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Saturday, August 27, 2011

Peter Handke & Dragoljub Milanović


Belletristik

Die Geschichte des Dragoljub Milanović

Peter Handkes neues Buch
In Peter Handkes in diesem Sommer bei den Salzburger Festspielen uraufgeführtem Stück "Immer noch Sturm", seiner träumerischen Auseinandersetzung mit der eigenen Kärntner-slowenischen Familiengeschichte und der Geschichte des slowenischen Widerstandes gegen die Nazis, sagt das erzählende Ich: "Jetzt wollte ich endlich den Klartext reden, dem auszuweichen man seit jeher mir vorwirft - wieder nichts".
Der Klartext, die unverblümte Darstellung der Fakten, will diesem Schriftsteller nicht gelingen, nein, er misstraut vielmehr dem Klartext als Aussageform seit jeher. Und so verwandeln sich die Stoffe unter der Hand in Träume, in Visionen, in Erzählungen, oder auch in Polemik. Zu Missverständnissen, zu harter Kritik, zu Medienschelte vonseiten Handkes und journalistischen Gegenattacken führte das jahrelang vor allem immer dann, wenn es um Ex-Jugoslawien ging, vor allem um das Bild Serbiens, wie es medial vermittelt wird.

Und nun ein Buch, das eine ganz und gar wahre Geschichte aus Serbien erzählt. "Es ist hier eine Geschichte zu erzählen", lautet der erste Satz. Die Geschichte nämlich des ehemaligen Direktors des staatlichen serbischen Fernsehens und Radios, Dragoljub Milanović. Seit neun Jahren sitzt Milanović nicht in einem internationalen Gefängnis, nicht in Den Haag, er sitzt in einem serbischen Gefängnis, verurteilt von einem serbischen Gericht.

"Einem Holzstoß" erzählen

Ihm wurde zur Last gelegt, in der Nacht des 23. April 1999, vier Wochen nach Beginn der NATO-Intervention in Ex-Jugoslawien, seine Angestellten nicht gewarnt und geschützt zu haben, sie nicht in Sicherheit gebracht zu haben. Denn in jener Nacht wurde die serbische Fernseh- und Radiostation im Zentrum von Belgrad bombardiert, 16 Menschen starben, es gab viele Verletzte. Milanović selbst hatte den Sender nur wenige Stunden zuvor verlassen und entkam so dem Angriff. Handke hat Milanović im Gefängnis besucht und seine Geschichte aufgeschrieben.

Wem aber soll er sie erzählen, wo doch sowieso keiner zuhören will? Mit einem melancholischen Unterton heißt es: "einem Holzstoß", einem "leeren Schneckenhaus" oder "wie im Übrigen zum ersten Male, mir hier ganz allein". Das mag etwas nach Koketterie klingen, denn die Entscheidung, diese Geschichte zu veröffentlichen, mit dem zu erwartenden Effekt, dass sie im Radio und anderswo weiter- und nacherzählt wird, macht sie zu einer öffentlichen Geschichte. Peter Handke setzt seinen Namen für den Gefangenen ein, und er kritisiert eine Entscheidung, die er nach wie vor für ungerechtfertigt, ja, die er nach wie vor für ein Verbrechen hält: den NATO-Einsatz gegen Serbien, die Bombardierung Belgrads und anderer Städte mit den unvermeidlichen Opfern, die sich hinter dem Wort "Kollateralschäden" verbergen.

Um Ausgewogenheit bemüht

Diese Diskussion muss weitergehen, sie wird zum Gegenstand der Historiker werden, und sie wird auch Peter Handke vermutlich auch in Zukunft nicht loslassen. Doch die Polemik, der Skandal, die jahrelang jede Äußerung Handkes zu Jugoslawien begleiteten, sie sind auch von Seiten des Autors einer melancholischeren, ruhigeren, einer durchaus um Sachlichkeit und auch in der subjektiven Anschauung um Ausgewogenheit bemühten Haltung gewichen.

Diese Nachdenklichkeit kennzeichnet die große Erzählung "Die morawische Nacht" aus dem Jahre 2008, sie kennzeichnet den subjektiven Reisebericht der Kosovo-Erzählung "Die Kuckucke von Velika Hoća" von 2009, sie grundiert die erträumte Familiensage über die Kärntner Slowenen, das Stück "Immer noch Sturm".

Nur Kriegspropaganda?

Auf den ersten Blick scheint die kurze, nur 37 Seiten umfassende Geschichte des serbischen Fernsehdirektors von den genannten Büchern abzuweichen. Der Ton ist von deutlicher Ironie gekennzeichnet, wenn es um den Tony und den Bill geht, den ehemaligen britischen Premier Tony Blair und den ehemaligen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton und ihre Rechtfertigung des NATO-Einsatzes in Ex-Jugoslawien.

Dabei ging es und geht es auch um die Frage, ob das serbische Fernsehen tatsächlich nur Kriegspropaganda betrieben hat oder, wie Handke meint - und er bezieht sich auf seine subjektive Wahrnehmung der gesendeten Bilder 1999 - eben nicht. Denn dass den Bildern von den angerichteten Schäden und den Opfern des NATO-Einsatzes Bilder mit blühenden Landschaften eines unzerstörten Landes entgegengestellt wurden, das will der Erzähler nicht als Propaganda sehen.

Es geht auch hier wieder um eine Beurteilung der medialen Bilder, um deren von Handke so empfundene Einseitigkeit und manipulative Ausrichtung, die er während der Jugoslawien-Kriege heftig angriff. Erst eine objektive Medienanalyse, vorgenommen aus der Distanz einer um Objektivität bemühten Geschichtswissenschaft, wird das klären können. Das heißt: Handkes Erzählung erhebt nicht den Anspruch journalistischer Recherche oder historisch fundierter Urteile. Handke nennt explizit Titel von Büchern, in denen der Fall Milanović in allen Details abgehandelt wird. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn die Erzählung zunehmend visionäre, melancholische, immer aber auch poetisch-ironische Züge annimmt, das schließt sich zumal bei Handke nicht aus.

Wie Blätter im Wind

Man muss ganz genau lesen, denn es ist Handkes stupender Erzählkunst zu verdanken, die ein poetisches Bild mit Aussagen verbindet, die einen allgemeinen Wahrheitsanspruch erheben. An einer Stelle wird Klartext gesprochen, wenn es um die serbischen Kriegslügen geht: Der Luftdruck der Bombe, so erzählt es Handke, hat zur Folge gehabt, dass die grünen Studiobänder des Senders im Park um das zerstörte Gebäude an den Birken hängen blieben und wie Trauerfahnen oder tibetanische Gebetstücher im Winde wehten.

Zitat

Und jetzt lässt der Frühling, zwischen den grünen Birkenblättern, diese andersgrünen Bänder durch die Lüfte wehen. Unhörbar und unschädlich gemacht so all die Gräuelpropaganda, die Kriegslügen und insbesondere die Durchhaltegesänge, mobilgemacht aus sechs Jahrhunderten eines bloß eingebildeten Durchhaltens, und mobilgemacht eindeutig für Angriffszwecke, für Vertreibung, für Völkermord.

Ironische Zukunftsvision

Das Buch schließt mit einer ironischen Vision: Tony Blair und Bill Clinton unterschreiben eine Petition zugunsten des Gefangenen, spenden jeweils das horrende Honorar eines ihrer Vorträge für Milanović' Verteidigung und demonstrieren schließlich Hand in Hand vor dem Gefängnis für die Freilassung des Inhaftierten. Ja, Mister Blair will, "gar zur Orthodoxie konvertieren", sich taufen lassen, "wobei er als Ganzer, samt Kopf und Kragen, unter Wasser getaucht werden soll".

Und dann setzt der Erzähler seiner Vision noch eins drauf, und einen Moment lang, eine Schrecksekunde beim Lesen lang glaubt man, dass es wirklich so ist, dass man etwas verpasst hat in der Entwicklung der Weltgeschichte. Da steht dann, dass im August 2012 eine ultimative Weltfriedenskonferenz in dem verstaubten Ort stattfinden wird, im Schlossgasthaus jener Stadt, in der Dragoljub Milanović im Gefängnis sitzt, und dass der Internationale Gerichtshof in Den Haag die Fallgeschichte aufnimmt und Milanović Gerechtigkeit widerfährt.

Das serbische Fernsehen ist inzwischen eines der besten und demokratischsten der Welt und der Kosovo wirbt als albanischer Staat friedlich und gesamteuropäisch für die Qualität seiner Weine.

Das ist ein schönes Märchen, ein versöhnliches, eines, das so nur Peter Handke erzählen kann. Wer ihm daraus einen Strick drehen möchte, wird sich einigermaßen dabei verrenken müssen. Denn es geht ihm nicht darum, einen Fall in all seinen Details zu rekonstruieren, das haben andere getan und sollten es in vielen anderen Fällen tun; sondern es geht darum, und dafür ist die Literatur schließlich da, die Geschichte immer wieder anders zu erzählen. Das tut Peter Handke auch in diesem Büchlein mit einer beeindruckenden Gelassenheit und ironisch gefärbten Melancholie.
Text: Bernhard Fetz · 04.09.2011

SERVICE

Peter Handke, "Die Geschichte des Dragoljub Milanović", Jung und Jung Verlag

Jung und Jung - Peter Handke

Handkes politische Serben-Klage


Geschichte des Dragoljub Milanovic"

peter-handke-zurueck-in-serbien


Peter Handke zurück in Serbien

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 19.08.2011 - 02:30
Und schon wieder schreibt Peter Handke über Serbien! Dabei ist der Ausruf nicht der Wiederholung geschuldet, sondern Ausdruck einer Sorge, der österreichische Dichter könnte abermals Partei für Serbiens Kriegsverbrecher ergreifen. Doch seine "Geschichte des Dragoljub Milanovic" (Jung und Jung, 40 Seiten, neun Euro) ist der Rettungsversuch für einen Einzelnen: für den früheren Direktor des staatlichen Radiosenders RTS, der, nachdem die Nato das Gebäude am 23. April 1999 bombardiert hatte, noch von der serbischen Regierung für den Tod von 16 Angestellten verantwortlich gemacht wurde. Milanovic habe das Haus nicht evakuieren lassen, so die Anklage.
Seither sitzt er in Haft. Handke besucht ihn dort zweimal, spricht mit ihm, will wissen, was geschah. Dabei begegnet der Dichter einem Melancholiker und Lyriker, und man hat den Eindruck, als begegne der am serbischen Schicksal Leidende im Gefängnis seinem Spiegelbild. Aber Handke sieht auch, dass der Sender ein Symbol des Staates war, Propaganda lieferte. Auch RTS stellte das serbische Volk "als ein ganz besonderes, einmaliges, unvergleichliches, nach all den Bombennächten den Tag feierndes" dar. Ist das nun eine Verteidigungsschrift für Milanovic, ein Klageruf, eine Momentaufnahme aus Serbiens Nachkriegsgegenwart? Vor allem ist es ein weiteres Mosaik zu Handkes großem und vielleicht einzigem Lebensthema. Diesmal dient er Serbien mit seinen Worten: Unglaublich die Beschreibung der Birke gleich neben dem bombardierten Rundfunkhaus, mit all den Tonbändern, die "als spezielle Girlanden in einem fort hin und her schwingen".

also see: 
http://goaliesanxiety.blogspot.com/ for a Scott Abbott

Handkes politische Serben-Klage entgleist in Kitsch

Früher verteidigte Peter Handke Milosevic mit Inbrunst. In seinem neuen Essay verklärt er einen serbischen Fernsehdirektor, der ins Gefängnis musste.
Seit Mitte der 90er-Jahre ist der Dichter Peter Handke immer wieder durch Texte über Themen hervorgetreten, die mit den Folgen des Zerfalls Jugoslawiens zu tun haben. Meist kamen sie als politisch aufgeladene, in jedem Fall als pro-serbische Parteinahmen daher. Darin klagte Handke an: Die Nato dafür, dass sie Serbien bombardierte, und den Westen dafür, dass er Milosevic´ angeblich nicht verstand. So, als begreife nur er, der Dichter, was in Serbien und anderswo geschah, als sei er der echteste Erbwalter jugoslawischer Kultur und Tradition. Seine Polittexte klangen nach einer eingerasteten Taste, die nicht mehr herausspringen will.
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Peter Handke – ein Schriftstellerleben
Hubert Burda Birthday Reception
FOTO: GETTY IMAGESPeter Handke wurde 1942 in Griffen, Kärnten, geboren. Über die Mutter hat Handke slowenische Wurzeln.
In seinem neuesten Werk „Die Geschichte des Dragoljub Milanovic“ beklagt Handke wieder das Schicksal eines Serben. Der gleichnamige Leiter des serbischen Fernsehens war von einem serbischen Gericht zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden. Milanovic hatte 1999 den Sender nicht evakuiert, bevor die Nato-Bomber kamen, obwohl er einen Warnhinweis erhalten hatte. Man unterstellte Milanovic, Tote billigend in Kauf genommen zu haben, um die Nato dafür anzuklagen. Es starben 16 seiner Mitarbeiter.
Zum Fall I
FOTO: WIKIPEDIAIm April 1999 griff die Nato das Gebäude des Senders RTS in Belgrad an. 16 Mitarbeiter verloren ihr Leben
Auf diese Opfer geht Handke kaum ein. Er schreibt von der Zeit der Nato-Angriffe, als seien die Menschen in Belgrad und anderswo vor ihnen ständig auf der Flucht gewesen. Er selbst habe sich „zweimal für jeweils etwa eine Woche im unablässig bombardierten Land“ befunden. Handke zeichnet die Situation, als hätte sie viel gemein mit Berlin oder Dresden im Zweiten Weltkrieg. Tatsächlich aber blieb Belgrads Innenstadt von Angriffen unberührt, das Leben lief weiter wie gewohnt. Die Nato-Bomben fielen sehr selektiv in Außenbezirken. Bis auf die Bomben, die auf den Fernsehsender in der Stadt niedergingen.
Wer hat die 16 Opfer auf dem Gewissen? Der Bomberpilot oder der Fernsehdirektor? Handke hält Milanovic für unschuldig. Seine politisch induzierte Prosa erklingt jedoch im ständig falschen Ton. Er literarisiert nicht die Realität, er dokumentiert sie auch nicht anhand der Fakten, er bleibt irgendwo dazwischen hängen.
Halb Literatur, halb literarisch entgleisende Realfiktion. Und stellenweise auch Kitsch, wenn er Milanovic beschreibt: „Die Hände des seit fast zehn Jahren Eingesperrten lagen während des ganzen Gesprächs bewegungslos auf dem Besucherzellentisch, eine still über der anderen, bis am Ende der Stunden für einen Augenblick sich noch eine dritte Hand darüberlegte.“
Der Fall II
FOTO: PICTURE-ALLIANCE / DPA/EPAIm Jahr 2000 wurde RTS-Chef Dragoljub Milanovic (M.) von serbischen Demonstranten attackiert, weil er trotz Warnung den Sender bewusst nicht geräumt hatte
Handke verklärt sein Gegenüber. „Sein Kindergesicht, große stille Augen, Sanftheit um den Mund, der sich keinmal verzog, schon gar nicht nach unten ...“ Für was soll das sprechen? Sicher kann man diesen Häftling nicht mit den mörderischen, serbischen Soldaten bei Srebrenica vergleichen. Die muslimischen Väter und Söhne fielen aber auch auf die sanften Stimmen der serbischen Soldaten herein, die sie mit Versprechungen aus den Wäldern lockten – und wurden alle erschossen. Ein kindliches Gesicht schützt vor keiner Schuld.
Handke taugt nicht zum politischen Agitator, zu sehr lässt er Wut, Trauer, Trotz und Sarkasmus ineinander fließen. Wie bei jedem, der aus der Emotion heraus Politik betreibt, entstehen Fehler, Ungenauigkeiten. Handke interessiert sich nicht für das präzise Geschehen. Er fügt an: „wenn ich mich recht erinnere“ und: „oder so ähnlich“. Die literarische Form ermöglicht die Rettung ins Ungefähre.

Handkes Text bleibt halbgare Anklageschrift

Als literarisches Werk bietet das Buch, bis auf ein paar Seiten, wenig Genuss. An den seltenen Stellen, an denen Handke Natur und Beobachtung einfach so verschmilzt, gelingen ihm jedoch zart hingetupfte Sätze. Aber lohnen die wenigen Seiten das ganze Buch? Handke verausgabt sich im Politisch-Demonstrativen, sein Text bleibt eine halbgare Anklageschrift. Ob Milanovic zu Recht oder Unrecht verurteilt wurde, lässt sich nach der Lektüre seines Büchleins leider keinen Deut besser beurteilen als zuvor.
Peter Handke: Die Geschichte des Dragoljub Milanovic. Jung und Jung Verlag, Salzburg. 40 S., 9 Euro. Ab 25. August im Buchhandel.

http://www.nzz.ch/magazin/buchrezensionen/die_halbe_geschichte_1.12154062.html

Die halbe Geschichte

Peter Handke fordert Gerechtigkeit für den inhaftierten serbischen Fernsehdirektor Dragoljub Milanović

In einer Streitschrift prangert Peter Handke die Strafverschonung von Nato-Bomberpiloten an, die 1999 in Serbien Zivilisten töteten. Als Kollateral-Opfer dieser Kampagne macht er Dragoljub Milanović aus, den inhaftierten Direktor von Milosevics Staatsfernsehen. Eignet sich Milanović für diese Rolle?

Andreas Ernst
Die Bombenschäden am Komplex des serbischen Staatsfernsehens RTS beim Tasmajdan-Park in Belgrad sind repariert. Nur ein zerstörtes Gebäude, dem ein Treffer die Fassade wegrasierte, hat man stehen lassen. Als Denkmal? Als Anklage? In der Nacht auf den 23. April 1999 bombardierten Flugzeuge der Nato das Fernsehgebäude. Sechzehn Angestellte starben in den Trümmern, ebenso viele wurden verletzt. Bei diesem Ereignis setzt Peter Handkes «Geschichte des Dragoljub Milanović» ein, während des 78 Tage dauernden Krieges also, der den Verlust Kosovos und das Ende der Milosevic-Ära einleitete. Die Geschichte handelt vom damaligen Direktor von RTS, der, zwei Jahre nach der demokratischen Wende, von einem Belgrader Gericht zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Das Gericht hielt es für erwiesen, dass Milanović das Gebäude trotz Anweisung nicht rechtzeitig hatte räumen lassen. Seither sitzt er im Hochsicherheitsgefängnis Zabela in Pozarevac.
Handke weiss, dass die Geschichte eines doppelten Verlierers aus Serbien niemanden interessiert. Nicht die Parteigänger der siegreichen «Fernkrieger» der Nato und nicht die serbischen Verlierer, die jetzt lieber nach vorne schauen wollen. Es gebe keinen Adressaten für diese Geschichte, schreibt Handke, aber er müsse sie trotzdem erzählen, notfalls einem leeren Schneckenhaus, einem Holzstoss – oder «mir hier ganz allein». Dass es so weit nicht kommt, dafür hat der österreichische Verlag Jung und Jung gesorgt, der die 27-seitige Streitschrift herausgegeben hat. Was Handke antreibt, diese «Geschichte ohne Adressaten» zu erzählen, ist seine ausdauernde Wut darüber, wie im Westen dieser Krieg zur «humanitären Intervention» stilisiert worden ist. Seine Wut ist dort produktiv, wo sie westliche Heuchelei demaskiert. Doch sie vernebelt ihm den Blick, wenn es um die serbischen Zustände jener Jahre geht.
Dabei ist die Hauptthese des Textes durchaus bedenkenswert. Handke sieht den RTS-Direktor als Sündenbock, den man anstelle der Täter – des «Knopfdrückers» und der «Knopfdrückerchefs» – ins Gefängnis geschickt habe. Und tatsächlich: Wer Carla Del Pontes Biografie zur Hand nimmt, liest dort, wie die Untersuchungen der Chefanklägerin des Haager Kriegsverbrechertribunals gegen die Nato in Sachen Bombardierung ziviler Objekte ins Leere liefen. Genau wie in Belgrad, Zagreb oder Pristina rannte sie auch in Brüssel gegen den «muro di gomma» – doch anders als dort siegte hier der passive Widerstand von Politikern und Militärs gegen Strafuntersuchungen. Del Ponte gab auf. Sie war auf den Goodwill der Nato angewiesen, wenn sie ihre Untersuchungen gegen balkanische Verdächtige in Bosnien und Kosovo erfolgreich durchführen wollte.
Die Tat bleibt ungesühnt. Im Westen störte das nur wenige, wo viele Medien die Bombardierung des Senders als «Schlag gegen Milosevics Kriegsmaschine» schönredeten. Doch in Serbien richtet sich die Wut der Angehörigen der Bombenopfer gegen Milanović. Zumal ein Schriftstück zum Vorschein kam, das als Befehl zur Evakuierung des RTS-Gebäudes interpretiert wird. Zwar bestreiten Handke und die Verteidiger Milanovićs die Beweiskraft dieses Dokuments: Unterschrift, Absender, alles fehle, was daraus eine rechtskräftige Anweisung machen würde. Doch das Gericht entschied anders: Der ehemalige Fernsehdirektor verschwand hinter Gittern.
Handke hatte noch während des Krieges den Tatort im Mai 1999 besucht. Er schildert den zerstörten Sender, dessen Inneres nach aussen gekehrt ist. In den Bäumen des nahen Parks ist «ein ständiges Glitzern, Flittern und Flackern» zu beobachten: Es sind Girlanden aus Tonbändern, die von den Montagetischen durch den Luftdruck ins Freie geschleudert wurden. 2010 sucht der Schriftsteller auch zweimal den Täter auf, oder eben den Sündenbock, im Zabela-Gefängnis. Handke ist ein suggestiver Augenzeuge: Die Schilderungen der stummen Belgrader bei der Besichtigung der Bombenschäden oder des Gefängnisbesuchs in der Morawa-Ebene mit Krähen und Milan-Rufen in der Luft sind in ihrer poetischen Umständlichkeit präzis und erhellend. Doch das Porträt Milanovićs bleibt blass. Vielleicht weil Milanović für die ihm zugedachte Rolle doch nicht geeignet ist? Es gehe etwas Kindliches von ihm aus, schreibt Handke. «Unvorstellbar, dass dieser Mensch in der Epoche des Slobodan Milosevic oder wann ein Mächtiger gewesen war.»
Unvorstellbar? Aber dennoch Tatsache. Was wir bei Handke nicht lesen: Der 1948 geborene Milanović, der in Pristina studierte, wurde 1992 Informationschef von RTS und 1995 Direktor des Hauses. Er pflegte eine nahe Beziehung zum Autokraten, war verantwortlich für die Entlassung Dutzender «unbotmässiger» Journalisten und war für jene nationalistische Propaganda und Verhetzung der Opposition besorgt, für die sich der Sender im Mai 2011 bei Volk und Nachbarn entschuldigte. RTS gehörte, zusammen mit der Tageszeitung «Politika», zu den ersten und übelsten Sprachrohren des Regimes. In Oppositionskreisen sprach man von der «Bastille» und liess sie folgerichtig beim Umsturz am 5. Oktober 2000 in Flammen aufgehen. Milanović wurde von Demonstranten verprügelt.
Um seine Sündenbockthese rein zu halten, erzählt uns Handke nur die halbe Geschichte des Dragoljub Milanović. Und so bleibt natürlich auch die Erkenntnis halbiert. Es stimmt schon: Die Sieger dieses Krieges massen sich mit andern Ellen als die Verlierer, und in Bezug auf die Bombardierung hängt über dem Haager Kriegsverbrechertribunal der Verdacht der Siegerjustiz. Aber exkulpiert dies automatisch die Verlierer? Weshalb eigentlich kann Handke, dieser herausragende Sprachkünstler, nur den Skandal der RTS-Bombardierung, aber nicht auch die Katastrophe des Milosevic-Systems sehen?




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