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Saturday, August 31, 2013

Essay (Assaying) the FOOL FOR MUSHROOMS Versuch über den Pilznarren

In 2012, Peter Handke resumed his series of Versuche with his essay Versuch über den Stillen Ort (Essay on The Quite Place). Just one year later, he brings it to a close, definitively, he claims, with a fifth and final narrative essay, this time Versuch über den Pilznarren (Essay on The Fooll for Mushrooms). For its protagonist mushrooms are more than just a passion: they are the last adventure, the ultimate adventure.

»›And again things are getting serious!‹ I suddenly said to myself just now, before making my way to the desk at which I am now sitting, hoping to gain a certain – or rather an uncertain – clarity about the story of my vanished friend, the mushroom hunter. And I went on, involuntarily, speaking to myself: ›I can’t believe it! That things turn serious even when I’m getting ready to write something down that is surely not earth-shattering in any way‹; a story, which, in the preliminaries (an apt word, for once), brought to mind the title of a decades-old Italian film, starring Ugo Tognazzi, I think: ›The Tragedy of a Ridiculous Man‹ – no, not the film itself, just the title. And yet the story of this former friend of mine isn’t even a tragedy, and as to whether or not he was, or is, ridiculous: even that is unclear to me, and will and will not become clear to me; and, again involuntarily, I say and I write: ›I hope it stays that way!‹«

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Eine Geschichte für sich

Inhalt

2012 nahm Peter Handke mit seinem Versuch über den Stillen Ort die Reihe seiner Versuche wieder auf. Nur ein Jahr später beschließt er sie, endgültig, wie der Dichter selbst sagt, mit einem fünften und letzten erzählenden Essay, dem Versuch über den Pilznarren – worin die Pilze für den Helden der Geschichte nicht nur Passion, sondern das letzte Abenteuer, das Abenteuer an sich sind.
»›Und wieder wird es ernst!‹ sagte ich vorhin unwillkürlich zu mir selber, bevor ich mich auf den Weg zu dem Schreibtisch hier machte, wo ich jetzt sitze in der Absicht, mir über die Geschichte meines verschollenen Freundes, des Pilznarren, eine gewisse – oder eine eher ungewisse – Klarheit zu verschaffen. Und weiter sagte ich unwillkürlich zu mir selber: ›Das darf doch nicht wahr sein! Daß es sogar ernst wird beim Angehen und Niederschreiben einer Sache, welche doch wohl ganz und gar nichts Weltbewegendes an oder in sich hat‹; einer Geschichte, zu welcher mir im Vorfeld (ein Wort, das einmal am Platz ist) dieses Versuchs der Titel eines jahrzehntealten italienischen Films in den Sinn kam, ich glaube, mit Ugo Tognazzi in der Titelrolle: ›Tragödie eines lächerlichen Mannes‹ – nein, nicht der Film selber, allein dieser Titel. Dabei ist die Geschichte meines ehemaligen Freundes nicht einmal eine Tragödie, und ob er jemand Lächerlicher war, oder ist: Schon das ist mir nun unklar, und wird und wird mir auch nicht klar; und wieder unwillkürlich sage und schreibe ich jetzt: ›Möge das auch so bleiben!‹«

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 Handke's erstes Werk ueber Pilze ist das Marchen LUCIE IM WALD MIT DEN DINGSDA   fuer die zweite Tochter, Laocadie, geschrieben, handelt ist von der Pilzsuche im Wald seiner Umgegend ausserhalb Paris.


angeblich bedeuten Pilze das Friedliche an sich fuer Handke, den Frieden suchenden Handke  Dass daraus dann Gulasch gemacht wird, verwundert eigentlich. Aber wahrscheinlich ist die SUCHE und die SUCHT wichtiger als was man findet..
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Peter Handke: Versuch über den Pilznarren! "Aus dem tiefsten Erdreich himmelwärts"


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WILHELM WAGNER 
- 09.12.2013

1Peter Handke: Versuch über den Pilznarren! "Aus dem tiefsten Erdreich himmelwärts" 
Alle Nachichten zu diesem Thema per eMail
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Im Zeitalter der Achtsamkeitsübungen zeigt der große Schriftsteller Peter Handke wieder einmal, warum seine Leser auch diesen Trend getrost überspringen können.





"Am besten wird sein, Sie suchen sich ein stilles Fleckchen Erde. Flüstern Sie sich diesen Text vor, leise, langsam! Nur den poetisch Unmusikalischen, auch den Humorlosen, wird dabei entgehen, wie herrlich versponnen und verhuscht er ist, wie komisch, wie zart", schrieb (Nomen est Omen) Dirk Pilz in der Frankfurter Rundschau - über "Versuch über den Pilznarren", das neue Werk von Peter Handke.
Recht hat er aber: Im Zeitalter der Achtsamkeitsübungen, in dem wir nun einmal leben, zeigt Handke wieder einmal, warum seine Leser auch diesen Trend getrost überspringen können. Denn wer Handke liest und versteht, hat seine Lektion in Sachen Achtsamkeit bereits gelernt.
Das liest sich zum Beispiel so: „Alles andere, auch das sogenannte mürbste Fleisch, der frischeste der Fische, selbst Kaviar, gerade der, schmecke, verglichen mit so einem Wildwüchsling, vulgär-ordinär ... Sich einlassen - und das Munden verlangsamt das Essen zum Speisen, das Speisen zum Kosten, und das Munden, Speisen, Kosten gehen über ins Beherzen und Beseelen wie, ach, gar zu selten, das Essen, das Mahlzeiten, und kraft all dessen zusammen zu guter Letzt das Herabsinken und zugleich, herrje!, seltener als selten, Pulsen der Ruhe, gepaart mit dem, weh, nur zu den heiligen Zeiten, Aufsteigen des Gottnächsten in dir und mir, lieber Leser: des bestirnten Himmels der Phantasie! Sag ehrlich: In welchem Ein-, Zwei-, Drei-Stern-Restaurant ist dir das je zugestoßen? Und ist es nicht seltsam, wie eine Nahrung aus dem tiefsten Erdreich den Kopf himmelwärts heben kann?"
2012 nahm Peter Handke mit seinem Versuch über den Stillen Ort die Reihe seiner Versuche wieder auf. Nur ein Jahr später beschließt er sie, endgültig, wie der Dichter selbst sagt, mit einem fünften und letzten erzählenden Essay, dem Versuch über den Pilznarren – worin die Pilze für den Helden der Geschichte nicht nur Passion, sondern das letzte Abenteuer, das Abenteuer an sich sind.
„’Und wieder wird es ernst!’ sagte ich vorhin unwillkürlich zu mir selber, bevor ich mich auf den Weg zu dem Schreibtisch hier machte, wo ich jetzt sitze in der Absicht, mir über die Geschichte meines verschollenen Freundes, des Pilznarren, eine gewisse – oder eine eher ungewisse – Klarheit zu verschaffen. Und weiter sagte ich unwillkürlich zu mir selber: ‚Das darf doch nicht wahr sein! Daß es sogar ernst wird beim Angehen und Niederschreiben einer Sache, welche doch wohl ganz und gar nichts Weltbewegendes an oder in sich hat’; einer Geschichte, zu welcher mir im Vorfeld (ein Wort, das einmal am Platz ist) dieses Versuchs der Titel eines jahrzehntealten italienischen Films in den Sinn kam, ich glaube, mit Ugo Tognazzi in der Titelrolle: ‚Tragödie eines lächerlichen Mannes’ – nein, nicht der Film selber, allein dieser Titel. Dabei ist die Geschichte meines ehemaligen Freundes nicht einmal eine Tragödie, und ob er jemand Lächerlicher war, oder ist: Schon das ist mir nun unklar, und wird und wird mir auch nicht klar; und wieder unwillkürlich sage und schreibe ich jetzt: ‚Möge das auch so bleiben!’“

Peter Handke, Versuch über den Pilznarren, Suhrkamp Verlag, Leinen, 217 Seiten, ISBN: 978-3-518-42383-7, 18,95 €

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Peter Handke ist auch ein Pilznarr
Ich hab das dem heutigen Interview aus der "Kleinen Zeitung" entnommen und war doch sehr erstaunt. Kärntner halt ...
Zitat:...
Für Sie ist das Erzählen dagegen lebenswichtig geblieben?

HANDKE: Nach sechs, sieben Monaten denke ich mir immer, jetzt habe ich genug vom Pilzesuchen, Kinogehen und Baumstutzen. Jetzt muss etwas geschehen, ich muss mich wieder aufs Spiel setzen. Das können auch kleine Sachen sein, wie jetzt der „Versuch über den Stillen Ort“. Für mich ist es das Schönste, etwas Stilles zu schreiben, von dem noch nie jemand gedacht hat, es ist der Literatur wert. Was kann der Abort sein als Ort, wo man Kraft findet? Vielleicht mehr als eine Kirche.

Gibt es noch einen Versuch?

HANDKE: Einen noch. Über den Pilznarren.

Über Sie also.

HANDKE: Beim Pilznarren ist es so, dass er die Gesellschaft verliert. Die Pilze ersetzen ihm jeden König. Das Schöne daran ist, dass das ein Wahn ist, der gar nicht so schlecht ist, immer im Gleichgewicht zwischen Abenteuer und Irrsinn, aber besser als Kokain.

Oder Maschinengewehre. HANDKE: Pilz und Maschinengewehr, das würde ich zusammen sehen. Bei mir im Wald in Chaville gibt es Portugiesen, die rücken in der Nacht mit Taschenlampen zum Pilzesuchen aus.

Verscheuchen Sie die?

HANDKE: Nein, da geh ich nicht hin. Wenngleich: Ich bin auch schon um vier Uhr früh wach gelegen und habe mir gedacht, jetzt könnt’ man eigentlich.

Was hat Sie abgehalten?

HANDKE: Meine Frau hat meine Pilze nicht mehr sehen und riechen können. Da hab ich mich auf den Bahnhofskai geflüchtet und die Pilze versteckt, damit sie mich nicht anbrüllt, wenn ich damit nach Hause komme.

Ist das eine Obsession, die aus Ihrer Kindheit kommt?

HANDKE: Ich habe von den Pilzen meine ersten Bücher gekauft. Da habe ich für zwei Kilo zwanzig, dreißig Schilling bekommen und bin dann mit dem Rad in die Buchhandlung nach Völkermarkt gefahren. Das war meine Bildung.

Die Pilze waren Ihr Tor zur Welt?

HANDKE Naja, meine letzte Freude sind sie, die letzte Freude vor der Autobahn des Todes. Last Exit Steinpilz.


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http://www.neues-deutschland.de/artikel/915811.weltweite-im-unterholz.html








Hans-Dieter Schütt

23.11.2013

Bücher zum Verschenken

Weltweite im Unterholz


Der Waldgänger Peter Handke und sein »entdeckerisches Verirren«


Wald rauscht, Blätter fallen. Richtig. Absolut falsch! Wer Peter Handke liest, der empfindet plötzlich, welch ein erbarmungswürdiges, hilfloses und lebensnervbeschnittenes Wesen die Sprache ist - dann, wenn sie gar nicht mehr Sprache sein darf, ein Worte-Schatz also, sondern die Worte nur noch im Sprach-Gebrauch sind. Eingesperrt in gängigste Kombinationen, von denen es heißt: klar, verständlich, auf den Punkt gebracht. Also vernichtet.


Klar und verständlich heißt: Wald rauscht, Blätter fallen. Aber die Eichen rauschen, während bei den Buchen eher ein Brausen zu bemerken ist, die Birken wiederum rascheln, und während die Ahornblätter im Sturz- und Gleitflug niederjagen, erhalten Blätter anderer Bäume im Augenblick der Bodenberührung seltsame Auftriebe, wie ein letztes Atemholen, und die Fächer der Akazien fallen wie … »aber geht und seht selber!«

Es gibt keinen Dichter deutscher Sprache, der Natur in solch wahrhaft ein-flüsternder Weise zum Ereignis erheben kann. Auch in diesem »Versuch über den Pilznarren«. Handke schrieb bereits »Versuche« über die Jukebox, die Müdigkeit, den geglückten Tag und den Stillen Ort; den Anfang machten oft Orte, die Großstadt oder stille Gegenden, da begann ein Weg, eine Reise, eine Um-Schau des Erzählers; Prosa vorbeigängerisch, nicht frontal. Enklavenphilosophie. Und das 1989/90, da Europas Geistmenschen im Getöse- und Einmischfieber wuselten, meinungsbefeuert, geschichtsgeladen, eingriffsinfiziert, zungenfertig ohn’ Unterlass. Handke wurde trotzig und erhaben malerisch. Genius der Abkehrfreude.

In einem seiner »Versuche« schrieb er vom »entdeckerischen Verirren« - einer umkreisenden Erzählweise, die auch aufs Wesen des neuen Versuchs über den Pilznarren zutrifft. Schönes Bedrängtsein durch eine Seh-Weise, in der seit eh und je Zeit und Schwelle und Gehen und Sphäre und Verwandlung und Niemandsland, ja: was? Herrschen? Nein. Es gibt Worte, die können nicht herrschen, so, wie die Feststellung falsch ist, dass Frieden herrsche.

Der Pilznarr, ein engagierter Anwalt vor internationalen Gerichtshöfen, erinnert sich bei einem seiner Waldspaziergänge an die Pilz-Suchleidenschaft der Kindheit. Daraus wächst eine Sammelsucht, die Beruf und Familie bedroht und den Verstand belagert mit Einladungen zum Wahn.

Der Pilz als Gleichnis. Er ist die »letzte Wildnis«, das »letzte Abenteuer der Menschheit«, er lässt sich »nicht züchten, nicht zivilisieren«. Eine Protest-Pracht. Ein Anlass, um sich zu relativieren - denn oft genug hatte er als Anwalt »in eine todfalsche Mitte gezielt, ob als Redner vor Gericht oder als Artikelschreiber, der sich einbildete, wie einst Emile Zola Geschichte machen zu können«. Dem Anwalt wird die Pilznarrheit zur Dämonie, die ihn verfolgt, einschnürt. Ihn zu einem Verschollenen macht. Am Ende aber sein Wiederauftauchen, seine Rückkehr ins alltägliche Maß, eine Heilung von der Obsession - wodurch? »Malt euch das alleine aus«, kontert der Dichter.

Der Autor-Erzähler begibt sich gleichsam auf die Suche nach seinem Freund, dem Pilznarren, und beide werden am Ende - da ist das Buch endgültig im Mythischen, im Märchen angekommen - gemeinsam feiern. Was? Die Weltflucht ins Unterholz ebenso wie die Hinwendung wieder zum Leben.

So, wie sich in Handkes Stück »Untertagblues« der Beschimpfer der Welt nichts so sehr wünschte wie Einsamkeit - um sich am Ende aber (aus Angst vor der ersehnten Einsamkeit!) die Elenden seiner Schimpfiade wieder herzuwünschen. Das gesamte Zivilisationspersonal, die Nachbarschaftskrieger, die Lichtungsbesetzer, die sehnigen oder klapprig-trotzigen Lebensdurchmarschierer, die Zeit- und Raumdurchblicker, die Gesetzeskenner und Antwortabonnenten, die unter Weltverstehen nur eines meinen: Leben auf der klügeren Seite eines Widerspruchs, dort, wo man sich durch Wahrnehmungen nicht aus der Ruhe einer einzigen Wahrheit bringen lässt.

Handkes Poesie tanzt im Widerspruch: Von hier nach da, ohne dort anzukommen. Was sich zwischen Natur und dir abspielt, es gilt für Existenz überhaupt, gleichsam quer durch die Welt: Du bist ein Gesteigerter, wenn du den Blick der Dinge auf dir ruhen fühlst. So entfaltet sich auch diese Erzählung in einen tief anrührenden Gegenentwurf zum Schicksal jenes Menschen, der tagtäglich von der Welt vernutzt, missverstanden, geprüft und so ins notwehrveranlasste Blindwüten getrieben wird. Handke preist das schöne Ereignis, irgendwie unverwendbar zu werden fürs Nützliche. Huldigung des Übergangs »vom achtlosen Hinschauen zum achtsamen Betrachten«. Schönes Leben, ehrgeizlos, aber ehrvoll - weil: so natürlich.

Worte finden? Nein, von ihnen überrascht werden; dem Überraschungswort im nächsten Satz ins Wort fallen; sich hinter einem Komma in Nebensätze verlieren wie in einen Wald; den Seitensträngen eines Gedankens nachgeben; freudig oder verzweifelnd verästelt bleiben; einen Gedankenstrich zu Hilfe holen, ein Semikolon dazwischen gehen sehen und sich wundern, woher plötzlich die Fragezeichen kommen; dann einen Punkt machen - um daraufhin einen Doppelpunkt alles wieder für offen erklären zu lassen. Bewahrungsgefühl. Wanderempfinden. Weltweite im Unterholz des Daseins.

So könnte man die Confessio dieses Dichters wohl zu fassen versuchen: einverstanden damit sein, ergriffen zu werden. Von aller Kreatur. Sogar vom Menschen. Der aufblickt und sich von einem Vogelschwarm gesegnet wähnt. Und der Blick hinab zum Pilz ist ein Aufschauen.

Peter Handke:
Versuch über den Pilznarren. Suhrkamp Verlag. 120 S., geb., 17,95 €

http://www.neues-deutschland.de/artikel/915811.weltweite-im-unterholz.html


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-------- Original Message --------




Von »Herrlichkeiten« und »Biestern«

Peter Handkes »Versuch über den Pilznarren«

Bemerkungen von Lothar Struck


Schon 1999 ging es bei Peter Handke um einen ekstatischen Pilzsucher. In der »Geschichte« (so der Untertitel) »Lucie im Wald mit den Dingsda« ist von einem vor sämtlichen »Waldkleintieren« stinkenden, anfangs zitternden, skurrilen »Gärtner« die erzählende Rede, der am Rande einer Großstadt mit seiner 7jährigen Tochter Lucie und seiner beruflich erfolgreichen, umso mehr in der Welt stehenden Frau (»Kriminologin!«) lebt. Es ist an-rührend, was und vor allem wie dort von diesem Mann erzählt wird. Zum (anti-jünger'schen) Waldgänger und Baummenschen wird der Mann, der meist »Vater« genannte (Vater von Lucie, der menschlichen Hauptdarstellerin des Buches - eine Liebeserklärung an seine Tochter Léocadie), zuweilen erinnernd an jemand, der vom Mittelalter direkt in die Moderne katapultiert wurde. Da ist einer, der »gebückt wie ein Jäger auf einem Pirschgang« und »stockend und nach allen Seiten witternd wie das gesuchte Wild in Person« »querwaldein spurend und ausschwärmend« »seine Schleifen zwischen den Bäumen« zieht und nicht nur um die »Herrlichkeiten«, seine »Dingsbums«, zu entdecken (das schnöde Wort vom »Pilz« fällt nie), sondern auch noch allerlei anderen »Kram« und »Krimskrams«, der für dieses oder jenes Verwendungen finden könnte (zu bestaunen vielleicht im herrlichen Buch von Lillian Birnbaum).   

Dennoch: so überaus erfolgreich ist er nicht, denn schließlich fand Lucie in den wenigen Malen, in denen sie mit dem Vater »durch die Wälder kurvte«, mehr von diesen »Waldwichten« und dies »nicht bloß deshalb, weil sie so viel kleiner und dem Erdboden näher war, sondern auch, weil sie dort draußen im Handumdrehen ganz Suche wurde, so wie man ganz Auge und Ohr wird«. Aber Handke begnügte sich nicht mit der Erzählung dieser Vater-Tochter-Pilze-Idylle. Eines Tages wird der Vater in Handschellen aus dem Haus abgeführt. Er soll konspirativ gegen das Staatsoberhaupt ein Verbrechen geplant haben. Die Mutter, die Polizistin, weiß Bescheid, vermag jedoch nicht zu helfen. Es ist an Lucie, der Furchtlosen, die schon vorher ihren Vater vom Zittern befreit hatte. Mit einem Schock »Waldbodenwichte«, die sie dem König darbietet, löst sie den Vater aus. Und so wird ein Märchen daraus in dem Schiffe problemlos bergauf fahren (Fitzcarraldo lässt grüßen), Könige sich an Pilzen freuen, die Todesstrafe überall abgeschafft wird und eine neue, bessere Welt entsteht.

Eine »Geschichte für sich«

Zwischen den fürchterlichen Eruptionen der jugoslawischen Kriege hatte Peter Handke dieses wunderbare, mit subtiler Selbstironie durchzogene Meisterstückchen erschaffen, ab und an ergänzt von stimmigen Zeichnungen (wer schreibt eigentlich einmal den Essay über Handke als Zeichner?) und, im Hörbuch, begleitet von Musik mit der Maultrommel. Und nun also der »Versuch über den Pilznarren«. Auch dies ist eine Geschichte, und zwar eineGeschichte für sich, so der Untertitel.  Eine bloße Nacherzählung sei dies - eigentlich sonst nicht eben meine Sache, schreibt der Erzähler. Dies an einer Stelle, als es darum geht, das Kippen des Pilzfreundes, -sammlers, -suchers (und -finders) hin zum Narrentum, zur Manie, zu erzählen. Denn hier ist es kein schrulliger Vater, der sich in den Wald geflüchtet hat um seinen Platz dort zu finden. Es ist ein Strafanwalt beim Internationalen Strafgericht, jemand, der aus der Schönheit des jeweiligen Angeklagten und dem Duft des Waldes seine Inspiration für die Plädoyers nutzt, die zum Freispruch führen. Von diesem Straf- und Staranwalt erzählt das Ich, der Schriftsteller, oder vielleicht eher Schreiber, der Jugendfreund. Es wird eine Geschichte der Leiden und der Leidenschaft - und eine Geschichte der Heilung.

Fast chronologisch wird dieses später (vorübergehend) in Pilznarrentum ergehende Leben erzählt. (Erzählt, nicht gedeutet!) Von klein auf habe er sich zum Schatzsucher bestimmt gefühlt, als eine Art Auserwählter. Was ihn nicht daran hinderte, geldversessen wie er war, die Schätze seiner Suche, die Eierschwammerl (vulgo Pfifferlinge) zu verkaufen, um mit den Erlösen seinen Wissendurst mit Büchern zu stillen. Es folgte das Studium, der Beruf; er wirdzwar kein Reicher, aber »gut situiert«. Hier verloren sich die Jugendfreunde vorübergehend aus den Augen. Der bekannte Anwalt, in Maßanzügen,englischen Maßschuhen und mit wechselnden Seiden-krawatten zumWeltmann geworden, schickte irgendwann, unverhofft, ein Lebenszeichen an den Schriftsteller. Er lese gerade die Geschichte vom Leben in der Niemandsbucht und finde sich selber darin miterzählt. Immer wieder finden sich Bezüge zu anderen Handke-Büchern.

Langsam entwickelt sich das Verhältnis zwischen den beiden Protagonisten wieder neu. Und dann gibt es eine Stelle; diese Stelle. Und man fragt sich, wer denn sonst noch derart emphatisch, so bar jeder Furcht vor dem Pathetischen den Fund eines Steinpilzes, ja was: beschreiben?, erzählen?, nein: zu illuminieren vermag. (Zitieren wäre hier Barbarei.) So, dass man für die Sekunden der Lektüre glaubt, dem Wichtigsten im Leben plötzlich teil- oder, besser, bildhaftig geworden zu sein. Der erste Steinpilz, ein Fabelwesen- ein »Einbruch in die Ewigkeit« der Zeit, für den die christlichen Mystiker noch Gott brauchten. Handke genügen dafür Dingsda, Wildwüchslinge (oder, in den anderen Versuchen, eine Jukebox, der Flug einer Amsel am geglückten Tag oder der Stille Ort). Es ist der Segen auf Erden, nicht der Segen der Erde.

Da gibt es etwas, das nicht dem profanen »Markt« anheimfällt, ein Schatz der Natur, der sich nicht züchten lässt. Steinpilze (und all die anderen Köstlichkeiten, die man sozusagen »am Rande« findet) verweigern sich der Ausbeutung, der kommerziellen Produktion. Wider die gezüchteten Champignons, sie sind einfach nur wesenlos. Der Genuss der Findlinge ist ein archaischer Akt, ein Verschmelzen zwischen Natur und Mensch, dem einAbenteuer voraus-geht, ja bedingt.  

Wunderbar vor allem dieses Erzählen abseits des Lebenslaufs, vom Hocken im Gehölz und dieses vom Schauen und Hören…ins Sinnen kommen. DieBewegung der Baumkronen im Wind, selbst lautlos, sphärisch durcheinander […]; jene Bewegung schenkte ihn ein in den, in die Himmel. Der Suchende verwandelt sich; sein Zeitgefühl wird ein anderes. Und in den Wäldern gewann er sein Maß und wurde Teil einer episodische[n] Geselligkeit; er, der eigentlich chronisch Menschenscheu[e] (dies im Gegensatz zu seinem Beruf stehende) ist im Wald zugleich erster und letzter Mensch.

Aus den »Herrlichkeiten« werden die »Biester 

Durchaus mit Suspense werden die Verwandlungen des Anwalts, Familienmenschen und Pilz-kundigen zum Pilznarren, zum Gierigen und Süchtigen erzählt. Dabei trug die Leidenschaft zunächst noch zum Erfolg im Beruf bei, beförderte diesen noch. Aber da ist dann der Übergang im Buch des Lebens, in dem er allmählich nicht etwa alle seine beim Tribunal erwirkten Freisprüche eingetragen sah, sondern einzig seine Expeditionen kreuz und quer durch die Wälder. Als er – wohl Jahre später - einen Kongress der Pilzforscher besucht (mit meist ältlichen Mykologen) sieht er in ihnen, den Experten, allesamt Verlorene, zwar beschwingt und gutherzig, aber eben nicht seinesgleichen. Er, der Pilznarr, sei, so die Wahrnehmung, einzigartig. Schließlich ist es für ihn mehr als nur ein Steckenpferd und noch mehr als Forschungsgegenstand.

Wie so oft hat das Hochgefühl also keinen Bestand. Aber Handke geht hier einen Schritt weiter als in seinen anderen Versuchen. Der Pilzsucher verfällt, unmerklich und doch ohne Wahl, wird vom Schauer zum Punkt-Sklaven, der nichts mehr anderes kennt, sich sogar noch von Frau und Kind entfremdet und den Erfolg im Beruf verliert. Immer wieder versucht er, sich am eigenen Schopf aus seiner Sucht loszureißen: Er schmäht die Pilze, simuliert dasNichtsuchen nur um insgeheim doch zu finden und ausgerechnet jetzt entdeckt er eine Art geheime[r] Plantage. Wie weiland Goethes Zauberlehrling, der die wassertragenden Besen nicht mehr aufhalten konnte, wird er fast eingesponnen von Erdfaltern, welche die wilde Pilz-Plantage anzeigen und eine Ernte ohne Ende ermöglichen, ja erzwingen. Aus den Schätzen werden Biester und Gesindel. Und nun? Nichts wie weg aus dem Wald! - aber wie? Ein anderer »Großer Fall«, fragt der Autor (anspielend an eine andere Erzählung Handkes). Schließlich verschwindet der Pilznarr im Dezemberschnee und man weiß nicht, hat man das nun selber geträumt oder gelesen?

Wie kühn und gleichzeitig elegant zerlegt sich da jemand in seiner, in einer Geschichte. Handke ist sowohl Ich-Erzähler wie auch Pilznarr, Schriftsteller wie Strafanwalt, fast nüchterner Chronist wie auch ein Süchtiger des Findens. Der Pilznarr und der Schriftsteller, der Besessene und der Weise. Aber es ist natürlich nicht so einfach, denn er ist auch immer noch ein Anderer; ein Erfinder. Wie sonst nur in den großen Selbstvergewisserungs-erzählungen »Mein Jahr in der Niemandsbucht« und »Die morawische Nacht« verwandeln und überlagern sich die Figuren und nehmen auch Bezug auf Protagonisten anderer Handke-Bücher, wie zum Beispiel den Apotheker von Taxham, womit  dieser Versuch über die anderen Erzählungen dieser Reihe hinausgeht.

Der Pilzsammler, der Souverän, begann, zu verachten, wurde hoffärtig und verlor das Maß; mit dem Raumverlust ereignete sich auch der Maßverlust. Albert Camus bestimmte das Maß als konstituierendes Element zum Unterschied zwischen Revolte und Revolution. Wer das Maß hatte, war - so Camus - immun für die Jenseits- wie Diesseitsverheißungen und damit für die unheilstiftenden Ideologien. »Und hüte dich vor den Ideen // Sie sind vernarrt in den Tod«, so dichtete der unlängst von Handke übersetzte und verehrte Dimitri T. Analis. Im Maßverlust des Anwalts droht bei Handke die Entfremdung mit der Welt.

Am Ende ist er aus seiner Verschollenheit zurückgekehrt und auf fast magische Art und Weise geheilt. Wie schon in der Dingsda-Erzählung wird die Geschichte zum Märchen und wendet sich zum Guten. Beide, Schriftsteller und Ex-Pilznarr, stapften nun in einer Querwaldeinexpedition durch die Landschaft des Vexins, dem Fluss Troësne, über Chavençon zum GasthausL'Auberge du Saint Graal und Peter Handke ist vermutlich der einzige Erzähler, der Märchenhelden in einem in sozialen Netzwerken präsenten Gasthaus essen und einen Weg zurücklegen lässt, der einigermaßen im Netz nachzuvollziehen ist.

Leicht mag der Leser bei Handkes souveränem Spiel mit den Charakteren der Figuren die zahlreichen Naturbeschwörungen in dieser Erzählung überlesen. Auf die Schilderung der Entdeckung des ersten Steinpilzes wurde bereits hingewiesen. Und diese kraftvoll-schönen Sätze der glücklichen Periode, welche die schönsten Stellen im Buch liefern. Oder die Heimkehr des Sammlers mit seiner »Beute«, eine ganz andere als die des Jägers (der uralte Antagonismus Bauer / Jäger!). Wunderbar, wie der Pilzsuchende ein Pilzbuch in immer neuen Variationen entwirft (und niemals schreiben wird; genau so wenig wie das Anti-Pilzbuch nach seiner Rückkehr). Immer wieder gibt es auch Bedrohungen oder Erinnerungen daran für das Paradies: der Hallimasch etwa, der Zerstörerpilz. Oder die Querwaldprescher und Metall-schatzsucher. Und auch die fast schon obligatorischen Bombentrichter. Nicht zuletzt: Die scheinbar schnöde Alltäglichkeit (die erst ganz zum Schluss wieder in ihr Recht gesetzt wird).

Wie selten bei Handke durchzieht dieses Buch ein kleiner, aber laufend präsenter Streifen Humor und so manches, was zwischen Absurdität und Fatalität changiert und droht, ins Feierliche zu entwischen, wird sanft ins Komische überführt, etwa als er sich als Anwalt beim Aufstehen zur Urteilsverkündung wie alle erhob und einen riesengroßen Schirmpilz auf dem Kopf trug. Anders als in den anderen Versuchen, die eine persönliche Genealogie des Glücks erzählten, entwickelt sich hier ein diesbezügliches Über-Maß. Während in der Müdigkeit oder auf dem Stillen Ort das Glück ein ephemerer Augenblick blieb (der durch das Schreiben Dauer bekam), droht im und beim Pilzesammeln eine Obsession, die alles andere am und im Leben ausblendet. Eine Parabel auf die Konsum- und Überflussgesellschaft? In diese Deutung passt es, wenn sich beim Pilznarren irgendwann die Ekstase nicht mehr durch das Finden einstellt, sondern vor allem dann, wenn er nichtfündig wurde, was gleichzeitig aufgrund seiner Erfahrung immer seltener geschah. Das erinnert an einen süchtigen Spieler, der im Verlust umso rasender weiterspielt. Oder wird hier allegorisch auf die Gefahren der Hyper-individualisierung und des Spezialistentums angespielt, das in den Solipsismus führt? 

Denn am Ende sitzen die beiden mit zwei anderen zusammen in der Gaststätte (wieder das Zusammensitzen bei Handke, wie schon in der »Abwesenheit« und »Immer noch Sturm«.) Sie raten die Zeit. Wir irrten uns alle vier. Aber wer sich am stärksten irrte und am gewaltigsten verschätzte, das war er. Die Zeit und das Vergehen in und mit der Zeit ist ein essentieller, im Textgewebe nicht sehr aufdringlicher, aber umso wichtigerer Bestandteil dieses Versuches. Der Pilznarr hatte in seiner schlimmsten Phase Angst,keine Zeit mehr zu haben. Die Heilung geschah, ihm diese Zeit wiederzugeben. Auf dem Weg zum Gasthaus fühlten sich beide in der Zeit, endlich.

Beim Zurücklegen des Buches überlege ich wie man wohl den Lesenarren heilen könnte, der glaubt, keine Zeit mehr für das Lesen all der (scheinbar) für ihn geschriebenen Bücher zu haben. Und gibt es überhaupt »Lesenarren«? Oder ist das schon ein Pleonasmus zu »Leser«?

Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem Buch »Versuch über den Pilznarren«.


http://www.begleitschreiben.net/peter-handke-versuch-ueber-den-pilznarren/



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 Wildnis und Widerstand
Peter Handke geht am liebsten querwaldein: "Versuch über den Pilznarren". VON HELMUT BÖTTIGER
28. Oktober 2013  20:43 Uhr 
Peter Handke
Der österreichische Schriftsteller Peter Handke 2009 in Lissabon  |  © picture alliance / dpa
Wer zu Handke geht, entrinnt den Pilzen nicht. Zwischen etlichen Zeilen seiner Bücher lugen fast neckisch die kleinen gelben oder braunen Köpfchen hervor, die bei ihm "andersgelb" und "andersbraun" heißen. Der Laubwald hinter Handkes Pariser Vorstadtgemeinde ist für seine Besucher nicht nur als Niemandsbuchtmythisch geworden, sondern auch als Reservoir für eine unausschöpfliche Pilzsuppe.
Und wenn der Autor nun einen Versuch über den Pilznarren vorlegt, glaubt man zu ahnen, dass er zwangsläufig an seine vorausgegangenen Versuche anknüpft und in dieser zwischen Prosa, Essay und Tagebuchreflexion changierenden Textform seine subjektive Wahrnehmung an einem konkreten Objekt ausprobiert. Mit den Pilzen scheint er die Königsebene gefunden zu haben. Aber dann merkt man: Obwohl sie im Zentrum stehen und ständig umkreist werden, obwohl er wie gewohnt einschlägige Szenen sorgsam auffächert, obwohl es um die prägenden Erlebnisse mit Pilzen geht, um eine Untersuchung der verschiedenen Namen, Rezepte und Fundorte – es geht gar nicht so sehr um die Pilze selbst. Es geht um einen Selbstversuch.
Als Pilznarr erscheint hier nicht eine weitere schweifende Ich-Figur des Autors, sondern ein "Jugendfreund". Dieser hat zwar keinen Namen, aber dafür täuschende Ähnlichkeiten mit dem Schreibenden: Auch er hört das "Rauschen und Brausen der Bäume" am Waldrand, das Birkenrieseln und das Eschensausen, auch er geht am liebsten "querwaldein", auch er hat ein Gespür für die Zwischenräume und die Saumseligkeiten. Und auch er hat Jura studiert.
Allerdings erlaubt sich der Autor, seinem Jugendfreund im Gegensatz zu seiner eigenen Biografie eine juristische Karriere zuzubilligen: Er ist "Strafanwalt bei internationalen Strafgerichten" geworden und schafft es immer wieder, die dortigen Delinquenten freizubekommen. Hier ist ein erstes Augenzwinkern zu erkennen, eine kleine selbstbezügliche Arabeske, eine kokette Wunscherfüllungsfantasie. Handke spielt ein biografisches Spiel, hinter dem er sich versteckt und in dem er sich selbst als Spielfigur auf Distanz hält.
Dem "Jugendfreund" werden all jene emphatischen Lebensäußerungen zugeschrieben, die Peter Handke immer anhand des Themas der Pilze verhandelt hat. Diese mykologisch-mythologischen Einlassungen sind durchweg betörend. Pilze kann man, von wenigen Ausnahmen in Felsenkellern oder Schummerverliesen einmal abgesehen, nicht züchten. Sie stehen für Wildnis und Widerstand, sie sind für Handke ein poetologisches Exempel. Unsichtbar, unter der Erdoberfläche, entfaltet ein weitverzweigtes Wurzelsystem ein Eigenleben, das man an der Oberfläche nur selten erahnen kann.
Es ist eine wahre Epiphanie, die er dem Jugendfreund, dem Pilznarren, zuschreibt, als dieser zum ersten Mal bewusst einen frisch erblühten, jungfräulich anmutenden Steinpilz wahrnimmt. In den dunklen Nadelwäldern der Kindheit hat es diesen Königspilz nie gegeben, er war an Pfifferlinge gewöhnt. Aber dann ist er – auch dies eine auffällige Parallele zu Handke selbst – in die Peripherie einer Metropole gezogen, wo es die "lichten Weiten" von Laubwäldern gibt, und hier prangt als Initiationserlebnis plötzlich, nur wenige Schritte vom Straßengetöse entfernt, jener Steinpilz.

Unerwartete Selbstbespiegelungen

Dies ist der Moment, in dem der Pilznarr wirklich zum Pilznarren wird und sein bürgerliches Leben zu vernachlässigen beginnt. Und es ist auch der Moment, in dem der Autor zu unerwarteten Selbstbespiegelungen und selbstironischen Bezüglichkeiten anhebt. Er wirft dem Jugendfreund vor, dass er von diesem Steinpilz nun doch zu viel hermache, aber dieser entgegnet, dass er, der Autor Handke, in seiner Wiederholung doch etwas Ähnliches geschildert habe, Anlass sei ein "höchstwahrscheinlich einfach so dahergewehtes Feigenblatt" gewesen, und da habe Handke doch auch vom "Ereignis des ersten Feigenbaums psalmodiert".
"Psalmodiert"! In diesem Wort, mit dem sich Handke selbst zu karikieren scheint, blitzt etwas Neues, ungeahnt Leichtes auf. Je älter Handke wird, desto humorvoller wird er auch. Er erfindet sich mit diesem Jugendfreund einen idealen literarischen Sparringspartner. Mal ist er näher an den autobiografischen Erfahrungen Handkes dran, mal etwas mehr davon entfernt. Lustvoll spielt Handke mit den Zuordnungen.
Handke zitiert sich in der Figur des Pilznarren selbst und macht sich über seine Obsessionen lustig, lässt ihn der Welt vollständig abhandenkommen – doch gleichzeitig beschwört er mit ihm lamellengenau jene kleinen wundersamen Offenbarungen, die es ihm immer angetan haben und die er anhand seiner listigen Doppelgängerfigur auch rauschhaft über das Ziel hinausschießen lassen kann.
Traumwandlerisch lässt er die alten Leitmotive Revue passieren: "Der erste Augenblick des Ansichtigwerdens" eines Pilzes ist wichtiger als das Pflücken und das Zubereiten, der Weg und das Gehen werden im Grunde wichtiger als das Suchen und Finden. Aber die poetischen Passagen, die so schön sind wie je, werden immer wieder auch konterkariert von kecken Nachfragen: "Er wollte mit seinem Heraufbeschwören und Geraune gar nicht mehr aufhören."
Dass er seinen Jugendfreund ins völlig Abgedrehte hineinleben lässt, um ihn am Schluss doch noch in einen humorvoll-existenziellen literarischen Kosmos aufzuheben, das wirkt wie ein Ausweis souverän erreichter Wanderjahre. Handke hat ein mildes, gelassenes Alterswerk geschrieben, entspannt und spielerisch. Es lässt sich nicht festlegen und auf wunderbare Weise alles im Offenen.
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This would seem to be Handke's second take on going mushrooming, the first being LUCIE IN THE WOODS WITH THE THINGAMAJIGS, dedicated to his second daughter, Laocadie.
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Das Andersgelbe muss ins Nebendraußen

Wie man sich so richtig im Wald verirrt: In seinem "Versuch über den Pilznarren" gründet Peter Handke ein unheimliches Staatswesen im Unterholz – und entdeckt im Steinpilz seine blaue Blume.Von 

Die Hände eines Dichters: Peter Handke beim Putzen von Pilzen, fotografiert von Lillian Birnbaum
Foto: Lillian BirnbaumDie Hände eines Dichters: Peter Handke beim Putzen von Pilzen, fotografiert von Lillian Birnbaum

Ein Kauz, ein Freak, fast eine Witzfigur

Liefert Handke eine Selbstanzeige ab, wenn er vom angeblich verschollenen Pilznarren spricht? Es wäre leicht, den Freund, der aus demselben Dorf stammt, der ebenfalls Jura studiert hat, ebenfalls ausgewandert ist, ebenfalls zum Hausbesitzer in der Vorstadt wurde und ebenfalls von der Mutter des gemeinsamen Kindes verlassen, als eingebildete Abspaltung zu behandeln, als einen Zwilling, der einen bürgerlichen Beruf ergriffen hat statt dem des Schriftstellers, der in englischen Maßschuhen durch die Wälder stapft statt in Gummistiefeln, der juristische Gerechtigkeit sucht statt poetischer – und der darüber am Ende doch auch seltsam wird, ein Kauz, ein Freak, fast eine Witzfigur.
Der Pilzsammler: das ist in den letzten Jahren ein feststehendes Epitheton geworden, das nie fehlte, wo von Handke die Rede war. Keine Homestory, bei der sich der Reporter nicht am Ende eine "nussartig schmeckende Pilzsuppe" zubereiten ließ. Man ahnt, dass es sich beim Pilzesammeln nicht einfach um nur ein Hobby handelt, das im Fragebogen einer Frauenzeitschrift neben Wandern und Gartenarbeit stehen könnte.
Doch wofür steht dann der Steinpilz, diese blaue Blume des späten Handke? Ist er ein Zeichen für spätromantische Weltflucht, für jenen endgültigen Rückzug aus der Gesellschaft, den der "Bewohner des Elfenbeinturms" immer wieder angekündigt, aber nie wahr gemacht hat?

Von Bergradfahrern und Graublättrigen Schwefelköpfen

Über die Jukebox hat Peter Handke einen "Versuch" verfasst, über Müdigkeit auch, den geglückten Tag und zuletzt über den Stillen Ort. Das alles waren Dinge, Räume, Zustände, und immer ging es darum, wie man sie sucht, in welchen Vorstadtkneipen, an viel befahrenen Straßen gelegenen Pensionen oder Nachmittagsfilmvorführungen man sie findet.
Nun handelt der letzte "Versuch" (den Handke ebenso wenig als eleganten "Essay" bezeichnen würde, wie er den "Bergradfahrer" jemals einen "Mountainbiker" nennen würde) vom Suchen selbst, konkreter noch, von der Figur des Suchers.
Es geht also um mehr als um Graublättrige Schwefelköpfe und Eichhasen und die Frage, ob sie unter Fichten oder Zirbeln gedeihen, auf Kalk, Mergel oder Schiefer am besten wachsen und ob sie der Nordwind oder der Neumond am schnellsten aus dem Boden zieht. All das sind geologische und philologische Spuren, die quer und manchmal unterirdisch durch Handkes Werk laufen, so wie sich der Karst von den Pyrenäen über die Seealpen bis auf den Balkan zieht. Der "Versuch über den Pilznarren" wirft die Frage nach der Rolle des Autors auf, der sich nur als Pilzsucher verkleidet, selbst wenn er in seiner Freizeit einer sein mag.

Ein Kontinent der Pilze

Worum geht es beim Pilzesuchen? In seiner Kindheit hat der Held, der Pfifferlinge bei der Pilzsammelstelle gegen Bargeld eintauscht, einen Albtraum: Er stößt "oben in den Bergwäldern" auf eine von keinem Sammler betretene Stelle. "Jene Stelle erwies sich dann nicht bloß als eine Stelle, vielmehr als ein ganzes Land, in seiner Vorstellung, indem das Pilzland über Stunden und Stunden sich dehnte und unerschöpflich wurde, als ein Kontinent." Das "Andersgelbe" der Pilze – Handkeaner kennen es von den "Nudelnestern" aus seiner "Winterlichen Reise" – ist, sobald es sich ausbreitet, der Horror.
Das ist das ganze Drama: Der Pilzsucher sucht, fast wie der Leser, nach "Stellen", wie sie die Massen der Spaziergänger und "Querwaldprescher" nicht wahrnehmen. Er findet seine größten Schätze im Innersten des Waldes, "im Gestrüpp dort, im Dreck, in der Asche, am finsteren Fuß eines halbtoten Baumkrümels, der Boden übersät von Revolverkugeln".

Mit hochgelegten Stiefeln

Diese ekligen Mulden sind bei Handke das, was in der Schäferdichtung die kristallklare Quelle am Hain war, und der Staranwalt macht sie zu seinem Lebensraum, vergisst seine vermutlich exjugoslawischen Mandanten und seine Familie und stellt eine Gesetzgebung auf, die nur für ihn gilt und etwa bestimmte Formen des "Suchschritts" festlegt. Der Wald wächst sich so tatsächlich zum von einem Menschen bewohnten Land aus, zum Kontinent, zum politischen Gebilde – und zugleich zum Reich der Finsternis, das am Ende sogar auf die Zivilisation übergreift, wo der Freund des Verfassers "am Fuß der Kathedralen, in den Stadien, sogar, sage und schreibe, bei Bootsfahrten auf den Flüssen, zwischen den Schienen der Untergrundbahnen, auf den vegetationslosesten Friedhöfen" Pilze entdeckt.
Ist es nun also Peter Handke, der sich da verirrt im Totholz des Nebendraußen, in einem utopischen Staatswesen der Pilze, die nur deshalb wertvoll sind, weil sie sich nicht herstellen lassen, die letzte Wildnis unserer Tage? Das Buch beantwortet die Frage anders. DerAutor vergleicht sich am Anfang mit dem Sheriff in John Fords Film "Two Rode Together", der auf der Veranda seines Büros die Stiefel hochgelegt, "müßigträumerisch wie nur James Stewart", um dann doch ins neue Abenteuer aufzubrechen.
Das Abenteuer des Verfassers ist nur der Gang zum Schreibtisch, und doch sorgt er hier, genau wie James Stewart im Western, für ein glückliches Ende. Er verkörpert das Gesetz, zumindest im Reich seiner Fantasie. Und in diesem Reich geht niemand verloren.
Peter Handke: Versuch über den Pilznarren.
Suhrkamp, Berlin. 217 S., 18,95 €.
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Die Versuchsreihe endet im Unterholz

Mit seinem "Versuch über den Pilznarren" beendet Peter Handke seine großartige Versuchsreihe.
An der Müdigkeit hat er sich versucht, an der Juxebox, am geglückten Tag und am stillen Ort. Und jetzt beendet Peter Handke seine große Versuchsreihe dort, wo er sich am liebsten aufhält: Im Wald. Im Unterholz. Immer auf der Suche nach den "Andersgelben, Andersroten und Andersgrauen". Nach den Pilzen. Nach jener symbolschweren Waldesfrucht also, die er dann daheim im Haus nahe Paris putzt, schneidet, zu einer nussigen Suppe zubereitet und diese dem Gast serviert.

Rauschen und Lispeln

"Und wieder wird es ernst!" Mit diesem Satz beginnt dieser Versuch. Bereits die ersten Wortkrümel, die der streitbare Zeremonienmeiser am Waldesboden auslegt, (ver-)führen in die falsche Richtung. Ernst- und wahrhaftig ist ihm diese "Geschichte für sich" - so der Untertitel - geraten, aber nie bleischwer ernst. Schon lange nicht mehr war Handke so humorvoll, so gelassen, versöhnlich und leichtfüßig; schon lange nicht mehr haben seine Sätze so sehr in sich und in ihrem Schöpfer geruht. Zwischen dem Rauschen, Brausen, Sausen oder auch nur dem Lispeln der Bäume tauchen da Sätze auf wie: "Je öfter das Kind in die Finsterwälder vorstieß, desto mehr wurde es empfangen von jenem Licht, noch bevor es überhaupt fündig geworden war, ja, lange bevor, und immer wieder auch, wenn in der Folge die Fundstellen sogar völlig ausblieben - von dem Licht im Moos war es dann also regelrecht genarrt worden."
Genarrt. Das Kind. Der Pilznarr. Bei Handke ist das ein "verschollener Freund", ein "Dorffreund" oder "Waldfreund". In den Nachkriegsjahren hat dieses Kind die gesammelten Pilze zur örtlichen Sammelstelle gebracht, um sich mit dem verdienten Geld Bücher zu kaufen.

Sucht und Laster

Später wurde aus dem Kind ein Anwalt, der Kriegsverbrecher verteidigt. Doch auch den Erwachsenen zieht es ins Unterholz. Dort entstehen seine Plädoyers, dort endet das Suchen mit dem Finden. Dem Finden eines fast archaischen Gewächses. Nicht domestizierbar, nicht züchtbar, nicht zivilisierbar. Das "In-die-Pilze-Gehen" wird für den Anwalt zur Sucht, zum Laster, aber auch zur letzten Gewissheit in einer Welt, die für ihn zunehmend zum psychischen Kriegsschauplatz wird. Die Frau des Anwalts geht fort, die Freunde werden zu Fremden. Nur die Pilze, die bleiben.

Freund und Autor

Geschichten, die von "einem Freund" handeln, haben - in der Literatur ebenso wie im "echten" Leben - immer etwas verschämt Kindisches an sich. Die biografischen Parallelen zwischen "dem Freund" und dem Autor sind unübersehbar. Beide studierten Rechtswissenschaften, beide wanderten aus und zogen in die Vorstadt, beide haben die Mutter verloren. Es wäre also ein Leichtes, im "Freund" Handkes Alter ego auszumachen. Aber es wäre grundfalsch. Vielmehr hat Handke einen Zwilling im Denken und Tun gleichsam von sich abgesprengt und diesen als eigenständigen und autonomen Menschen in die Wälder geschickt. In Wälder, die für Peter Handke freilich nie nur Bäume und Unterholz sind, sondern immer auch gesellschaftlicher Kosmos. Bemoost, verdunkelt, belichtet, oft unterbelichtet. "Und wieder wird es ernst." Also doch keine ganz falsche Fährte.

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Kleine Wunder im Unterholz

Das Ende einer Versuchsreihe: Peter Handkes spielerische Spiegelgeschichte über einen Narren, der gern in die Pilze geht.
In „Versuch über den Pilznarren“ stellt sich Peter Handke auch der eigenen Vergangenheit und erlaubt sich dabei sogar einen Hauch von Selbstironie.
© APAIn „Versuch über den Pilznarren“ stellt sich Peter Handke auch der eigenen Vergangenheit und erlaubt sich dabei sogar einen Hauch von Selbstironie.


Von Joachim Leitner
Innsbruck – Der Film „Cheyenne Autumn“ war John Fords Abschied vom Western-Genre. Und ein Versuch, sich bei den amerikanischen Ureinwohnern zu entschuldigen. Er habe die Indianer missbraucht, sagte Ford damals und wollte symbolisch Abbitte leisten, ihnen ein Denkmal setzen. Die „Schwarzen Falken“, die mordend durchs Monument Valley marodierten, sollten der Vergangenheit angehören. In einigen Szenen des Films ist James Stewart zu sehen. Und auch diese Momente sind von einer Ahnung des Abschieds durchsetzt. Stewart spielt den alt gewordenen Wyatt Earp. Eine mythische Figur des Westens, die sich ein letztes Mal auf den Weg macht.
Es kommt nicht von ungefähr, dass Peter Handkes neues Buch – der von ihm selbst angekündigte Schlusspunkt seiner „Versuche“ – mit einer Erinnerung an John Fords letzten Western beginnt. Zum einen – natürlich – weil Ford im Werk Handkes schon seit Jahrzehnten eine herausragende Rolle spielt (man denke nur an den „Kurzen Brief zum langen Abschied“). Zum anderen, weil Handke in seinem „Versuch über den Pilznarren“ etwas ganz Ähnliches macht, wie John Ford in „Cheyenne Autumn“: Er setzt sich der eigenen Vergangenheit aus, stellt das, was war und das, was hätte sein können, in Frage.
Der titelgebende Pilznarr, Handke führt ihn als Jugendfreund aus seinem Heimatdorf ein, erscheint als Alter Ego des Autors, ein Doppelgänger oder – genauer gesagt – eine Spiegelung. Wie Handke hat er Jura studiert. Doch der Pilznarr ist Jurist geworden. Staranwalt, sogar. Einer, der bei großen Kriegsverbrechertribunalen die Angeklagten verteidigt. Wie Handke feierte er – wohl auch im Dezember letzten Jahres – einen runden Geburtstag. Und dass Pilze im Leben und Schreiben Handkes unter anderem als Symbol für märchenhafte Verwandlungen und wundersame Epiphanien im Unterholz bedeutsam sind, hat er selbst immer wieder unterstrichen. An manchen Stellen des neuen Buches lässt Handke seinen Protagonisten mit seinem Freund, dem Schriftsteller Peter Handke, ins Gespräch kommen. Und hier geschieht das gänzlich Unerwartete: Peter Handke, der große Grenzgänger, der mürrische Eigenbrötler, der Prophet der Innerlichkeit, erlaubt sich Selbstironie. Er spielt. Nicht nur mit Versatzstücken seines bisherigen Werkes, sondern auch mit Elementen des von ihm in der Öffentlichkeit vermittelten Autorenbildes. Er solle jetzt nicht ins „Psalmodieren“ kommen, rät der Pilznarr dem ebenso pilznärrischen Dichter.
Diese selbstironische Wende im Schreiben deutet sich bereits sehr früh in diesem „Versuch über den Pilznarren“ an. Schon am Anfang, da bereitet sich der Autor noch auf das Niederschreiben dieser „Geschichte für sich“ – so der Untertitel – vor, kommt ihm der Titel eines alten Films in den Sinn. Der ist zwar nicht von John Ford, sondern von Bernardo Bertolucci, und heißt „Die Tragödie eines lächerlichen Mannes“.
Peter Handke. Versuch über den Pilznarren. Suhrkamp, 216 Seiten, 19,50 Euro.




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Handke über Pilze, Narren und das Leben

Die einen loben das neue Handke-Buch als großartig, die anderen empfinden die Sprache wie so oft als gestelzt: Der «Versuch über den Pilznarren» ist nach Verlagsangaben der Abschluss von Peter Handkes fünfteiliger «Versuchsreihe» - davor hatte er über den «Stillen Ort» sinniert.


Peter Handke hat seine «Versuchsreihe» abgeschlossen. Foto: Antonio Cotrim
Diesmal berichtet der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller, über einen Jugendfreund, der zum Geldverdienen Pilze sammelt. Aus dem Nebenjob des Jungen wird eine tiefe Leidenschaft des erwachsenen Juristen - und später eine Sucht, die dessen Beziehung zu Frau und Kind zerstört. So wie der 70-jährige Österreicher Handke mit der Sprache und den Perspektiven auf die Geschichte jongliert, so lässt sich das Buch aus verschiedenen Blickwinkeln lesen. Einer davon ist, dass der Erzähler und der Pilznarr zwei Seiten einer einzigen Person sind, und diese viel mit der Realität und mit Handkes Sicht auf das Leben zu tun hat.
Am Ende jedenfalls wird der Bericht über den Freund zum Märchen und Handke schreibt: «Das Märchenhafte, im Fall des Falles, ist das Allerwirklichste, das Notwendige.»
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Peter Handke: Versuch über den Pilznarren

Der „Versuch über den Pilznarren“ ist nach Verlagsangaben der Abschluss von Peter Handkes fünfteiliger „Versuchsreihe“. Diesmal berichtet der Ich- Erzähler, ein Schriftsteller, über einen Jugendfreund, der zum Geldverdienen Pilze sammelt.

Aus dem Nebenjob des Jungen wird eine tiefe Leidenschaft des erwachsenen Juristen und später eine Sucht, die dessen Beziehung zu Frau und Kind zerstört. So wie der 70-jährige Österreicher Handke mit der Sprache und den Perspektiven auf die Geschichte jongliert, so lässt sich das Buch aus verschiedenen Blickwinkeln lesen.
Einer davon ist, dass der Erzähler und der Pilznarr zwei Seiten einer einzigen Person sind, und diese viel mit der Realität und mit Handkes Sicht auf das Leben zu tun hat. Am Ende jedenfalls wird der Bericht über den Freund zum Märchen, und Handke schreibt: „Das Märchenhafte, im Fall des Falles, ist das Allerwirklichste, das Notwendige.“ 
Peter Handke: Versuch über den Pilznarren. Eine Geschichte für sich, Suhrkamp Verlag, 217 Seiten, 18,95 Euro

Der Buch-Tipp: Peter Handke und sein Pilznarr

Der Buch-Tipp

Peter Handke: Versuch über den Pilznarren (Suhrkamp, 217 Seiten, 18,95 Euro)
Dies ist laut Verlag der Abschluss von Peter Handkes fünfteiliger „Versuchsreihe“ – davor hatte er über den „Stillen Ort“ sinniert. Diesmal berichtet der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller, über einen Jugendfreund, der zum Geldverdienen Pilze sammelt. Aus dem Nebenjob des Jungen wird eine tiefe Leidenschaft des erwachsenen Juristen – und eine Sucht, die seine Beziehung zu Frau und Kind zerstört. So wie der 70-jährige Österreicher mit der Sprache und den Perspektiven jongliert, so lässt sich das Buch aus verschiedenen Blickwinkeln lesen. Einer davon ist, dass der Erzähler und der Pilznarr zwei Seiten einer Person sind und diese viel mit der Realität und mit Handkes Sicht auf das Leben zu tun hat. Text: dpa
  
 

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Die Welt 31.08.13

Der beste Satz



Peter Handkes fruchtbare Pilzgerichte

Die Kolumne von Joseph Wälzholz Von 















Der beste Satz aus Peter Handkes bisherigem Gesamtwerk lautet: "Ein Wortspiel pro Text ist erlaubt." Dieses Handke-Gesetz stammt aus seiner in der "Zeit" veröffentlichten Einlassung zu den laufenden Gerichtsverfahren, in die sein Verlag derzeit verwickelt ist. Nun muss man immer im Hinterkopf haben, dass Handke ja selbst Jura studiert hat. Hier spricht also einmal nicht der weltabgeschiedene Einsiedler, sondern der Kenner der Materie, der Mann vom Fach.
Auf der Homepage des Verlags wird Handke mit einer Kurzbiografie vorgestellt. Darin ist zu lesen: "Peter Handke hat sein Studium vor der letzten und abschließenden Prüfung abgebrochen." In dieser Formulierung schwingt schon ein wenig der Stolz des Revoluzzers mit, der auf eine bürgerliche Karriere pfeift, um sich allen Unwägbarkeiten der Existenz eines freien Schriftstellers hinzugeben. So ganz konnte Handke sich dann aber doch nie von seinen erlernten juristischen Denkmustern lösen. Wenn er ein Wortspiel pro Text für erlaubt erklärt, dann bricht hier wieder ganz der junge Jurastudent durch, der noch im Schlaf genau hersagen kann, was poetikrechtlich verboten und was bis zu welchem Grad legal ist.
Das Wortspiel, das Handke in seinem "Zeit"-Artikel erfunden hat und für erlaubt hält, lautet: "Und insofern ist das Furchtbare fruchtbar." In Zeiten, in denen alle Verlagshäuser an Endlektorat und Schlussredaktion sparen, ist es natürlich immer hilfreich, angezeigt zu bekommen, ob es sich in solchen Fällen um ein Wortspiel handelt oder um einen Vertipper. Als etwa der "Stern" einmal die zuerst durch den Irakkrieg bekannt, später durch "Switch Reloaded" berühmt gewordene Kriegsreporterin Antonia Rados interviewte, wurde folgender merkwürdiger Wortwechsel abgedruckt: "Antonia Rados: Es würde mich überhaupt nicht wundern, wenn ein großer Teil der Frauen in Teheran schwerst depressiv wäre. – Stern: Das klingt fruchtbar. – Antonia Rados: Für die armen Frauen ist es das auch." Fruchtbar, naja: Das war hier unschwer als einfacher Vertipper zu identifizieren beziehungsweise, wie es unter professionellen Maschinenschreibern heißt, als klassischer Drehfehler.
Es ist nicht bekannt, ob Handke vor seinem Kommentar zu den besagten Gerichtsverhandlungen etwa jene Prozessakten studiert hat, die auf der Seite www.berlin.de öffentlich einsehbar sind. Unter der Geschäftsnummer 99 0 79/11 referiert das Berliner Landgericht in seinem Urteil vom 10.12.2012 auf Seite 8 die Stellungnahme der Beklagten, wie es im Verlag vor dem Umzug nach Berlinzugegangen sei: "Das Ehepaar U[geschwärzt], Autoren und andere Gäste", steht da, "hätten zusammen in einer Gemeinschaftsküche gekocht."
Dass es die Beschreibung einschlägigen Kochverhaltens bis in ein (nicht rechtskräftiges) Gerichtsurteil schafft, darf nicht weiter verwundern. Neulich hat Michael Krüger, der scheidende Chef des Verlagshauses Hanser, in einem langen Interview mit dem "SZ-Magazin" Handke zwar nicht für seine Bücher, aber doch wenigstens für sein Essen gelobt: "Die Pilzgerichte von Peter Handke sind weltberühmt … Man darf nur nicht fragen, was drin ist." Diese unhinterfragbaren Pilzgerichte werden nun selbst Literatur. Nach dem durchschlagenden Erfolg des "Versuchs über den Stillen Ort" hat der Suhrkamp Verlag für September den angeblich letzten Essay in Handkes bekannter Versuchsreihe angekündigt: den "Versuch über den Pilznarren". In diesem Werk sind die Pilze, laut Vorschautext, "nicht nur Passion, sondern das Abenteuer an sich", vergleichbar also wohl nur noch mit dem Ding an sich.
Es ist zu hoffen, dass Handke diesen Versuch höchstselbst als Hörbuch einlesen wird. Die bisherigen (ein Wortspiel pro Text ist erlaubt!) handkeverlesenen Hörbücher – "Der kurze Brief zum langen Abschied", "Gestern unterwegs", "Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt", "Lucie im Wald mit dem Dingsda", "Die morawische Nacht" und "Don Juan" – machen Lust auf mehr.
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http://derstandard.at/1379291131070/Wieder-im-Wald-mit-den-Dingsda






 Wieder im Wald mit den Dingsda
THOMAS TRENKLER, 17. September 2013, 17:37

Der Pilznarr mit seinem Schatz: Peter Handkes Hände, fotografiert von Lillian Birnbaum im Oktober 2005 in dessen Haus in Chaville.
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foto: lillian birnbaum/müry salzmann verlag
Der Pilznarr mit seinem Schatz: Peter Handkes Hände, fotografiert von Lillian Birnbaum im Oktober 2005 in dessen Haus in Chaville.


Peter Handke erzählt in seinem "Versuch" über einen Pilznarren, wie er selber einer ist. Um den Suchtkranken zu erretten, lässt er die Geschichte als Märchen enden
Wien - Peter Handke ist natürlich ein Narr, ein Sammelnarr. Die Fotografin Lillian Birnbaum porträtierte den Schriftsteller wiederholte Male in dessen Haus in Chaville bei Versailles. Erst beiläufig, später gezielt richtete sie dabei ihr Augenmerk auf die kleinen, nach einer "geheimnisvollen Ordnung" arrangierten "Dinge" im Haus, die sich oft zu Clustern gefügt hatten, darunter - neben Bleistiftstummeln, Manuskripten und Bücherbergen - all das, was Handke aus dem Wald mitgebracht hatte: Zapfen, Schneckengehäuse, Federn, Äste, Maroni, Steine und so weiter.

 
Es entstand schließlich die Idee, den Autor und Übersetzer ausschließlich über dieses Kunterbunt zu charakterisieren: 2011 erschien bei Müry Salzmann der Band Peter Handke. Portrait des Dichters in seiner Abwesenheit. Und weil es nicht ganz ohne Humor geht, ist Handke auch nicht ganz abwesend: Auf einem der vielen stimmungsvollen Fotos sieht man dessen Hände beim Putzen und Schneiden von Pilzen.

Als Einleitung steuerte Peter Hamm einen Versuch über das Haus des Dichters bei, in das Handke 1990 gezogen war. Das erste Buch, das dieser in Chaville schrieb, sei, so Hamm, "der dritte und letzte der Versuche" gewesen, der Versuch über den geglückten Tag. Doch da irrte Hamm: Völlig überraschend brachte Handke vor einem Jahr seinen amüsanten Versuch über den Stillen Ort heraus. Und nun erweitert er die Versuchsreihe mit dem Versuch über den Pilznarren noch einmal. Diesmal aber verzichtet Peter Handke darauf, ein bestimmtes Thema (wie die Jukebox oder die Müdigkeit) zu umkreisen: Der neue Versuch ist eine leichtfüßige Erzählung, "eine Geschichte für sich".

Man könnte meinen, dass Handke sich selbst, wie ja so oft, zum Gegenstand der Betrachtung macht. In Birnbaum Fotos entdeckt man mehrfach gesammelte Pilze - und Bücher über Pilze, auf die Handke in seinem Versuch auch eingeht. Doch den Pilznarren, um des es hier geht, nennt der Ich-Erzähler einen Freund. Man könnte ihn auch als möglichen Gegenentwurf bezeichnen - oder als die andere Seite der Medaille. Der eine verschlingt in der Jugend Literatur, der andere Sachbücher. Beide studieren Jus, doch aus dem einen, dem Erzähler, ist "nie ein zünftiger Jurist geworden", während der andere als "Staranwalt" Kriegsverbrecher beim Internationalen Gericht verteidigt.

König der Fußvolkscharen

Der Freund sammelt zunächst, in der Kärntner Kindheit, Eierschwammerln - ein Wort, das Handke nie gebraucht, er spricht nur von den "Gelben", von den "Gelblingen" und den "Pilzen des heiligen Johannes". Damals war der Freund aber noch kein Narr: Er sammelte nur, um etwas Geld zu verdienen. Das einschneidende Erlebnis folgte erst Jahrzehnte später, als der Freund seinen ersten Steinpilz, den "König der Fußvolkscharen", fand. Von da an zog es ihn immer öfter "in die Pilze".

Handke nennt diese Schatzsuche das "letzte Abenteuer": Die Wildnis gebe es längst nicht mehr, auch nicht in Alaska. Aber die Pilze seien "die einzigen Gewächse auf Erden", welche sich nicht züchten und nicht zivilisieren ließen. Handke greift erneut das Motiv seiner wegweisenden Erzählung Langsame Heimkehr aus 1979 auf: Zu eben dieser Heimkehr entschloss sich der Erdforscher Valentin Sorger - in Alaska.

Der Anwalt wird zum "Pilzforscher", dem die Idee eines Pilzbuchs kommt. Doch dann folgt, wie so oft bei Handke, das Scheitern: Der Pilznarr verwandelt sich in einen Fundamentalisten und Suchtkranken, der von Frau und Kind verlassen wird. In diesen Passagen entdeckt man durchaus Parallelen zu Lucie im Wald mit den Dingsda. Dieses Märchen über einen Pilznarren und seine Tochter veröffentlichte Handke 1999. Als Märchen, richtig berührendes Märchen, endet auch der geglückte Versuch über den Pilznarren. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 18.9.2013)

Peter Handke
Versuch über den Pilznarren
Eine Geschichte für sich
Suhrkamp 2013
218 Seiten, 19,50 Euro

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2 comments:

  1. Just read the first 28 pages -- thanks for the link -- and find this fascinating. The third person works for me, although all the while I suppose it is Peter's own story, remembered from all these decades later. I like it.

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  2. It is not that difficult to write about oneself in the third person, as you know from my "Gabriel Orloff" saga! Handke - of course, of course! - will shy away from the psychological, not that he is as unpsychological writers as which he comes on at times, vide his self-knowledge in NO-MAN'S BAY of what his Oedipal relationship might have been like if he had had this wished for son.

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