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Tuesday, October 30, 2012

TEXT EXERPTS FROM MORAVIAN NIGHTS - GERMAN + ENGLISH

Die morawische Nacht von Peter Handke

LESEPROBE

1
Jedes Land hat sein Samarkand und sein Numancia. In jener Nacht lagen die beiden Stätten hier bei uns, hier an der Morawa. Numancia, im iberischen Hochland, war einst die letzte Flucht- und Trutzburg gegen das Römerreich gewesen; Samarkand, was auch immer der Ort in der Historie darstellte, wurde und ist sagenhaft; wird, jenseits der Geschichte, sagenhaft sein. Die Stelle der Fluchtburg nahm an der Morawa ein Boot ein, ein dem Anschein nach eher kleines, das sich »Hotel« nannte, in erster Linie aber, seit geraumer Zeit schon, dem Autor, dem ehemaligen Autor, als Wohnung diente. Die Aufschrift HOTEL war bloße Tarnung: Wer für die Nacht nach einem Zimmer, einer Kabine fragte, der wurde in der Regel mit einem »Ausgebucht« beschieden. Die Nachfrage blieb freilich nahe null, und nicht nur, weil das Boot jeweils an einer Flußstelle ankerte, zu der es keine rechten Zufahrtswege gab. Wenn einmal sich einer bis dahin durchschlug, dann höchstens angezogen von dem Namen des »Hotels«, der weithin durch die Finsternis der Flußauen leuchtete: MORAWISCHE NACHT.
Das Boot war nicht verankert, sondern bloß so an Bäumen oder Strommasten vertäut, und zwar derart, daß die Taue leicht und schnell zu lösen waren – eben zur Flucht, oder auch nur zum Mir-nichts-dir-nichtsWeiterfahren oder Wenden, flußauf oder flußab. (Die Morawa war zu jener Zeit, nach vielen Jahren nicht allein kriegsbedingter Versandung und Verschlammung, dank einer selbst die Grenzen unseres zur Kümmerecke Europas verkrachten Landes überschreitenden und – fast – allesheilenden Wirtschaft, auf große Strecken, bis hin in die Quellgebiete der Südlichen und der Westlichen Morawa in Maßen wieder schiffbar geworden.)
In der Nacht, da wir auf das Boot gerufen wurden, hielt dieses zwischen dem Dorf Porodin und der Stadt Velika Plana. Velika Plana liegt zwar näher am Fluß. Aber der Ruf kam vom Porodiner Ufer, von einer Stelle weitab von der die beiden Orte verbindenden Brücke, und so zickzackten wir, ein jeder für sich, aus dem Dorf, kreuz und quer, jetzt nach links, jetzt nach rechts abbiegend, tungwechselnden Ackerwege. Da wir uns alle gerade in Porodin oder in den Nachbardörfern aufhielten, verstreut in den Gehöften, fanden wir, des früheren Autors Freunde, Gefährten, ferne Nachbarn, Mitspieler – und jeder einzelne, für jeweils eine Etappe, sein Reisebegleiter –, uns bald zu einer Art Kolonne zusammen, in Autos, auf Fahrrädern, auf Traktoren, und der eine und der andere zu Fuß, womit er querfeldein ebenso schnell vorankam wie die Fahrenden auf den holprigen, immer wieder vom Ziel weg in ein Nirgendwo führenden und dort endenden Wegen. Freilich hatten auch die Fußgänger, obwohl es zur Leuchtschrift MORAWISCHE NACHT ein bloßer Katzensprung schien, da und dort vor einem unversehens tiefeingeschnittenen Kanal jäh abzubiegen und in der Folge, vor einer undurchdringlichen Wildhecke, gleich ein zweites Mal.
Warum hatte unser Bootsmann gerade die Gegend von Porodin zu seinem Wohnort gemacht? Wir konnten nur rätseln: Die einen meinten, das komme von der balkanweit verbreiteten Geschichte zwischen den Kriegen – es war da immer, wenn nicht Krieg, so »zwischen den Kriegen« gewesen –, wonach in dem Gemeindegebiet ein Hausierer mischen ermordet wurde, worauf das ganze Dorf dafür an jedem Jahrestag Sühne leistete. Andere glaubten, er sei umgesiedelt eher der Morawa wegen, um auf den Fluß zu schauen, vor allem auf dessen schimmernde Biegungen, die eine flußauf, die nächste gleich flußab. Und wieder andere mutmaßten, es seien vordringlich die vielen Scheidewege und Kreuzungen in dem großen Dorf gewesen, wo er auf der Terrasse einer der balkanischen Eckbars einfach so dasitzen wollte, in der Ferne die himmelan weidenden Schafe und vor sich den erztrüben Wein.
Es war noch lang vor Mitternacht. Wir hatten uns, wie auf Verabredung, besonders früh zu Bett gelegt und, als der Ruf kam, schon fest geschlafen. Trotzdem waren wir dann auf der Stelle hellwach. Kein Moment einer Schlaftrunkenheit oder Taumeligkeit. Geweckt worden waren wir auf verschiedene Weisen, vor allem durch das Mobiltelefon. Aber es gab auch ein oder zwei, bei denen ein Bote an das Hoftor geklopft oder einen Kieselstein gegen das Fenster geworfen hatte – ein einziges kleines Klopfen und ein einzelnes Steinchen genügten. Und einer, aufschließend zu der Kolonne, erzählte dann, er sei auf seinem Bett in dem Schlaf geschreckt worden von einem wie gebieterischen Angeblinktwerden durch die Leuchtschrift fern in den Morawa-Auen, so wie der nächste der Aufschließenden angab, aufgeschreckt zu sein durch ein Signal, das eher von einem Schiff zu kommen schien als von einem Hausboot. Aufgeschreckt? Vielleicht. Aber das war kein gewöhnlicher Schrecken gewesen. Und so oder so war das Wecken ohne Worte vor sich gegangen. Und so oder so: Jeder von uns fühlte sich von dem Rufen hinten am Schopf gepackt, so unsanft wie sanft. Die Telefone hatten nur kurz angeläutet. Und bei dem einen von uns, der, geistesgegenwärtig wie eben allein aus einem gewissen Schlaf heraus, sich schon einen Sekundenbruchteil vorher meldete, kam dann nichts als ein Lachen an, ein sehr kurzes, kaum wahrnehmbares, an der Schwelle zwischen Tiefschlaf und Hellwach, dafür umso klareres, und das hieß, ohne Worte: »Auf!« Melodisch war das Lachen, und es war nicht das Lachen unseres Freundes vom Boot, sondern eindeutig das einer Frau; was den so aus dem Schlaf Gerufenen freilich keineswegs verwunderte. Nichts wunderte ihn in jenem Augenblick und nichts auch dann noch auf dem Weg über die Felder und das gespielten neuen Ökonomie, die Brache um sich – hin zur MORAWISCHEN NACHT. Rein gar nichts wunderte uns alle in dem Moment des Aufwachens lang vor Mitternacht. Und ebenso in der Folgestunde, beim Holpern und Stolpern über Stock und Stein: kein Moment einer Verwunderung. Die Empfindung, die vorherrschte: die einer großen Frische, welche, wie von der Nachtluft draußen, so auch von tief innen her kam; einer umfassenden Frische.


© Suhrkamp Verlag







ENGLISH LANGUAGE REVIEWS OF MORAVIAN NIGHTS

Note that the title refers to the river Morava and not to Moravia in the Czech Republic. Handke uses a Germanised form of the Czech word, rather the usual German word, March. The Moravan Night is a houseboat. It used to be a floating hotel but has been converted for use as a personal houseboat of the author or, rather, as the narrator quickly points out, the ex-author (he has not written for ten years) who is the focus of this novel and who may or may not be, at least in part, based on Handke himself. At the beginning of the book, a group of people - friends, associates, like much in this book it is not entirely clear - come to the boat, which is moored on the Morava river (though we do not know exactly where or, indeed, in what country). They are sat at individual tables. As well as the ex-author, there is a woman there. Who is she? We do not know. We learn from him some of his life, in particular how he had to flee from a woman who was out to kill him (we will learn about her later) But we also learn of strange journeys he made.
The first journey is a strange one through an enclave (he uses the term in German) which may or may not be Kosovo. All we know is that they goes through Porodin. They are a group of a people on a bus (an old bus, with Cyrillic writing on the side). The ex-author (we never learn his name, he is known only as the ex-author) generally keeps himself to himself and so do the others but there are occasional interactions, such as we when they all start asking him awkward questions or when the driver criticises the people of small ethnic groups struggling for their independence, and not just the ones in former Yugoslavia. The road takes them through ruined towns though some are still inhabited and occasionally they are greeted by the inhabitants or followed by the police. They even see tanks. But they also see buildings destroyed, waste all over the place and dead animals. Some villages are completely uninhabited. Both the descriptions of the landscape and the reactions and thoughts of the ex-author and some of the passengers are haunting and masterly told, as only Handke can.
But we also follow his other, earlier travels. He spends time on an island in the Adriatic, which he calls Cordura (named after the film They Came to Cordura), though that is not its real name. Here he lives a life of isolation, mixing only with the fishermen. He goes to Spain, starting with Numancia, where he attends a conference on noise and meets the poet Juan Lagunas, who tells him that we no longer have an association with a place any more and that this is something irretrievably lost. He travels around, particularly in Galicia, seeing places, meeting people and going to football matches. It could be boring with a lesser writer but Handke keeps our interest going at all times. He then goes to Germany, specifically to a small town in the Harz mountains where his father had lived. He had barely known his father and wanted to discover his roots but his visit did not help. The (naturally unnamed) town did not seem German to him but could have been any where. This may partially have been because it was near the East German border but also because he felt more Balkan than German. He looks for his father's grave in the cemetery but it is not there. When he inquires at a nearby flower shop he learns that graves for which the upkeep had not been paid were dug up, to allow space for the recently died. He remembers only his father's death, suddenly keeling over and telling his wife, Lina, that he was dying. The narrator points out that this is the only German name he mentions during his story.
This points to one of the key themes of this work. Later in the novel, the ex-author narrator will comment on this issue of belonging, of place as well as talking about the land and languages and cultures. This is now all confused, citing the example of an Asian and Turkish immigrant talking to one another in a strong Austrian dialect. We are part of this whole - our language, our land, our culture - but we are individuals as well and this has also taken a terrible blow in the post-Yugoslavia conflict. There is a telling image of the narrator ex-author going to a conference and visiting a cemetery called the Cemetery of the Nameless, a cemetery where unknown corpses and the corpses of suicides were buried. There is even a gravestone which reads simply Nameless. Never to be Forgotten. (It reminds us, of course, of the father's grave which has now gone.) It is ironic, of course, but also, for Handke, deeply sad that these people have been forgotten. But, in the end the Porodin Enclave is no longer an enclave and Porodin is now Porodin and no longer Породин.
This book, unfortunately, is not available in English (nor, as far as I can see, in any other language). Handke is one of the most important authors writing tody, even if you find his views on Serbia somewhat disturbing. Yet, of the eighteen books published by him since 2000, only two are available in English. Yes, some of his works are long (this one is 560 pages but still much shorter than Der Bildverlust (Crossing the Sierra de Gredos)) and yes, he is very prolific but more, much more of his work should be available in English, including this one.

Monday, October 8, 2012

Versuch über den Stillen Ort Reviews and Comments

 http://handkeonline.onb.ac.at/search/node/Versuch%20%C3%BCber%20den%20Stillen%20Ort/
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http://cafe-deutschland.blogspot.com/2016/04/peter-handke-verschwindet.html?showComment=1461782071056#c208891833893718430
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  1. VERSUCH ÜBER DEN STILLEN ORT QUELLENLAGE

    ... Typoskripte oder Druckfahnen) zu Peter Handkes Versuch über den Stillen Ort sind auf verschiedene private Archive verteilt und ...
  2. VERSUCH ÜBER DEN STILLEN ORT

    Erscheinungsort:  Berlin Verlag:  Suhrk…
  3. VERSUCH ÜBER DIE MÜDIGKEIT ENTSTEHUNGSKONTEXT

    ... Peter Handkes philosophisch-essayistische Erzählung Versuch über die Müdigkeit entstand 1989, während  seiner im November 1987 ...
  4. VERSUCH ÜBER DIE JUKEBOX - NOTIZBLOCK, 1989

    ... Notizbuch hat Peter Handke während seiner Schreibarbeit an "Versuch über die Müdigkeit" geschrieben, man findet darin viele Notizen dazu und ...
  5. VERSUCH ÜBER DIE MÜDIGKEIT - NOTIZBLOCK, 1989

    ... Notizbuch hat Peter Handke während seiner Schreibarbeit an "Versuch über die Müdigkeit" geschrieben, man findet darin viele Notizen dazu und ...



also see Scott Abbott's piece on the book at
http://goaliesanxiety.blogspot.com/2012/10/essay-on-still-outhouse-peter-handkes.html

and

http://herrmanns.wordpress.com/2012/10/30/das-stille-ortchen/



"http://oe1.orf.at/artikel/319453 
""Es war, als bestehe der kleine Raum aus nichts sonst als Düsternis, einer ebenso klaren wie stofflichen. Es war diese klare schimmernde Düsternis, die mich schon seit jeher im Innersten aufgerührt hatte; aufgerührt, etwas zu unternehmen. Was? Nichts Bestimmtes oder Gezieltes, einfach tätig zu werden, aufzubrechen werweißwohin, werweißwieweit, oder an Ort und Stelle zu bleiben und stante pede etwas zu machen. Was? Etwas Schönes; etwas Erstaunliches; etwas, das zu der Stofflichkeit wie auch Innigkeit solchen Düsterlichts 
die Entsprechung wäre."

"Es war, als bestehe der kleine Raum aus nichts sonst als Düsternis, einer ebenso klaren wie stofflichen. Es war diese klare schimmernde Düsternis, die mich schon seit jeher im Innersten aufgerührt hatte; aufgerührt, etwas zu unternehmen. Was? Nichts Bestimmtes oder Gezieltes, einfach tätig zu werden, aufzubrechen werweißwohin, werweißwieweit, oder an Ort und Stelle zu bleiben und stante pede etwas zu machen. Was? Etwas Schönes; etwas Erstaunliches; etwas, das zu der Stofflichkeit wie auch Innigkeit solchen Düsterlichts die Entsprechung wäre.
Für die Recherche zu seinem Buch hat Handke Bildbände über die Toiletten der Welt durchgeblättert und dort Abbildungen gefunden von den Klos in den Todeszellen und von Astronautenaborten in Raumstationen und Raketen. Daneben erzählt er auch von einer Toilettenanlage auf Neuseeland, in "tausendundeiner Farbe" und ohne rechten Winkel, dem letzten Entwurf von Friedensreich Hundertwasser.

Die mittlerweile vier Versuche Handkes bieten derart aber nicht nur Fundstücke, sondern lassen sich auch als Teil eines autobiografischen Projekts verstehen, denn der Schriftsteller erzählt hier mit schonungsloser Offenheit, was ihm diese Phänomene, Gegenstände und Orte bedeuten, und wie er, manchmal aus der Bahn geworfen, mit ihrer Hilfe wieder ins Leben zurückgefunden hat.

Das Sehen im Gehen
Genauso gehört es zum Programm, dass Handke den Akt des Schreibens selbst mit einfließen lässt und so erfährt der Leser, dass der "Versuch über den Stillen Ort" in einem kleinen Dorf nordwestlich von Paris entstanden ist in nur zwei Wochen im Dezember 2011.

Unterbrochen hat er sein Schreiben nur für ausgedehnte Spaziergänge, die aber für den Rhythmus des Buches sorgen. Einen Rhythmus des Sehens im Gehen, der Handkes Schreiben und auch seinen "Versuch über den Stillen Ort" so einzigartig macht in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

08.10.2012


KLAPPENTEXT

1989 veröffentlichte Peter Handke den Versuch über die Müdigkeit, ein Jahr danach folgte der Versuch über die Jukebox. Den vorläufigen Abschluß dieser erzählerischen Umkreisungen des Alltags bildete der Versuch über den geglückten Tag. Zwanzig Jahre später legt er einen neuen Versuch vor: Versuch über den Stillen Ort. "Lang lang ist es her, daß ich einen Roman des englischen Schriftstellers A.J. - Archibald Joseph , wenn ich mich nicht irre - Cronin gelesen habe, in einer deutschen Übersetzung, mit dem Titel 'Die Sterne blicken herab'. Es war ein ziemlich dickes Buch, aber es liegt nicht an dem Autor und seiner Geschichte, die mich damals mitgenommen und begeistert hat, daß ich mich an kaum welche Einzelheiten erinnern kann. Was mir von dem Roman geblieben ist, neben den Sternen, die fortwährend herabblicken: Eine englische Bergwerksgegend und die Chronik einer darbenden Bergleutefamilie, abwechselnd mit jener von betuchten Besitzern (wiederum: wenn ich mich nicht irre). Viel später, angesichts des Films 'Wie grün war mein Tal', von John Ford, gaukelten, im guten Sinn, die Bilder der Gesichter und Landschaften mir vor, daß es sich da, obwohl ich's doch besser wußte, nicht etwa um eine Verfilmung von Richard Llewellyns 'How Green My Valley was', vielmehr von Cronins 'The Stars Are Looking Down' handelte. Dabei habe ich doch von dem Epos der herabblickenden Sterne eine einzige Einzelheit behalten. Aber diese geht mir bis zum heutigen Tag nach, und sie ist es auch, welche den Ausgangspunkt für mein nun fast schon lebenslanges Umkreisen und Einkreisen des Stillen Orts und der stillen Orte bildet, und mit der jetzt hier dementsprechend der Anfang des Versuchs darüber gemacht werden soll." (Peter Handke)
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Die Kunst des Beginnens und immer wieder Neu-Beginnens ist vielleicht seine größte Kunst. Auch jetzt wieder, beim Lesen von Peter Handkes bisher letztem Buch, dem „Versuch über den Stillen Ort“, hat man das Gefühl, dass es wieder so leicht und neu anfängt, wie ein allererstes Werk. Obwohl er mit so tiefem Greisenatem anhebt, dass man beim einleitenden „Lang lang ist es her“ schon an den Beginn von Thomas Manns „Joseph“-Romanen denken kann, kommt doch schon in der dritten Zeile ein schlenkernd selbstbezweifelndes „wenn ich mich nicht irre“ dazwischen, und das neue Erzählen beginnt.
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/peter-handke-eine-frage-des-lichts-11978668-b1.html


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http://www.tip-berlin.de/kultur-und-freizeit-lesungen-und-buecher/peter-handke-versuch-uber-den-stillen-ort

Peter Handke: "Versuch über den Stillen Ort"  



Es gibt Schriftsteller, die produzieren einen Haufen Scheiße. Peter Handke gehört nicht zu ihnen. Der kann selbst über seine Erfahrungen auf der Toilette schreiben und es kommt große Literatur heraus. Im Ernst! Sein neues Buch heißt „Versuch über den Stillen Ort“ und gemeint ist wirklich: das Klo. Schon als Kind sei es ihm zu einem „Asylort“ geworden, der Gang auf den Stillen Ort zu einem „antisozialen Akt“.Noch heute entziehe er sich so den Menschen. „Einsilbig geworden durch die Worte wie Wörter der andern“, wie er schreibt. „Von ihnen zum Schweigen gebracht – angeödet – verödet.“ Sozusagen als „Ausdruck, wenn nicht von Gesellschaftsflucht, so doch von Gesellschaftswiderwillen, von Geselligkeitsüberdruss“. Herrlich! Seit Handke 1966 mit seinen „Publikumsbeschimpfungen“ die Bühne betrat und wenig später den gestandenen Autoren der Gruppe 47 „Beschreibungsimpotenz“ vorwarf, setzt dieser Mann seine Wut in Kunst um. Gerade ist er 70 geworden, doch sein Menschenverdruss ist ungebrochen.

Monomanisch spürt er persönlichen Beschädigungen nach. Von einem Zitat des schottischen Autors Archibald Joseph Cronin („Die Sterne blicken herab“) ausgehend, erzählt Handke vom stillen Örtchen seines Großvaters in Kärnten, auf dem das Klopapier aus slowenischen Zeitungen bestand. Wie er sich als Junge am ersten Tag im Internat in die Hosen machte und auf eine abgelegene Toilette rettete. Oder wie er Jahre darauf „in einer Art Halbkreis um die ­Klosettmuschel geringelt“ die Nacht auf dem Bahnhof von Spittal an der Drau verbrachte, nachdem er mit Seesack von Daheim losmarschiert war. 
Das Buch knüpft an die „Versuchsreihe“ der Jahre 1989 bis 1991 an („Versuch über die Müdigkeit“, „Versuch über die Jukebox“ und „Versuch über den geglückten Tag“), und der Österreicher beweist darin mehr Ironie denn je. Natürlich geht es nicht nur ums Klo. Es geht wie immer bei Handke um alles: den Ernst des Lebens, um existentielle Erfahrungen, das Wiederfinden der Sprache und ums Schreiben. Erst sehr viel später, so wischt Handke in einem Satz wie nebenbei hin, sei ihm auch das Lesen zu einem stillen Ort geworden.    

Text: Welf Grombacher
tip-Bewertung: Lesenswert

Peter Handke: „Versuch über den Stillen Ort“
Suhrkamp, 110 Seiten, 17,95€


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Zuwortkommen auf dem Abort

Peter Handke versucht sich an den stillen Örtchen

Von Juan S. GuseRSS-Newsfeed neuer Artikel
              von Juan S. Guse

 Besprochene Bücher / Literaturhinweise
„Seit dem Morgen in der Tempelgartentoilette von Nara [Japan] – über zwanzig Jahre ist das nun her – begleitet mich der Stille Ort, über das Ding und den Platz hinaus, als Idee. Mit anderen Worten: Er ist seitdem ein Vorwurf, oder ins Altgriechische zurückübersetzt, ein Problem, ein reizvolles – in seiner ersten Bedeutung ein ‚Vorgebirge‘, etwas zu Umfahrendes, zu Umkurvendes, wobei das Schiff, der das Boot, oder der Nachen in diesem Fall die Sprache ist, die des umkreisenden oder umreißenden Erzählens.“
Nach seinen „Versuchen über die Müdigkeit“ (1989), über die „Jukebox“ (1990) und „[Ü]ber den geglückten Tag“ (1991) greift Peter Handke nach über zwanzig Jahren auf das Format des Essays mit stark autobiografischen Zügen zurück. Dabei geht es weniger um das Rekapitulieren sinnlicher als vielmehr kognitiver und poetischer Erfahrungen und die Auseinandersetzung mit der Eindringlichkeit der Stille auf dem Abort; diesem „leicht zu übersehen[den]“ Unort. Das Anliegen des „Versuchs“ ist daher nicht eine Kulturgeschichte des Aborts zu zeichnen, sondern Handkes Verhältnis zum stillen Ort neugierig zu artikulieren. Im Zuge seiner Recherchen, erzählt Handke, hätten nämlich gerade „die historischen, völkerkundlichen, soziologischen Lektüren“ seine Spur eher „zu verwischen gedroht“. Entsprechend frei ist der Text erzählt – immer wieder durch gedankliche Einschübe zersetzt –, ohne einen wie auch immer gearteten wissenschaftlichen Anspruch. Im Gegenteil. Da Handke aus seinen Erinnerungen schöpft, wird der Text gelegentlich sogar szenisch. Als er sich beispielsweise eines Tages alleine auf der Toilette der Fakultät Gesicht und Haare wäscht, kommt unverhofft ein Professor, mit dem er im argen Zwist liegt, durch die Tür herein. „Kein Wort fiel, kein Blick wurde gewechselt.“ Unversehens beginnt der Dozent sich ebenfalls das Gesicht zu waschen, kämmt sich und bindet sich die Krawatte neu, sogar die Nasenhaare trimmt er sich, alles in Anwesenheit des klatschnassen Handkes und in vollkommenere Stille. Es sind Szenen, die sich nur schwer einordnen lassen, die aber vor allem das Faszinosum des Aborts verdeutlichen können. Als Ort der Diskretion, als Ort des Schweigens.
Anhand der verschiedenen Episoden seines Lebens schildert Handke, wie er eine regelrechte Kultur des Rückzugs zum stillen Ort entwickelte und was dies für Folgen auf sein Denken und nicht zuletzt seine Literatur hatte. Das ist das Wunderbare an diesem Buch. Nämlich die Bewegung, welche Handke über einhundert Seiten hinweg skizziert: vom Rückzug in die Stille und wie sich aus der Stille Sprache generiert und aus der Sprache letztlich Literatur.
Handkes besondere Beziehung zum stillen Ort beginnt bereits während der Schulzeit. Da seine Altersgenossen ihn langweilen und ihm die Teilnahme am Gespräch reizlos scheint, flüchtet er sich in die Abgelegenheit; ein Habitus, den er bis heute kultiviert. Seine ersten Rückzüge auf den Abort seien also in erster Linie ein „antisozialer“ Akt gewesen, eine Fluchtbewegung. Dabei bleibt es jedoch nicht. Aus dieser sozialen Abkehr, so rekapituliert Handke, speiste sich innerhalb des stillen Raumes eine kontemplative Intelligenz. Denn der stille Ort sei keine reine Isolation für Handke gewesen, sondern eher eine Filterung der Außenwelt auf das Akustische.
„Fast jedes Mal – nicht immer – wurden dort an den fernen Stillen Orten der Lärm, das Gelächter, das Stimmengewirr, wie das durch die Mauern, Wände und Türen herüberdrang, zu etwas nicht gerade Klangvollem, so doch in den Ohren mich Anheimelndem und es zog mich […] zu dem Lärmen, dem Krach, dem, gebe Gott, unendlichen Getöse der Räume zurück.“ Die gewonnene Stille gebärt Raum für das Sinnieren: „Dennoch bin ich an den Stillen Orten […] immer neu ins Anschauen, Betrachten, und zu guter Letzt Sinnieren, Fantasieren und Imaginieren gekommen.“
Ein Ort also auch des freien Bewusstseinsstrom, den das Textgewebe selbst in sich verkörpert. Was folgt ist das Zuwortkommen, vom Stummsein „zur Wiederkehr der Sprache und des Sprechens“, denn kaum „verschwunden im Stillen Ort: Die Sprache. Und Wörterquelle springt frisch aus, frischer vielleicht denn je zuvor“.
Das letzte Glied dieser kognitiven Kette ist das Entstehen von Literatur. So sei eine bestimmt Bahnhofstoilette in seinem Leben die unmittelbare Vorlage, die Keimzelle für seine ersten literarischen Stoffe (unter anderem die Erzählung „Die Wiederholung“) geworden. Sowohl motivisch, als auch figürlich. „Jahre später erst kam der Moment, da ich, nicht mündlich, vielmehr im Aufschreiben, jene Nacht teilweise weitererzählen konnte, verwandelt, eine Verwandlung, die nicht gedacht war, sondern wie von selbst geschah, eben im Aufschreiben.“
Handke will mit diesem Büchlein keine Theorie für irgendjemanden anders als sich selbst niederschreiben. Seine Befunde betreffen in erster Linie ihn, wenn andere eigene Gedankengänge darin ausmachen können, dann ist dies eher eine zufällige Folge. Und so gilt etwas Ähnliches wie das, was Wittgenstein im Vorwort des Tractatus so treffend beschrieben hat: „Dieses Buch wird vielleicht nur der verstehen, der die Gedanken, die darin ausgedrückt sind – oder doch ähnliche Gedanken – schon selbst einmal gedacht hat. – Es ist also kein Lehrbuch. – Sein Zweck wäre erreicht, wenn es einem, der es mit Verständnis liest, Vergnügen bereitete.“
Der Leser, der jedoch noch kein Verhältnis zu Handkes Arbeiten hat, wird sich womöglich die Frage stellen, was das soll. Denn ist doch bemerkenswert, dass Handke bei Suhrkamp anklopfen und sagen kann: „Ich habe hier auf einhundert Seiten über die Toiletten meines Lebens nachgedacht, schaut doch mal.“ Beneidenswert. Für eingesessene Handke-Leser oder Leser mit Zugang zum Gedankenmaterial hingegen könnte es nichts Geringeres als ein Einblick in Handkes sprachliches Selbstverständnis und seine Textgenese sein. Eine Frage also eher von Ernst und Unernst, von Dichte und Distanz als von gut oder schlecht.

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Nachdenken über den „Stillen Ort“

http://www.cicero.de/salon/nachdenken-ueber-den-stillen-ort/52789

Zu seinem Geburtstag verleiht Peter Handke dem Klosett eine poetische Aura.
Seite 1 von 4
Am 6. Dezember wird Peter Handke siebzig Jahre alt. Aber wirkte er denn eigentlich nicht immer schon so alt, wie er heute ist? Oder, richtiger: Wirkte er in den letzten vierzig Jahren nicht eigentlich immer gleich jung? Seit 1972 nämlich, dem Jahr, in dem kurz nacheinander die beiden Romane „Der kurze Brief zum langen Abschied“ und „Wunschloses Unglück“ erschienen waren? Zwei im Grunde sehr private Texte, deren sprachliche Intensität und nicht-private Perspektive hunderttausende Leser denken ließen, gerade diese Bücher hätten ihnen, ganz persönlich, etwas Wichtiges zu sagen.
Die Theater-Aufregung um Handkes Stück „Publikumsbeschimpfung” und das öffentliche Spektakeln des Jung-Genies jedenfalls waren vorbei, die 1966 mit einer überraschenden Schock-Aktion auf der Tagung der Gruppe 47 in Princeton eingesetzt hatten: Der deutschen Literatur-Elite hatte Peter Handke dort „Beschreibungsimpotenz“, der Kritiker- Elite wiederum die himmelschreiende Unfähigkeit vorgehalten, diese zu erkennen. Von da an war Handke ein Name in der literarischen Szene gewesen, ohne noch je ein Buch veröffentlicht zu haben. Die landesweiten Aufführungen der „Publikumsbeschimpfung” (1966) hatten das Bild vom krawallfreudigen und arroganten Pop-Jüngling dann nur bestätigt. Die sprachvertüftelten und leicht angestrengten Romane „Die Hornissen“ (1966) und „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (1970) standen diesem Image zwar entgegen, setzten ihre Leser aber auf andere Weise in Ängste: Sollte künftig so geschrieben werden? Keine Erzählungen mehr also, die ihre Leser im Innersten anrührten?
Solche Befürchtungen schienen seit dem Doppelerfolg von 1972 dann, wiederum überraschend, gegenstandslos. Peter Handke wandte sich in seiner literarischen Arbeit nach innen – der Titel des 1969 erschienenen Gedichtbands „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ hatte bereits programmatisch angezeigt, wohin die literarische Reise gehen sollte. In der innenweltlichen Ansicht der Außenwelt schien er auch selbst dann noch zu verharren, als in den neunziger Jahren sein Kreuzzug für die der Kriegserklärung, Brandschatzung, Massenvergewaltigung und des versuchten Völkermords in seinen Augen zu Unrecht beschuldigte ex‑jugoslawische Republik Serbien begann: Alles, was Handke zu diesem Themenkomplex schrieb, wurde aus der Innen- Perspektive seines persönlichen Wahrnehmungskosmos gesehen, aus dem Blickwinkel eines Sensualisten, der Wirklichkeit beschreiben kann wie sonst niemand in deutscher Sprache – der diese stupende Fähigkeit nun aber (plötzlich, nach dreißig Jahren, doch wieder ein literarischer Wutbürger) auf die ehemals jugoslawische Welt anwandte. Die „andersgelben Nudeln“, an deren Anblick er sich auf einem serbischen Markt nicht hatte sattsehen können, während es ihm andererseits nicht gelang, in der Region um Srebrenica auch nur einen einzigen Zeugen zu finden, der die Leichen nach dem versuchten Genozid hätte den Fluss hinabtreiben sehen (also gab es womöglich gar keine Leichen?) – diese „andersgelben Nudeln“ wurden zum teils spöttischen, teils hasserfüllten, teils aber auch schwärmerischen Catch Cry der verschiedenen Fraktionen unter den Handke-Lesern.



VON FRAUKE MEYER-GOSAU
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Dabei zeigt das Gespräch mit Heinz Ludwig Arnold aus dem Jahr 1975 (siehe S. 15), dass das frühe literarische Selbstverständnis Peter Handkes in seinen prägenden Grundzügen seit Anfang der siebziger Jahre durchgängig Geltung behalten hat; auch die Beweggründe für den späteren Serbien-Furor waren dort schon mit eingeschrieben. „Ich weiß ganz genau, was ich möchte“, sagte Handke damals: „dass (die Leute) auch das verstehen, was sie nicht verstehen wollen, was sie abwehren, was sie immer abgetan haben.“ Und: „Ich glaube, dass Literatur nur dann verbindlich wird, wenn sie in die äußerste Tiefe des Ich hineingeht. Daraus bestehen meine Bücher: aus der äußersten Oberfläche und aus dem äußersten Verbohrten.“ Gerade, dass dies alles sich bis heute so verhält, ruft vermutlich den Eindruck der Alterslosigkeit des Jubilars hervor: Seine Wutbereitschaft wie seine (Selbst-)Beobachtungslust sind ungebrochen, substanzielle Veränderungen in diesem literarischen Projekt gibt es nicht. Oder vielleicht doch? Zu seinem 70. Geburtstag hat Peter Handke sich jetzt ein Buch geschenkt, einen „Versuch über den Stillen Ort“ – eine Wendung zur Selbstironie?
Mit seinem Titel und seinem Umschlag ruft das nur 109 Seiten umfassende Buch sogleich die Erinnerung an seine drei Vorgänger wach, die Handke zwischen 1989 und 1991 veröffentlichte: „Versuch über die Müdigkeit“, „Versuch über die Jukebox“ und „Versuch über den geglückten Tag“. Allesamt waren sie Meditationen über verschiedene Medien und Formen des gesellschaftlichen Rückzugs wie der Rückgewinnung der Konzentration des Schreibenden gewesen. Das Ziel all seiner Beobachtungen, Überlegungen und Erinnerungen: sich selbst und der Welt die Geschichte des eigenen Schreibens wie der eigenen Arbeitsweise zu verdeutlichen und, nicht zuletzt, die Kraft zu sammeln, sich der lärmenden, das Individuum zerfasernden äußeren Wirklichkeit neu wieder zuwenden zu können – nach den eigenen Maßgaben, aus wiedergewonnener Beschreibungsstärke, einer geschärften, vertieften, gewissermaßen innigeren Distanz.
Auch der „Versuch über den Stillen Ort“ scheint sich dieser Reihe umstandslos einzuschmiegen, Zurückgezogenheit ist auch hier das zentrale Motiv. Wäre da nicht der Ort, um den es geht: „das Klosett (‹wie der Name schon sagt›)“. Macht sich der Autor da, indem er „die Toilette, den Abtritt, den Abort“ zum Gegenstand nimmt, einen Jux auf Kosten des Innerlichkeits-Meisters? Das, tatsächlich, wäre ein ganz neuer Handke. Doch so ist es natürlich nicht. Nicht nur wird das Klo alsbald seiner abstoßenden und peinlichen Begleiterscheinungen entkleidet – „Geräusche, gleichwelche, taten und tun nichts zur Sache. (Geschweige denn tun Gerüche, seltsam, oder auch nicht)“ –, es muss auch, wie der Titel es signalisiert, vom trivialen „stillen” zum emphatischen „Stillen Ort“ erhoben werden, einem Platz der Besinnung und höheren Einsichten: Ein antiauratisches „00“ ist hier undenkbar.
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Peter Handke



 
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  plista Blume 

Und so beginnt Handkes persönliche Abort-Geschichte, nach einer poetischen Reminiszenz an einen Roman mit dem Titel „Die Sterne blicken herab“ sowie einem kleinen ironischen Schlenker zum seit je hoch verehrten Regisseur John Ford, im Märchenton: „Es war an der Schwelle zwischen der Kindheit und dem Heranwachsendenalter, daß der Stille Ort mir etwas zu bedeuten begann über das Übliche oder Gewohnte hinaus.“ Worauf folgt, was man aus den vorherigen „Versuchen“ als Formprinzip schon kennt: ein Mäandern zwischen eigenen Phantasien wie denjenigen anderer, Erinnerungen, Assoziationen, Erfahrungen, Wunschträumen. Der Gedankenstrom kreist verschiedene Orte der „Stille“ ein – den Beichtstuhl etwa, das Krankenzimmer im Internat, die Waschräume der juristischen Fakultät an der Universität Graz, Flugzeug- und Eisenbahntoiletten –, bis der Erzähler schließlich den Stillen Ort überhaupt erreicht, die „Tempeltoilette“ im japanischen Nara. Wobei es zum Erzählverfahren gehört, dass mehrere Anläufe unternommen werden müssen und Handke den Ort, den er zunächst als „Friedhofstoilette“ erinnert, immer wieder mit anderen Geschichten einfasst, bis er endlich doch am gewünschten Ziel anlangt. „Hier liegt alles in meiner Hand, ihr Leser“, scheint der Erzähler zu sagen, „ihr müsst mir schon glauben. War’s eine ‹Friedhofstoilette›? Ach nein, doch lieber eine ‹Tempeltoilette›“!

Je weiter der Text von Ort zu Ort vorankommt, umso deutlicher zeigt sich, dass der Leser hier einem Spiel, einer Art Aufführung beiwohnt: Dargeboten werden Lebensstationen des Schriftstellers in ihrer Vernetzung, Verzwirbelung und Vertäuung mit dessen Werk. So sieht man, wie „der Äuger“, dem schon auf dem Plumpsklo im Großvaterhaus die slowenischsprachige Zeitung „Vestnik“ begegnet, das Schauen lernt: durch seine Lebensumgebung in der „Dorfheimat“, nicht zuletzt aber eben durch jenes Licht, das durch die Bretter-Ritzen im Toilettenverschlag dringt; eine Seh-Schule, die den Schreibenden mit seinen einmal erlernten Blickrichtungen durchs Leben und Schreiben begleitet. Diese Lebens-Etappen werden vom Autor aber nicht nur kommentiert. Mal spielerisch, mal provozierend geht der „Versuch“ vielmehr immer wieder auch diejenigen mit kleinen Kopfstößen an, die Peter Handke im Laufe seiner langen Autorenlaufbahn mit den unterschiedlichsten Vorwürfen konfrontiert haben.

Er sei ein Narziss? Da stellt er sich doch gleich – in einer längeren Passage unter der Leitfrage „Wer war ich?“ – vor den Spiegel des Universitäts-Waschraums und wendet den Gedanken um und um, dieser junge Mann könne von sich selbst „nicht genug bekommen“. Das Ergebnis der äußeren Selbstbesichtigung: „Nicht besonders. Gar nicht so übel. Vielleicht nicht so ganz mit dem gewissen Etwas, aber auch nicht ganz ohne.“ Und die kleine Narzissmus-Attacke schließt: „Na, so was. Ja, da schau her. Da schaust du, wie? Schau, schau. Ja, schau nur. Schau!“

Oder man unterstellt ihm „Gesellschaftsflucht“, „Geselligkeitsüberdruss”, Defekte als „Gemeinschaftswesen“? Da fängt der Erzähler eine umständliche, leicht höhnische Erwägung über die Lebenszeichen an, die Raucher mit ihren Kippen auf öffentlichen Toiletten hinterlassen und ernennt sich zum „Geometer“, der diese Stillen Orte „ermisst“ und „als solcher tunlichst seinen Dienst ausüben (möge). Wenn der nicht von Gemeinnutz war, was sonst, oder?“ Und obwohl er sich zur Ordnung ruft („Schluß jetzt mit der Ironie“), muss er doch noch einmal nachsetzen: „Und da habt ihr das Gemeinnutzsiegel für den Geometer der Stillen Orte, bekundet hiermit von ihm höchstselber!?“




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23.11.2012
 | 21:11

Ein Weltgeräusch

Könnerschaft Peter Handkes „Versuch über den Stillen Ort“ ist einfach ein sehr guter Witz. Aber er ist natürlich noch viel mehr: Die brillante Erzählung eines Zu-sich-Kommens
Ein Weltgeräusch
"Länger habe ich später nur noch einmal in solch einem Stillen Ort ausgeharrt"
Foto: Môsieur J. / flickr
Mit dem Genre des „Versuchs“ hat Peter Handke seine ideale Form gefunden. Anders als im Roman braucht er hier nicht fiktive und doch glaubhafte Charaktere zu entwickeln, die einen zu fesseln vermögen, was nun wirklich nicht seine Stärke ist. Vielmehr kann er seinem Dasein eine Form geben, suchend, tastend, im Schreiben erprobend. Versuch, darin schwingt der Essay mit, der übersetzt ja nichts anders heißt als eben: Versuch.
Noch radikaler als in der herkömmlichen Essayistik erarbeitet sich Peter Handke ein Thema aber nur ganz am Rand in der Auseinandersetzung mit dem, was andere von einer Sache gedacht und geschrieben haben, in erster Linie ist es das leibhaftig Erfahrene und dann Erinnerte und Erzählte; Handkes Versuche sind eine Sonderform der Autobiografie.
Im kommenden Dezember wird der Schriftsteller 70, der Versuch über den Stillen Ort ist der vierte publizierte Versuch. Thematisch erinnnert er an seinen Versuch über die Jukebox von 1990, im Untertitel „eine Erzählung“. Schon damals konnte ein herbstlich gestimmter Leser melancholisch werden; sein Gegenstand, die Jukebox, war gerade dabei, ein für allemal aus der Welt zu verschwinden und mit ihr ein Ort, an dem nicht nur der Erzähler, sondern auch viele Leser mit Popmusik eine unverwechselbare Bekanntschaft gemacht haben, vor allem deshalb – das war ja der Clou in Handkes Buch –, weil sie mit ihr an Orten Bekanntschaft machten, die wie die Dorfkneipe noch nicht popkulturell beherrscht waren. Im Übrigen hätte man von einer Band wie den Flippers wohl nie erfahren, hätte es nicht die Jukebox gegeben.

Unterwegssein

Auch der aktuelle Versuch passt zur Stimmung des Herbstanfangs. Natürlich, seine Notdurft wird der Mensch wohl für immer in Räumen verrichten, in denen meist nicht viel mehr als eine Kloschüssel steht, aber wer sagt uns, dass auch in Zukunft einer da ist, der sie als „Stiller Ort“ im vollen Wortsinn versteht und aufschreibt? Der sie, ähem, weiht. Ja, das ist eigentlich ein Wort aus dem Vokabular der Dichterpriester, also aus einer Zone der Literatur, in der es humorfrei und unerträglich wird.
Es ist bei Peter Handke aber zum Glück komplizierter. An einer zentralen Stelle des Buches erinnert sich der Erzähler, wie er auf einer Japan-Reise die Tempelstadt Nara besucht. Aber es ist dann nicht ein Tempel, der dem Erinnernden das tiefste Erlebnis gebracht hat, sondern das Dämmerlicht in der Tempeltoilette, das ihn endlich in der Fremde ankommen ließ, ihn zugleich ruhig machte und belebte. Wenn bei diesem Buch von Dichterpriester gesprochen werden kann, dann also nur im modernen und einzig noch akzeptablen Sinn, dass hier einer aus dem Ephemeren, dem Geringen und Abseitigen schöpft.
Man hat in solchen Fällen schnell das Wort „schräg“ parat, in diesem Fall passt es, denn natürlich ist dieser vierte Versuch einfach auch ein guter Witz, und keiner soll mehr Peter Handke als humorlosen Autor bezeichnen.
„Über zwanzig Jahre“ sei der Besuch der Tempeltoilette in Nara nun her, seither beschäftigte den Erzähler, oder sagen wir doch einfach: Peter Handke, die Idee des Stillen Ortes. Man kann sich gut vorstellen, wie es ihn amüsierte, wenn er daran dachte, dass die Kritiker bald einen-Versuch über den Stillen Ort in der Hand halten würden und damit eben wirklich die Toilette gemeint ist. Nichts anderes.
Oder natürlich doch, denn vom Gestank will dieses Buch ausdrücklich nichts wissen. Nicht dass diese Orte unsinnlich erscheinen, es ist vor allem das Gehör, das von ihnen geschärft wird. Darüber hinaus sind die Stillen Orte wie die Jukeboxen in der spanischen Pampa und anderswo Wegmarken auf der Lebensreise dieses Schriftstellers, die ganz konkret ein stetes Unterwegssein bedeutet.
Unterwegssein auch im Kleinen. Es ist ja ganz einfach: Man geht auf ein Klo, weil man muss oder weil man einer Gesellschaft für eine Weile entfliehen will, manchmal kommt beides zusammen. Während der Zeit im Internat wird das Klo für Handke sogar zum „möglichen Asylort“.
Einmal mehr erzählt Peter Handke also vom Aufbrechen und Entfliehen, aber diesen Fluchten aus der Welt von Familie und Schule, diesen Aufbrüchen in ein unbekanntes Terrain, haftet nichts Heroisches (mehr) an. Selbst das Einzelgängerische und Eigenbrötlerische, das Handke in seinen früheren Büchern ja ganz gerne nach außen gekehrt hat, wird hier ein wenig relativiert.

Um die Klosettschüssel

Die Schulkameraden, so erfahren wir, hätten ihn „sämtlich“ gerne mit bei einer Reise durch Jugoslawien und Griechenland dabeigehabt, aber aus irgendeinem Grund ist er in Kärnten geblieben und dann mit einem Seesack „aufgebrochen“. Weder sei er weit gekommen noch lange unterwegs gewesen, die letzte Nacht verbrachte er in der Bahnhofstoilette in Spittal an der Drau. Am Boden liegend, um die Klosettmuschel gekrümmt, war er dann ganz Ohr, gerichtet auf die vorbeirauschenden Güterzüge ebenso wie auf die „allerleiseste Böe von einem der Bahnhofsbäume. Von einem Stillen Ort konnte während jener immer wieder vollkommen stillen Nachstunden nicht die Rede sein.“ Diese Episode, so erfahren wir, wird er später im Schreiben verwandeln, in der Wiederholung wird aus der Toilette ein Eisenbahntunnel nach Jesenice.
Auch in seinem vierten Versuch ist Peter Handke ein Meister der unaufdringlichen Komposition. Wie von selbst gleitet der Text vom Erzählen der Stillen Orte in die Stille eines Niemandslands zwischen Paris und der Normandie. Hier wurde der Text im vorigen Jahr geschrieben, wie in einer Art integriertem Epilog berichtet wird. Geschrieben in der „Periode, von der es heißt, es sei die dunkelste des Jahres“, in der Handke, wenn er nicht schrieb, das tat, was er auch in seinen Versuchen so oft tut, nämlich, wie soll man es nennen, wandern?, aber das trifft es nicht, eher herumgehen, durchstreifen. Und dem „chronischen Regen“ zum Trotz wird das nun ein heiteres Buch, das auf ein paar locker geschriebenen Seiten die Natur selbst in einen Stillen Ort verwandelt, anders gesagt, in ein „Weltgeräusch“



Peter Handkes "Versuch über den Stillen Ort"Des Dichters Feuchtgebiete

09.10.2012, 11:40
Von Christopher Schmidt

  http://www.sueddeutsche.de/kultur/peter-handkes-versuch-ueber-den-stillen-ort-des-dichters-feuchtgebiete-1.1490816




Man könnte es für einen Scherz der Titanic-Redaktion halten: Wenn Peter Handke, der Pilz- und Sinnsucher der deutschen Literatur, dieser Sensibilissimus und Sonderling, Schamane und Schmerzensmann, nun ein Buch über den stillen Ort vorlegt, liegt der Verdacht nahe, es handle sich dabei um Satire. Denn Handke, der ob der weihevollen Esoterik, mit der er die Epiphanien des Alltags beschwört, seinen Spöttern noch stets eine offene Flanke bot, versteht diesen stillen Ort nicht etwa im übertragenen Sinne - das auch -, sondern es geht ganz indiskret um die Toilette, wenn auch vom Gestank ausdrücklich "keine Rede" sein soll.


Peter Handke ist also seinen Parodisten zuvorgekommen mit diesem Bändchen, das zwanzig Jahre nach dem vorläufigen Ende seiner kleinen Reihe wieder anknüpft an das Genre der erzählerischen Hommage, diesmal mit einer Hommage an einen denkbar profanen Gegenstand.
Begonnen hatte es 1989 mit dem "Versuch über die Müdigkeit", war ein Jahr später fortgesetzt worden mit dem "Versuch über die Jukebox", bevor der "Versuch über den geglückten Tag" 1992 die Trilogie abschloss. Obwohl schon die jüngsten Bücher Handkes von einer neuen Entspanntheit zeugten, ist es ihm nun nicht darum zu tun, seinen Hang zum Pathos das Bächlein inkontinenter Selbstverspottung hinunter gehen zu lassen. "Schluss jetzt mit der Ironie", heißt es da, "nicht zum ersten Mal erkenne ich, daß die, zumindest im Schriftlichen, nicht meine Sache ist".
Wohl wahr, aber überraschender als diese Einsicht ist die Offenheit, mit der sie geäußert wird. Und es gibt einige überraschend deutliche Selbstauskünfte mehr in dem schmalen Bändchen. So etwa erzählt Handke, dass seine erste große Wanderung eben nicht die nach Jugoslawien war, die für ihn und die Nachkriegsliteratur so wichtig wurde. Vielmehr scheiterte der Aufbruch zunächst kläglich, als Handke, nach dem Ende der Schulzeit in Kärnten, allein sich aufmachte. Die dritte Nacht brachte er in einem Bahnhofsklo zu, "in einem Halbkreis um die Klosettmuschel geringelt", um am nächsten Morgen zu beschließen: "nichts wie heim". In seiner Erzählung "Die Wiederholung" hat er dieses Erlebnis dann ins Heroische abgewandelt .
Man erfährt neben solchen Korrekturen an Leben und Werk, dass Handke, der Autor der Innerlichkeit, von dem man meinte, er schöpfe seinen Stoff einzig aus sich selbst, durchaus recherchiert. Nur hat er die "nicht wenigen" Bücher "zum Bedeutungswandel der Notdurftverrichtung", die er konsultierte, dann doch wieder beiseite gelegt, weil sie ihm bei seinem Thema nicht weiterhalfen. Statt dessen orientiert sich die Reise durch die Welt der Feuchtgebiete an den selbsterlebten stillen Orte, vom bäuerlichen Plumpsklo des Großvaters bis zum japanischen Friedhofs- oder Tempelklo. Denn das Erkenntnisinteresse dieses "seltsamen Forschers" besteht darin, die "Stillen Orte" wörtlich zu nehmen und groß zu schreiben, als "Zuflucht, Asyl, Verstecke, Rückzugsgebiete, Abschirmungen, Einsiedeleien", als Orte, "wo der Geist im wahrsten Sinne Ruhe findet", ja als utopische "Ab-Orte" innerer Einkehr.

Verräterisches Rinnsal unter den Füßen

Auch hier zeigt sich Handke ungewohnt selbstkritisch, wenn er sich fragt, ob sein jäher Drang, den stillen Ort aufzusuchen, nicht einer Gesellschaftsflucht gleichkomme, Ausdruck von "Gesellschaftswiderwillen" sei, von "Geselligkeitsüberschuss", "ein asozialer - ein antisozialer Akt?" im Grunde. Dabei ist er "versucht, ,Ideal Standard' - nicht die Warenmarke, sondern das Wort - auf mein Problem anzuwenden", dieses dringende Bedürfnis, sich abzusondern.
Ein Schlüsselerlebnis ist da die Episode, wie Handke als Neuling im Internat nicht die Toilette findet oder sich nicht traut, danach zu fragen, so dass er gleich zum verspotteten Einzelgänger wird, als sich im Speisesaal ein verräterisches Rinnsal unter seinen Füßen bildet. Es geht aber jenseits der Notdurft um "eine ganz andere Not", die Langeweile "als die andere; die umgekehrte Zeitnot", vor allem jedoch um die Sprachnot. Zum Schweigen gebracht "durch die Worte wie Wörter der anderen", entzieht er sich mit einem "ich muss kurz verschwinden!". Und erfährt: "die Sprach- und Wörterquelle springt frisch auf", zurückkehrend ins "Grölen, Gellen, Toben und Kreischen", ist er wieder "vielsilbig, voll von der Redelust".
Dass der große Dichter Peter Handke ausgerechnet zu sich selber kommt, wenn er mal für kleine Jungs muss, hätte seine Leser-Gemeinde vielleicht so nicht erwartet. Dass er aber selbst diesem heiklen Sujet einen wunderbaren Essay abgewinnt, macht ihm keiner nach. Diese wahrscheinlich stillste Neuerscheinung mag eine Beckenranderscheinung des Bücherherbstes sein, sie dürfte dennoch für Gesprächsstoff sorgen, zumindest an den stillen Orten der Frankfurter Buchmesse.
Peter Handke: Versuch über den Stillen Ort. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 109 Seiten, 17,95 Euro.
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Ein Moment ist viel oder: Als ob der Regen stiefelte


Peter Handkes eindringlicher »Versuch über den Stillen Ort«



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Ein Asylort wie der Beichtstuhl
Der Stille Ort, das ist tatsächlich: das »stille Örtchen«. Peter Handkes »nun fast schon lebenslanges Umkreisen und Einkreisen des Stillen Ortes und der stillen Orte« ist Buch geworden. Dessen Ausgangspunkt: ein Roman von A. J. Cronin, darin der Kinderheld auf der Toilette Zuflucht sucht vor der Erwachsenwelt. Der Ab-Ort als schöne Chance zur besänftigenden »Nächstenferne«, wo der Junge »nichts tut, als der Stille dort zu lauschen«. Und die Sterne blickten herab - was dem Roman den Titel gab: »The Stars Look Down.«

Die Toilette beim Großvater in Kärnten, im slowenischen Dorf. Die Toilette im Schulinternat, wo das Getön der Mitzöglinge endlich »nicht mehr als Gegell und Gebrüll ankam« - ein Asylort wie der Beichtstuhl. Oder das schulische Krankenzimmer: Lob der »Aus- und Alleinzeit«. Handke ist am Millstädter See oder in einer Tempelgartentoilette in Japan, er erinnert sich an viele Stille Orte, und aus diesem vielleicht kurios zu nennenden Anlass des Buches erwuchs ein wunderbarer Text über »Augenblicke von Ver- und Geborgenheit« inmitten blökender Welt.

Es ist dies der vierte »Versuch« des Dichters, er schrieb bereits Versuche über die Müdigkeit, die Jukebox, den geglückten Tag. Um-Schreibungen, Um-Kreisungen, beobachtend, erzählend - essayistisch möchte man gar nicht erst sagen, das nähme Leben aus diesen Büchern, Atem, die große anmutige Um-Sichtsfreude. Wieder diese Armut an Zwischenfällen als Reichtum des Erschauten. Als »Äuger« bezeichnet sich Handke: Wo es scheinbar um nichts geht, liegt doch alles vor Augen. Dieses Nichts, das immer nur ein Fast-Nichts ist, kann ein Werkzeugschuppen sein, »ein über Nacht leerstehender Bus, ein wenn auch halb eingestürzter unterirdischer Bunker aus werweißwelchem Krieg«. Rückzugsgebiete, sagt Handke, und schon ein Blick zu Boden kann das sein, »hinein in die Straßenbahnschienen«. Naturbild und Menschenspur in wundersamem Beieinander. Die wahren Schatzsuchergeschichten.

Es gibt keinen Dichter, der mit solchen Exerzitien der Anschauung, mit solcherart Sehnsucht nach dem Ereigniszittern des »bloßen Anblicks« in den Tag und in die Nacht, ins Licht und in die Schatten tritt. Was er mit Beben schaut, »ein Moment ist viel!«, das ist inmitten der Mauern, der Verschleierungen, der so vielen Wände und Absperrungen des Daseins eine Feier der Luftdurchlässigkeit. Der Stille Ort und die stillen Orte als »Heimkehr- oder Einkehr- oder Abbiegestätten« im überall »geisttötenden Gerede«.

Das Einfache? Beleidigungswort. Im Gegensatz zu: Einfalt. Ja, in der Literatur dieses Märchenbruders geschieht - Einfalt. Das ist etwas aus der Zeit Gestoßenes. Einfalt ist Grundfläche, kaum mehr auffindbar in heutiger Kultur, die zwar allem den Schleier entreißt und dann doch nur immer auf Oberfläche stößt. Einfalt ist Versöhnung mit Ursprüngen. Es ist Befreiung. Ist »der Blick über die Schulter ins Leere«. Wie es Handke von Ben übernommen hat, dem Helden aus Wolfes »Schau heimwärts, Engel«, der »sooft er Gerede, Streit, Unsinn, Krieg usw. der Familie oder sonstwessen wieder einmal über hat, den Kopf über die Schulter zurück in einen leeren Winkel des Hauses oder sonstwohin wendet und zu seinem ›Engel‹ dort sagt: ›Nun hör dir das an!‹«

Friedhöfe. Kirchen. Toiletten. Stille Orte. Ja: Bedürfnisanstalten. Hier macht das Bedürfnis nach einem ungebrochenen »Hiesigkeitsgefühl« Anstalten, sich zu befriedigen. Sich befriedigen zu lassen vom Geist der Unverwundbarkeit, inmitten doch des Verwitterns der Dinge, der Stunden. Ein Verwittern, gegen das die Welt hamsterrädrig ihr wieselndes »Weltbedeutungsspiel« setzt, über das der Dichter nur lächeln kann.

Anmut geht von diesem Text aus, Anmut als Ausdruck von Würde. Anmut als Aufruhr gegen die Fesseln des Althergebrachten. Asozialität also, Beseeltsein davon, den Geheimnissen des inneren, unbewussten Lebens näher zu kommen. Handke ist nicht mutig, sondern weit mutiger: Er ist furchtsam. Das Schreibziel (Wortwerdung als Weltschöpfung!) ist denn doch zu hochfein, als dass es sich je ganz fassen ließe. Das macht jene Unsicherheit und Unruhe aus, die auch diesem »Versuch« eingeschrieben ist. Meistens ist ja erst dann, wenn eine Sache aufhört, ein Ton da, der in uns nachklingt. Hier ist der Ton schon die Sache selbst. In ihm kann man sich aufgehoben fühlen und an so etwas wie Bewahrung glauben. Als sei die Welt schon vollständig erzählt, man muss nur immer warten, bis das Unerforschliche die Augen aufschlägt. Bewahrungsgefühl. Das ist angesichts jener Deutlichkeit, mit der rundum Vernichtung und Vernutzung protzen, doch etwas sehr Wärmendes.

Wer im Beton sitzt, von der Stadt verschlungen, der möge die letzten zehn Seiten dieses Büchleins lesen. Handke schreibt über den Dezember, in dem er diesen Text schrieb, in einer »ziemlich menschenleeren Gegend in Frankreich«. Geht durch die Nässe, von früh bis spät bilden einzig Wolken den Horizont, er singt ein Lied auf die Gummstiefel, es ist, als ob selbst »der Regen stiefelte«. Wie er so grandios innig und leichthin Landschaft beschreibt, und Tiere, das birgt eine Chance: Immer, wenn man gerade wieder mal alles durch die schmutzige Brille der Gewohnheit sieht, könnte man plötzlich einer Stimmung gewahr sein, könnte auf einen Anruf aufmerksam werden, den man vielleicht noch nicht ganz begreift, dem man aber sofort folgt, indem man die Gleichgültigkeit für ein paar Atemzüge überwindet - eine Freude vielleicht um einen Gran vermehrt fühlend, einen Schmerz um eine Schwingung heftiger empfindend.

Solcherart sind die Wirkungen von Handke-Wellen. Der zum Schluss den wahren Grund seiner Stillort-Obsession offenbart. Es ist gar nicht so sehr die Stille an sich, nein, sie muss eingebettet sein zwischen Abschied (von der Welt) und neuerlichem Willkommen (in der Welt). Es treibt den Dichter dieser immer wieder Notdurft werdende, also notwendige Übergang zur Stille - bei dem ihm dann Sprache zurückkehrt. Zurückkehrt wie ein Staunen, es »nimmt mich entgegen«. Und derart gestärkt dann wieder hinaus!

So zürnte sich vor Jahren, im Theaterstück »Untertagblues«, der U-Bahnfahrgast durch die Stationen der Welt, tobend gegen die arge, gehasste Mitmenschenschaft - um am Ende flehend zu ihr zurückkehren zu wollen. Bloß weg - um dann wieder heimzukehren. Der Hass erzählt von - Sehnsucht nach Liebe. Die Einsamkeit ist die Schwester der - Weltumarmung.

Peter Handke: Versuch über den Stillen Ort. Suhrkamp Verlag Berlin. 110 S., geb., Leinen, 17,95 Euro

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Mo 22.10.2012

Buch

Peter Handke: "Versuch über den stillen Ort"

In seinem neuen Buch fokussiert Handke seine Poetik auf das Klosett als Ort der Abgeschlossenheit, des Rückzugs
Bewertung: gelungen
Der "Stille Ort", um den es Peter Handke in seinem neuesten Buch geht, ist tatsächlich das stille Örtchen: das Klosett. Mit fast siebzig Jahren lässt sich der in Frankreich lebende österreichische Autor noch einmal durch den Kopf gehen, was die (groß geschriebenen) Stillen Orte in seinem Leben bedeutet haben und immer noch bedeuten. Er abstrahiert alle naheliegenden Assoziationen der Notdurft, der Gerüche und der notdürftigen Sprüche an den Wänden; die sich aufdrängenden Gedanken an Unflat und Schmutz, Heimlichkeit und Scham lässt er gar nicht erst aufkommen, weil es ihm um Anderes geht. Seine Klosetts sind reine Räume der Stille, des Rückzugs, der Abgeschlossenheit und Abgeschiedenheit, des Zu-sich-Kommens – Asyl-Orte vor dem Welt- und Menschenlärm. 

In seinem Versuch über den Stillen Ort mischt Handke Erinnerung, Selbstbeobachtung, Lektüre und essayistische Nachdenklichkeit beim Umkreisen seines Themas – und der französische Begriff "Essai" meint ja nichts anderes als einen "Versuch". Insofern führt der neue Essay wie selbstverständlich Handkes frühere Versuche fort – seine Trilogie der Versuche von 1989/90: über die Müdigkeit, über die Jukebox und über den geglückten Tag. Mit dieser Trilogie sah Handke bewusst ab vom Weltgetöse, das die Umbrüche und Umstürze des epochalen Exzess-Jahres 1989 begleitete, indem er seine ganze in sich gekehrte Aufmerksamkeit auf das Unscheinbare und Nebensächliche richtete, auf das Periphere und Marginale, auch auf verschwindende Dinge wie eben die Jukebox.

Nichts anderes tut Handke auch mit diesem neuen Text. Er ruft sich die Stillen Orte wieder ins Gedächtnis, die für ihn Bedeutung gewannen. Es geht ihm um die episodische Nacherzählung der Stillen Orte seines Lebens, um Geschichten und Bilder, die in seiner Erinnerung wieder aufsteigen. Das beginnt mit dem bäuerlichen Plumps-Klo seiner Kindheit im Hause seines Großvaters in Kärnten, einem hölzernen Abort, in dem die zerschnipselte slowenische Wochenzeitung des Großvaters als Toilette-Papier diente. Im geistlichen Internat dann wurde das Klosett dem grüblerischen und einzelgängerische Zögling wirklich zum Asyl-Ort, zum Zufluchtsraum, anders als der Beichtstuhl, den er Heranwachsende meist nur aufsuchte, um sich aus der Langeweile der Messfeier wegzustehlen.

Handke erinnert sich an die Nacht, die er auf seiner missglückten einsamen Abitur-Reise in der Kabine einer Bahnhofs-Toilette einer Kärntner Kleinstadt verbrachte, "in einer Art Halbkreis um die Klosettmuschel geringelt", mit seinem Seesack als Nackenpolster auf dem gekachelten Boden. Zum leichten Nachtwind, der durch die Sommernacht strich, denkt er sich den "Geißblattduft" hinzu, "wie das Südstaaten-und-Mississippi-Geißblattt in den Büchern William Faulkners". Erst viel später sollte Handke diese Nacht in verwandelter Form in seine Erzählungen Die Hornissen undDie Wiederholung aufnehmen. 

Und er erinnert sich vor allem an die Toilette im Tempelbezirk von Nara in Japan, die ihn begeisterte wegen des klaren, schimmernden Düsterlichts, das die feingemaserte kleine Holzkabine durchwirkte. Handke schreibt: "Seit dem Morgen in der Tempelgartentoilette von Nara begleitet mich der Stille Ort, über das Ding und den Platz hinaus, als Idee." Diesen Ort gelte es zu umfahren oder zu umkurven wie ein Vorgebirge, und das Boot sei in diesem Fall "die Sprache, die des umkreisenden oder umreißenden Erzählens". Und genau dies wäre die Definition des essayistischen Erzählens, wie Handke es hier in souveräner Gelassenheit vorführt: eine ihren Gegenstand, ihre "Idee", sanft umkreisende Sprachform.

Im Verlaufe von Handkes betrachtenden Erinnerungen erfährt der Stille Ort als "Zuflucht, Versteck, Rückzugsgebiet, Abschirmung oder Einsiedelei" auch mancherlei Verwandlungen und Weiterungen. Der Autor übt sich in mannigfachen Rückzugs-Strategien, die keineswegs nur auf den Abort beschränkt bleiben. Manchmal genügt ihm schon "ein Innehalten, ein Umkehren, ein Rückwärtsgehen, ein bloßes Atemanhalten", um sich das Welt-Getöse vom Leibe zu halten. Auch leere Kirchen oder Friedhöfe in ihrer Lärmabgeschirmtheit erfüllen diese Funktion. Dass auch das Lesen ein Stiller Ort ist, nennt Handke "fast eine Binsenweisheit". 

Worum es ihm geht, ist der Stille Ort als "das Grundandere", über das er sich hier aufs Neue Klarheit zu verschaffen versucht. Und darum dreht sich Handkes Schreiben seit jeher: Es geht um Techniken der Selbstbesinnung und Selbstvergewisserung, mittels derer sich die Sinne schärfen lassen für die Stille hinter dem Allerweltsradau. Diese Poetik des "Grundanderen" durchwirkt Handkes gesamtes Œuvre. Diesmal allerdings fokussiert er sie eben auf das Klosett als Ort der Abgeschlossenheit, in dem das Verriegeln der Tür in eins geht mit einem großen Aufatmen: "Endlich allein!" 

Handke fragt sich nun ernstlich, ob dieser Rückzugs-Impuls, dieses "wortlos brüske Aufstehen und Sichentfernen", vielleicht Ausdruck von "Gesellschaftswiderwillen, von Geselligkeitsüberdruss" sei, gar "ein antisozialer Akt?" Und er kommt zu dem Bekenntnis: "Ja, das war, und ist, zeitweise unabstreitbar der Fall." Und doch sieht er sich als Gesellschaftswesen: Erst kraft Rückzug in die Stille findet er zurück zur Sprache, zur Kommunikation mit den anderen: "Das Grölen, Gellen, Toben und Kreischen draußen: verwandelt in Volksgemurmel und Weltgeräusch. Los, auf, zurück zu den anderen, vielsilbig, voll von der Redelust."
Sigrid Löffler, kulturradio

 http://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2012/peter_handke_versuch.html
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DüsseldorfHandke bedichtet stilles Örtchen

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 30.10.2012 - 02:30
Düsseldorf (RP). Die große literarische Geste des Peter Handke ist wahrscheinlich der Versuch: das bewusste Herantasten an einen Gegenstand also, die Weigerung, zu behaupten, dass etwas so und nicht anders ist, sowie eine Grundskepsis gegenüber der Sprache. Letzteres wiederum zählt literaturgeschichtlich mittlerweise schon zur österreichischen Folklore.
Und so hat der 1944 in Kärnten geborene, seit vielen Jahren bei Paris lebende Dichter bereits drei solcher Versuche unternommen: mit dem "Versuch über die Müdigkeit", über die Jukebox sowie über den geglückten Tag. Über 20 Jahre ist das schon her. Und nun Handkes nächster Versuch, einer über den sogenannten stillen Ort.
Wer aber bei einem der feinsinnigsten, zur Esoterik neigenden und den Schmerzen zuneigenden Dichter deutschsprachiger Literatur sich jetzt irgendetwas Überhöhtes vorstellt, muss enttäuscht werden: Peter Handke geht es diesmal tatsächlich ums Klo, den Abort, den Donnerbalken, die öffentliche Bedürfnisanstalt, je nachdem halt, wo und zu welcher Zeit sich die Besichtigung dieser Lokalität gerade ereignet.
Allerdings muss man bei Handke auch nicht befürchten, dass es nun irgendwie unappetitlich wird. Aber auch eine ästhetische Überinszenierung bleibt aus. Vielmehr ist dieser Versuch eine rührende wie selbstredend sprachmächtige Begegnungsgeschichte des Autors mit dieser Stätte der Notdurft.
Dazu gehört, wie er zu Beginn seiner Internatszeit verzweifelt und vergeblich ein Klo sucht, wie die Toilette für den Einzelgänger zum Asylort wird, bedrückend auch die Schilderung der einsamen Reise des jungen Abiturienten, der in einer Bahnhofstoilette übernachtet und dort fast ein Büßer wird: gekrümmt auf dem harten Steinboden liegend, den Kopf auf den Seesack gebettet und "vor Augen nichts als das Spiegelweiß des Klosettsockels". Das Klo als Versteck, als Einsiedelei, als Rückzugsgebiet und – in der weihevollen Tonlage Peter Handkes – als "etwas Grundanderes".
Das ist ja die Leistung des Österreichers, bekannten Dingen Neues, Ungeahntes abzuringen. Wie tief die Ruhe plötzlich wird, wenn Handke die japanische Tempeltoilette von Nara würdigt, oder wie er die "konzentrierte Geometrie" der Klosetts betont und deren Raum- und Zeitferne preist. Und wer wusste schon, dass die letzte Arbeit des Architekten Friedensreich Hundertwasser eine Toilette auf Neuseeland war?
Zur Häme bietet der Essay dennoch keinen Anlass; die stillen Orte sind nicht des "Dichters Feuchtgebiete". Sein Hohes Lied auf den schmutzigen und ekelhaften Raum gilt allein der Sprache. Schon am Anfang rühmt Handke den ausgiebigen Kloverbleib, "um nichts mehr zu hören von dem Gerede".
In dieser Welt verstummt Handke, wird sprachlos, einsilbig. Und ausgerechnet am stillen Ort – abseits von "Volksgemurmel" und "Weltgeräusch" – beginnt seine Sprach- und Wörterquelle wieder zu sprudeln. Das muss man nicht allzu wörtlich nehmen. Nur dies: dass Handke als Dichter nur in rigoroser Weltabkehr existieren kann. Darum ist dieser Essay auch kein Klo-Buch, sondern eine intensive, literarische Selbstauskunft. "Der Versuch über den Stillen Ort" ist ein Versuch über Peter Handke.
Info Peter Handke: "Versuch über den Stillen Ort". Suhrkamp Verlag, 109 Seiten, 17,95 Euro
http://nachrichten.rp-online.de/kultur/handke-bedichtet-stilles-oertchen-1.3050332
Quelle: RP









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http://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article109809659/Am-stillen-Ort-der-Stille.html

Am stillen Ort der Stille

Jenseits der Latrinenkunde und des Lärms der Zeit: Peter Handkes Gedanken und Einsichten über die Einsiedelei Von Ulrich Weinzierl


 


 
Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Am Nikolaustag, dem 6. Dezember, wird Peter Handke siebzig. Daher lud Österreichs Staatsoberhaupt Heinz Fischer bereits jetzt zu einem Abend für den Dichter. Und der kam tatsächlich in die Hofburg: in die Josephskapelle des Leopoldinischen Trakts, von deren Existenz die meisten Wiener gar nichts wissen. Ein Maultrommelvirtuose spielte virtuos, und nicht nur der beste Rezitator des Landes, Peter Matić, sondern auch begabte Laien, darunter der Bundespräsident, lasen aus Handkes Werk. Ungeachtet des sakralen Ambientes weder Hochamt noch Society-Peinlichkeit, eher eine Geste der Wertschätzung und des Respekts, fast der Freundschaft. Peter Handke revanchierte sich beim Gastgeber mit einem druckfrischen Exemplar seines Buches "Versuch über den Stillen Ort". Zu Kaisers Zeiten wäre die Gabe eine Majestätsbeleidigung gewesen, in unseren republikanischen: bloß eine hübsche Pointe. Denn der "Stille Ort" ist naturgemäß nichts als, mit der Definition aus dem virtuellen Konversationslexikon gesagt: "die sanitäre Vorrichtung zur Aufnahme von Körperausscheidungen (insbesondere Kot und Urin)". Solch keimfreier Diktion befleißigt sich ein waschechter Schriftsteller freilich nie und nimmer, lieber spricht er, halten zu Gnaden, vom "Scheißhaus". Das tut auch Peter Handke einmal.


 
Wie er das tut, kann sich hören und sehen lassen. Kein anderer Autor der Gegenwart brächte derlei zuwege: das Mit- und Ineinander von spottferner Ironie und Ernst, von Pathos und Poesie; im Verknüpfen des vermeintlich Höchsten mit dem vermeintlich Niedrigsten. Es ist in der Tat wieder einmal eine Erkundungsreise, zu der uns Handke hier verführt. Vor zwei Jahrzehnten hat er sich zyklisch, in einer kleinen Trilogie, mit dieser Form auseinander gesetzt: Auf "Versuch über die Müdigkeit" (1989) folgten "Versuch über die Jukebox" (1990) und "Versuch über den geglückten Tag" (1991). Lauter sehr persönliche Essays, ein stetes Erwägen und Abwägen, eine behutsame Annäherung auf vielen Abseitspfaden an das jeweilige Thema.

Der nunmehrige Versuch eines Versuchs enthält den höchsten autobiografischen Anteil von allen. Erfahrungssplitter aus später Kindheit und früher Jugend, die sich zu fragmentarischen Geschichten weiten, verdeutlichen, wie sehr Handke den "Stillen Ort" als Rückzugsraum, ja als eine Art Asyl benötigte. Er war und ist in erster Linie Beobachter, der Betrachter schlechthin, oder wie es da heißt: ein "Äuger", kein Riecher. Also bleibt uns jeglicher Hinweis auf die im Abort-Bezirk unvermeidliche Geruchsbelästigung verwehrt, beziehungsweise erspart. Um Missverständnisse zu vermeiden: Der Sprachversucher Handke leidet nicht unter einer Latrinen-Obsession, und von einer Häusel-Elegie ist sein erzählender Essay ebenso weit entfernt wie von kulturanthropologischer Feldforschung. Zweifellos hat er diesbezüglich eine Menge Wissenswertes recherchiert – und dann verworfen.

Sein "lebenslanges Umkreisen und Einkreisen der Stillen Orte und der stillen Orte" beginnt mit einer literarischen Reminiszenz: an A. J. Cronins Erfolgsroman "Die Sterne blicken herab". Einer der jugendlichen Helden, einzig und allein daran vermag sich Handke zu erinnern, sucht des Öfteren das Klosett auf, und zwar "ohne Not". Er will sich einfach absentieren, der "Stille lauschen". Und weil der Abtritt kein Dach hat, passt der Titel auch auf diese Szene: "The Stars Look Down".

Abgeschlossenheit, "Nächstenferne", Ruhe, Ver- und Geborgenheit sind die Begriffe, die magische Wirkung auf ihn ausüben. Ein Schlüsselerlebnis hatte er einst in einer japanischen Tempelgartentoilette: Er verspürte so etwas wie den Augenblick der wahren Empfindung, die Energie der Stille, die ihm das fremde Land und dessen Leute, den "Fernen Osten", plötzlich nahe brachte. Peter Handkes Schriften handeln auch und gerade von Momenten der Epiphanie des "Grundanderen", die alles, ein ganzes Leben in neues Licht zu tauchen imstande sind. Mit esoterischen Anwandlungen hat derlei wenig zu tun. Auf seinen Ein-Mann-Expeditionen, den buchstäblichen und den geistigen, sammelt er unermüdlich Eindrücke: Er zieht sie an sich, formt sie um, verleiht ihnen dauerhafte Gestalt. Er zeigt uns die Dinge, wie wir sie vorher nicht wahrgenommen hatten. Der übergenaue Blick des Künstlers, der er ist, hat die Macht des Verzauberns.

Handkes "Versuche" entstanden in der Regel im Winter, auch der "über den Stillen Ort". Er wurde in der zweiten Dezemberhälfte 2011 geschrieben, im Département Val-d’Oise, einer "ziemlich menschenleeren Gegend". Peter Handke frönte seinen Lieblingsbeschäftigungen: dem einsamen Gehen querfeldein, dem Innehalten und dem Innewerden. Er grüßt einen aus der Wildnis ragenden "tausendjährigen Kirchturm". Mit Fug und Recht, möchten wir ergänzen, könnte er doch von Van Gogh gemalt worden sein. Er entdeckt eine "Wildschweinfamilie, die, nachdem sie wieder einen Jagdtag überlebt hatte, in der Nacht vielstimmig grunzte im Unterholz gleich neben der Landstraße, wo kein Jäger sie vermutete, sich vielrückig aus dem Fastdunkel sich buckelte und, nein, nicht grunzte, sondern tuschelte, tuschelte und sich buckelte." Und im Wandern und Nachsinnen wird ihm endgültig klar, worin für ihn der Reiz der stillen Orte liegt, auch jener mit Großbuchstaben. Es ist die gelebte Utopie eines Gegenorts zum ohrenbetäubenden Gelärm der Zeit. "Draußen: Verstummen, Verstummtheit, Sprachloswerden, Sprachlosigkeit, Sprache verlieren. Sprachverlust. Einsilbig geworden durch die Worte wie Wörter der andern, von ihnen zum Schweigen gebracht – angeödet – verödet." Drinnen jedoch, am Stillen Ort der Stille, nichts als Erleichterung, Befreiung von innerem und äußerem Druck: "Die Sprach- und Wörterquelle springt frisch auf". Honni soit qui mal y pense. Das "Grölen, Gellen, Toben und Kreischen draußen: verwandelt in Volksgemurmel und Weltgeräusch." Und den temporären Einsiedler überkommt die Lust, wenn er seiner Fantasie Beine und Flügel gemacht hat, sich unter die sonst so störenden Leute, die die Seinen sind, zu mischen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Peter Handke: Versuch über den stillen Ort. Suhrkamp, Berlin. 109 S., 17,95 €.


 http://www.literatur-blog.at/2012/10/peter-handke-versuch-uber-den-stillen-ort/
Eines man spürt man von Anfang an, mit jeder Zeile: Handke breitet seine Gedanken in einer wunderbar melodiösen, harmonischen, anmutigen Sprache aus. Und er zerlegt dabei viele Details in ihre Elemente und nimmt dann in den allermeisten Fällen das schönste Teilchen davon und betrachtet es genauer. Lässt die weniger gut beschreibbaren Aspekte weg.
Das kündigt sich ja bereits im Titel an: “Stiller Ort” ist eben weit sanfter, sauberer, freundlicher, als es  “Toilette” oder gar “Klosett” jemals sein könnten.
Die oft mehrfach ineinander verwobenen Texte erfordern dabei die volle Aufmerksamkeit, will man den Gedanken, der vielleicht auf der vorherigen Seite begonnen hat sich auszubreiten, bis zu seinem Ende mitverfolgen. Welches vielleicht erst auf der nächsten Seite, zum Abschluss eines einziges Gedanken-Satzes, kommen wird.....
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Handkes "stille Orte" stinken nicht (an Gestank hat er "keine Erinnerung"), und sie haben auch nicht die ihnen sonst üblicherweise zugeschriebene Funktion. Sie sind "Zuflucht, Asyl, Verstecke, Rückzugsgebiete, Abschirmungen, Einsiedeleien", ein "Ab-Ort" und noch viel mehr. Bei seiner ersten Reise übernachtet er, als ihm das Geld für die Jugendherberge ausgeht, am Bahnhofsklo "in einer Art Halbkreis um die Klosettmuschel geringelt". Als Student pflegt er seine Haare in Waschmuscheln der Uni-Toiletteanlagen zu waschen.
Das klingt zwar alles ein wenig schräg, der bekannte hohe Erzählton des Dichters adelt aber gleichsam den sonst tabuisierten Ort.



"Die Birnen vom Scheißhausbaum"

THOMAS TRENKLER, 8. Oktober 2012, 17:54

Peter Handke brilliert und amüsiert mit seinem "Versuch über den Stillen Ort"

Berlin/Wien - Selbst bei Suhrkamp hat man nicht mehr geglaubt, dass den binnen zweier Jahre entstandenenVersuchen ein weiterer folgen könnte: Gleich mehrfach wurden jene über die Müdigkeit (1989), die Jukebox (1990) und den geglückten Tag (1991) unter dem Titel Die drei Versuche in einem Band veröffentlicht.
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Aber nun, zwei Jahrzehnte später, hat Peter Handke, der Schelm, die Trilogie zur Tetralogie erweitert: mit einem amüsanten, kurzweiligen Versuch über den Stillen Ort. Gemeint ist allerdings nicht so sehr der Ort der Stille, über den der Autor immer wieder sinniert, sondern das stille Örtchen.
Handke, ein gewissenhafter Rechercheur, beschäftigte sich als Vorbereitung eingehend mit der Kulturgeschichte der Toilette. Sein Versuch ist aber eher eine Art Autobiografie: Der Autor erzählt sein Leben recht chronologisch anhand prägender Toilettenerlebnisse nach. Und weil wohl jeder Erwachsene ähnliche Erfahrungen machen musste oder durfte, fällt es fast leicht, sich mit dem Schriftsteller, der am 6. Dezember 70 Jahre wird, zu identifizieren.
Die Geschichte beginnt mit dem Plumpsklo seines Großvaters Gregor Siutz in Griffen: Der senkrechte Schacht "vom Sitzloch hinab Richtung Misthaufen" erschien dem Kind ungewöhnlich lang. Das Spezielle jenes Ortes aber war das Licht, das durch das Holz des Verschlags schimmerte. Von "Gestank" weiß Handke nichts zu berichten, ihm fällt aber eine örtliche Anekdote ein: dass ein Kind dem Pfarrer im Auftrag der Eltern Birnen brachte - "Birnen vom Scheißhausbaum", wie es sagte.
Bekanntlich besuchte Handke ab 1954 auf eigenen Wunsch das Marianum in Maria Saal; am ersten Tag wagte er es nicht, nach der Toilette zu fragen: Er machte sich im Speisesaal, nachdem der Präfekt den Segen gesprochen hatte, in die Hose. Starr saß er bei Tisch. Und dann flüchtete er "zu der entlegensten und verstecktesten Toilette" im Internat: "Erstmals war ich es, war es meine Person, um die es ging an dem Stillen Ort." Die Toilette begann "Fluchtraum" und "Asylort" zu werden.
Mit Leichtigkeit erzählt Handke, wie er, erstmals allein unterwegs, in Spittal eine Nacht in der Bahnhofstoilette verbrachte: Obwohl er die Eintrittsgebühr (einen Schilling) entrichtet hatte, empfand er sich als "Illegaler", der kein Recht hatte, hier zu liegen.
1961 ging Handke nach Graz, um Jus zu studieren. Als Untermieter fand er die Tür zum Badezimmer oft verschlossen: In der Not wusch er sich mitunter die Haare auf der Fakultätstoilette. Eines Doppelgängers ansichtig, bemerkte er, dass er gar nicht so "einzelgängerisch und außenseiterisch" war, wie er geglaubt hatte. Und Mitte der 1960er-Jahre wurde er zum Popstar der Literatur, Handke begann zu reisen: Wäre der Versuch über den Stillen Ort ein Film, dann wäre die Sequenz jener Jahre rhythmisiert "von Blicken durch noch und noch Zugtoilettenlöcher hinab auf noch und noch Schienenstränge".
Die Idee vom Stillen Ort, der weit mehr ist als nur Zuflucht und Rückzugsgebiet ("Endlich allein!"), kam Handke Anfang der 1980er-Jahre in Japan - in der Tempelgartentoilette von Nara. Hier nun stößt man wieder auf das Programm, das Handke in der Langsamen Heimkehr (1979) und in Die Lehre der Sainte-Victoire (1980) entwickelt hat. Er stellt fest, dass er am Klo zum "Raumvermesser" wird, wie sein damaliges Alter Ego, Valentin Sorger, einer war. Und im Dämmerschimmer jener Toilette von Nara verwandelte er sich "flugs in jemand Sorglosen". Ihm kam der faustische Wunsch nach Dauer.  (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 9.10.2012)
Peter Handke: Versuch über den Stillen Ort. 18,46 Euro / 110 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2012

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Aborte des Lebens

12.10.2012 | 18:36 |  Von Klaus Kastberger (Die Presse)
In seinem „Versuch über den Stillen Ort“ beschäftigt sich Peter Handke
 mit seinen ganz besonderen Rückzugsräumen: den Klosetts.
Und nähert sich dabei zugleich dem Schreiben selbst.
)
Um gleich die eine Frage zu klären: Ja, bei dem Stillen Ort, um den es in diesem Buch geht, handelt es sich um das Klosett. Der Versuch, den Peter Handke dazu unternimmt, fokussiert auf jenen groß geschriebenen Stillen Ort sogar hauptsächlich, auch wenn uns der Text – da und dort – auch noch andere stille Orte bietet. An einer Stelle fällt für den Stillen Ort der derbe Begriff. Warum, so fragt sich der Schreibende, fällt ihm gerade jetzt, da er vom Abort im Haus des Großvaters (einem gezimmerten Brett mit Blick auf den Misthaufen) spricht, eine Anekdote ein, die seine Mutter erzählt hat. Ihr zufolge soll einstmals ein Kind dem Dorfgeistlichen einen Korb wunderschön geformter Früchte übergeben haben mit der Bemerkung: „Herr Pfarrer, ich soll Sie grüßen von meinen Eltern mit diesen Birnen vom Scheißhausbaum!“

Der Ironie entschlägt sich der Autor ganz. Nur einmal versucht er es kurz damit, kommt aber rasch zum Schluss, dass die Ironie, zumindest im Schriftlichen, nicht seine Sache sei. Den Einbettungen, die das Thema hat, und den Gefahren, die es bietet, entgeht Handke durch eine besondere Ernsthaftigkeit des Schreibens. Am Stillen Ort steht quasi seine Reputation als Schriftsteller auf dem Spiel. Das ist kein geringer Einsatz und verleiht dem Versuch von vornherein Stärke und Kraft.
Gerade auch im Sinn der Abweichung vom Gängigen setzt der „Versuch über den Stillen Ort“ die drei früheren Versuche des Autors fort, jenen über die „Müdigkeit“, den über die „Jukebox“ und den über den „geglückten Tag“. Diese Texte sind 1989/90 entstanden, den großen europäischen Umwälzungen jener Jahre setzten sie eine besondere Hinwendung zum Peripherien, Entlegenen und Unbeachtet-Gebliebenen entgegen. Frappant ist die Begeisterung für Dinge, die gerade im Entschwinden begriffen oder schon lange verschwunden sind.
Der „Versuch über den Stillen Ort“ bietet zunächst eine Bestandsaufnahme jener Stillen Orte, die im Leben des Autor von Bedeutung waren. Aber schon dabei kommt es weniger auf eine Beschreibung der konkreten Örtlichkeiten an, sondern auf eine Darlegung der Ideen, die sich bis heute mit ihnen verbinden. Was Handke in seinem Buch zunächst erzählt, ist tatsächlich die Geschichte seiner Klosetts. An die frühkindlichen Phasen in Berlin kann er sich nicht mehr erinnern, in Griffen dann lag auf dem Klo die slowenische Zeitung des Großvaters. Ein wichtiger Zufluchtsort war die Toilette im Internat. Höchst eindrücklich und ohne jegliche Scham schildert der Autor seinen ersten Tag an jenem Ort. Beim langen Sitzen im Saal habe er sich angemacht, bei den Mitschülern war er von da an unten durch, das Klo dann ein Ort der Befreiung.
In Handkes Werk bereits eingegangen (nämlich in die Bücher „Die Hornissen“ und „Die Wiederholung“) ist die Bahnhofstoilette in Spittal an der Drau. Dort hat der Heranwachsende einst mit seinem Seesack eine ganze Nacht verbracht, um gleich am nächsten Tag, nach Abbruch der geplanten großen Fahrt, ins Elternhaus zurückzukehren. Anschließend dann die Zeit in Graz, widergespiegelt in einer Toilette an der Uni, in der der Autor seine Haare zu waschen pflegte und dabei einmal mit einem seiner Professoren eine erzählenswerte Begegnung hatte. Mit der Engführung von Lebensgeschichte und Abort ist an diesem Punkt allerdings Schluss. Nicht eine Enzyklopädie der Stillen Orte, sondern eine Erzählung darüber legt Handke vor, wobei er auch die Methoden und Hilfsmittel beschreibt, deren er sich in der Entstehung des Textes bedient hat. Jahrzehntelang schon habe ihn das Projekt verfolgt, von zahlreichen Toiletten überall auf der Welt habe er Fotos gemacht, kulturgeschichtliche Abhandlungen gelesen und Freunde und Bekannte befragt.
Dies alles half ihm beim Schreiben nicht weiter. Präzise wie noch in keinem seiner Versuche beschreibt Handke die zugrunde liegende literarische Form. Seit dem gut 20 Jahre zurückliegenden Besuch einer Tempelgartentoilette im japanischen Nara, die in sich nichts als reine Geometrie war, habe ihn der Stille Ort „über das Ding und den Platz hinaus, als Idee“ verfolgt. Seitdem sei der Plan, darüber zu schreiben, für ihn zu einer Art „Vorwurf“ oder, wie Handke sagt, „ins Altgriechische übersetzt“, zu einer Art „Vorgebirge“ geworden, das im Schreiben zu umkurven sei, wobei das gedachte Schiff in diesem Zusammenhang die Sprache selbst verkörpert als die eines ständig umkreisenden oder umreißenden Erzählens.
Die Definition, die Handke hier gibt und die seinen Versuch in allen Details bestimmt, entspricht ziemlich exakt jener Antwort, die Theodor W. Adorno auf die Frage gegeben hat, wie denn ein Denken und Darstellen auszusehen hätte, das den Gegenstand seiner Begierde sanft umkreist und mit ihm kokettiert, anstatt ihn methodisch und begrifflich zu exekutieren oder etwa auch vor ihm in Anbetung zu erstarren. Der Essay in seiner abendländischen Tradition sei jene Form, die genau das vermag, und einen glänzenden Essay genau in diesem Sinn hat Handke geschrieben. Der Stille Ort in ihm ist letztlich ein erzählerisch konstruierter Ort, denn nur in der Art und Weise, in der Handke von ihm erzählt, gewinnt er Form und Kontur.
Am Ende des Versuchs wird klar, um was für einen Ort es sich handelt. Es ist ein Ort der Abgeschiedenheit und des Rückzugs, den ein jeder jederzeit aufzusuchen vermag mit dem einfachen Satz: „Ich muss schnell mal raus!“ Nicht um die Herstellung von Weltabgeschiedenheit geht es dabei, sondern darum, dass vom Stillen Ort Wege auch wieder in die Welt zurückführen. Eingepasst in eine Welt neuer Medien, die heute überallhin reichen, ist der Stille Ort gerade auch ein Ort der klassischen Medien von Handschrift und Buch.
Geschrieben an einem speziell abgeschiedenen Ort in Frankreich (der kleinen Gemeinde Marquemont im Vexin) zu einer speziellen Zeit (den vermeintlich dunkelsten Wochen des Jahres im Dezember) und in einer speziellen Form (Bleistift), wird für den Schreibenden das Schreiben selbst zu jenem Stillen Ort, an dem er sich versucht. Über den realen Toiletten seines Lebens errichtet er so einen imaginären Raum, der in sich eine unerbittliche Verteidigung des Lesens und Schreibens ist. Niemand muss mit diesem wunderbaren Buch aufs Häusl gehen, um das zu verstehen. ■


 



 

Man macht viel durch

Jedenfalls präsent in Frankfurt ist Peter Handke mit seinem neuen Buch, und er wird damit wohl alle überraschen. Nach drei "Versuchen" ("Über die Müdigkeit"/1989, "Über die Jukebox"/1990, "Über den geglückten Tag"/1991) nun also ein "Versuch über den Stillen Ort". Und es ist, was der Titel verspricht: eine Gedankensammlung über Toilettenerlebnisse. Das Plumpsklo des Großvaters Gregor mit dem "Sitzloch hinab Richtung Misthaufen", geschenkte "Birnen vom Scheißhausbaum". Eine volle Hose am ersten Tag im Maria Saaler Internat samt schamvollem Asyl am "Ab-Ort" . . . Ja, ein Mensch macht im übertragenen wie im eigentlichen Sinn viel durch. Die Berichte über Örtchen der Hochnotpeinlichkeit werden durch Handkes Erinnerungsschärfe, seinen hohen Erzählton und auch seine Ironie zur unpeinlichen philosophischen Klolektüre.
Wohin Peter Handke vor Lob und Hudel zu seinem bevorstehenden 70er am 6. Dezember flüchten wird, wissen wir nicht. Das Grazer Literaturhaus etwa böte guten WC-Schutz. Dort hat man jedenfalls vor, den Dichter ab 30. November mit einer Fotoausstellung von Lilian Birnbaum über sein Sandsteinhaus in Chaville südwestlich von Paris zu ehren sowie mit einer Lesung, in der Martin Ku?ej und dessen Frau Sophie von Kessel das Gewicht von Handkes Welt messen werden.
Peter Handke. Versuch über den Stillen Ort, Suhrkamp, 109 Seiten, 17,95 Euro.
http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/kultur/3138164/birnen-vom-scheisshausbaum.story

Peter Handke: Viele Worte zum stillen Ort

Schriftsteller schreibt kurz vor seinem 70. Geburtstag über die Toilette als Asylort.
Bei Peter Handke geht es natürlich immer um alles – die Existenz und das Schreiben. Aber Ironie kann er auch.
Bei Peter Handke geht es natürlich immer um alles – die Existenz und das Schreiben. Aber Ironie kann er auch.dpa
Bei Peter Handke geht es natürlich immer um alles – die Existenz und das Schreiben. Aber Ironie kann er auch.
Düsseldorf. An Peter Handke kommt dieses Jahr keiner vorbei. Nicht mal in Düsseldorf. Mag man da auch seit der peinlichen Posse um den Heinrich-Heine-Preis nicht mehr gern an ihn erinnert werden – 2006 sollte ihm die Auszeichnung erst zu–, dann wieder abgesprochen werden, weil er eine Rede am Grab von Serbenführer Slobodan Milosevic gehalten hatte. Am Ende verzichtete Handke auf den Preis.
Am 6. Dezember steht sein 70. Geburtstag an. Gleich drei Bücher erscheinen im Vorfeld. Bevor Anfang November sein „Notizbuch Nr. 4“ und „Der Briefwechsel“ mit Siegfried Unseld herauskommt, hat er gerade „Versuch über den Stillen Ort“ veröffentlicht.
Der Schriftsteller legt sich in der Bahn regelmäßig mit der Polizei an
Seit 1990 lebt Handke im französischen Chaville. Ein stiller Ort, wie man meinen möchte. Ab und an fährt er mit der Vorortbahn ins nahe Paris und bekommt dabei, wie er im Interview unlängst erzählte, schon mal Ärger mit der Polizei, weil er seine Füße aufs Polster (und auf eine Zeitung) legt. Zweimal habe er deswegen Strafe zahlen müssen. Als ob die nichts Besseres zu tun hätten. „Ich geh da sofort auf hundert hinauf!“ Ein Beamter zog sogar die Pistole. „Da ist viel Frustration bei diesen jungen Typen.“
So kennen wir Handke. So lieben wir Handke. Auch im aktuellen Buch, mit dem er an die „Versuchs“-Reihe der Jahre 1989 bis 1991 („Versuch über die Müdigkeit“, „Versuch über die Jukebox“, „Versuch über den geglückten Tag“) anknüpft, gibt sich der Österreicher provokant. Ist mit dem stillen Ort doch nicht Chaville gemeint, sondern der Stille Ort – ja, wirklich die Toilette!
„Nicht wenige Bücher habe ich gelesen, viele Photos habe ich betrachtet als Vorarbeit für diesen Versuch über den Stillen Ort. Aber kaum etwas davon hat in diesem seinen Platz gefunden.“ Es geht wie so oft bei Handke monomanisch um ihn selbst. Weil „Literatur nur dann verbindlich wird“, wie er einmal sagte, „wenn sie in die äußerste Tiefe des ICH hineingeht“.
Das Örtchen bot immer wieder Zuflucht für ganz verschiedene Nöte
Peter Handke, geb. 1942 im österreichischen Griffen, schaffte mit dem Stück „Publikumsbeschimpfungen“ 1966 den Durchbruch. Seitdem hat er zahlreiche Preise, 1973 auch den Büchner-Preis, gewonnen. Zu den bekanntesten Werken zählen „Die Angst des Tormanns vorm Elfmeter“ (1970) und „Wunschloses Unglück“ (1972). Zuletzt erschien im Frühjahr das Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“.
Er erzählt vom Örtchen des Großvaters in Kärnten, auf dem das Klopapier aus slowenischen Zeitungen gerissen war. Wie er sich als Junge am ersten Tag im Internat in die Hosen machte und auf eine abgelegene Toilette flüchtete. Oder Jahre später „in einer Art Halbkreis um die Klosettmuschel geringelt“ die Nacht auf dem Bahnhof von Spittal an der Drau verbracht hat, nachdem er mit Seesack von daheim losmarschiert war.
Weit über seine Schulzeit hinaus sei ihm das Klo zu einem „Asylort“ geworden. Der Gang auf den Stillen Ort zu einem „antisozialen Akt“. Ein „Ausdruck, wenn nicht von Gesellschaftsflucht, so doch von Gesellschaftswiderwillen, von Geselligkeitsüberdruss“.
Den eigenen Schädigungen spürt er mit unerreichter Leichtigkeit nach
Noch heute entziehe er sich so den Menschen. „Einsilbig geworden durch die Worte wie Wörter der andern, von ihnen zum Schweigen gebracht – angeödet – verödet.“ Später sei ihm das Lesen zum stillen Ort geworden.
Jeder, der mit Menschen zu tun hat, weiß, was gemeint ist. Die Leichtigkeit aber, mit der Peter Handke den eigenen Beschädigungen nachspürt, ist unerreicht. Schon in seinen jüngsten Texten ließ der Mann, der von sich selbst immer behauptet, er könne nicht lustig sein, eine eigene Art der Ironie aufblitzen. Und dennoch geht es bei diesem Autor immer um alles. Den Ernst des Lebens. Existenzielle Erfahrungen. Und natürlich ums Schreiben. Die bald 70 Lenze merkt man seinen Texten nicht an. Seine Sprache ist modern, schön, direkt. Wer sie mal laut vorliest, weiß, wie sehr sie klingt. Es ist immer wieder ein Genuss, Handke zu lesen. Sogar bei diesen sehr privaten Erfahrungen.

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