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Friday, November 28, 2014

"Hörspiel Nr. 2"

http://handkeonline.onb.ac.at/search/node/H%C3%B6rspiel%20Nr.%202  


  1. HÖRSPIEL NR. 2 ENTSTEHUNGSKONTEXT

    ... Arbeit am Text Noch im selben Jahr wie sein erstes Hörspiel Hörspiel schrieb Handke im Oktober und November 1968 das in der ... Spiel mit Sprechformen anknüpfende Hörspiel Nr. 2 . Im Entstehungszeitraum lebte Handke mit seiner Frau Libgart Schwarz ...
  2. HÖRSPIEL NR. 2 - TYPOSKRIPT 2-ZEILIG, 1969

    Bei dieser zweiten Textfassung von Hörspiel Nr. 2 handelt es sich um eine Abschrift fremder Hand, die von der ...
  3. HÖRSPIEL NR. 2 - TYPOSKRIPT 1,5-ZEILIG, 1968

    ... Archiven vorhandene Textfassung von Peter Handkes Hörspiel Nr. 2 (Textfassung 1a). Sie umfasst 40 Blatt, die der Autor nach einer ...
  4. HÖRSPIEL NR. 2 (TEXTFASSUNG 2), TYPOSKRIPT 2-ZEILIG, KOPIE, 59 BLATT, OHNE DATUM [29.01.1969 BIS 10.03.1969]

    ... Hörspiel Nr. 2 Bei dieser zweiten Textfassung von ...
  5. HÖRSPIEL NR. 2 - TYPOSKRIPT 1,5-ZEILIG, 1968

    Diese Typoskriptfassung (Textfassung 1b) von Hörspiel Nr. 2 sandte Handke Ende November 1968 an Klaus Schöning, den Redaktionsleiter ...
  6. HÖRSPIEL NR. 2 QUELLENLAGE

    Die Quellenlage zu Hörspiel Nr. 2 ist durch Archivbestände gut abgesichert. Der Typoskriptdurchschlag der ...
  7. HÖRSPIEL NR. 2

    Erschienen in:  Wind und Meer. Vier Hörspiele Reihenangab…
  8. HÖRSPIEL NR. 2 (TEXTFASSUNG 1B), TYPOSKRIPT 1,5-ZEILIG, DURCHSCHLAG, MIT HS. KORREKTUREN VON PETER HANDKE, 41 BLATT, OHNE DATUM [??.10.1968 BIS ??.11.1968]

    Werkbezüge Hörspiel Nr. 2 - Typoskript 1,5-zeilig, 1968 Tabellarische Daten ...
  9. HÖRSPIEL NR. 2 (TEXTFASSUNG 1A), TYPOSKRIPT 1,5-ZEILIG, MIT HS. KORREKTUREN VON PETER HANDKE, 40 BLATT, ??.10.1968 BIS ??.02.1969

    ... Hörspiel Nr. 2 Dieses eineinhalbzeilig, mit rotem und ...
  10. HÖRSPIEL NR. 2 DATEN ZUR URSENDUNG

    ... und Südwestfunk (SWF) Titel der Rundfunkproduktion: Hörspiel Nr. 2 Aufnahmemodus: stereo Dauer: 45 Minuten, 10 Sekunden ...



Hörspiel Nr. 2" von Handke zu hören

Ein Hörspiel von Peter Handke ist am Samstag nach 44 Jahren wieder im Radio zu hören. Der Radiosender Ö1 strahlt in der Hörspiel-Galerie um 14 Uhr Handkes "Hörspiel Nr. 2" aus, das mit Jimi Hendrix' "Hey Joe" beginnt. Sprecher in dem Lehrstück über die Sprache (Regie: Rudolf Kautek) in Form eines modernen Chorgebets sind u.a. Wolfram Berger, Dieter Dorner, Fritz Holzer und Georges Ourth.



"Dieses Hörspiel, obwohl es die Dramaturgie eines Taxi- oder Mietwagenfunks teilweise ausnützt, versucht, einem Hörbild von der Alltagsarbeit eines Taxi- oder Mietwagenunternehmens möglichst auszuweichen", schrieb Handke 1969 in einer Vorrede zu seinem "Hörspiel. Nr.2", das im Landesstudio Steiermark produziert und am 1. März 1970 erstmals ausgestrahlt wurde. "Die Reden und Antworten der Funkerstimmen und der Taxifahrerstimmen sind nicht Antworten auf Fragen und nicht Fragen auf Antworten, sondern eher liturgische Responsorien. Insgesamt bilden sie, mit den Geräuschen, vielleicht eine Art von Messe."
http://www.salzburg24.at/handke-hoerspiel-nach-44-jahren-wieder-im-radio/apa-s24_1421424142
Samstag
29. November 2014
14:00
"Hörspiel Nr. 2" 

http://oe1.orf.at/programm/390435
von Peter Handke. Regie: Rudolf Kautek. Mit Dietlindt Haug, Ditha Schradi, Manfred Schradi, Wolfram Berger, Dieter Dorner, Fritz Holzer und Georges Ourth. (Prod. ORF-Steiermark 1970)
Nach 44 Jahren ist Peter Handkes "Hörspiel Nr. 2" wieder im Radio zu hören. Wie alle frühen dramatischen Arbeiten Handkes ist auch Handkes "Hörspiel Nr. 2" aus dem Jahr 1970 ein Lehrstück über die Sprache. Ging es im ersten Hörspiel Handkes ausgehend von einer Passage seines Romans "Der Hausierer" und ähnlich wie in "Kaspar" um eine Form der "Sprechfolterung", so hören wir im "Hörspiel Nr. 2" ein modernes, nächtliches Chorgebet - "liturgische Responsorien" (zit. Handke).

"Dieses Hörspiel, obwohl es die Dramaturgie eines Taxi- oder Mietwagenfunks teilweise ausnützt, versucht, einem Hörbild von der Alltagsarbeit eines Taxi- oder Mietwagenunternehmens möglichst auszuweichen. Die Reden und Antworten der Funkerstimmen und der Taxifahrerstimmen sind nicht Antworten auf Fragen und nicht Fragen auf Antworten, sondern eher liturgische Responsorien. Insgesamt bilden sie, mit den Geräuschen, vielleicht eine Art von Messe. Es ist auch nicht versucht worden, so etwas wie die Topografie einer Stadt, in diesem Fall die Topografie Düsseldorfs, zu geben. Die Straßennamen sind benutzt als Reiz-Worte. Im Ganzen könnte man also behaupten, es sei die Absicht des Hörspiels, all das zu vermeiden, von dem es eigentlich nach seinem eigenen Modell, dem des Taxifunks, handeln sollte. Aus allen möglichen Selbstverständlichkeiten, die man als Autor in einem solchen Hörspiel über das Funktaxi vorbringen und als Hörer erwarten könnte, und aus dem Nichtselbstverständlichen des hier verwirklichten Hörspiels könnte sich dessen Spannung ergeben" (Peter Handke, 1969, in einer Vorrede zu seinem "Hörspiel. Nr. 2").

Handkes "Hörspiel Nr. 2" wurde im Landesstudio Steiermark produziert und am 1. März 1970 in Ö1 in der Reihe "Die Tribüne - Experimente und Konfrontationen" gesendet. Handkes "Hörspiel Nr. 2" beginnt mit Jimi Hendrix' "Hey Joe".

Sunday, November 23, 2014

Peter Handke, Thomas Oberender: 50 Jahre Schreiben fürs Theater

Peter Handke, Thomas Oberender: 50 Jahre Schreiben fürs Theater

Inhalt

In vier Gesprächen zeichnen Peter Handke und Thomas Oberender Handkes imposante Werkgeschichte im Theater nach, ein »in Bezug auf formelle Schönheit und brillante Reflexion« unvergleichliches Lebenswerk, wie es in der Jurybegründung zur Verleihung des International Ibsen Award 2014 an Handke heißt. Oberender fragt als profunder Kenner der Bühne, als sensibler Leser, er ist Stichwortgeber für einen anregenden Dialog über Handkes literarische Prägungen, über Entwicklungen und Kontinuitäten dieses großen Epikers des zeitgenössischen Theaters. 

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«Ich bin kein Stückeschreiber, kein Stückezimmerer, ich bin eigentlich ein Stümper», sagt Peter Handke. Und weil er dieses niederschmetternde Eingeständnis nicht so stehen lassen kann, fügt er mit der ihm eigenen Koketterie, die stets durchblitzt, wenn Handke über Handke räsoniert, hinzu: «Aber mit einem grossen Gefühl.»
Da ist also einer etwas nicht und ist es doch. Da hat einer über zwanzig Theaterstücke geschrieben, alle Formen und Gattungen angespielt und ausgelotet – vom Sprechstück übers Dramatische Gedicht, vom Königs- bis zum Stationendrama, vom Volks- bis zum Welttheater –, wurde uraufgeführt an den grossen deutschsprachigen Häusern, sagt, er «mag die Leute nicht, die ins Theater gehen» (weil das Zuschauen bei den meisten keine «Tätigkeit» mehr ist), rechnet nach und bemerkt, dass ihn das Theater eher «nährt» als das geliebtere Prosa-Schreiben, meckert gegen «Stampftheater» oder den «Scheissfaust von Goethe», stimmt das Hohelied auf die Schauspieler als «Wahrspieler» an (von denen es aber leider immer weniger gibt) – und kann sich doch erst knapp 50 Jahre nach dem ersten spektakulären Bühnenerfolg 
http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/mozartsche-momente-1.18368345

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Handke ist kein Mann der Begriffe, sondern einer der Sprache. Hier reden ein
Methodiker und ein Anti-Methodiker miteinander. Wie bei den Stücken sind es aber die
Nebenhandlungen, die Arabesken, das immer wieder Beiseite-Gesprochene, und nicht
unbedingt das Systematische, das diese vier Gespräche so lebendig und lebhaft
macht. Das Geheimnis des Schreibens seien die Nebensachen, so sagt Handke es
selbst. Ob er vom „Engel der Frechheit“ spricht, von der Verwerfung des sog.
„unmittelbaren Erzählens“, wie es heute wieder gang und gäbe sei, oder davon, dass
das Theater immer wieder neu erfunden werden müsse – hier lernt der Leser eine
Menge, und zwar über Poetik und Poetologie, weit über den individuellen Anlass
hinaus. Die einzelnen Titel und Plots, soweit überhaupt vorhanden, mag man bald
nach der Lektüre wieder vergessen haben. Doch Handkes Blick auf die Welt, seine
Auffassung vom Schreiben, vom Dichten – all das prägt sich nachhaltig ein. Und wenn
man auch auf die Liebeserklärung ans Theater 100 Seiten lang warten muss,
irgendwann, beinahe unverhofft, erfolgt sie doch. 


http://www.wdr3.de/literatur/nebeneingangoderhaupteingang100.pdf
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Aber es ist komplizierter. Einerseits: Handke selbst schätzt seine Prosaarbeiten höher, er hält sich in Bezug aufs Dramatische für einen "Dilettanten"; er geht nicht gerne ins Theater und mag auch die Theatergeher nicht. Andererseits: Er verdankt dem Theater, wie er bekennt, inzwischen seinen Lebensunterhalt, und er sieht sich als Theaterautor durchaus in einer Liga mit Brecht oder Beckett, ohne die beiden deshalb besonders hoch zu schätzen.
Aktuelle Tendenzen des Gegenwartstheaters sind Handkes Sache nicht. Oberender, der Theaterkundige, versucht es gelegentlich mit Stichworten wie "Roland Schimmelpfennig" oder "Site Specific Theater", läuft damit aber bei Handke auf. Wie überhaupt der Theaterbetrieb, der heutige, aber auch schon der von gestern, nicht mit seiner Liebe rechnen darf.
Im Personenregister am Ende des Buches kann man noch einmal überprüfen, wer hier alles sein Fett wegkriegt. Und wer dann im nächsten Satz auch schon Handkes Gerechtigkeitssinn teilhaftig wird.


http://www.sueddeutsche.de/kultur/gespraechsband-ueber-das-theater-peymann-zu-arminia-bielefeld-1.2094619


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"
Brecht, Pirandello, Wilder, allen voran natürlich Beckett – wird ausgiebig behandelt. Mit "Warten auf Godot" beispielsweise kann er nicht viel anfangen. Sehr aufschlußreich die Diskussion der beiden über die Pausen, die Beckett verordnet. Fast nebenbei wird auch das Kino berührt und Handke gesteht seine Affinität dem Western gegenüber (bei ihm fast gleichbedeutend mit John Ford): "…alles habe ich eigentlich aus dem Western". Leider geht Oberender überhaupt nicht auf Handkes cineastisches Opus ein und versäumt es damit, Parallelen oder auch formale Unterschiede zum Drama-Schaffen zu spezifizieren. Ein bisschen mehr Insistenz hätte man sich schon gewünscht, wenn der Kinogeher Handke sagt, er fühle sich aus dem Kino kommend immer "ein bisschen übers Ohr" oder "übers Auge gehauen". Immerhin äußert sich Handke hier wohl erstmalig öffentlich über seinen großen ästhetischen Dissens zu Michael Haneke, den er in Bezug auf "Das weiße Band" als "Naturalist" und "Ideologe…Mystifikator und…Denunziant" bezeichnet. Dabei differenziert Handke sehr schön Naturalismus von Realismus. Letzterer zeigt den Alltag nicht nur, er "verwandelt" ihn.

http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/h/handke-oberender-struck-dem-theater-ein-fremder.htm

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andkes Texte stellen die Arbeit an der Sprache ohnehin immer aus, aber in den vorliegenden vier Gesprächen wird dies auch reflexiv begleitet. Dadurch werden die Gespräche zu einer Art Werkstattbesuch, bei dem Oberender – selbst einer, der sein Handwerk versteht (und dadurch nicht nur mitreden, sondern auch dagegenreden kann) – den Handwerker Handke durch die Werkstatt begleitet, ihm über die Schulter blickt und ab und zu eine Bemerkung einstreut, die Handke dazu bringt, sein mäanderndes Reflektieren explizit zu artikulieren. Dadurch werden diese Gespräche auch für diejenigen, die mit Handkes Theater weniger vertraut sind, zu einem aufschlussreichen Besuch in der Sprachwerkstatt (bei dem man allerdings bereit sein sollte, sich mit nötiger Langsamkeit zu bewegen). Und sie schaffen ein Bewusstsein für die versteckten Bedeutungsebenen der Sprache: Wenn Handke von »all den auffälligen Menschen heute« sagt, dass diese sich im Gegensatz zu einem (guten) Schauspieler »aufspielen« (S. 23), dann wird einem durch Handkes eigenen Kommentar – »Das ist ein gutes Wort« (S. 23) – der Konnotationsreichtum dieses Begriffs (und vieler anderer auch) deutlich. Man kann Handke beim Denken zuschauen: »Na ja, das ist ja ein Vorschlag, man kann sie auch Altötting nennen oder, ich weiß nicht, Bautzen oder, eher nicht.« (S. 50)

http://www.literaturhaus.at/index.php?id=10397




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http://www.ardmediathek.de/radio/WDR-3-Buchrezension/Peter-Handke-Thomas-Oberender-Nebeneing/WDR-3/Audio-Podcast?documentId=23864302&bcastId=19358026

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Nebeneingang oder Haupteingang? – Thomas Oberender spricht mit Peter Handke über 50 Jahre Schreiben fürs Theater

Tut mehr Unnützes!
von Wolfgang Behrens
20. November 2014. Einmal, gegen Ende des vierten und letzten Gesprächs, sagt es Peter Handke selbst: "Es drängt mich, unmittelbar zu sein (...)." Es ist diese Nähe zu einem Jargon der Eigentlichkeit, die einem in Handkes Werken zu schaffen machen kann. So faszinierend und soghaft das Umkreisen des Unmittelbaren und Eigentlichen auch sein mag – das Benennen der einfachen Dinge und das Herbeisehnen des authentischen Erlebens –, so politisch naiv geriert es sich zuweilen – wohin dies bei Handke geführt hat, ist eine Geschichte für sich (die in dem zu verhandelnden Band auf konsequente Weise nicht thematisiert wird – schade eigentlich!).
cover handke-oberender 140Ganz so simpel geht es dann aber doch nicht zu mit Handkes Drang zur Eigentlichkeit. Dass die Sprache die ersehnte Unmittelbarkeit gerade nicht einzufangen vermag, weiß Handke natürlich, und deshalb heißt es im eben nur unvollständig wiedergegebenen Zitat weiter: "Es drängt mich unmittelbar zu sein, und indem ich anfange, das zu realisieren, sehe ich, daß ich Umwege machen muß, also noch und noch Umwege. Über Künstlichkeit, über Machen, über Tradition, über Formen, die schon da sind, und so weiter. Und zwischendurch, oder am Ende, manchmal sogar zwischendurch, gibt es diese unmittelbaren Momente, aber erst dank der Künstlichkeit." Es scheint wie beim Wettrennen von Achilles und der Schildkröte zu sein: Die Sprache (Achilles) versucht das Unmittelbare (die Schildkröte) einzufangen, doch immer wenn sie dort ankommt, wo das Unmittelbare eben noch war, ist diese schon wieder ein Stück weiter.
Die Sprache ins Spielen bringen
In dem Gesprächsbuch "Nebeneingang oder Haupteingang?", den Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele und vormals Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele, gemeinsam mit Peter Handke erarbeitet hat, zeitigt der Drang zur Unmittelbarkeit jedenfalls recht eigentümliche Folgen. Die Interviews, die Oberender vorzugsweise in Gärten sitzend mit Handke geführt hat – was dem "eigentlichen" Sprechen bestimmt zuträglich ist! –, diese Interviews also treten uns nämlich in einer mutmaßlich nur wenig nachbearbeiteten Schriftform entgegen. Oberender schreibt im Vorwort, dass er "das Tasten und Befühlen der Worte und Sätze, Peter Handkes Verstummen und seine Neuansätze, die Abirrungen und Variationen der Aussagen zu erhalten" versucht habe. Diese Entscheidung birgt freilich auch einige (unfreiwillige?) Komik, wenn durch den Text beispielsweise in den unpassendsten Augenblicken plötzlich Einwürfe wie "Da badet ein Vogel!" oder "... ein Eichhörnchen, da hinten! ..." wehen.
Diese merkwürdige Form des tastenden An- und Hin-Denkens und jähen Wieder-Wegspringens vermittelt aber doch ein überraschend präzises Gefühl für den Kosmos, in dem sich das dramatische Schaffen Handkes bewegt – beginnend mit der "Publikumsbeschimpfung" von 1966 und vorerst haltmachend bei den letzten Stücken Immer noch Sturm und Die schönen Tage von Aranjuez. Die Art und Weise, wie seine Stücke (meist handlungslose) Bühnenvorgänge behaupten, wie sie die Sprache ins Spiel, oder besser: ins Spielen bringen, wie sie das Vage aufsuchen, um Momente der Durchlässigkeit (auch so ein Jargon-der-Eigentlichkeit-Wort!) zu schaffen, und wie sie sich aufeinander beziehen bzw. auseinander hervorgegangen sind – das alles fördern Oberender und Handke in mal scharfsinnigen, mal regelrecht somnambulen Schleifen zutage.
"Ich mag die Leute nicht, die ins Theater gehen"
Man liest den Band durchaus mit Gewinn, zumal die Gespräche immer wieder auch grundsätzliche poetologische Fragen aufwerfen, die an die Möglichkeit des Schreibens für Theater überhaupt rühren. Und was die Politik betrifft, die ja sonst ausgespart bleibt, stößt man sogar auf ein Bekenntnis, das vermutlich koketter klingt, als es gemeint ist: "Das wäre ein politisches Programm von heute, ein weltpolitisches: Daß viel mehr unnütze Tätigkeiten gemacht werden. All diese nützlichen Tätigkeiten machen die Welt kaputt. Das glaube ich, das ist mein Credo."
Am schönsten aber wird es, wenn in all dem Schwadronieren Handke plötzlich ganz konkret wird oder gar ins Lästern kommt. Dann hört man etwa von Kritikern, die "vortäuschen, daß sie etwas gelesen haben", oder man erfährt, dass Handke auch noch fast ein halbes Jahrhundert nach der "Publikumsbeschimpfung" den Theaterzuschauern misstraut ("Ich mag die Leute nicht, die ins Theater gehen. [...] Wenn ich die schon sehe, wie die auf den Straßen zum Theater gehen – das gefällt mir nicht!"). Am allertollsten freilich ist eine Erkenntnis über Claus Peymann, zu der man im vollsten Einverständnis zu nicken geneigt ist: "Er könnte halbwegs auch ein Fußballtrainer sein, nicht gerade für die Stars von Real Madrid oder FC Barcelona, aber doch für Arminia Bielefeld, vielleicht." Nur kurz nachgefragt: In welcher Liga spielt Arminia Bielefeld noch gleich?

Peter Handke, Thomas Oberender:
Nebeneingang oder Haupteingang? Gespräche über 50 Jahre Schreiben fürs Theater
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 199 Seiten, 20 Euro

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=10255:2014-11-20-07-20-51&catid=100:buecher&Itemid=100087

Tuesday, November 11, 2014

VERSIUCH / ESSAY ON THE LUCKY / GEGLUECKTER/ /TAG /DAY

 http://handkeonline.onb.ac.at/search/node/VERSUCH%20%C3%9CBER%20DEN%20GEGL%C3%9CCKTEN%20TAG

»Playful, reflective, insightful, and entertaining, The Jukebox and Other Essays on Storytellingconstitutes a literary triptych that redefines the art of the essay and challenges the form of the short story, confirming Peter Handke's stature as ›one of the most original and provocative of contemporary writers‹.« (Lawrence Graver, The New York Times Book Review

http://dramagraz.mur.at/dramagraz/archiv/bis_2009/archiv_dramagraz_alt/030626_peter-handke_versuch.pdf

http://link.springer.com/chapter/10.1007%2F978-3-663-08692-5_8

http://onlinestreet.de/120275-peter-handke-versuch-ueber-den-geglueckten-tag




Eine echte Fälschung

Peter Handkes „Versuch über den geglückten Tag“
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Von Iris Radisch

Winter 1990 – Frankreich rüstet sich für den Golfkrieg. Vom Militärflughafen Villacoublay hört man das Donnern der startenden Bomber, „gleich hinter dem Hügelwald, sich verdichtend von Tag zu Tag, mit dem heranrückenden Krieg“. Der Lärm hinter den Hügeln ist dem Dichter Peter Handke einen ganzen Satz wert, einen einzigen – in seinem „Versuch über den geglückten Tag“, einem „Wintertagtraum“.
Im Winter geht der Dichter spazieren. In die Weinberge, um dort Shakespeares „Wintermärchen“ zu lesen. Seine Übersetzung des Schauspiels widmet er dem „Weinberg von Suresnes, oberhalb von Paris, wo mir, als ich da in der Stille saß und las, ‚The Winter’s Tale‘ in deutsch nicht mehr so unmöglich erschien wie zuvor“.
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Winter 1990 – als die Bomber aufstiegen und der Dichter saß und las.
Im Sommer 1990 trägt ein Pariser Vorortzug den Schriftsteller Handke auf der Höhe von Suresnes in einem weiten Bogen aus der „Tagesklemme“ heraus. Das bringt ihn auf die Idee vom geglückten Tag, versetzt ihn in den „Schwung, der heiß macht, sich zusätzlich an einer Beschreibung oder Aufzählung, oder Erzählung der Elemente und Probleme solch eines Tages zu versuchen“. Wenn der Versuch glückt, denkt er, könne er das Buch auch „Märchen des geglückten Tages“ nennen. Nicht nur Wintertagtraum, wie es im Untertitel heißt, nein: Wintermärchen des geglückten Tages.
Bald darauf begegnet ihm der Bogen von Suresnes noch einmal. Auf dem Bild „Der Maler und sein Mops“ von William Hogarth in der Londoner Tate Gallery entdeckt er einen krummen Strich, den man – wäre er nicht beschriftet – angesichts der abgründigen Mopsaugen und der verloren ins Bild hängenden Mopszunge leicht übersehen würde. „The Line of Beauty and Grace“, die Linie der Schönheit und der Anmut, ist unter dem Strich auf der umgedrehten Palette zu lesen.

Die Leere zwischen dem nichtssagenden Strich und den vielversprechenden Worten – zwischen der Kurve bei Suresnes und der Idee vom Glück – verlangt eine Erklärung. Hogarth und Handke mußten ein Buch schreiben, um ihre Embleme zu entschlüsseln. Einen Essay der eine, einen „Versuch“ der andere.

Seite 2/5

„Ich gab also“, schreibt Hogarth, „im Jahr 1745 einen Titelkupfer zu meinen in Kupfer gestochenen Werken heraus und zeichnete auf eine darauf gestochene Palette eine Schlangenlinie, worunter ich folgende Worte setzte: Linie der Schönheit und der Anmut. Man biß bald an und eine Zeitlang machte sie mehr zu schaffen, als jemals eine ägyptische Hieroglyphe.“ Auf über zweihundert Seiten erklärt Hogarth in seiner 1753 in London erschienenen Schrift „The Analysis of Beauty“, warum die Schlangenlinie das einzig Schöne im Leben und in der Kunst ist. Seine Beweise reichen von den Füllhörnern der Götter über die geschwungenen britischen Staatskleider, die gewellten Damenfrisuren, das krause Petersilienblatt bis zum englischen Gesellschaftstanz. „Die Schlangenlinie“, schreibt er, „ist die eigentlichste Form, welche man ausdenken kann, um nicht allein die Schönheit und den Reiz, sondern die ganze Ordnung der Form auszudrücken“ – „zu der Allgemeinheit einer Form zu lichten“, wird der Hogarth-Nachfahre Handke rund zweihundert Jahre später schreiben.
Hogarths Kampfschrift, die Handke nicht erwähnt, gipfelt in einem letzten, die Macht der Schlangenlinie endgültig bekräftigenden Zitat – aus Shakespeares „Wintermärchen“: „What you do / Still betters what is done – / a wave o’ the sea, that you might ever do / Nothing but that; move still, still so, / And own no other function In der Übersetzung, die Peter Handke im November 1990 dem Weinberg von Suresnes gewidmet hat, heißt das: „was du auch tust, ist gut... / Meereswoge, damit du nie wieder anders tätest, / Bloß dich bewegtest, noch und noch, nichts sonst!“
Ein Strich, ein weiter Bogen, ein Wintertagtraum, startende Bomber: Peter Handke schreibt einen Versuch über den geglückten Tag. Er hat sich schon in vielen Erklärungen des Glücks versucht. „Die Begierde nach dem Zusammenhang“ ist das Glück in der „Lehre der Sainte-Victoire“. In der „Stunde der wahren Empfindung“ ist es das Gefühl, „von jedem Punkt aus zu Fuß nach Hause gehen zu können“. Im „Versuch über die Jukebox“ heißt das Glück „Levitation“. Und im „Versuch über die Müdigkeit“ ist der Erzähler glücklich, wenn in vorkantischer Eintracht „alles beieinander ist“: die Dinge, wie sie sind, wie sie sein sollen, wie sie an sich sind – bevor der Mensch sie sah. Am glücklichsten wäre Peter Handke, wenn er sich bei seinem eigenen Erblinden zusehen könnte, um als blinder Seher die Dinge so zu sehen, wie sie sich selber sehen würden, wenn sie Augen hätten.
Die kleinen Versuchsschriften, die er inzwischen schon im dritten Jahr verfaßt, sind Exerzitien der Selbstentmachtung oder zarte „Versuche“, dem Autor Peter Handke, nach den gewichtigen Notizbüchern und Romanen der achtziger Jahre, einen Strich durch die Palette zu machen. Und ihm für die Schönheit die Augen – zu schließen.
Früher wußte Handke immer alles ein bißchen schneller, ein bißchen genauer, ein bißchen schmerzhafter als alle anderen. Er konnte Dinge sagen, die wir vergessen hatten, nie so sagen könnten und doch schon immer sagen wollten. Er konnte die Welt durch seine Worte bezaubern und verwandeln. Heute will er durch seine Worte ein Schweigen vorbereiten, in dem die Welt wie durch Zauberei selber zu Wort kommen soll. „An dem geglückten Tag“, sagt der Glückssucher, „werde ich rein sein Medium gewesen sein, mich von der Sonne habe bescheinen, vom Wind anwehen, vom Regen anregnen lassen, mein Zeitwort wird ‚gewährenlassen‘ gewesen sein.“ Er will die „sich selbst erzählende Welt“. Und je größer Handkes Wünsche werden, desto kleiner werden seine Bücher.
Schon häufig hat der Versuch, den Autor im Buch abzuschaffen, eher zur Abschaffung des Buches geführt. Mallarmé wollte ein autorfreies, absolutes Buch schreiben und hat es bei losen Notizblättern belassen. Francis Ponge hat in seinen kurzen Prosa-Skizzen „Im Namen der Dinge“ versucht, die Dinge selber zum Sprechen zu bringen. „Die Dichter“, schreibt er in seinem Aufsatz „Die stumme Welt ist unsere Heimat“, „haben sich keineswegs mit ihren menschlichen Beziehungen zu befassen, sondern sich in das sechsunddreißigste unterirdische Stockwerk zu versenken“, denn ihre Dichtung ist „Nahrungszufuhr für den Geist, der an den Kosmos angeschlossen wird. Wir brauchen nur unseren Anspruch herunterzuschrauben, die Natur beherrschen zu wollen, und unseren Anspruch hinaufzusetzen, körperlich an ihr teilzunehmen, damit die Versöhnung stattfinde.“
Will man Handke nicht weit unter seinem eigenen Wahnwitz loben, muß man eingestehen: Genau das will er auch – Anschluß an den Kosmos, Teilnahme an der Natur, Rettung, Versöhnung, Versenkung. Auf 91 Seiten.
Doch anders als Francis Ponge, der im 36. unterirdischen Stockwerk der Erde den Dingen in größter Einsamkeit Namen verleiht, schreibt Peter Handke im „Versuch über den geglückten Tag“ nur die Bedienungsanleitung für den Fahrstuhl. Und er tut das so, wie es sich für eine Bedienungsanleitung gehört: ein wenig sang- und klanglos.
„Wer hat schon einmal einen geglückten Tag erlebt?“ fragt das Ich sein Du, mit dem es den ganzen „Versuch“ über, platonisch zweigeteilt, zu Rate geht. Ist der geglückte Tag mehr als ein geglückter Augenblick? Mehr als eine geglückte Arbeit? Eine geglückte Sache?
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Es gibt keine Antwort. Die alten Glücks-Ideen sind tot: Der kairos ist tot. Der Glaube an das selbstgemachte Glück auf Erden ist tot. Gott ist tot. Handke ist erschüttert. Ohne „Gesetzlichkeit“, ohne „Zusammenhang“, ohne „Gewißheit“ lebt der Mensch in einer Art Glücksvergessenheit – „dahin“.
Auch wenn wir die „Empörung“ und die „Not“, die dem Dichter diese ungesetzliche, ungewisse Glückslage bereitet, nicht teilen können – ja, käme es hart auf hart, irgendein ungewisses, zusammenhangloses, gesetzloses Glück dem geglückten Tag nach Peter Handke sogar vorziehen würden –, bewundern wir den Klassiker Peter Handke, der Maß, Regel und Form selbst für die maßlosesten Angelegenheiten des Lebens sucht. Und, zu unserer großen Beruhigung, nicht findet. Denn immerzu schiebt sich eine Mopszunge störend ins Bild: als Passant, der sich die Taschen abklopft, als Holzscheit, der dem Dichter auf die Füße fällt, als gelber Amselschnabel. Ein Nichts genügt, und das Gespinst des Glücks ist zerrissen. Der „Versuch über den geglückten Tag“ bricht zusammen.
Zu Beginn, im Schwung der erinnerten Bahnfahrt, der erinnerten „Linie der Schönheit und der Anmut“, greifen die Sätze weit aus, spreizen sich, nur durch ein loses „Und“ verknüpft, über die Seiten. Aber von dem geglückten Tag ist nicht „einfach und rein“ zu erzählen. Er ist nur eine „Idee“, und „indem nichts als die Idee da ist, kann das Erzählen nur handeln von eben dieser Idee“. Und das heißt: von sich selber. Von der Unmöglichkeit, einen geglückten Tag zu erzählen. Das macht die Sätze kürzer, bringt sie ins Stottern. Die Erzählung stolpert über die Erzählung, die nicht zu erzählen ist. So sind die drei „Versuche“, jeder auf seine Weise, eine „Kritik des reinen Erzählens“, eine Vorstudie, ein Prolegomenon, in dem die „Bedingungen der Möglichkeit“ des Erzählens probiert, das Gerippe einer solchen Erzählung ausgelegt, aber das Erzählen selber aufgeschoben oder nur angedeutet wird.
Damit ist Handke am „Nullpunkt der Literatur“ angekommen, von dem Roland Barthes in Frankreich schon vor vierzig Jahren gesprochen hat. Auf diesem Nullpunkt, der für Barthes zugleich der Höhepunkt der Literatur ist, stehen die, Schriftsteller ohne Werk, die Schriftsteller auf der Suche nach einem Werk, die Dichter, die alles wollen und deshalb wenig schreiben.
„Wir wollen hier“, „wohl aber sollen ...“, „so soll es...“, erzählt der verhinderte Erzähler – und dabei bleibt es. Alles Wichtige findet in der unwirklichsten und unheimlichsten aller Erzählzeiten statt: in der Vergangenheit der Zukunft. So wird es gewesen sein. Immer wieder korrigiert er sich, tauscht Worte aus, bietet Alternativen an. Soll ihm die Idee des geglückten Tages „Vorspuren“ oder besser „geistern“ oder „irrlichtern“ Soll Hogarths Linie auch „Linie der Schönheit und der Gnade“ heißen?
In flüchtigen Anläufen werden Glücksszenarien entworfen, werden Bilder, Augenblicke des Glücks aufs Papier getuscht und gleich wieder verwischt: die Rabenfrühe, die Taukügelchen auf der Rabenfeder, die siebensprossige Leiter im Garten, das Schweigen der Cafebesucher, ein „unerhörter Moment“ beim Betrachten einer Gartenhecke. Aber das macht noch keinen Tag. Oder ist der geglückte Tag ein Ton? „Hörend bin ich auf der Höhe“, kalauert der Dichter. Und er hört wirklich allerlei: das Klingeln eines auftreffenden Blattes auf der fernen Horizontlinie, den Dreisprung der Amsel über die Gartenhecke, doch der „reine Ton“ ist nicht dabei.
Wahrscheinlich ist es gerade ein „Nichts an Tag“, das, wie das Nichts an Buch, die „äußerste Fülle“ verspricht. An so einem nichtigen Tag wachsen in der Luft des Morgens die verschiedenen Erdteile zusammen, „und in der Folge gehört es auch zum Glücken, es einfach Abend werden zu lassen, mit Augen selbst für das Zwielicht, und hernach von deinem Tag, obwohl nichts geschehen ist, Unerschöpfliches erzählen zu können“. So könnte der Schriftsteller vom geglückten Tag erzählen. Aber er will nicht. Nicht so. Vielleicht später. In einem „Traum vom umfassenden, alldurchlässigen Buch“, dem absoluten Buch, in dem man sehen, summen, lesen und leben zugleich kann – tief unten im 36. Stockwerk der Erde, wo jeder Tag ein geglückter Tag gewesen sein wird.
Das ist literarische Mystik, die für Ungläubige komisch ist. Einmal berichtet der Erzähler von „seinem Tag“: Am Morgen dieses Tages erfrischt er sich mit kühlem Wasser, das ihn an das „Wasser von Joannina, jenseits des Pindus“ erinnert, worauf er im stillen „Heilige Welt“ denkt, sich dann aber, beim „Geschiebe und Gerüttel“ des vormittäglichen Holzsägens schon wieder beim „Verfluchen des heiligen Tages“ ertappt und erst im zweiten Anlauf zu einem „beschwingt Dahinsägenden“ werden kann, dem das „Sägen für sich, das bloße Sich-Zusammenfinden und Zusammensein mit dem Holz da ... ideal den Traum von einem interesselosen Wohlgefallen verkörperte“.
Dieser heilig sägende Gartenfreund, der von seinen Holzscheiten,, den Gartenfrüchten, den wehenden Gräsern und den grünenden Wegen gar nicht mehr lassen will, ist eine Provokation. Im Militärflughafen starten die Kampfflugzeuge, und Handke deutet in aller Stille Schlangenlinien auf Bildern des 18. Jahrhunderts, betrachtet Ginkgoblätter und philosophiert darüber, wie er das „Nichts unserer Tage“ „fruchten“ lassen kann. Doch die Provokation ist kalkuliert, die scheinbare Naivität ist ein Teil des Spiels vom geglückten Tag. Handke weiß, was er tut, wenn er sich zum sägenden Kasper macht, und weiß auch, daß aus seinem Zauberspiel wie in einem Umkippbild von einem Augenblick zum nächsten ziselierter Blödsinn werden kann. Er spielt mit dieser Möglichkeit des Umschlagens, wie er mit dem Glück spielt. Und gewinnt. Solange der Zauber hält, ist die heilige Einfalt des Gartenfreundes, die vor keiner Peinlichkeit mehr zurückschreckt, der bitterste Kommentar zu den startenden Bombern.
Das kann schließlich selbst mit den Joanninaschen Wassern versöhnen: die stille Mißachtung der Peinlichkeitsgrenze. Der Autor nimmt seine Sache wichtiger als den Leser. Er will ihn nie beeindrucken (und will für diesen Verzicht um so mehr geliebt werden). Er scheut vor keinem Satzungetüm, vor keinem unbelegten Klassikerzitat, vor keinem dunklen Heideggerianismus zurück, wenn ihm das bei seiner eigensinnigen Suche nach dem reinen Erzählen nutzt. Die gespielte Heiligkeit und der zerbrechliche Zauber seines Glasperlenspiels kann selbst einen literarischen Atheisten beeindrucken. Der spröde Fanatismus und die aufrechte Verbohrtheit, mit der Handke sein Versöhnungswerk voranschreibt, indem er beinahe nichts mehr schreibt, ist so verblüffend, so ärgerlich und bedrückend, daß uns die Späße darüber vergehen – und wir seinen Ernst bewundern. Es gehört zur Glaubensfreiheit, dem Glauben zu mißtrauen und die Gläubigen zu lieben.
Zum Glück geht am Ende alles schlecht aus. Handke, der mit dem Traum vom geglückten Tag wie zur Probe ein wenig mit dem Taschentuch gewedelt hat, steckt das Tuch wieder in die Tasche. Das Spiel vom Buch über den geglückten Tag war ein Glücksspiel, bei dem jeder, der verliert, gewinnt.
Auf den letzten Seiten wird die Hogarthsche Schlange zur Peitsche, die das Stilleben der Sätze zerstückelt. Zurück bleiben nur Fetzen der Schönheit, unverbundene Bilder, die von keinem begütigenden „Und“ mehr gehalten werden und dem Erzähler auf- und davonrasen. „Heim zum Buch, zum Schreiben, zum Lesen“, ruft er sich noch zu. Doch da ist das Buch beinahe schon zu Ende.
„Hast du schon einmal einen geglückten Tag erlebt?“ Ein letztes Mal diese Frage! Und endlich die Antwort: „Hätte ich derartiges, auch nur annähernd, erlebt, so stellte ich mir vor, ich müßte für die folgende Nacht nicht bloß einen Alp befürchten, sondern den Todesschweiß.“ Der geglückte Tag, endlich ist es heraus, wäre der Tag, an dem aller Tage Abend ist.
Die Suche nach dem geglückten Tag ist also nur ein Traum, der sich wie eine Meereswoge auf- und abbewegt. „Wendungen um Wendungen im Leeren, für nichts und wieder nichts, an etwas Drittes, Unfaßbares“ – eine Erzählung von einer Erzählung, die nicht zu erzählen ist. Deshalb mußte es bei diesem Versuch einer Erzählung bleiben, der damit zur eigentlichen Erzählung geworden ist – zum Wintertagtraum.
Shakespeares „Wintermärchen“, das Handke im stillen Weinberg von Suresnes gelesen hat, endet damit, daß die Heldin, Königin Hermione von Sizilien, als Statue weiterlebt, die märchenhafterweise von der echten Königin nicht zu unterscheiden ist. Auch im „Versuch über den geglückten Tag“ ist das Buch am Ende zu diesem geglückten Tag selber geworden. Eine echte Fälschung, die nur so lange lebt, wie der Traum anhält und das Buch geöffnet ist.
Schließt man das Buch, bleibt nichts als das „leere Vogelnest“, an dem draußen der Schnee vorbeifällt. Noch und noch.
  • Peter Handke:
Versuch über den geglückten Tag
Ein Wintertagtraum; Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991; 91 S., 24,– DM
http://www.zeit.de/1991/35/eine-echte-faelschung/seite-5

Sunday, April 13, 2014

AM FELSFENSTER MORGENS/ MORNINGS, AT THE ROCK WINDOW

Das Buch ist ein Arbeitsjournal, ist ein Tagebuch. Es spielt zwischen den Jahren 1982 und 1987, als Peter Handke mit seiner Tochter in Salzburg lebte. Es sind nur Notizen, Träume, Gelesenes, Gespräche, Beobachtungen, Reflexionen, Aufgeschnapptes und Weggedachtes. Es ist ein Buch der Sesshaftigkeit: Es beschwört die Magie der Wiederholung, die Poesie des Alltags, die Schönheit des immer Gleichen.
http://handkeonline.onb.ac.at/search/node/AM%20FELSFENSTER%20MORGENS


  1. AM FELSFENSTER MORGENS - NOTIZBUCH, 1984

    ... Beschreibung Am vorderen Vorsatz ist Handkes Salzburger Adresse mit Telefonnummer notiert, ... des Notizbuchs entsprechen die Textstellen in Am Felsfenster morgens , S. 225-371 Werkbezüge ...
  2. AM FELSFENSTER MORGENS - NOTIZBUCH, 1986

    ... Am Felsfenster morgens - Notizbuch, 1986 Tabellarische ...
  3. AM FELSFENSTER MORGENS - NOTIZBUCH, 1987

    ... des Notizbuchs entsprechen die Seiten 447-481 im Journal Am Felsfenster morgens . ...
  4. AM FELSFENSTER MORGENS - BLEISTIFTMANUSKRIPT, 1997

    ... erste vollständige handschriftliche Fassung von Am Felsfenster morgens . Der Titel auf dem Deckblatt des Manuskripts weicht mit ...
  5. AM FELSFENSTER MORGENS - NOTIZBUCH, 1986

    ... Beschreibung Am vorderen Vorsatz ist Handkes Salzburger Wohnadresse und die Datierung ... I) AmFelsfenster morgens - Notizbuch, 1986 Tabellarische ...
  6. AM FELSFENSTER MORGENS

    Erscheinungsort:  Salzburg und Wien Verlag:  …
  7. AM FELSFENSTER MORGENS - NOTIZBUCH, 1982

    ... der Buchdeckel verwendet (vorderes und hinteres Vorsatz). Am vorderen Vorsatz sind Handkes Salzburger Wohnadresse und Telefonnummer sowie ... Zeit übernahm Handke in Auswahl auch für sein Journal Am Felsfenster morgens . Lektürenotizen und -zitate treten nur vereinzelt ...
  8. AM FELSFENSTER MORGENS - NOTIZBUCH, 1987

    ... des Notizbuchs entsprechen die Seiten 447-481 im Journal Am Felsfenster morgens . ...
  9. AM FELSFENSTER MORGENS - NOTIZBUCH, 1983

    ... Beschreibung In Am Felsfenster morgens (AF 109) verweist Handke auf dieses verlorene Notizbuch ...
  10. AM FELSFENSTER MORGENS - NOTIZHEFT, 1985

    ... des Notizhefts entsprechen die Seiten 285-286 in Am Felsfenster morgen

VARIOUS LINKS VIA:

https://www.google.com/?gws_rd=ssl#q=AM+FELSFENSTER+MORGENS+jung+%26+jung


Tages-Anzeiger; 1998-03-10; Seite 57
Kultur
Funkelnde Splitter im Geroell
Der Leser wird zum Feind und doch auch zum Freund des Dichters. Peter Handkes Aufzeichnungen aus den achtziger Jahren: Am Felsfenster morgens.
Von Joerg Lau
Peter Handke pflegt seit Jahren erfolgreich das Bild einer weltabgewandten Dichterexistenz. Er lebt im selbstgewaehlten Exil seiner Niemandsbucht draussen auf dem Lande vor Paris. Er wandert, wie wir aus seinen Romanen wissen, tagelang durch die Waelder und spricht mit den Pilzen, die er alle mit Namen kennt. Das sorgsam gehuetete Image dieses Autors kontrastiert auffaellig mit seinem sicheren Haendchen fuer einpraegsame Slogans: Publikumsbeschimpfung, Die Angst des Tormanns beim Elfmeter, Der kurze Brief zum langen Abschied, Die Stunde der wahren Empfindung. Viele von Handkes Buchtiteln sind Jetons der gebildeten Alltagssprache geworden. Man muss sich offenbar hueten, seinen Selbstinszenierungen auf den Leim zu gehen: Handke, der so gerne im Gewand des Dichter-Priesters daherkommt, hat auch etwas von einem gewieften Werbetexter.
Ein sanfter Unmensch
Ohnehin: Je naeher man hinschaut, um so staerker schillert dieser Autor - ein Dandy des Stadtrands, koketter Einsiedler, sanfter Unmensch, eiskalter Idylliker, empfindsamer Polterer. Er sucht die profane Erleuchtung und geraet darueber ins Froemmeln. Er hasst Meinungen und verfaellt doch immer wieder ins Leitartikeln. Er verabscheut den Unernst des ironischen Redens und weiss zugleich, dass Pathos ohne Selbstironie zur Laecherlichkeit verdammt ist. Er sucht eigentlich einen unschuldigen Blick, aber sein Horror vor einer falschen Versoehnung treibt ihn immer wieder dazu, sich willentlich und sehenden Auges ins Unrecht zu setzen.
In seinem neuen Buch findet sich der aufschlussreiche Satz: Im Laufe der Jahre habe ich mein Gefuehl der Schuld verloren. Ich bin unschuldig geworden. Was aber fange ich mit meiner Unschuld an. Hier liegt vielleicht der geheime Antrieb seiner poetischen Identifikation mit dem serbischen Aggressor im Jugoslawienkrieg: Lieber gibt Handke, der engagierte Unpolitische, sich fuer die Verteidigung einer moralisch und politisch unhaltbaren Position her, als hinzunehmen, dass niemand mehr sie ueberhaupt in Betracht zieht - auch eine Art, etwas mit seiner Unschuld anzufangen.
Aus einer unzugaenglichen Zeit
Das neue Buch kommt aus einer Zeit, in der an jene eigenartigen Allianzen nicht im entferntesten zu denken war, die sich in den letzten Jahren gebildet haben. Diese Zeit ist noch gar nicht so lange vergangen und mutet doch schon eigenartig verschlossen und unzugaenglich an. Am Felsfenster morgens versammelt Notizen aus den Jahren 1982 bis 1987. Handke hatte fuer diese Spanne seinen Wohnsitz aus Frankreich nach Salzburg verlegt, der Schulausbildung seiner Tochter wegen. Private, ganz idiosynkratische Motive bedingen also die Wahl des Zeitabschnitts. Aber es leuchtet im Rueckblick auch aus anderen Gruenden ein, den Schnitt so wie Handke zu setzen.
Es handelt sich bei diesem Zeitraum naemlich um die letzten Jahre vor der unerwarteten Rueckkehr der Geschichte in die stillgestellte Welt des Nachkriegs. Es war der Abschluss jener am Ende gespenstisch heiteren Phase, die wir Westeuropaeer unter der gut beheizten Glasglocke des atomaren Patts der Grossmaechte verbringen durften. Und es war die Zeit der sogenannten Postmoderne, deren radikalste Fuersprecher sich der Geschichte schon endgueltig ins Nachhistorische entkommen glaubten. Postmoderne, Posthistoire, nachmetaphysisches Denken, neue Unuebersichtlichkeit, Ende der grossen Erzaehlungen: Es ist heute gar nicht einfach zu sagen, was es mit den seinerzeit so erfolgreichen und unmittelbar einleuchtenden Schlagworten auf sich hatte.
Im Kern des Lebensgefuehls, das man mit ihnen zu beschreiben versuchte, war jedenfalls eine grosse Erleichterung zu spueren, eine Art froehliche Resignation, wie ein Durchatmen nach langen sinnlosen Kaempfen: Es liess sich auch ohne die Sicherheit letzter Werte, ohne die Hoffnung auf totale Revolution und ohne feste Identitaeten ganz anstaendig leben. Peter Handkes Buch hat mit dieser Zeit zu tun und gibt ueber sie Auskunft, wenngleich auf seinen ueber fuenfhundert Seiten kaum einmal direkt auf das Tagesgeschehen, geschweige denn auf Stimmungen und Moden des intellektuellen Betriebs Bezug genommen wird. Handke teilt mit den Postmodernen einen antirationalistischen Verdacht: Die Vernunftsfinsterlinge, duestere Soeldner gegen alles Weitere (dahin ist es gekommen).
Eine Komoedie?
Seine Zeitgenossenschaft ist dennoch kein Ergebnis von UEbereinstimmung. Sie ergibt sich vielmehr gerade aus dem hartnaeckigen Versuch, sich den Zeitlaeuften zu entziehen: Distanziertheit, Relativismus, Coolness und alle anderen Masken der zynischen Vernunft der achtziger Jahre sind ihm ein Greuel. Anfang 1987 notiert er: Der Idealzustand ist es wahrscheinlich, die Zustaende laecherlich und zugleich ertraeglich zu finden. Ein solcher Zustand aber ist ihm selbst nicht zugaenglich, wie seine Notizen zeigen.
Handke wuenscht sich vielmehr eine Verwandlung, er strebt nach Innigkeit, Glauben, Gewissheit, Epiphanie und Reinheit, irgendeine, aber Reinheit. Zugleich weiss er, dass die Stunde der wahren Empfindung sich nicht erzwingen laesst: Ein Grundproblem ist es, zu sehen und gelten zu lassen. Von den Versuchen, guenstige Bedingungen fuer solches Sehen zu schaffen, handeln seine Aufzeichnungen. Und weil dieses Unternehmen scheitern muss, ist aus dem Buch, das davon Rechenschaft ablegt, eine Komoedie der Wahrnehmung geworden.
Eine Komoedie? Zugegeben, das klingt unwahrscheinlich, wenn man an Handkes teils selbstverschuldeten Ruf denkt. Er sei ein Bewisperer von Graesern, ein verwoehntes Kerlchen, das seine Gereiztheiten als innere Verwerfungen ausstellt, so giftete Peter Ruehmkorf - selber ein Meister des literarischen Narzissmus - im Tagebuch gegen seinen bestgehassten Kollegen. Zwar muessen Flora und Fauna um Handkes Domizil auf dem Salzburger Moenchsberg so manches ueber sich ergehen lassen: Der Holunderbusch im Vorfruehling wird gar als Gefiederter Freund begruesst.
Aber es gehoert eben zu Handkes Programm, Peinlichkeiten nicht wegzuredigieren: Im Zustand der (seltenen) Erhabenheit hoffe ich, dass zugleich etwas Laecherliches an mir sei (und waere es ein verdrehter Rockkragen). Es ist diese Entschlossenheit, sich eine Bloesse zu geben, die dem Buch seinen einnehmenden Hauch von Komoediantentum gibt. Sie ist freilich nicht mit jener schonungslosen Offenheit zu verwechseln, die von der Kritik so gerne geruehmt wird. Handke kritisiert diese Leerformel: Kritikerwort: = = (als Lob). Die Kunst aber hat schonungsvoll zu sein. Sie ist die hoechste Schonung. Schonungslos duerfen nur Wichte sein.
Was Handke hier aus seinen Notizen ueber sich und seine Arbeit zu sehen gibt, ist keine im zitierfaehigen Zustand ueberlieferte Sammlung von Maximen und Reflexionen. Die Notizen geben vielmehr Einblick in einen Arbeitsprozess voller grosser Vorsaetze und herber Rueckschlaege, und sie verzeichnen Trotz, Niedergeschlagenheit, Euphorie, Wut und - selten genug - Glueck und Gelassenheit.
Friedlich umherschauen
Was Handke ueber die Arbeit an seinen Erzaehlungen schreibt, gilt auch fuer diese Notizen: Ich stelle mir keinen Leser vor beim Schreiben; ich beziehe ihn schreibend ein. So schreibt er ueber seine Poetik: Wenn ich romancierhaft die Dinge registrieren oder recherchieren will, gerate ich ungut ausser mich. Paradox: Nicht beobachten, nicht fixieren, nicht genau hinschauen als eine Grundregel, ex negativo, fuer mein Aufschreiben. Ich kann - ja, kann - nur =friedlich umherschauen =
Ein Jahr spaeter notiert er seinen Abscheu ueber das scheussliche, falsche Lachen in meinem Land: Einmal einen von euch Witze-Erzaehlern erschlagen. Handke rechnet mit einem Leser auf Augenhoehe, der solche Widersprueche nicht gegen denjenigen verwendet, der sie offenlegt: Ein Feind ist vor allem der, der aus zwar vorhandenen, mich aber nicht bestimmenden Eigenschaften von mir ein Bild macht. Ich dagegen will mein eigenes von mir durchsetzen. Freilich habe ich gar kein Bild von mir, sondern ein blosses Bild-Gefuehl. Dieses will ich durchsetzen.
Es ist demnach fast unmoeglich, als Leser nicht zugleich auch zum Feind dieses Autors zu werden. Und manchmal kann man geradezu den Eindruck bekommen, als lege er es darauf an, dass man sich endlich der Wut ueber seine Lieblingstorheiten ueberlasse: Immer wieder diese kokette Medienkritik (Schrumpfherz vom Zeitungslesen), immer wieder das Prahlen mit kleinwinzigen Beobachtungen am Wegesrand voller Zitronenfalter und blauer Blumen, immer wieder das vornehme Naseruempfen ueber die Ironie als eine Art Verrohung.
Die Bilder des Beobachters
Aber dann sind da ploetzlich diese funkelnden Splitter mitten im Geroell der Meinungen. Handke verzeichnet an der Cote d Azur die ungeheure Anmut im Gang der Kellnerinnen, wenn sie nach dem Dienst nachts vom Hotel heimgehen. Er beobachtet in Salzburg die drei alten Maenner im lindenduftenden Gastgarten die Faschistenzeitung lesend. Beim Weggehen liessen sie die Zeitung auf dem Tisch liegen. Sofort schickte ein junger dicklicher Mann vom Nachbartisch seine kleinkleinen Kinder nach dem Zeug und las dann den Dreck im Kreis seiner so lieblichen Kinder. Und er sieht im August 1987 ein neues Jugoslawien an den Tag kommen in ungeheuren Bildern der Menschenverachtung, wie etwa jenes der Klosettfrau im Busbahnhof, die hinter einem ihrer Kunden einen nassen Gummihandschuh =in effigie = auf den Kachelboden schmiss, =Dass es nur so klatschte = (es gaebe noch und noch solche Bilder aufzuzaehlen).
Genervt, beglueckt, verwirrt legt man dieses Buch zur Seite. Man stellt es nicht gleich zu den anderen Handkes der letzten Jahre. Noch einmal: Die Errungenschaft der Kunst bleibt wohl, dass sie von all den Meinungen erloest und zurueckfuehrt ins Offene. So ist es. Handke, der beglueckende Ungluecksmensch hat es wieder einmal geschafft, dass man sich von all den Meinungen ueber ihn erloest fuehlt und wuenscht, er moege noch und noch solche Bilder aufzaehlen.
Peter Handke: Am Felsfenster morgens. Residenz Verlag, 542 Seiten, gebunden, 58 Franken.
BILD CHRIS SATTLBERGER/ANZENBERGER
Im Lauf der Jahre das Gefuehl der Schuld verloren: Peter Handke.

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Narziss und sein Hunger nach Erloesung Grosse Reisen fanden keinmal statt: Peter Handke flieht aus der Welt und kommt nur bei sich selbst an Manchem Leser von Peter Handkes Journalen mag es ergehen wie beim Anblick einer dieser praechtigen Zimmerpflanzen, die ob ihrer demonstrativen Natuerlichkeit eine leichte Irritation ausloesen und sich schliesslich beim Naeherkommen, gar Betasten als reines Kunstprodukt aus Stoff und Draht entpuppen. In seiner Vorbemerkung betont der Autor denn auch hoechst nachdruecklich, dass er aus seinen salzburgischen Augenblicks- und Stundenmitschriften zwischen 1982 und 1987 zwar eine rigorose Auswahl getroffen (etwa drei Viertel seien weggefallen), dabei aber kaum ein Wort geaendert habe; wo er sich aber dennoch zu einer Korrektur habe hinreissen lassen, habe er sie in der Regel umgehend wieder rueckgaengig gemacht. So viele Beteuerungen machen misstrauisch. Auch dem Autor scheint es bei der abermaligen Lektuere seiner Aufzeichnungen nicht ganz wohl gewesen zu sein. Jedenfalls macht sich seine Unbehaglichkeit sogleich stilistisch bemerkbar - in so ungluecklichen Praegungen wie: Grosse Reisen fanden keinmal statt oder das Wegfahren dauerte jeweils nur fuer kurze Expeditionen. Stilblueten dieser oder hoeherer Art bietet der Tagebuchtext genug; auch wenn man sie als bewusst erhalten gebliebene Zeichen fuer die Spontanitaet der Niederschrift werten wollte, beruehren sie doch merkwuerdig inmitten eines Kontextes, der zum grossen Teil Reflexionen ueber die Sprache enthaelt und deren Autor von sich bekennt: Niemand glaubt mehr an die Sprache; ausser mir . . . Dass es sich dabei um einen hoechst verzweiflungsvollen Glauben handelt, wird zwar nirgendwo eingestanden, doch lassen die raunenden Beschwoerungen kaum einen anderen Schluss zu. Da ist von der Gnade des Sprachsinns, der Gnade des einen Worts die Rede, da mueht sich Handke - verzagend-unverzagt - um das Mysterium der Erzaehlung und behauptet schliesslich: Die Erzaehlung entringt sich mir. Doch so qualvoll das alles klingt, so gelaeufig rinnt es dem Autor aus der Feder, pardon: dem Bleistift - eine Art Hofmannsthalsches Paradoxon. Schon Handkes Kollege und Landsmann hatte das Versagen der Sprache in seinem beruehmten Chandos-Brief mit einer sprachlichen Virtuositaet ohnegleichen beschrieben. Auch wenn sein Nachfahr anderes im Sinne hat: Zugang zu seinen Tagebuchaufzeichnungen gewinnt man erst, wenn man seine larmoyant-skeptischen Gefuehlsanfaelle als das Rollenkostuem eines Dichters nimmt, der darin seinen egozentrischen Geist, seine Verletzlichkeit und Eitelkeit, seine Fremdheit und Ortlosigkeit verbergen moechte. Wenn er Lesen und Schreiben als die ihm wesentlichsten Formen der Existenz ruehmt (Gefuehl der Vollstaendigkeit: Ein Bleistift liegt neben mir.), Heimweh zwar nach einem nicht zu Ende gelesenen Buch, aber nicht nach den gleichzeitig verlassenen Menschen empfindet, wenn er den Geburtstag eines Tiers feiern moechte (nur noch nicht weiss wie) und Keine Frau! als Gebot der Gebote fuer einen Kuenstler erwaegt, so sind das alles Bestandteile einer Selbstinszenierung als Dichterpriester, um den Ausdruck Arno Schmidts zu benutzen, keine Selbstaussagen in dem radikalen Sinn, den sie zu haben vorgeben. Hinter der Fassade des einsamen Vorsichhindenkers, des ueber Katzen und Voegel, Kaefer und Schmetterlinge sinnierenden Spaziergaengers, der nicht blickt oder sieht, sondern schaut und standhaelt, oeffnet sich eine unsichere, von Chaos und Selbstzweifeln bedrohte Existenz, die ihr einziges Heil in der Flucht und in den unablaessigen Versuchen zu einem unzeitgemaessen Leben sucht. Die Bedeutung dieser Tagebuecher liegt in ihrer wohl nicht einmal intendierten diagnostischen Schaerfe. Zeitgeschichte, Politik und Gesellschaft kommen darin nur als Leerstellen zum Ausdruck, weil sie dem Lesenden und Schreibenden nichts mehr zu sagen haben. Die Existenz befriedigen (oder einen Vorschein solcher Befriedigung geniessen) laesst sich allein durch den konsequenten Exodus aus allem, was zeitgemaess ist. Aus seiner inneren Laehmung und Erstarrung findet das Individuum nur noch durch das Tor der Vergangenheit ins Leben zurueck. Ein Umweg, der den diaristischen Gruebler Handke vor der Leere und einer bloss narzisstischen Selbstverfangenheit bewahrt, auch wenn beides sein Tagebuch ueber weite Strecken bestimmt: Die Leere in der Banalitaet und im Pseudotiefsinn, die Selbstversessenheit in der Konsequenz, mit der alle anderen Individuen ausgespart oder auf ihre abstrakten Gattungsmerkmale reduziert werden (die Geliebte, das Kind, der Nachbar). Welt- und Geschichtsfuelle gewinnen Handkes Aufzeichnungen durch das Gespraech mit Kollegen aus nur scheinbar abgelebten Zeiten: mit den Vorsokratikern oder Plato, mit Spinoza oder Goethe, Nietzsche oder Hofmannsthal. Die Identifikation geht bisweilen so weit, dass sie schon wieder an Selbstueberhebung grenzt: Ich darf der Antike, in ihren Formen, nicht nacheifern; ich weiss ja, ich habe sie in mir. Noch in den trivialsten Beobachtungen des Alltags (Als ich die Blumen goss, bemerkte ich meinen Durst) und im Kitschstil der Ergriffenheit (Das Kind, das draussen auf der Strasse vorbeilief, lief ein paar Schritte lang durch mein Herz) offenbart sich ein metaphysischer Hunger, eine Sehnsucht, die Schwelle (eines der Schluesselworte des Journals) zwischen Hier und Dort, Zeit und Ewigkeit zu ueberschreiten, die Handke paradoxerweise dann doch wieder zu einem sehr zeitgemaessen Autor macht. Er spricht tastend, unfrei, fragmentarisch und nicht selten mit pubertaerer Larmoyanz aus, was den meisten fehlt, auch wenn sie sich selten darueber Rechenschaft ablegen. Die Einsicht, dass die Trivialitaet des Lebens nicht zu seinen Lasten, sondern zu Lasten des trivialen Erlebens der Welt geht, oeffnet einerseits den Zugang zu gnostischen und mystischen Ideen und fuehrt andererseits in die Sackgasse einer zwanghaften Sinnhuberei um jeden Preis - auch um den Preis stilistischer Praegnanz und gedanklicher Schaerfe. Immer schroffer zeigen Handkes Tagebuecher das Bild des Schriftstellers als Erloesungssuchers, den keine aesthetische Kritik mehr erreicht, weil sich der mystische Seinsdurchblick am Niedrigen und Hohen, Beilaeufigen und Geschwollenen gleichermassen gewinnen laesst und es nur auf das Ergriffensein (ein anderes Schluesselwort des Tagebuchs) und nicht seine artistische Praegung ankommt. Lesen und Schreiben werden derart zur Ersatzreligion, die freilich niemals ihren kuenstlichen Charakter verliert, weil ihre Elemente aus aller Herren und Literaturen Laender synkretistisch zusammengefuegt wurden. Peter Handke: Am Felsfenster morgens und andere Ortszeiten 1982-87. Residenz Verlag, Salzburg/Wien. 541 S., 58 Mark.
Zur aktuellen Channel-UEbersicht Tagesuebersicht

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Bund; 1998-07-02; Seite 9; Nummer 151
Feuilleton
Der Welt Bedeutung geben durch Langsamkeit
Literatur / Mehr besinnliche Innenschau als ausgreifender Ausblick nach aussen ist der neueste, die Jahre 1982 bis 1987 umfassende Band von Peter Handkes Tagebuch, =Am Felsenfenster morgens =
Charles Cornu
Peter Handke, der oeffentlichkeitsbewusste, sprachmaechtige Publikumsbeschimpfer von einst, der uebersensible und einzelgaengerische Selbst- und Weltbeobachter von heute, legt seit Jahren, Jahrzehnten =Augenblicks-, Stunden- und Tages- (oder Nacht-)Sammlungen = an, in denen er laufend notiert, was ihm ein- und was ihm auffaellt, was ihn beschaeftigt, beunruhigt, erfreut, verduestert und erhellt. Nach =Das Gewicht der Welt =, =Die Geschichte des Bleistifts = und den =Phantasien der Wiederholung = liegt nun der vierte Journalband vor: =Am Felsenfenster morgens =
Er umfasst die Zeitspanne von 1982 bis 1987, somit fuenf von insgesamt acht Jahren, die Handke, unterbrochen von seltenen und meist kurzen Reisen und Ausfahrten, in Salzburg verbracht hat. Viel mehr Innenschau als Ausblicke nach aussen sind demnach diese Lebens-Mitschriften (der Krieg im ehemaligen Jugoslawien, bei dessen Beurteilung sich Handke dann so sonderbar einseitig exponiert hat, steht zu diesem Zeitpunkt ja erst bevor); etwa drei Viertel der Aufzeichnungen, sagt er im Vorwort, sind ueberdies beim Auswaehlen und Abschreiben fuer die Veroeffentlichung weggefallen. Fast unvorstellbar ist das: Trotz den Kuerzungen ist naemlich ein Buch von weit ueber fuenfhundert Seiten entstanden! Ein Buch aber, dessen Saetze und Perioden - um mehr handelt es sich meist nicht - den Leser staendig zum Mitdenken und ebenso zum Mitempfinden anregen (manchmal, zugegeben, auch ein wenig aufregen, naemlich dann, wenn der Autor seine Sensibilitaet etwas gar selbstgefaellig zelebriert), ein Buch aber auch, das starke Bilder vermittelt, vielsagende Miniaturszenen des oeffentlichen Lebens weitergibt und immer wieder die Alltaeglichkeiten und Unscheinbarkeiten kleiner und kleinster Naturgeschehnisse als die wahren Bedeutsamkeiten des Daseins darzustellen vermag. Nicht zuletzt reicht es auch Fruechte der Lektuere und der Sprachergruendung mit eigener ueberzeugender gedanklicher Garnierung dar.
In die Jahre dieser Aufzeichungen fallen die vier Erzaehlungen =Der Chinese des Schmerzes =, =Die Wiederholung =, =Nachmittag eines Schriftstellers = und =Die Abwesenheit = sowie mehrere UEbersetzungen: Germanistische Seminarien werden ergruenden koennen, wie das eine ins andere wirkt, wie die schriftstellerisch formende Arbeit die tagtaeglichen Observationen begleitet und mitbestimmt und wie umgekehrt das aufmerksame Flanieren und Umsich- und Insichschauen ins schriftstellerische Oeuvre einfliessen. Anderes wird den unbefangenen Leser aber vielleicht noch mehr beschaeftigen, mitunter befremden und jedenfalls geistig unterhalten.
Die Leere
Es gibt Begriffe - oder eher muss man sagen: elementare Situationen und Konstellationen, die in diesen Tagesaufzeichnungen immer wieder in Erscheinung treten, ja eigentliche Fixpunkte im langen Flusse der Jahre und Zeiten darstellen. Die Leere ist ein solcher Topos, ja gewissermassen das Haupt-Biotop des Schreibens bei Handke. Bloss zwei Zitate aus wohl einem Dutzend moeglicher sollen dies belegen: =Wahrnehmer der Leere, das war ich von Anfang an; und im Wahrnehmen der Leere wurde ich zum Schreiber. Die DINGE zeigten sich mir erst mit der Zeit, und nur selten, ereignishaft. = Und viele Seiten vorher und also etliche Monate frueher notiert Handke: =Leerform: Scheues Sehnen erfuellt sie, Gier (zer)stoert sie (Spinoza und Sehnen?). Sehnen scheint mir den Koerper doch noch vollstaendiger zu machen als das Sich-Freuen. Sehnen geht in die Welt hinaus, WILL in die Welt hinaus; Freude bleibt, eher, fuer sich.
Hand in Hand mit der Wahrnehmung der Leere, die die Ausgangssituation fuer den Schreibenden ist, geht bei Handke die bewusste Langsamkeit. Die Langsamkeit ist es, die den Dichter ueberhaupt erst die Welt richtig entdecken und erfahren laesst. Auch dazu zwei Beispiele, eines aus der Anfangs-, das zweite aus einer spaeten Phase der Notizen: = Nur noch machen, was mir Freude macht. Und was macht mir Freude? Die Langsamkeit (Sag statt ,Freude vielleicht besser ,freudige Muehe ; denn die Muehe muss auch dabei sein, ,das Muehen ; ,du, die Natur und meine Arbeit, ihr drei seid meine Freude ). = Und: =Ich muss (kann) der Welt Bedeutung geben durch Langsamkeit. =
Der Kuenstler
Leere, Langsamkeit: der seelische Schreibraum fuer Peter Handke, kennzeichnend nicht nur fuer sein Kunstverstaendnis, sondern fuer seine Existenz als Kuenstler ueberhaupt. Und diese wird man, nach allem, was er hier und anderswo mit voller UEberlegung vermerkt hat, eine romantische, eine, nun ja, elitaer-einzelgaengerische und geniehafte nennen muessen. Gedanken ueber sein Leben als Dichter macht und notiert er sich zuhauf. Das toent dann beispielsweise so: =Zwei Adjektiva, essentiell fuer den Kuenstler: ,erschuetterbar und ,gewissenhaft = Und so: =Das Fremdsein ist die dauerhafteste Kraft des Kuenstlers. = Und ein drittes Beispiel aus diesem Erfahrensbereich: =Der fruchtbarste Zustand fuer einen Kuenstler und ueberhaupt fuer jemanden: die Bitterkeit; sie ist die Erhabenheit, im MASS (. . .). Bitterkeit ermoeglicht zudem Entschiedenheit, endlich einmal, und jetzt weiss ich es: DIE BITTERKEIT KEHRT MEINEN GRUND HERVOR. =
Aus solcher Gestimmtheit und, wird man hinzufuegen muessen, aus freigewaehlt haeufigem Alleinsein heraus sowie kraft seines empfindlichen Offenseins fuer Eindruecke jeglicher Art sind Handkes Dichtungen der reiferen Jahre entstanden; seine nachdenklich-freimuetigen Aufzeichnungen erschliessen einem wohl nicht ueberraschende, aber doch einblickreiche Wege zu ihnen. Wobei anzumerken bleibt; dass Stimmungen allein ja natuerlich kein Kunstwerk zustande bringen; es muessten darum in diesem Zusammenhang eigentlich noch Handkes Gedanken zum Problem des Stoffes und, dies vor allem, zur Frage der Form wiedergegeben werden. Doch das bleibe der Aufmerksamkeit der Buchleser ueberlassen.
Literatur - Natur
Die Selbstbeobachtung und die UEberlegungen zum Kuenstlertum machen indessen nicht mehr als einen Teil aus von den des Dichters Tage begleitenden Notizen. Bedeutenden Platz nehmen darin die Anmerkungen zur eigenen, sehr weit ausgreifenden Lektuere ein (von den Schweizer Autoren weiss er etliche zu schaetzen: Ramuz, Walser, Hohl, Gerhard Meier . . ., waehrend er beispielsweise seinem Landsmann Thomas Bernhard kritisch gegenuebersteht); was er dazu zu sagen hat, zeugt nicht nur von Aufmerksamkeit, sondern auch von der ehrlichen Bereitschaft, offen und anerkennend teilzuhaben am Denken und Schreiben anderer Autoren und anderer Literaturen, von den Griechen und vom Talmud bis zu den Zeitgenossen.
Aber eher noch wichtiger - jedenfalls umfangreicher hinsichtlich des Aufscheinens im publizierten Text - sind die kleinen, die unsensationellen Geschehnisse, die sich in der Natur vor Handkes Augen und Ohren abspielen. Hier zeigt sich, wie er auf, man darf wohl sagen: geradezu glueckhafte Weise mit allen Sinnen empfaenglich ist fuer jedes Vorkommnis, das rundum sich ereignet - vom hellen Tropfen der Eiszapfen vor dem Fenster bis zum Summen der Bier -, vom Rauschen des Windes bis zum sanften Regengeriesel irgendwo draussen. Hierin ist Handke ein juengerer Seelenverwandter unseres Niederbipper Dichters Gerhard Meier (dem er ja auch sonst in Sympathie verbunden ist).
Ein Satz zu dieser Art aufmerksamen Leben-Erlebens, den sich Handke notiert hat (fast hat man Hemmungen, diesen zu zitieren, so erhaben toent er) und doch muss er wohl stimmen) lautet: =Durchschauert vom Dasein: Das ist dein Gesetz. = In der Tat naemlich: Solche zarten und zaertlichen, solche bitteren und erregenden, solche empfindsamen und dann wieder nuechtern-klaren Schauer sind mitzuspueren, mitzuerfahren, wenn man sich mit der richtigen Aufmerksamkeit und der erforderlichen Geduld in Handkes Aufzeichnungen vertieft.
Peter Handke
=Am Felsenfenster morgens (und andere Ortszeiten 1982-1987) = Residenz Verlag, Salzburg und Wien. 540 Seiten. Fr. 52.50.
Weiss auch mit leisen Toenen umzugehen: Der oesterreichische Schriftsteller Peter Handke, geboren 1942 im kaerntnerischen Griffen.
Peter Peitsch
2001 / Der Bund Verlag AG, Bern und Autoren / 
www.eBund.ch


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https://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article161485933/Versuch-ueber-das-verlorene-Buch.html

Das Buch ist ein Arbeitsjournal, ist ein Tagebuch. Es spielt zwischen den Jahren 1982 und 1987, als Peter Handke mit seiner Tochter in Salzburg lebte. Es sind nur Notizen, Träume, Gelesenes, Gespräche, Beobachtungen, Reflexionen, Aufgeschnapptes und Weggedachtes. Es ist ein Buch der Sesshaftigkeit: Es beschwört die Magie der Wiederholung, die Poesie des Alltags, die Schönheit des immer Gleichen.


Jahrelang ist Alem Grabovac mit Handkes „Am Felsfenster morgens“ um die Welt gereist. Dann geschah die Tragödie
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Jetzt ist es passiert. Ich habe das Buch in Neu-Delhi verloren. Es war eine Unachtsamkeit. Das Buch muss mir im Bus auf dem Weg zum Flughafen aus der offenen Seitentasche meines Reisegepäcks gefallen sein. Am Check-in-Schalter merke ich, dass ich das Buch verloren habe. Ich werde wütend, werde traurig: Jahrelang bin ich mit diesem Buch, bin ich mit Peter Handkes „Am Felsfenster morgens“ durch die Welt gereist. Aber jetzt ist es weg, das Buch. Es fährt jetzt in einem Linienbus durch Neu-Delhi. Ich frage mich, was mit dem Buch passieren wird. Was macht ein Inder mit einem deutschsprachigen Buch von Peter Handke? Wird der Finder oder die Finderin versuchen, es auf einem Markt zu verkaufen, um noch ein paar Rupien daran zu verdienen? Eher unwahrscheinlich, denke ich. Wird es einfach achtlos in den Müll geworfen oder möglicherweise als Brennmaterial zum Teekochen genutzt? Oder wird es gar als Toilettenpapier am Hintern eines Inders landen? Obgleich mir nicht zum Lachen zumute ist, muss ich über diese letzte Option schmunzeln. Der Bewohner des Elfenbeinturms, der poetische Innenweltphilosoph, der Schönheitssucher in der Natur, landet letztendlich mit seiner heiligen Literatur am Arsch eines Inders. Dieses Ende würde, so glaube ich es jedenfalls, sogar dem Handke gefallen.

Mein Schmunzeln hält nicht lange an. Ich bin sauer und wütend, stehe vor dem Indira Gandhi Airport in Neu-Delhi und will mein Buch wiederhaben. Es ist Mitte Oktober, es ist sehr heiß, ich rauche und denke, dass sich der Verlust des Buches bereits vor ein paar Monaten angekündigt hatte. Ich fuhr im georgischen Batumi – das ist so eine touristische Boomstadt am Schwarzen Meer – mit dem Taxi vom Busbahnhof zum Hotel. Der Taxifahrer wollte mehr Geld als vereinbart haben. Wir stritten uns, ich war wütend und gab ihm schließlich noch ein paar Laris. Just in dem Augenblick, als er mit quietschenden Reifen davonfuhr, fiel mir ein, dass meine Reisetasche noch in seinem Kofferraum lag. Und was war mein erster Gedanke? Mein erster Gedanke war: „Mist, jetzt ist das Buch weg.“ Das war ziemlich bekloppt. Ich hätte nichts mehr zum Anziehen und zum Waschen gehabt. Na ja, wie dem auch sei: Ich habe die Reisetasche zurückbekommen und war erleichtert. Das verloren geglaubte Buch war wieder da.

Erworben habe ich „Am Felsfenster morgens“ vor vielen Jahren zum halben Preis als Mängelexemplar in einem Berliner Buchladen. Es war die Taschenbuchausgabe von dtv: Auf dem Cover sieht man einen tiefgrauen wolkenverhangenen Himmel. Das Buch ist ein Arbeitsjournal, ist ein Tagebuch. Es spielt zwischen den Jahren 1982 und 1987, als Peter Handke mit seiner Tochter in Salzburg lebte. Es sind nur Notizen, Träume, Gelesenes, Gespräche, Beobachtungen, Reflexionen, Aufgeschnapptes und Weggedachtes. Es ist ein Buch der Sesshaftigkeit: Es beschwört die Magie der Wiederholung, die Poesie des Alltags, die Schönheit des immer Gleichen.

Und weil es ein Buch der Sesshaftigkeit ist, hat es so wunderbar, quasi als Kontrastfolie, zu all den neuen Erlebnissen und Eindrücken des Reisens gepasst. Es hat den Blick für das Kleine, das Abseitige, das nicht sofort ins Auge Springende geschärft. Es ist ein Buch, das einen lehrt, einen großen Bogen um die Touristenattraktionen dieser Welt zu machen, da die Touristenattraktionen dieser Welt einen sowieso nur dämlich und geschwätzig anstarren. Das Buch ist langsam, hat Zeit, findet die Schönheit im Augenaufschlag eines Kindes, im sommerlichen Staubbad der Spatzen, in der zärtlichen Geste einer Frau oder im schneebedeckten Vogelnest auf der Astgabel eines verkrüppelten Baumes.

Ich habe dieses Buch geliebt, war mit dem Buch in Samarkand, Belgrad, Biel, Istanbul, Rio de Janeiro, Tiflis, Paris, London und Neu-Delhi, bin mit dem Buch um die halbe Welt gereist. Das Buch war wie ein Talisman, mit dem Buch habe ich mich sicher und geborgen gefühlt, mit dem Buch war ich nie allein. Das Buch war der warmherzigste und treueste Wegbegleiter, den man sich nur vorstellen kann.

Ein paar schwarze Vögel mit gelben Augenringen landen auf der Flughafenmauer links neben mir. Ich schwitze, rauche und frage mich, wann ich zum letzten Mal in dem Buch gelesen habe. Ja, das muss vor zwei Tagen in Varanasi gewesen sein. Mark Twain hat einmal über diese Stadt geschrieben: „Varanasi is older than history, older than tradition, older even than legend, and looks twice as old as all of them put together.“ Und genau so war es. Am Ganges haben sie Leichname verbrannt, am Ganges stank es nach verbranntem Menschenfleisch. Die Kinder haben gebettelt, die heiligen Kühe fraßen sich durch den Abfall der Großstadt, die Affen tanzten auf den Balkonen und ab und zu kreuzte ein mit Haschisch zugedröhnter Sadhu, eine Art hinduistischer Mönch, meinen Weg. Die Hitze, die Menschenmassen, der ohrenbetäubende Verkehr, die Kühe, Affen und Ratten, all die uralten Tempel, Gebete, brennenden Leichname und bettelnden Kinder, all dies überforderte mich maßlos. Mir wurde schwindelig. Ich fuhr zurück zum Hotel und las im Buch, atmete durch, kam langsam wieder zu mir. Und wie lautete der letzte Satz, den du im Buch gelesen hast? Ja, jetzt erinnere ich mich wieder. Der letzte Satz hieß, so glaube ich es jedenfalls: „Das Kind sagte zum Vater: ‚Es hat Jahre gedauert, bis ich merkte, dass du blaue Augen hast.‘“ Und ich weiß noch, dass ich mich fragte, welche Augenfarbe mein verstorbener Vater eigentlich hatte.

Ich zünde mir noch eine Zigarette an und vermisse mein Buch. Klar, ich könnte mir das Buch einfach wieder kaufen. Aber es wäre eben nicht dasselbe Buch, wäre gar eine Art von Betrug. Das neue Buch wäre kalt, charakterlos, würde nach nichts riechen, wäre ordinär und ohne jede Haltung. Nein, das Buch ist verloren. Ich habe das Buch unwiederbringlich verloren. Es ist tot, das Buch!

Immerhin hast du, denke ich, während ich immer noch vor diesem Flughafen stehe, einmal ein anderes Buch vor dem Tod gerettet. Damals hatte mein Nachbar aus dem ersten Stock eine Bücherkiste auf das Fensterbrett vor unserem Haus gestellt. In dem Karton gab es schöne Bildbände über Florenz und Rom und lesenswerte Romane. Die Bücherkiste war jedenfalls randvoll und leerte sich peu à peu in den nächsten paar Tagen. Aber ausgerechnet einer meiner Lieblingsromane – „Das kurze Leben“ von Juan Carlos Onetti – wurde konsequent verschmäht. Wann immer ich nach Hause kam, schaute ich in die Kiste. Und wieder hatte niemand Onetti mitgenommen. Ich wurde langsam sauer. Eines Nachts, fünf Tage nachdem mein Nachbar die Kiste herausgestellt hatte, kam ich etwas angetrunken nach Hause. Es nieselte, es war kalt, und ich schaute in die Kiste, in der einsam und verlassen „mein Onetti“ lag. Jetzt reicht es mir, dachte ich. Ich nahm das kleine Taschenbuch behutsam an mich, stieg glücklich die Treppen zu meiner Wohnung hinauf. Ich hatte das Gefühl, mich um etwas Kostbares gekümmert zu haben. Als ich die Wohnungstür aufschloss, sagte ich zu meiner Freundin: „Schau mal, was ich gefunden habe,“ woraufhin sie mir entgegnete: „Aber das Buch hast du doch schon.“ „Ja, ja“, sagte ich. „Das verstehst du nicht.“ Ich ging zum Bücherregal und stellte Juan Carlos Onettis „Das kurze Leben“ neben Juan Carlos Onettis „Das kurze Leben“ und war mit mir und der Welt wieder zufrieden.


Der gewaltige Auspuffknall eines Busses hat die schwarzen Vögel mit den gelben Augenringen aufgeschreckt. Während sie davonfliegen, denke ich, dass mir der doppelte Onetti gar nichts bringt. Diesmal wirst du ohne Buch die Treppen zu deiner Wohnung hinaufsteigen. Ich zünde mir noch eine Zigarette an, trauere um mein Buch und habe plötzlich dieses Lied von Frank Sinatra in meinem Kopf und singe ganz leise: „Strangers in the night ... la, la, la, la, lovers at first sight ... la, la, la, la.“ Und dann denke ich, dass ich ein absolut hoffnungsloser Fall bin. Die Zigarette ist ausgeraucht. Es ist Zeit zu gehen. Ich drehe mich zum Abschied ein letztes Mal Richtung Neu-Delhi und sage: „Bon voyage, geliebtes Buch. Bon voyage.“






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