Der
Hausierer, nach den Hornissen Peter Handkes zweiter Roman, erschienen
im Jahr 1967, ist ein Kriminalroman nach allen Regeln dieses Genres,
eine >Mordgeschichte<, die alle möglichen Mordgeschichten
zusammenfaßt. Jeder Satz ist eine Geschichte. Der Held ist der
>Hausierer<; er beobachtet alles, er registriert die kleinsten
Ereignisse, er ist der Zeuge, der überall dabei ist.
Hans Christoph Buch über Peter Handke: Der Hausierer
TOT UND SAUBER AUFGERÄUMT
Wenn
Produktivität das Genie ausmacht, dann ist Peter Handke ein Genie. Seit
seiner spektakulären "Entdeckung" vor anderthalb Jahren bei der "Gruppe
47"-Tagung in Princeton hat Handke vier Bücher veröffentlicht, unter
anderem einen Band mit drei Theaterstücken ("Publikumsbeschimpfung"),
zwei Romane ("Die Hornissen", "Der Hausierer") und einen Band Prosatexte
("Begrüßung des Aufsichtsrats"), nicht gerechnet ein ästhetisches
Manifest ("Die Literatur ist romantisch"), Beiträge zu Zeitschriften und
Anthologien und Antworten auf Umfragen wie "Haben die jungen Autoren
nichts mehr zu sagen? Außerdem schreibt Handke Gedichte, die er
gelegentlich in Begleitung einer Beatkapelle rezitiert. Premiere und
Buchausgabe eines Kaspar-Hauser-Stückes sind angekündigt.
Der Hinweis auf Handkes Kreativität ist keineswegs abschätzig gemeint. Im Gegenteil: Die deutsche Literatur ist vom Verstummen bedroht, wenn Autoren wie Reinhard Lettau und Peter Bichsel sich um die Ehre streiten, wer von beiden mit weniger eine Buchseite zu füllen versteht; wenn es als unfein gilt, öfter als alle drei Jahre und mehr als hundert Seiten auf einmal zu veröffentlichen. Literatur sollte nicht allein nach Qualität gemessen werden, sondern auch nach Quantität.
Im Fall Handke kann an der Quantität des literarischen Schaffens kein Zweifel bestehen; zu prüfen ist dessen Qualität anhand der letzten Produktion des Autors, des Zweihundert-Seiten-Romans "Der Hausierer".
Den Schriften Peter Handkes -- ob sie sich "Sprechstücke" nennen, "Roman", "Prosatext" oder "Gedicht" -- ist ein formaler Gestus gemein, der sie, über die Gattungsgrenzen hinweg, einander annähert. Es ist jener monotone Rede- und Bewußtseinsstrom" der. nach Art einer Gehirnwäsche, den Leser so lange mit Wörtern bombardiert, bis er zum willenlosen Rezipienten des Geschriebenen wird. Die Übertragung dieser Methode aus Werbung und Propaganda, wo sie bisher zu Hause war, in die Literatur ist es, was Handke den Ruf einbrachte" das "vielleicht revolutionärste Talent auf der Szene des deutschen Gegenwartstheaters" zu sein -- so die "Hannoversche Presse".
Der Roman "Der Hausierer" demonstriert die Anwendung von Handkes Methode auf ein spezifisches Genre, den Kriminalroman. Das stereotype Ritual der Kriminalgeschichte kreuzt sich mit Handkes individuellem Formalismus. "Der Hausierer" ist ein Roman ohne Fabel, Handlung, Geschichte. Handke hat keinen neuen Kriminalroman schreiben wollen, er wollte sichtbar machen, bloßlegen, was allen bisherigen Kriminalromanen gemein ist: das abstrakte Schema von "furcht, angst, beklemmung, schmerz", den steten Wechsel von "Ordnung und Unordnung", wie er es nennt, deren Dialektik die Handlung in Gang hält.
"Die Ordnung vor der ersten Unordnung", "Die Ordnung der Unordnung", "Die Entlarvung der anfangs gezeigten Ordnung" -- so sind die einzelnen Kapitel überschrieben. Jedes Kapitel ist in zwei Hälften unterteilt: In der ersten Hälfte gibt Handke, in Kursivschrift, so etwas wie generelle Zusammenfassung und theoretischen Abhub, Inhaltsangabe und Kommentar dessen, was folgen wird, in einem bürokratischen Substantivstil, der sich wie eine Parodie auf Handkes eigenen Stil liest. Man wird daran erinnert, daß der Autor" bevor er zur Literatur kam. Jura studiert hat.
Im zweiten Teil des jeweiligen Kapitels folgt, nach dem Kommentar, der "Text" des Romans, atomisiert in ein Mosaik von Sätzen, die, außer der Tatsache, daß sie auf derselben Buchseite stehen, keine logische Beziehung zueinander haben. Fetzen einer imaginären Kriminalhandlung ("Eine behandschuhte Hand erscheint am Fensterbrett. Ein kleiner Schreckenslaut entfährt ihrem Mund") wechseln ab mit absurden Feststellungen, Sätzen, die logisch "falsch" sind: "Niemand verschwand eilig in einem Kino." Präzise Detailaufnahmen ("Der angebissene Apfel steckt im Kanalgitter") stehen neben sprachlichen und sachlichen Ungereimtheiten: "Der Draht wimmelt von leeren Wäscheklammern"; "Das Gesicht des Kindes spiegelt sich im Honigtopf."
Dazwischen finden sich immer wieder überraschende Einblicke in das Wesen des Kriminalromans: "Je länger der Tote beschrieben wird, desto mehr sieht er aus wie ein Einrichtungsgegenstand"; "Er kann noch nicht sterben, es ist in der Geschichte noch zu wenig über ihn bekannt."
Bei all dem ist Handkes Sprache eigentümlich leblos, von klinischer Sterilität. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll: die verbissene Energie, mit der der Autor seine monotonen Sprachspiele über zweihundert Seiten vorantreibt, oder die künstlerische Intelligenz, mit der hier ein Nichts, die konstante Weigerung, den Leser zu interessieren, literarisch organisiert wird.
Kein Zweifel. Peter Handke ist ein gescheiter Autor. Fast alles, was sich gegen den Roman sagen ließe, hat er im Roman selbst vorweggenommen. Wer das Buch langweilig findet, wer einen konventionellen Kriminalroman vorzieht, dem könnte der Autor entgegnen, daß er an der falschen Adresse ist, daß Langeweile eine subjektive Kategorie sei, daß er nun einmal keinen gewöhnlichen Kriminalroman habe schreiben wollen. Wer nach einer Fabel, nach Handlung Ausschau hält, der könnte zu hören bekommen, daß dem Autor "die bisherigen Darstellungsmöglichkeiten unmöglich geworden sind und weder etwas sagen noch etwas zu denken oder zu spielen geben". Wer den Text nichtssagend und beliebig findet, der wiederholt nur, was der Roman selbst fragt: "Warum wird dieser nebensächliche Vorgang beschrieben und der andere nebensächliche Vorgang nicht?"
Ist Handkes Roman also unkritisierbar? Vom Standpunkt einer immanenten Kritik: allerdings. Vom Standpunkt einer Kritik, die sich darauf beschränkt, Widersprüche innerhalb des Buches ausfindig zu machen, zwischen diesem Buch des Autors und anderen Büchern des Autors, zwischen Büchern dieses Autors und Büchern anderer Autoren -- vom Standpunkt einer bloß literarischen Kritik bleibt Handkes Roman unangreifbar. Wenn ich die gepuderten Zöpfe verneine, schrieb Marx, habe ich immer noch die ungepuderten Zöpfe. Wenn ich Peter Handkes Roman verneine -- aus welchen literarischen Gründen auch immer -, stehe ich noch immer auf dem Boden von Peter Handkes Roman, akzeptiere dessen Voraussetzungen. Welches sind diese Voraussetzungen?
Die Voraussetzung von Peter Handkes Roman ist die Annahme, daß die ästhetische Geste die Widersprüche der außerliterarischen Welt aufhebt, wegzaubert, daß die Form das Ganze ist, daß eine Änderung der Form, eine Änderung der literarischen Sehweise die Dinge selbst verändert. Das ästhetische Credo des l'art pour l'art hat sein politisches Pendant in jenem Aristokratismus, der sich einbildet, im Nirwana der reinen Kunst über den Parteien zu stehen; im Geschwätz vom Ende der Ideologie, das selbst ideologisch ist -- im Dienst der herrschenden Ideologie; im Glauben an die Allmacht der Technologie, die die Widersprüche, an denen anderswo Menschen sterben, von selbst aufheben wird: eine Welt, so klinisch tot und sauber aufgeräumt wie Handkes Prosa.
Nichts beweist den affirmativen Charakter, das Nirgendwo dieser Prosa besser als die leere Rhetorik jener Sätze, mit denen Handke in einem Verlagsprospekt seinen Roman "erläutert" hat: "der roman spielt weder in los angeles noch in westberlin, weder im winter noch im herbst: er spielt im leser, wenn dieser ihn liest ..."
Die Hoffnung des Autors, daß der Leser im Roman "seine eigene geschichte" wiederfinden könne, muß unter diesen Umständen illusorisch bleiben. Die Geschichte des Hausierers ist nicht meine Geschichte; im abstrakten Schema des Schreckens kann ich meinen Schrecken nicht entdecken. Mein Schrecken ist konkret, er betrifft, was ich sehe, im Kino und auf der Straße, im Fernsehen und in der Zeitung. Mein Schrecken betrifft nicht "gegenstände, die sich heftigst bewegen: ein schlagender fensterladen, eine rhythmisch klopfende tür" -- mein Schrecken betrifft Bolivien und Vietnam, er betrifft auch Los Angeles und West-Berlin.
Das einzige, was man von einem Roman verlangen kann, hat Henry James einmal gesagt, ist, daß er interessant sei. Peter Handkes Roman interessiert mich nicht.

Der Hinweis auf Handkes Kreativität ist keineswegs abschätzig gemeint. Im Gegenteil: Die deutsche Literatur ist vom Verstummen bedroht, wenn Autoren wie Reinhard Lettau und Peter Bichsel sich um die Ehre streiten, wer von beiden mit weniger eine Buchseite zu füllen versteht; wenn es als unfein gilt, öfter als alle drei Jahre und mehr als hundert Seiten auf einmal zu veröffentlichen. Literatur sollte nicht allein nach Qualität gemessen werden, sondern auch nach Quantität.
Im Fall Handke kann an der Quantität des literarischen Schaffens kein Zweifel bestehen; zu prüfen ist dessen Qualität anhand der letzten Produktion des Autors, des Zweihundert-Seiten-Romans "Der Hausierer".
Den Schriften Peter Handkes -- ob sie sich "Sprechstücke" nennen, "Roman", "Prosatext" oder "Gedicht" -- ist ein formaler Gestus gemein, der sie, über die Gattungsgrenzen hinweg, einander annähert. Es ist jener monotone Rede- und Bewußtseinsstrom" der. nach Art einer Gehirnwäsche, den Leser so lange mit Wörtern bombardiert, bis er zum willenlosen Rezipienten des Geschriebenen wird. Die Übertragung dieser Methode aus Werbung und Propaganda, wo sie bisher zu Hause war, in die Literatur ist es, was Handke den Ruf einbrachte" das "vielleicht revolutionärste Talent auf der Szene des deutschen Gegenwartstheaters" zu sein -- so die "Hannoversche Presse".
Der Roman "Der Hausierer" demonstriert die Anwendung von Handkes Methode auf ein spezifisches Genre, den Kriminalroman. Das stereotype Ritual der Kriminalgeschichte kreuzt sich mit Handkes individuellem Formalismus. "Der Hausierer" ist ein Roman ohne Fabel, Handlung, Geschichte. Handke hat keinen neuen Kriminalroman schreiben wollen, er wollte sichtbar machen, bloßlegen, was allen bisherigen Kriminalromanen gemein ist: das abstrakte Schema von "furcht, angst, beklemmung, schmerz", den steten Wechsel von "Ordnung und Unordnung", wie er es nennt, deren Dialektik die Handlung in Gang hält.
"Die Ordnung vor der ersten Unordnung", "Die Ordnung der Unordnung", "Die Entlarvung der anfangs gezeigten Ordnung" -- so sind die einzelnen Kapitel überschrieben. Jedes Kapitel ist in zwei Hälften unterteilt: In der ersten Hälfte gibt Handke, in Kursivschrift, so etwas wie generelle Zusammenfassung und theoretischen Abhub, Inhaltsangabe und Kommentar dessen, was folgen wird, in einem bürokratischen Substantivstil, der sich wie eine Parodie auf Handkes eigenen Stil liest. Man wird daran erinnert, daß der Autor" bevor er zur Literatur kam. Jura studiert hat.
Im zweiten Teil des jeweiligen Kapitels folgt, nach dem Kommentar, der "Text" des Romans, atomisiert in ein Mosaik von Sätzen, die, außer der Tatsache, daß sie auf derselben Buchseite stehen, keine logische Beziehung zueinander haben. Fetzen einer imaginären Kriminalhandlung ("Eine behandschuhte Hand erscheint am Fensterbrett. Ein kleiner Schreckenslaut entfährt ihrem Mund") wechseln ab mit absurden Feststellungen, Sätzen, die logisch "falsch" sind: "Niemand verschwand eilig in einem Kino." Präzise Detailaufnahmen ("Der angebissene Apfel steckt im Kanalgitter") stehen neben sprachlichen und sachlichen Ungereimtheiten: "Der Draht wimmelt von leeren Wäscheklammern"; "Das Gesicht des Kindes spiegelt sich im Honigtopf."
Dazwischen finden sich immer wieder überraschende Einblicke in das Wesen des Kriminalromans: "Je länger der Tote beschrieben wird, desto mehr sieht er aus wie ein Einrichtungsgegenstand"; "Er kann noch nicht sterben, es ist in der Geschichte noch zu wenig über ihn bekannt."
Bei all dem ist Handkes Sprache eigentümlich leblos, von klinischer Sterilität. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll: die verbissene Energie, mit der der Autor seine monotonen Sprachspiele über zweihundert Seiten vorantreibt, oder die künstlerische Intelligenz, mit der hier ein Nichts, die konstante Weigerung, den Leser zu interessieren, literarisch organisiert wird.
Kein Zweifel. Peter Handke ist ein gescheiter Autor. Fast alles, was sich gegen den Roman sagen ließe, hat er im Roman selbst vorweggenommen. Wer das Buch langweilig findet, wer einen konventionellen Kriminalroman vorzieht, dem könnte der Autor entgegnen, daß er an der falschen Adresse ist, daß Langeweile eine subjektive Kategorie sei, daß er nun einmal keinen gewöhnlichen Kriminalroman habe schreiben wollen. Wer nach einer Fabel, nach Handlung Ausschau hält, der könnte zu hören bekommen, daß dem Autor "die bisherigen Darstellungsmöglichkeiten unmöglich geworden sind und weder etwas sagen noch etwas zu denken oder zu spielen geben". Wer den Text nichtssagend und beliebig findet, der wiederholt nur, was der Roman selbst fragt: "Warum wird dieser nebensächliche Vorgang beschrieben und der andere nebensächliche Vorgang nicht?"
Ist Handkes Roman also unkritisierbar? Vom Standpunkt einer immanenten Kritik: allerdings. Vom Standpunkt einer Kritik, die sich darauf beschränkt, Widersprüche innerhalb des Buches ausfindig zu machen, zwischen diesem Buch des Autors und anderen Büchern des Autors, zwischen Büchern dieses Autors und Büchern anderer Autoren -- vom Standpunkt einer bloß literarischen Kritik bleibt Handkes Roman unangreifbar. Wenn ich die gepuderten Zöpfe verneine, schrieb Marx, habe ich immer noch die ungepuderten Zöpfe. Wenn ich Peter Handkes Roman verneine -- aus welchen literarischen Gründen auch immer -, stehe ich noch immer auf dem Boden von Peter Handkes Roman, akzeptiere dessen Voraussetzungen. Welches sind diese Voraussetzungen?
Die Voraussetzung von Peter Handkes Roman ist die Annahme, daß die ästhetische Geste die Widersprüche der außerliterarischen Welt aufhebt, wegzaubert, daß die Form das Ganze ist, daß eine Änderung der Form, eine Änderung der literarischen Sehweise die Dinge selbst verändert. Das ästhetische Credo des l'art pour l'art hat sein politisches Pendant in jenem Aristokratismus, der sich einbildet, im Nirwana der reinen Kunst über den Parteien zu stehen; im Geschwätz vom Ende der Ideologie, das selbst ideologisch ist -- im Dienst der herrschenden Ideologie; im Glauben an die Allmacht der Technologie, die die Widersprüche, an denen anderswo Menschen sterben, von selbst aufheben wird: eine Welt, so klinisch tot und sauber aufgeräumt wie Handkes Prosa.
Nichts beweist den affirmativen Charakter, das Nirgendwo dieser Prosa besser als die leere Rhetorik jener Sätze, mit denen Handke in einem Verlagsprospekt seinen Roman "erläutert" hat: "der roman spielt weder in los angeles noch in westberlin, weder im winter noch im herbst: er spielt im leser, wenn dieser ihn liest ..."
Die Hoffnung des Autors, daß der Leser im Roman "seine eigene geschichte" wiederfinden könne, muß unter diesen Umständen illusorisch bleiben. Die Geschichte des Hausierers ist nicht meine Geschichte; im abstrakten Schema des Schreckens kann ich meinen Schrecken nicht entdecken. Mein Schrecken ist konkret, er betrifft, was ich sehe, im Kino und auf der Straße, im Fernsehen und in der Zeitung. Mein Schrecken betrifft nicht "gegenstände, die sich heftigst bewegen: ein schlagender fensterladen, eine rhythmisch klopfende tür" -- mein Schrecken betrifft Bolivien und Vietnam, er betrifft auch Los Angeles und West-Berlin.
Das einzige, was man von einem Roman verlangen kann, hat Henry James einmal gesagt, ist, daß er interessant sei. Peter Handkes Roman interessiert mich nicht.

DER SPIEGEL 52/1967
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.







