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Sunday, November 23, 2014

Peter Handke, Thomas Oberender: 50 Jahre Schreiben fürs Theater

Peter Handke, Thomas Oberender: 50 Jahre Schreiben fürs Theater

Inhalt

In vier Gesprächen zeichnen Peter Handke und Thomas Oberender Handkes imposante Werkgeschichte im Theater nach, ein »in Bezug auf formelle Schönheit und brillante Reflexion« unvergleichliches Lebenswerk, wie es in der Jurybegründung zur Verleihung des International Ibsen Award 2014 an Handke heißt. Oberender fragt als profunder Kenner der Bühne, als sensibler Leser, er ist Stichwortgeber für einen anregenden Dialog über Handkes literarische Prägungen, über Entwicklungen und Kontinuitäten dieses großen Epikers des zeitgenössischen Theaters. 

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«Ich bin kein Stückeschreiber, kein Stückezimmerer, ich bin eigentlich ein Stümper», sagt Peter Handke. Und weil er dieses niederschmetternde Eingeständnis nicht so stehen lassen kann, fügt er mit der ihm eigenen Koketterie, die stets durchblitzt, wenn Handke über Handke räsoniert, hinzu: «Aber mit einem grossen Gefühl.»
Da ist also einer etwas nicht und ist es doch. Da hat einer über zwanzig Theaterstücke geschrieben, alle Formen und Gattungen angespielt und ausgelotet – vom Sprechstück übers Dramatische Gedicht, vom Königs- bis zum Stationendrama, vom Volks- bis zum Welttheater –, wurde uraufgeführt an den grossen deutschsprachigen Häusern, sagt, er «mag die Leute nicht, die ins Theater gehen» (weil das Zuschauen bei den meisten keine «Tätigkeit» mehr ist), rechnet nach und bemerkt, dass ihn das Theater eher «nährt» als das geliebtere Prosa-Schreiben, meckert gegen «Stampftheater» oder den «Scheissfaust von Goethe», stimmt das Hohelied auf die Schauspieler als «Wahrspieler» an (von denen es aber leider immer weniger gibt) – und kann sich doch erst knapp 50 Jahre nach dem ersten spektakulären Bühnenerfolg 
http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/mozartsche-momente-1.18368345

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Handke ist kein Mann der Begriffe, sondern einer der Sprache. Hier reden ein
Methodiker und ein Anti-Methodiker miteinander. Wie bei den Stücken sind es aber die
Nebenhandlungen, die Arabesken, das immer wieder Beiseite-Gesprochene, und nicht
unbedingt das Systematische, das diese vier Gespräche so lebendig und lebhaft
macht. Das Geheimnis des Schreibens seien die Nebensachen, so sagt Handke es
selbst. Ob er vom „Engel der Frechheit“ spricht, von der Verwerfung des sog.
„unmittelbaren Erzählens“, wie es heute wieder gang und gäbe sei, oder davon, dass
das Theater immer wieder neu erfunden werden müsse – hier lernt der Leser eine
Menge, und zwar über Poetik und Poetologie, weit über den individuellen Anlass
hinaus. Die einzelnen Titel und Plots, soweit überhaupt vorhanden, mag man bald
nach der Lektüre wieder vergessen haben. Doch Handkes Blick auf die Welt, seine
Auffassung vom Schreiben, vom Dichten – all das prägt sich nachhaltig ein. Und wenn
man auch auf die Liebeserklärung ans Theater 100 Seiten lang warten muss,
irgendwann, beinahe unverhofft, erfolgt sie doch. 


http://www.wdr3.de/literatur/nebeneingangoderhaupteingang100.pdf
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Aber es ist komplizierter. Einerseits: Handke selbst schätzt seine Prosaarbeiten höher, er hält sich in Bezug aufs Dramatische für einen "Dilettanten"; er geht nicht gerne ins Theater und mag auch die Theatergeher nicht. Andererseits: Er verdankt dem Theater, wie er bekennt, inzwischen seinen Lebensunterhalt, und er sieht sich als Theaterautor durchaus in einer Liga mit Brecht oder Beckett, ohne die beiden deshalb besonders hoch zu schätzen.
Aktuelle Tendenzen des Gegenwartstheaters sind Handkes Sache nicht. Oberender, der Theaterkundige, versucht es gelegentlich mit Stichworten wie "Roland Schimmelpfennig" oder "Site Specific Theater", läuft damit aber bei Handke auf. Wie überhaupt der Theaterbetrieb, der heutige, aber auch schon der von gestern, nicht mit seiner Liebe rechnen darf.
Im Personenregister am Ende des Buches kann man noch einmal überprüfen, wer hier alles sein Fett wegkriegt. Und wer dann im nächsten Satz auch schon Handkes Gerechtigkeitssinn teilhaftig wird.


http://www.sueddeutsche.de/kultur/gespraechsband-ueber-das-theater-peymann-zu-arminia-bielefeld-1.2094619


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Brecht, Pirandello, Wilder, allen voran natürlich Beckett – wird ausgiebig behandelt. Mit "Warten auf Godot" beispielsweise kann er nicht viel anfangen. Sehr aufschlußreich die Diskussion der beiden über die Pausen, die Beckett verordnet. Fast nebenbei wird auch das Kino berührt und Handke gesteht seine Affinität dem Western gegenüber (bei ihm fast gleichbedeutend mit John Ford): "…alles habe ich eigentlich aus dem Western". Leider geht Oberender überhaupt nicht auf Handkes cineastisches Opus ein und versäumt es damit, Parallelen oder auch formale Unterschiede zum Drama-Schaffen zu spezifizieren. Ein bisschen mehr Insistenz hätte man sich schon gewünscht, wenn der Kinogeher Handke sagt, er fühle sich aus dem Kino kommend immer "ein bisschen übers Ohr" oder "übers Auge gehauen". Immerhin äußert sich Handke hier wohl erstmalig öffentlich über seinen großen ästhetischen Dissens zu Michael Haneke, den er in Bezug auf "Das weiße Band" als "Naturalist" und "Ideologe…Mystifikator und…Denunziant" bezeichnet. Dabei differenziert Handke sehr schön Naturalismus von Realismus. Letzterer zeigt den Alltag nicht nur, er "verwandelt" ihn.

http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/h/handke-oberender-struck-dem-theater-ein-fremder.htm

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andkes Texte stellen die Arbeit an der Sprache ohnehin immer aus, aber in den vorliegenden vier Gesprächen wird dies auch reflexiv begleitet. Dadurch werden die Gespräche zu einer Art Werkstattbesuch, bei dem Oberender – selbst einer, der sein Handwerk versteht (und dadurch nicht nur mitreden, sondern auch dagegenreden kann) – den Handwerker Handke durch die Werkstatt begleitet, ihm über die Schulter blickt und ab und zu eine Bemerkung einstreut, die Handke dazu bringt, sein mäanderndes Reflektieren explizit zu artikulieren. Dadurch werden diese Gespräche auch für diejenigen, die mit Handkes Theater weniger vertraut sind, zu einem aufschlussreichen Besuch in der Sprachwerkstatt (bei dem man allerdings bereit sein sollte, sich mit nötiger Langsamkeit zu bewegen). Und sie schaffen ein Bewusstsein für die versteckten Bedeutungsebenen der Sprache: Wenn Handke von »all den auffälligen Menschen heute« sagt, dass diese sich im Gegensatz zu einem (guten) Schauspieler »aufspielen« (S. 23), dann wird einem durch Handkes eigenen Kommentar – »Das ist ein gutes Wort« (S. 23) – der Konnotationsreichtum dieses Begriffs (und vieler anderer auch) deutlich. Man kann Handke beim Denken zuschauen: »Na ja, das ist ja ein Vorschlag, man kann sie auch Altötting nennen oder, ich weiß nicht, Bautzen oder, eher nicht.« (S. 50)

http://www.literaturhaus.at/index.php?id=10397




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http://www.ardmediathek.de/radio/WDR-3-Buchrezension/Peter-Handke-Thomas-Oberender-Nebeneing/WDR-3/Audio-Podcast?documentId=23864302&bcastId=19358026

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Nebeneingang oder Haupteingang? – Thomas Oberender spricht mit Peter Handke über 50 Jahre Schreiben fürs Theater

Tut mehr Unnützes!
von Wolfgang Behrens
20. November 2014. Einmal, gegen Ende des vierten und letzten Gesprächs, sagt es Peter Handke selbst: "Es drängt mich, unmittelbar zu sein (...)." Es ist diese Nähe zu einem Jargon der Eigentlichkeit, die einem in Handkes Werken zu schaffen machen kann. So faszinierend und soghaft das Umkreisen des Unmittelbaren und Eigentlichen auch sein mag – das Benennen der einfachen Dinge und das Herbeisehnen des authentischen Erlebens –, so politisch naiv geriert es sich zuweilen – wohin dies bei Handke geführt hat, ist eine Geschichte für sich (die in dem zu verhandelnden Band auf konsequente Weise nicht thematisiert wird – schade eigentlich!).
cover handke-oberender 140Ganz so simpel geht es dann aber doch nicht zu mit Handkes Drang zur Eigentlichkeit. Dass die Sprache die ersehnte Unmittelbarkeit gerade nicht einzufangen vermag, weiß Handke natürlich, und deshalb heißt es im eben nur unvollständig wiedergegebenen Zitat weiter: "Es drängt mich unmittelbar zu sein, und indem ich anfange, das zu realisieren, sehe ich, daß ich Umwege machen muß, also noch und noch Umwege. Über Künstlichkeit, über Machen, über Tradition, über Formen, die schon da sind, und so weiter. Und zwischendurch, oder am Ende, manchmal sogar zwischendurch, gibt es diese unmittelbaren Momente, aber erst dank der Künstlichkeit." Es scheint wie beim Wettrennen von Achilles und der Schildkröte zu sein: Die Sprache (Achilles) versucht das Unmittelbare (die Schildkröte) einzufangen, doch immer wenn sie dort ankommt, wo das Unmittelbare eben noch war, ist diese schon wieder ein Stück weiter.
Die Sprache ins Spielen bringen
In dem Gesprächsbuch "Nebeneingang oder Haupteingang?", den Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele und vormals Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele, gemeinsam mit Peter Handke erarbeitet hat, zeitigt der Drang zur Unmittelbarkeit jedenfalls recht eigentümliche Folgen. Die Interviews, die Oberender vorzugsweise in Gärten sitzend mit Handke geführt hat – was dem "eigentlichen" Sprechen bestimmt zuträglich ist! –, diese Interviews also treten uns nämlich in einer mutmaßlich nur wenig nachbearbeiteten Schriftform entgegen. Oberender schreibt im Vorwort, dass er "das Tasten und Befühlen der Worte und Sätze, Peter Handkes Verstummen und seine Neuansätze, die Abirrungen und Variationen der Aussagen zu erhalten" versucht habe. Diese Entscheidung birgt freilich auch einige (unfreiwillige?) Komik, wenn durch den Text beispielsweise in den unpassendsten Augenblicken plötzlich Einwürfe wie "Da badet ein Vogel!" oder "... ein Eichhörnchen, da hinten! ..." wehen.
Diese merkwürdige Form des tastenden An- und Hin-Denkens und jähen Wieder-Wegspringens vermittelt aber doch ein überraschend präzises Gefühl für den Kosmos, in dem sich das dramatische Schaffen Handkes bewegt – beginnend mit der "Publikumsbeschimpfung" von 1966 und vorerst haltmachend bei den letzten Stücken Immer noch Sturm und Die schönen Tage von Aranjuez. Die Art und Weise, wie seine Stücke (meist handlungslose) Bühnenvorgänge behaupten, wie sie die Sprache ins Spiel, oder besser: ins Spielen bringen, wie sie das Vage aufsuchen, um Momente der Durchlässigkeit (auch so ein Jargon-der-Eigentlichkeit-Wort!) zu schaffen, und wie sie sich aufeinander beziehen bzw. auseinander hervorgegangen sind – das alles fördern Oberender und Handke in mal scharfsinnigen, mal regelrecht somnambulen Schleifen zutage.
"Ich mag die Leute nicht, die ins Theater gehen"
Man liest den Band durchaus mit Gewinn, zumal die Gespräche immer wieder auch grundsätzliche poetologische Fragen aufwerfen, die an die Möglichkeit des Schreibens für Theater überhaupt rühren. Und was die Politik betrifft, die ja sonst ausgespart bleibt, stößt man sogar auf ein Bekenntnis, das vermutlich koketter klingt, als es gemeint ist: "Das wäre ein politisches Programm von heute, ein weltpolitisches: Daß viel mehr unnütze Tätigkeiten gemacht werden. All diese nützlichen Tätigkeiten machen die Welt kaputt. Das glaube ich, das ist mein Credo."
Am schönsten aber wird es, wenn in all dem Schwadronieren Handke plötzlich ganz konkret wird oder gar ins Lästern kommt. Dann hört man etwa von Kritikern, die "vortäuschen, daß sie etwas gelesen haben", oder man erfährt, dass Handke auch noch fast ein halbes Jahrhundert nach der "Publikumsbeschimpfung" den Theaterzuschauern misstraut ("Ich mag die Leute nicht, die ins Theater gehen. [...] Wenn ich die schon sehe, wie die auf den Straßen zum Theater gehen – das gefällt mir nicht!"). Am allertollsten freilich ist eine Erkenntnis über Claus Peymann, zu der man im vollsten Einverständnis zu nicken geneigt ist: "Er könnte halbwegs auch ein Fußballtrainer sein, nicht gerade für die Stars von Real Madrid oder FC Barcelona, aber doch für Arminia Bielefeld, vielleicht." Nur kurz nachgefragt: In welcher Liga spielt Arminia Bielefeld noch gleich?

Peter Handke, Thomas Oberender:
Nebeneingang oder Haupteingang? Gespräche über 50 Jahre Schreiben fürs Theater
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 199 Seiten, 20 Euro

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=10255:2014-11-20-07-20-51&catid=100:buecher&Itemid=100087

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