselnuss, wie ein Schmuckei aus poliertem Holz; eine "todsaubere Leere"; Schmetterlinge, Eulen, scheppernde Kanaldeckel; und Obdachlose, Hungrige, auch Polizei und Kontrollore, die zu sechst einen Zugwaggon stürmen. Das Schöne UND das Wahre ...
Erwünscht sein

Peter Handke verlässt für eine Reise aufs Land Haus und Garten. Möglich, dass er sich’s nur vorstellt. Über eine Obstdiebin will er schreiben, und das macht Sinn, denn das Buch heißt "Die Obstdiebin" .

Vom Erzählen erzählt er, und während er mit dem Zug von Paris in den Norden in die Picardie fährt (und auch davon erzählt), verwandelt er sich, er verschwindet, geht über in Alexia, so heißt die Obstdiebin (vielleicht).

Eine 25-Jährige, "anders schön, anders mächtig" – eine Staatenlose (wahrscheinlich). Eine "Heldin der Flucht" mit russischen Verwandten.

Wo die Oise in die Loire mündet, liegt sie im Ufergras. Hier übernimmt sie die Geschichte.

Ein Zigeunerleben führt sie, die Mutter ist auch irgendwo, der alte Vater ist ... der Erzähler? Ist Handke? Die Tochter will endlich: erwünscht sein.

Mit Staaten hat sie nichts am Hut. Aber für die Welt will sie da sein. Der Welt will sie etwas geben. Für sie singen. Kochen. Expertin sein. Wofür Expertin? Für ein besseres Leben (vielleicht).
Tagebücher

Alles soll ja ein wenig geheimnisvoll bleiben inmitten der vielen Wahrnehmungen des Dichters, die er auf Wanderungen durch Orte wie Chars, Courdimanche, Delincourt, Chaumont-en-Vexin ... gemacht hat.

Zeitweise klingt "Die Obstdiebin" wie ein " ins Reine" geschriebene Tagebuch – Handke hat übrigens eben erst dem Deutschen Literaturarchiv 23.500 handgeschriebene Tagebuchseiten verkauft.

Hier hört er Trauernden nach einem Begräbnis zu, da beschreibt er wie kein anderer eine Birne im Sommerwind.

... und wenn man beim Lesen immer wieder einzunicken droht, so geschieht das (meist) nicht, weil man zu den Unerreichbaren zählt.

Sondern weil es einfach ... so wohlig ist, dass in diesen Zeiten jemand Augen und Ohren hat für – nur scheinbar – Nebensächliches, für nur angeblich Unnötiges.

Und wieso nennt er Alexia ständig "Obstdiebin"? Sie hat Geld, sie arbeitet zwischendurch, das Studium war nichts für sie, doch sie fällt wirklich niemandem zur Last. Diebe verachtet sie.

Aber sie holt sich, das ist ihre Mission (ihre Freiheit), aus Gärten eine Frucht. Immer nur EINE. Das sei natürlich und rechtmäßig und erquicklich.

Und zweifellos poetisch.


Peter Handke:

„Die
Obstdiebin“
Suhrkamp.
559 Seiten.
35 Euro.
KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

(kurier) Erstellt am 11.11.2017, 06:00 
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https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article170528810/Ach-wuerden-wir-doch-in-epischen-Zeiten-leben.html



Unterwegs zum heiligen Gral des Erzählens: In seinem neuen großen Buch folgt Peter Handke der „Obstdiebin“ bei ihrer Abenteuerfahrt durch die französische Provinz. Gesucht wird die verlorene Familie.
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Vorsicht, der Autor ist bewaffnet! Immer wenn der Erzähler der „Obstdiebin“ mit der Metro fährt, hat er, „in der ersten Schreckenszeit jedenfalls, in meiner Hosentasche einen Sarazenendolch, einen allerdings sehr kurzen, steckend in seiner Lederscheide, mit dabei, an dem ich heimlich herumfingerte, in der Absicht, mich zu trainieren und im Ernstfall augenblicklich zustechen zu können“.

Auch in Peter Handkes Niemandsbucht am Rande von Paris hat der Terror Einzug gehalten und steht der dichterischen Kontemplation im Weg, dem „Einsinken ins Land“, bei dem sich die Geschichten von selbst erzählen.

Wie die „Druckwelle einer weltweiten Katastrophe“ fällt die vom Erzähler erträumte Stille eines Hochsommertags über ihn her, und das unmittelbar vor der Fahrt aufs Land, in die Picardie. „Diese Stille, sie drückte aus, was die Geschichte der letzten Monate und Jahre, mörderisch zugeschärft, jetzt, im zweiten Jahrzehnt des meinetwegen dritten Jahrtausends, den Menschen, nicht nur in Frankreich, da freilich geballt, angetan hatte.“
Aufbruchsstimmung
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Doch weder die Präsenz jüngster Schrecken noch der schmerzhafte Stich einer Biene in den Fuß hemmt die euphorische Aufbruchsstimmung; seine Reise in die bäuerlich geprägte Region an der Oise ist ein poetischer Neubeginn. Ein schon lange verfolgtes Ziel soll endlich Gestalt annehmen. Der Erzähler ist der „Obstdiebin“ auf der Spur.
„Peter Handke - Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte“

Ein Dokumentarfilm über den bekanntesten und zugleich rätselhaftesten Schriftsteller Österreichs. Regisseurin Corinna Belz nimmt den Zuschauer mit in die Lebens- und arbeitswelt des Peter Handke.

Quelle: Piffl

Der Beginn des neuen Buchs ist eine handketypische Erzählung über das Erzählen. Ist die Frau im Titel eine konkrete Figur oder eher eine flirrende Fata Morgana? Die höhere Wirklichkeit kommt ohnehin dem Mythos zu, der die Zeiten übergreift, in unvordenkliche Fernen zurückreicht und von der noch so bedrohlichen Zeitgeschichte nicht tangiert wird.
Schelmenhafte Leichtigkeit

Der Obstdiebin kann der Terror kein Haar krümmen. Sie braucht kein Messer, sondern bewegt sich auch in unwirtlichen Trabantenstädten wie eine mit übernatürlicher Macht begabte Fee, die mit der Direktheit ihres Blicks alle, vor allem alle Männer, in ihren Bann schlägt. „Niemand wollte ihr etwas Böses, ihr konnte nichts geschehen“.

Wohin die Obstdiebin auch kommt, sie verzaubert und bestrickt ihre Umwelt, öffnet alle Herzen und Ohren und bringt die in sich verkapselten Menschen zum Sprechen. Der Spitzname steht zugleich für eine selbstverständliche, schelmenhafte Leichtigkeit, eine Virtuosität des spontanen, planlosen Lebens, von der Hand in den Mund.
Vater, Mutter, Bruder

Doch dieser luftige Mythos kristallisiert sich auf den Landstraßen und Waldwegen der Picardie zu einer handfesten Biografie: Die Obstdiebin heißt eigentlich Alexia, ist eine junge Frau aus gutbürgerlichen Verhältnissen, die aus freien Stücken ein prekäres, tagträumerisches, weltenbummlerisches Leben führt. Sie ist gerade von einem längeren Russlandaufenthalt zurückgekehrt und durchstreift die Dörfer und Wälder am Rand der Île-de-France auf der Suche nach ihrer Mutter, einer „Bankfrau“.

Zuvor trifft sie den getrennt lebenden Vater, einen etwas wirren Akademiker, der ihr allerlei Ratschläge zu geben versucht. Einen Bruder, der im Pariser Umland eine Schreinerlehre absolviert, besucht sie auch noch. Dazu die Andeutung einer Liebesgeschichte unter Wanderfreunden. Und statt nur von verbotenen Früchten zu naschen, kehrt die Diebin auch gern mal in eine Kebabbude ein. So weit, so konkret. Für einen Handke ist das schon mächtig viel Realitätsstoff; für einen herkömmlichen 550-Seiten-Roman wiederum eher wenig.
Epos statt Roman

Doch ist „Die Obstdiebin“ gar kein Roman, im Gegenteil. Wiewohl Handke der förmlichen Titulatur nach einige geschrieben hat, ist sein Werk programmatisch gegen den Roman gerichtet: gegen konventionelle Konzepte von Plot und Figurenpsychologie, aber auch grundsätzlich gegen den Roman als der paradigmatischen Erzählform moderner Individualität.

Handke geht es um die Wiedergewinnung eines „reinen“ Erzählens, das er dem Epos oder verwandten älteren Gattungen zuschreibt. „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ (1994), an das die „Obstdiebin“ geografisch anknüpft, trug den Untertitel „Ein Märchen aus den neuen Zeiten“. Epos und Märchen versteht Handke idealtypisch. Ihre kollektive oder anonyme Autorschaft garantiert den mythischen Ursprung.
„Die schönen Tage von Aranjuez“

Mit „Die schönen Tage von Aranjuez“ verfilmt Wim Wenders das gleichnahmige Theaterstück von Peter Handke: ein Dialog zwischen einem Mann und einer Frau über das Leben und die Liebe.

Quelle: NFP

In der „Obstdiebin“ wird das abermals zugespitzt. Der Erzähler geht im Land auf, indem er es beschreibt. „Epische Schritte waren das jetzt. Und das hieß: Schritte, die einbezogen. Ich ging nicht allein unterm Himmel. Ich ging mit. Mit wem? Mit was? Ich ging mit.“ Als der Zug in die Picardie auf freier Strecke hält, wird der Leser Zeuge einer Szene, die auch aus einem Horrorfilm stammen könnte: „Wie streckte jetzt das Land in Gestalt der Silhouetten der Hasel- und Holunderzweige, der Eschen- und Robinienfächer am Gleisrand, schwarz ausgeschnitten tief unten, weit weg von dem Himmelblau – geschenkt! – mir, einem, uns ihre Buketts als ein ganz anderes Willkomm entgegen.“
Literatur der Nachhaltigkeit

Diese Verschmelzung – „mir, einem, uns“ – vollzieht sich allein in der Vorstellung des Erzählers, eben auf dem Papier. „Wie erleichternd dagegen statt ‚Werk‘ und ‚Eigentum‘ das, was ‚das Werk der Natur‘ hieß.“ Literatur der Nachhaltigkeit könnte man das nennen. Das Ideal wäre eine Geschichte, die sich selbst erzählt; der Autor wäre nur der Kopist, der im Buch der Natur liest und seine „Lesefrüchte“ wiederum aufschreibt. Er wäre selbst eine Art Obstdieb.

Dieser Übergang vom Ich zum Wir wird genau protokolliert: „Und woher auf einmal solch ein Aufgenommenwerden in das Land? Solch ein Übergehen und ein Einsinken ins Land? Solch ein spezielles Repatriiertwerden? – Hört: In dem klaren Vorabendlicht sah ich die Obstdiebin in die Weite, dabei wie nah gerückt, über das Vexinplateau gehen. Es wäre gar nicht nötig gewesen, und trotzdem schaute ich durch das Fernglas … ; wer will, dem nenne ich auch den Hersteller – vorerst schon die Marke: LEGEND.“

Die Legende ist auch so eine Erzählgattung ohne Autorschaft und Ursprung. Tatsächlich heften sich Legenden an Orte, zugleich ist auch die aus jahrhundertealter Überlieferung gespeiste Heiligenlegende ein Muster der „Obstdiebin“. Ein anderes sind die Aventiuren der mittelalterlichen Heldenepik, vor allem der „Parzival“ Wolfram von Eschenbachs. Der Arbeitstitel der „Obstdiebin“, so kann man Handkes im vergangenen Jahr veröffentlichten Arbeitsnotizen entnehmen, lautete übrigens „Das Letzte Epos“.
Wozu der Abschied vom Erzähler?

Das Utopische des Projekts leugnet Handke nicht. „Aber haben sich denn vorher die Ereignisse von selber erzählt? Nein. Und werden die folgenden Ereignisse sich von selber erzählen? Nein und wiederum nein. Die Ereignisse, von denen die Geschichte hier erzählt, werden solche allein durch den Erzähler. Es geht nicht ohne den.“ Gemessen am gewaltigen Aufwand, der zuvor betrieben wurde, um ihn verschwinden zu lassen, ist das wohl ein Fall von epic fail.

Aber warum eigentlich will Handke diese Instanz überhaupt loswerden, wenn er doch schon „vom allwissenden Erzähler zum, zeitweise, augenblicks, allahnenden“ vorgestoßen ist? Weil der Erzähler immer ein Publikum braucht, das ihn freilich ignorieren (oder auch komplett missverstehen) kann. In der Utopie der „epischen“ Totalverschmelzung aber braucht es keine Vermittler (auch keine Literaturkritik oder überhaupt einen Buchmarkt). Die Distanz zwischen Leser und Autor ist aufgehoben, was paradoxerweise gerade ein Charakteristikum der von Handke sonst stolz ignorierten sozialen Medien ist. Er träumt sozusagen von einem Facebook ohne Technik, einer idealen Gemeinschaft von Lesern, die zugleich Schreiber sind.
Modell des Heiligen Geistes

Hier liegt der Kern des alten, langweiligen Kritikervorwurfs, Handke sei ein Autor mit einer Gemeinde, ein Kultautor für Jünger. Der im Alter wieder zur Religion zurückkehrende Handke denkt sich Literatur nach dem Modell des Heiligen Geistes, als Inspiration, die nicht nur einen Einzelnen durchweht, sondern eine Communio stiftet.
Beauvais is a town and commune and capital of the Oise department in northern France.
Hier wandert die Obstdiebin: Landschaft bei Beauvais in der Picardie

Quelle: Getty Images

Diese (wieder-)herzustellende Gemeinschaft wird hier von der zerbrochenen Familie der Obstdiebin verkörpert. Ihre mysteriöse Quest, die sie scheinbar ziellos von Ort zu Ort und vom Hölzchen aufs Stöckchen führt, ist eine Gralssuche, die überraschend zielstrebig in einer Familienfeier im Festzelt mit Edel-Catering und Gettoblaster endet. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn wird zu einem vom „verlorenen Vater“.

Die Eltern bleiben allerdings ziemlich konturlos, vor allem die Mutter, um die es doch gehen soll. Wichtiger als die konkreten Beziehungen scheint der Traum der Zusammenführung. Am Ende hält der Vater eine Festrede, die ein Zeugnis des Wahnsinns ist.
Auseinandersetzung mit der Vaterrolle

Man wird den Verdacht nicht los, das es Handke, sehr verrätselt und verschlüsselt, am Ende um etwas viel Konkreteres geht: Nämlich um eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vaterrolle, vielleicht auch um die Bewältigung von Schuld und Versagen. Handke hat bekanntlich zwei Töchter, Amina, geboren 1969, und Léocadie, geboren 1991.

Die „Obstdiebin“ wirkt wie ein Idealbild der Nachkommenschaft, beschrieben mit dem Blick des liebenden und unter Entfremdung leidenden Vaters. „‚Einsame Familienväter‘, gibt es die? Ja“ lautet eine Notiz aus der „Baumschattenwand nachts“, eine andere: „Meine Kinder, meine Heiligen. Und gerade so die Angst: Sie werden verloren gehen.“

Das Faszinierende bei Handke ist, dass das Existenzielle und Autobiografische nicht dort steckt, wo es offen zutage liegt, in Niemandsbuchten und Pilzsammelleidenschaften. Sondern tiefer, gut versteckt im Quellcode seiner Dichtungen. „Die Obstdiebin“ ist, wie jeder Handke, ein sehr seltsames Buch, eines, das um seine Seltsamkeit weiß. Es gibt darin Wunderbares und Wunderliches und, wie bei einem modernen Parzival nicht anders zu erwarten, manche Wunde – die das Erzählen nicht heilen, sondern allenfalls bedecken kann. Eine Notiz zum „Letzten Epos“ lautet: „Wie lange man braucht, die SEINEN zu finden; welch weiter Weg.“

Peter Handke: „Die Obstdiebin“. Suhrkamp. 560 S., 34 €.

„Vor der Baumschattenwand nachts“. Zeichen und Anflüge von der Peripherie 2007–2015. Jung und Jung. 424 S., 28 €.
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Peter Handkes neues Buch „Die Obstdiebin“Stachel im Fleisch

Von Stefan Kister 


















In Peter Handkes Welt: Szene aus dem Filmporträt „Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte...“ Foto: Verleih
In Peter Handkes Welt: Szene aus dem Filmporträt „Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte...“Foto: Verleih

Peter Handke geht mit der „Obstdiebin“ noch einmal auf große Fahrt. Sein letztes Epos handelt von einer Reise vom Rand ins Innere. Der eigentliche Held ist der Leser.
ADVERTISINGStuttgart - Vor einigen Wochen hat Peter Handke, der am 6. Dezember seinen 75. Geburtstag feiert, seine Tagebücher dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach überlassen. Da harrt dieses verwunschene Reich aus Gedankenblitzen, Notizen und Gekritzel nun darauf, erschlossen zu werden. Durch die abgegriffenen Hefte ziehen sich Spuren eines gelebten Lebens, die sich in einem Lebenswerk weiter verfolgen lassen, das sich in seiner Eigenart immer konsequenter und konzentrierter bekundet. Wer in den jüngsten Tagebuch-Aufzeichnungen oder in dem daraus zusammengestellten Band „Vor der Baumschattenwand nachts“ blättert, stößt immer wieder auf Notate, die um ein „Letztes Epos“ kreisen: „Das ‚Letzte Epos‘ anheben lassen mit einem staubigen Schuhlöffel“, ist da zu lesen. Oder: „,Letztes Epos‘: die junge Geherin an der Außenlinie.“ Nun liegt es vor: Aus der jungen Geherin ist die titelgebende „Obstdiebin“ geworden und aus dem staubigen Schuhlöffel ein Bienenstich in den nackten Fuß des Erzählers an einem Mittsommertag, den der so Aufgestachelte als ein Zeichen nimmt: „Die Stunde des Aufbruchs, sie ist gekommen.“


















Einem neuen Buch von Peter Handke blickt man mit gemischten Gefühlen entgegen: der Furcht vor Verstiegenheit, aber auch der Hoffnung, über die polierten Absehbarkeiten literarischer Dutzendware erhoben zu werden und auf etwas zu stoßen, das auch im eigenen Leben Epoche machen würde, wie es bei manchen seiner literarischen Ausfahrten zuvor der Fall war. Zuletzt aber sind Handkes Wege immer verwinkelter oder krummer geworden, und sie verlangen dem Leser einiges an Ausdauer, Zähigkeit und im schlimmsten Fall sogar Gefolgschaft ab – weshalb einige es vorziehen, nach eigenem Gutdünken durch die Erlebnis- und Ideenwildnis der Journale zu pirschen als dem langen, steinigen Weg durch die Sierra de Gredos zu folgen, den Handkes letzte große Erzählung „Der Bildverlust“ beschritten hat. Und wer den allegorischen Bewusstseinsabenteuern einer ihre Geschäftigkeit hinter sich lassenden Bankfrau nicht standhalten konnte, wird auch dieses letzte Epos kaum überstehen.
Denn diese Obstdiebin ist in jeder Hinsicht die Tochter jener Finanzexpertin. Und wollte man die Geschichte dieses neuen Werks vom unmarkantesten Punkt her aufzäumen, einer Handlung oder dergleichen, hätte man sie mit dieser Auskunft schon beinahe erschöpft: eine streunende Obstdiebin sucht ihre Mutter.

Tanzende Schmetterlinge

Nein, dieses Epos besteht nicht aus einer Folge von Ereignissen. Was geschieht, ruft der Betrachter selbst ins Leben: komische Nachbarschaftsverhältnisse, Frauen im Zug, verschleiert oder mit Masken der Gleichgültigkeit, tanzende Schmetterlinge und Nomaden von heute, denen der algerische Wirt einer Bar vorführt, wie lange er auf einem Bein stehen kann. Hier wird nicht nacherzählt, sondern vorerzählt. Und untermalt vom Rauschen der Gegenwart, dem nachhallenden Terror, der Frankreich heimgesucht hat, ersteht die Wirklichkeit neu als ein Sinnzusammenhang aus Zufall, Natur und Reflexion. Aber wer würde sich noch zutrauen, so etwas zu stiften? Nur ein Narr oder ein Held. Und genau zwischen beiden hält sich der Erzähler auf, der zu Beginn seines Romans aufbricht: von den Pariser Rändern in die Picardie, „in ein Landesinnere wie nur je eines“.
Wacker dichtet er die Geringfügigkeiten des Lebens um zu unerhörten Begebenheiten. Und damit wäre man schon mitten in einem Epos: Wo sonst als hier finden reine Toren, unterwegs ins Offene einer abenteuerlichen Welt, ihre Bestimmung? Auf seinem Weg begegnet er merkwürdigen Figuren wie jenem Clochard, bei dem sich der – nach allem, was man weiß – mit Peter Handke ziemlich identische Erzähler nach der Obstdiebin erkundigt, einer jungen Frau, „weder klein noch groß, weder dick noch dünn, weder weiß noch schwarz“. Der Clochard gerät daraufhin selbst ins Erzählen und berichtet, wie er einmal mit einer Schlange im Hemd durch Afrika getrampt sei. Auch als die Obstdiebin endlich gefunden ist, bilden die Erzählungen Begegnender das Rückgrat dieser Geschichte ohne Handlung: Mit einem lebensmüden marokkanischen Pizza-Ausfahrer teilt die ruhelose Titelfigur ein Stück des Wegs – und der Erzähler das Schicksal der Elternlosigkeit: „Wir Elternlosen werden’s euch noch zeigen, wartet nur. Wir, wir sind die Welt. Wir sind die künftigen Weltkönige. Und wo heute das Unheil herrscht, wird morgen von uns Mutter- und Vaterentledigten das Heil ausgehen.“ Die Drohung, die in dieser Ankündigung liegt, wird die Obstdiebin später tanzend entschärfen.

Auf der anderen Seite der Wirklichkeit

Auf einen Zwischenton von Kauzigkeit und Erlösertum sind diese Predigten gestimmt. In kindlichem Ernst und heiliger Einfalt rankt sich die Erzählung immer dichter und undurchdringlicher ins Quellgebiet des Flüsschens Viosne. Ein Zaubergarten aus Handke-Motiven, hintergründigen Heimlichkeiten, Zwischenräumen. Und weil zu jedem Epos schwierigste Bewährungsproben gehören, muss endlich auch die Rede auf den wahren Helden der Geschichte kommen. Es ist der Leser, der bisweilen völlig verzagt durchs Dickicht der Erzählung irrt, immer wieder versucht, das Buch an die Wand zu werfen und dem Ganzen ein Ende zu machen. In gewisser Hinsicht ergeht es auch den Weggefährten so, der Obstdiebin und dem Pizza-Boten. Doch „umzukehren, gar das Unternehmen aufzugeben: undenkbar. Dieses wild verflochtene Quellgebiet galt es zu durchqueren. Etwas anderes kam nicht in Frage. Und daß die Durchquerung dauerte, und dauerte, gehörte sich.“ Doch irgendwann lichtet sich der Blätterwald.
Sei es die Genugtuung, dabei geblieben zu sein, sei es die Duldsamkeit der Erschöpfung, sei es, dass das Wasser der Viosne eine Wirkung übt wie Drachenblut: Plötzlich glaubt man, die Figuren zu verstehen, plötzlich reimt sich die Erzählung wie Licht auf Gesicht, Heldin auf Sinn. Und man findet sich mit der Obstdiebin auf der anderen Seite der Wirklichkeit wieder, einer Welt, „in der alles war, was es war.
Der Ast, der hin und her schwang, war nichts als ein Ast, der schwang im Hochlandwind. Der Kleiderfetzen, der über die Stoppelfelder wehte, ging sie nichts an. Der Schuh im Straßengraben war ein Schuh im Straßengraben. Und das jetzt ist das, und das jetzt das, und so fort.“ Am Ende mündet die „Obstdiebin“ in ein Fest der Versöhnung, in dem die Dinge und die Zeichen wieder zusammenfinden wie die Eltern und das Kind, das Leiden und das Glück. Und man kann nicht anders, als dieses Buch als ein einziges großes Abenteuer zu empfinden, eingedenk aller Schrecken und Ungeheuerlichkeiten, die zu einem Epos gehören.

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