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Thursday, February 23, 2012

VERSUCH UEBER DIE MUEDIGKEIT/ ESSAY ON TIREDNESS

http://robin.meier.free.fr/Versuch.pdf

Während eines Monats im März 1989 schreibt Peter Handke – er ist von seiner Reise durch die Welt nach Europa zurückgekehrt und hat in Paris noch keine Bleibe gefunden – im spanischen Linares den ersten seiner berühmten »Versuche«: »Versuch über die Müdigkeit«. Die in der Allgemeinheit negativ verstandene Müdigkeit wird in diesem Versuch, einem erzählerischen Dialog des Autors mit sich selbst, über Formen und Bilder von Müdigkeit, zu einer Grundvoraussetzung erfüllten Lebens: „Die Inspiration der Müdigkeit sagt weniger, was zu tun ist, als was gelassen werden kann.“


Peter Handke
Versuch über die
Müdigkeit
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Und aufgestanden vom Gebet, kommend zu den Jüngern, fand er sie eingeschlafen vor Betrübnis
Lukas 22,45
3
Früher kannte ich nur Müdigkeiten zum Fürchten.
Wann früher?
In der Kindheit, in der sogenannten Studienzeit, ja noch in den Jahren der frühen Lieben, gerade
da. Während einer der Christmetten sass das Kind inmitten der Angehörigen in der
dichtbevölkerten, blendhellen, von den bekannten Weihnachtsliedern schallenden Heimatkirche,
umgeben von Tuch- und Wachsgeruch, und wurde befallen von der Müdigkeit mit der Wucht
eines Leidens.
Was für ein Leiden?
Wie man Krankheiten „hässlich“ oder „bösartig“ nennt, so war diese Müdigkeit ein hässliches
und bösartiges Leiden; welches darin bestand, dass es entstellte, sowohl die Umgebung – die
Kirchenbesucher zu einpferchenden Filz- und Lodenpuppen, den Altar samt blinkendem Aufputz
in der undeutlichen Ferne zu einer Stätte der Torturen, begleitet von den wirren Ritualen und
Formeln der Ausführer – als auch das Müdkranke selber, zu einer Groteskfigur mit
Elefantenkopf, auch so schwer, so trockenäugig, so wulsthäutig; entzogen durch die Müdigkeit
dem Stoff der Welt, in diesem Fall der Winterwelt, der Schneeluft, der Menschenleere, etwa auf
jenen Schlittenfahrten nachts unter den Sternen, wenn die anderen Kinder allmählich in die
Häuser verschwunden waren, weit über die Ränder des Dorfes hinaus, allein, begeistert:
vollkommen da, in der Stille, im Sausen, im Blau des vereisenden Wegs – „es zieht an“, sagte
man von solcher wohligen Kälte. Nun aber, dort in der Kirche, die ganz andere Kälteempfindung
des von der Müdigkeit als einer Eisernen Jungfrau Umschlossenen, und es, das Kind, ich bettelte
mitten in der Mette heim, was fürs erste einmal bloss „hinaus!“ hiess, und verdarb seinen
Angehörigen damit eine der ohnehin, durch das Schwinden der Bräuche, immer selteneren
Gemeinschaftsstunden mit den anderen Bewohnern der Gegend (wieder einmal).
Warum beschuldigst du dich (wieder einmal)?
Weil die Müdigkeit von damals selbst schon verbunden war mit einem Schuldgefühl, von diesem
sogar noch verstärkt wurde, zum akuten Schmerz. Wieder einmal versagst du in der
Gemeinschaft: zusätzlich ein Stahlband um die Schläfen, zusätzlich ein Blutentzug vom Herzen;
noch Jahrzehnte danach wiederholt eine jähe Scham über jene Müdigkeiten; seltsam nur, dass mir
von den Angehörigen später zwar einiges vorgehalten wurde, nie aber sie...
War es dann ähnlich mit den Müdigkeiten der Studienzeit?
Nein. Kein Schuldgefühl mehr. Die Müdigkeit in den Hörsälen liess mich mit den Stunden im
Gegenteil sogar aufsässig oder aufbegehrend werden. Es war in der Regel weniger die schlechte
Luft und das Zusammengezwängtsein der Studentenhunderte als die Nichtteilnahme der
Vortragenden an dem Stoff, der doch der ihre sein sollte. Nie wieder habe ich von ihrer Sache so
unbeseelte Menschen erlebt wie jene Professoren und Dozenten der Universität; jeder, ja, jeder
Bankangestellte, beim Hinblättern der, gar nicht seiner, Scheine, alle Strassenteerer in den
Hitzeräumen zwischen Sonne ober und Teerkoch unten wirkten beseelter. Wie mit Sägemehr
ausgestopfte Würdenträger, deren Stimmen keinmal von dem was sie besprachen, in ein
Schwingen des Staunens (des guten Lehrers selber über seinen Gegenstand), der Begeisterung,
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der Zuneigung, des Sich-Fragens, der Verehrung, des Zorns, der Empörung, des Selber-nicht-
Wissens gebracht wurden, viel mehr unablässig nur leierten, abhakten, skandierten – freilich
nicht im Brustton eines Homer, sondern dem der vorweggenommenen Prüfung -, höchstens
zwischendurch mit dem Unterton eines Witzelns oder einer hämischen Anspielung für
Eingeweihte, während es draussen vor den Fenstern grünte und blaute und dann schon dunkel
wurde: bis die Müdigkeit des Hörers in Unwillen, der Unwille in Übelwollen umschlug. Wieder,
wie in der Kinderzeit, das „Hinaus! Weg von euch allen hier!“ Nur wohin? Heim, wie damals?
Dort aber, in der Mietkammer, war jetzt während der Studienzeit eine andere neuartige, im
Elternhaus unbekannte Müdigkeit zu befürchten: die Müdigkeit in einem Zimmer, am Rand der
Stadt, allein; die „Alleinmüdigkeit“.
Aber was war an der zu fürchten? Stand nicht neben Stuhl und Tisch in der Kammer gleich das
Bett?
Das Schlafen als Ausweg kam nicht in Frage: Zunächst einmal wirkte sich jene Art der
Müdigkeit aus in einer Lähmung, aus der heraus in der Regel nicht einmal ein Krümmen des
kleinen Fingers, ja kaum ein Wimpernzucken möglich war; selbst das Atmen schien ins Stocken
geraten, so dass man sich erstarrt bin ins Innerste fühlte zu einer Müdigkeitssäule; und wenn doch
einmal der Schritt ins Bett geschafft wurde, dann kam es, nach einem schnellen,
ohnmachtsähnlichen Wegschlafen – keine Empfindung von Schlaf -, beim ersten Umdrehen zum
Aufwachen hinein in die Schlaflosigkeit, meist ganze Nächte lang, denn die Müdigkeit im
Zimmer allein pflegte immer am späten Nachmittag oder am frühen Abend hereinzubrechen, mit
der Dämmerung. Von der Schlaflosigkeit haben andere schon genug erzählt: wie sie am Ende
dem Schlaflosen sogar das Weltbild bestimmt, so dass er Dasein, beim besten Willen, nur noch
als Unglück, jedes Handeln als sinnlos, jede Liebe als lächerlich sehen kann. Wie der Schlaflose
daliegt bis hinein ins Fahllicht des Morgengrauens, das ihm die Verdammnis bedeutet, über ihn
allein da in seiner Schlaflosigkeitshölle hinaus des ganzen fehlgeratenen, auf den falschen
Planeten verschlagenen Menschenwesen... Auch ich war in der Welt der Schlaflosen (und bin es,
immer wieder, noch jetzt). Die ersten Vögel noch in der Finsternis, im Vorfrühlich: wie österlich
sonst oft – wie hohnvoll aber nun hereinschrillend zum Zellenbett, „wieder-ei-ne-Nacht-ohne-
Schlaf“. Das Schlagen der Kirchturmuhren jede Viertelstunde, gut vernehmbar auch die
entferntesten, als Ankünder wieder eines üblen Tages. Das Fauchen und Kreischen zweier
übereinander herfallender Kater in der Reglosigkeit als das Laut- und Deutlichwerden des
Bestialischen im Zentrum unserer Welt. Die angeblichen Lustseufzer und –schreie einer Frau, in
ebenso stehender Luft unvermittelt einsetzend, wie wenn, genau über dem Schädel des
Schlaflosen, auf Knopfdruck eine in Serie erzeugte Maschine anspränge, als das plötzliche
Fallenlassen unser aller Zuneigungsmasken und das Hervorkehren panischer Selbstsucht (da liebt
kein Paar, sondern wieder einmal ein jeder lauthals allein sich) und Gemeinheit. Episodische
Stimmungen der Schlaflosigkeit – den beständig Schlaflosen freilich, so verstehe ich jedenfalls
deren Erzählungen, können sie endgültig erscheinen, sich fügen zu Gesetzlichkeiten.
Aber du, der doch nicht chronisch Schlaflose: Bist du nun darauf aus, vom Weltbild der
Schlaflosigkeit zu erzählen oder dem der Müdigkeit?
Auf dem natürlichen Weg über jenes der Schlaflosigkeit von dem der Müdigkeit, oder, richtiger,
in der Mehrzahl: Ich will erzählen von den unterschiedlichen Weltbildern der verschiedenen
Müdigkeiten. – Wie zum Fürchten war etwa seinerzeit die Art der Müdigkeit, die sich zusammen
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mit einer Frau ergeben konnte. Nein, diese Müdigkeit ergab sich nicht, sie ereignete sich, als ein
physikalischer Vorgang; als Spaltung. Und sie traf auch nie mich allein, sondern jedesmal
zugleich die Frau, so als käme sie, wie ein Wetterumschlag, von aussen, aus der Atmosphäre,
vom Raum. Da lagen, standen oder sassen wir, gerade noch selbstverständlich zu zweit, und von
einem Moment zum andern unwiderruflich getrennt. Ein solcher Moment war immer einer des
Erschreckens, manchmal sogar des Entsetzens, wie bei einem Sturz: „Halt! Nein! Nicht!“ Aber
nichts half; die beiden fielen schon, unaufhaltsam weg voneinander, ein jeder in seine höchste
eigene Müdigkeit, nicht unsere, sondern meine hier und deine dort. Mag sein, dass die Müdigkeit
in diesem Fall nur ein anderer Name für Gefühllosigkeit oder Fremdheit war – doch für den
Druck, der auf dem Umkreis lastete, war sie das der Sache gemässe Wort. Auch wenn der Ort des
Geschehens zum Beispiel ein grosses klimatisiertes Kino war: Es wurde heiss und eng. Die
Sesselreihen krümmten sich. Die Farben auf der Leinwand wurden schwefelig und bleichten dann
aus. Wenn wir einander zufällig berührten, zuckten eines jeden Hände weg von einem widrigen
Stromschlag. „Am späten Nachmittag des ... brach über das Apollo-Kino von ... aus heiterem
Himmel eine katastrophale Müdigkeit herein. Zum Opfer fiel ihr ein junges Paar, das, eben noch
Schulter an Schulter, von der Müdigkeitsdruckwelle auseinanderkatapultiert wurde und am Ende
des Films, der im übrigen von der Liebe hiess, ohne noch einen Blick oder ein Wort für den
andern, für immer getrennte Wege ging.“ Ja, solch entzweiende Müdigkeiten schlugen einen
jeweils mit Blickunfähigkeit und Stummheit; nicht und nicht hätte ich zu ihr sagen können: „Ich
bin deiner müde“, nicht einmal ein einfaches „Müde!“ (was, als gemeinsamer Aufschrei, uns
vielleicht aus den Einzelhöllen befreit hätte): Solche Müdigkeiten brannten uns das
Sprechenkönnen, die Seele, aus. Wären wir dann doch tatsächlich imstande gewesen, getrennte
Wege zu gehen! Nein, jene Müdigkeiten bewirkten, dass die im Innern Entzweiten aussen, als
Körper, zusammenbleiben mussten. Dabei kam es dann das die beiden, von dem Müdteufel
besessen, selber zum Fürchten wurden.
Zu fürchten von wem?
Jeweils vom andern. Jene Art Müdigkeit, sprachlos, wie sie bleiben musste, nötigte zur Gewalt.
Diese äusserte sich vielleicht nur im Blick, der das andre entstellte, nicht bloss als einzelne
Person, sondern auch als das andere Geschlecht: Hässliches und lächerliches Weiber- oder
Männer-Geschlecht, mit diesem eingefleischten Frauengang, mit diesen unverbesserlichen
Männerposen. Oder die Gewalt ereignete sich versteckt, an etwas Dritten, im wie beiläufig
Erschlagen einer Fliege, im wie zerstreuten Zerrupfen einer Blume. Es geschah auch, dass man
sich selber wehtat, indem die eine sich die Fingerkuppen zerbiss, indem der andre in eine Flamme
griff; indem er sich die Faust ins Gesicht schlug, indem sie sich, wie ein Kleinkind, nur ohne
dessen Schutzschichten, platt auf die Erde warf. Manchmal fiel ein solcher Müden den mit ihm
Mitgefangenen, den Feind oder die Feindin, aber auch leibhaftig an, wollte ihn aus dem Weg
schlagen, versuchte sich mit hingestammelten Schmähungen von ihr freizuschreien. Diese
Gewalt der Paares-Müdigkeit war immerhin noch der einzige Ausweg aus ihr; denn danach
gelang in der Regel wenigstens das Auseinandergehen. Oder die Müdigkeit machte Platz für eine
Erschöpfung, in der man endlich wieder Luft kriegte und sich besinnen konnte. Einer kehrte dann
vielleicht doch zum andern zurück, und man starrte einander verwundert an, noch durchzittert
vom gerade Geschehenen, ausserstande, es zu begreifen. Daraus konnte dann wieder ein
Anblicken des anderen werden, aber mit ganz neuen Augen: „Was ist uns nur da zugestossen, im
Kino, auf der Strasse, auf der Brücke?“ (Man fand auch die Stimme wieder das auszusprechen,
unwillkürlich gemeinsam, oder der junge Mann für die junge Frau, oder umgekehrt.) Insofern
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mochte solch über die zwei Jungen verhängte Müdigkeit sogar eine Verwandlung bedeuten: der
unbekümmerten Verliebtheit des Anfangs in den Ernst. Keinem kam es in den Sinn, den andern
zu beschuldigen für das was er gerade getan hatte; es war statt dessen ein gemeinsames
Augenaufgehen für eine von den einzelnen Personen unabhängige Bedingtheit in dem
Zusammensein, Zusammen“werden“, von Mann und Frau, eine Bedingtheit, die man früher zum
Beispiel „eine Auswirkung der Erbsünde“ genannt hat, und heutzutage ich weiss nicht wie. Wäre
es den beiden gelungen, dieser Müdigkeit zu entkommen, so würden sie in deren Erkenntnis, wie
nur je zwei einer Katastrophe Entronnene, hernach zeitlebens – hoffentlich! – zusammengehören,
und so eine Müdigkeit würde ihnen nie wieder zustossen, hoffentlich. Und sie lebten miteinander
glücklich und zufrieden, bis etwas anderes – viel weniger rätselhaft, viel weniger zu befürchten,
viel weniger zu bestaunen als jene Müdigkeit, zwischen sie träte: das Alltägliche, der Kram, die
Gewohnheiten.
Aber gibt es die entzweienden Müdigkeiten denn nur bei Mann und Frau, und nicht ebenso
zwischen Freunden?
Nein. Sooft ich in der Gesellschaft eines Freundes eine Müdigkeit spürte, war das überhaupt
keine Katastrophe. Ich erlebte sie als den Lauf der Dinge. Wir waren schliesslich nur auf Zeit
zusammen, und nach dieser Zeit würde jeder wieder seiner Wege gehen, im Bewusstsein der
Freundschaft auch nach einer matten Stunde. Die Müdigkeiten unter Freunden waren
ungefährlich – de zwischen den jungen, meist auch noch nicht lang miteinander umgehenden
Paaren dagegen eine Gefahr. Anders als in der Freundschaft stand in der Liebe – oder wie jenes
Voll- und Ganzseinsgefühl nennen? – mit dem Losbrechen der Müdigkeit plötzlich alles auf dem
Spiel. Entzauberung; mit einem Schlag schwanden die Linien aus dem Bild des andern; er, sie
ergab binnen einer Schrecksekunde kein Bild mehr; das Bild der Sekunde zuvor war bloss eine
Luftspiegelung gewesen: So konnte es von einem Moment zum andern zwischen zwei Menschen
aus sein – und das am meisten Erschreckende war, dass es dadurch auch mit einem selber aus zu
sein schien; man fand sich selber so hässlich, oder, ja: nichtig wie den andern, mit dem man doch
eben noch spürbar eine Daseinsweise verkörpert hatte („ein Leib und eine Seele“); man wollte
sich, ebenso wie das verdammte Gegenüber, auf der Stelle ab- oder weggeschafft; sogar die
Dinge um einen fielen auseinander zu Nichtsnutzigkeiten („wie müde und verwohnt der
Schnellzug vorbeiweht“ – Erinnerung an die Gedichtzeile eines Freunds): Jene Paares-
Müdigkeiten hatten die Gefahr, auszugreifen als Lebensmüdigkeit, über einen allein hinaus auch
des Universums, des schlappen Laubs in den Bäumen, des jäh wie lahm fliessenden Flusses, des
ausbleichenden Himmels. – Da derartiges aber immer nur geschah, wenn Frau und Mann
miteinander allein waren, vermied ich mit den Jahren all die längerdauernden „Unter-vier-
Augen“-Situationen (was auch keine Lösung war, oder eine feige).
Jetzt ist es Zeit für eine ganz andere Frage: Erzählst du von den zu fürchtenden, bösartigen
Müdigkeiten denn nicht nur aus Pflichtbewusstsein – weil sie zu deinem Thema gehören -, und
darum auch so wie mir vorkommt, schwerfällig, langwierig, bei aller Übertreibung – die
Geschichte von der gewalttätigen Müdigkeit war doch übertrieben, wenn nicht erfunden –
halbherzig?
Nicht bloss halbherzig war von den schlimmen Müdigkeiten bisher die Rede, sondern herzlos.
(Und das ist kein blosses Wortspiel, das um seiner selbst willen eine Sache verrät.) Nur betrachte
ich die Herzlosigkeit meines Erzählens in diesem Fall nicht als einen Fehler. (Abgesehen davon
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ist die Müdigkeit nicht mein Thema, sondern mein Problem – ein Vorwurf, dem ich mich
aussetzt.) Und ich möchte auch für das Weitere, für die nichtargen, die schöneren und schönsten
Müdigkeiten, die mich angestachelt haben zu diesem Versuch, gleich herzlos bleiben: Es soll mir
genügen, den Bildern nachzugehen, die ich habe von meinem Problem, mich dann jeweils,
wörtlich, ins Bild zu setzten und dieses mit der Sprache, samt seinen Schwingungen und
Windungen, zu umzirkeln, möglichst herzlos. Im Bild zu sein (zu sitzen), das genügt mir schon
als Gefühl. Wenn ich mir für die Fortsetzung des Versuchs von der Müdigkeit ein Zusätzliches
wünschen dürfte, so wäre es eher eine Empfindung: die Empfindung der Sonne und des
Frühlingswinds der andalusischen Morgen dieser Märzwochen jetzt draussen in der Steppe vor
Linares zwischen den Fingern zu behalten für das Sitzen dann drinnen im Zimmer, damit diese
herrliche Empfindung der Finger-Zwischenräume, verstärkt noch durch die Duftschwaden der
Schuttkamillen, übergeht auch auf die kommenden Sätze rund um die guten Müdigkeiten; ihnen
gerecht wird und sie vom allem leichter macht als die vorangegangenen. Aber ich glaube schon
jetzt zu wissen: Die Müdigkeit ist schwer; das Problem der Müdigkeit, in jeder Spielart, wird
schwer bleiben. (In die Schwaden der wilden Kamille stösst auch immer wieder, und von Morgen
zu Morgen mehr, der allgegenwärtige Aasgeruch; nur will ich dessen Behecheln wie bisher den
dafür zuständigen, sich bestens davor nährenden Geiern überlassen.) – Also nun, am neuen
Morgen, auf, weiter, mit mehr Luft und Licht zwischen den Zeilen, wie es der Sache entspricht,
dabei aber stetig nah am Erdboden, nah beim Schutt zwischen der gelbweissen Kamille, mithilfe
des Gleichmasses der erlebten Bilder. – Es ist nicht ganz wahr, dass ich früher nur Müdigkeiten
zum Fürchten kannte. In der Kindheit damals, Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre,
war das Dreschen des Getreides mit der Maschine noch ein Ereignis. Es wurde nicht automatisch
gleich auf den Feldern abgewickelt – zur einen Seite des Automaten die Ähren hinein, zur andern
Seite das Herausfallen der mahlfertigen Säcke -, sondern fand daheim in den Scheunen statt, mit
einer Leihmaschine, die in der Dreschzeit von Hof zu Hof ging. Für den Vorgang des
Korndreschens wurde eine richtige Kette von Handlangern benötigt, von denen einer jeweils die
Garbe von dem im Freien stehenden, für die Scheune viel zu grossen und zu hoch beladenen
Wagen herunterwarf zum nächsten, der die Garbe, möglichst nicht mit der falschen, der
ungriffigen, der Ährenseite voran, weiterreichte zur Hauptperson drinnen an der dröhnenden, die
ganze Scheune vibrieren lassenden Maschine, wo die Garbe herumgeschwenkt und an den
Ährenspitzen sacht zwischen die Dreschzahnrollen geschoben wurde – grosses Prasseln, das da
jeweils losbrach -, worauf hinten dann da leere Stroh herausgeschlittert kam und, zum Haufen
geworden, vom nächsten Handlanger mit einer sehr langen Holzzinkengabel hinaufgehievt wurde
zu den letzten in der Kette, meist den vollzähligen Dorfkindern oben im Scheunendachboden, die
das Stroh in die hintersten Winkel zu schleppen und in die letzten freien Schlüpfe zu stopfen und
festzutreten hatten, je mehr sich davon zwischen ihnen auftürmte, desto mehr schon im Finstern.
Das alles dauerte, bis der Wagen vor dem Tor, sein Leichterwerden anzeigend durch ein
Lichterwerden in der Scheune, leer war, ohne Pause, in einem rasch ineinandergreifenden
Verlauf, den aber ein Fehlgriff sofort ins Stocken oder Schleudern brachte. Auch der letzte in der
Kette, gegen Ende der Dreschstunde oft schon eingezwängt, fast ohne Spielraum, zwischen den
Strohbergen, konnte, wenn er für das immer noch weiter rasch nachgeschobene Stroh nicht im
Handumdrehen noch im Dunkeln neben sich einen Platz fand, den Ablauf stören, indem er, nah
am Ersticken, von seinem Posten flüchtete. Aber war das Dreschen wieder einmal glücklich
vorbei, die alles übertönenden Maschine – auch keine Verständigung schreiend Mund an Ohr
möglich – abgeschaltet: Was für eine Stille, nicht nur in der Scheune, sondern im ganzen Land;
was für ein Licht, das, statt zu blenden, einen nun umging. Während sich die Staubschwaden
legten, versammelten wir uns mit wankenden Knien, taumelnd und torkelnd, das dann auch schon
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ein wenig im Spiel, draussen im Hof. Unsere Beine und Arme waren zerkratzt; Ährengräten
steckten in den Haaren, zwischen Fingern und Zehen. Das Nachhaltigste aber an diesem Bild sind
unsere Nasenlöcher: vom Staub nicht nur grau, sondern schwarz, bei den Männern, den Frauen
wie uns Kindern. So sassen wir – in meiner Erinnerung immer draussen in der Nachmittagssonne
– und genossen redend oder schweigend die gemeinsame Müdigkeit, von dieser, die einen auf der
Hofbank, die andern auf der Wagendeichsel, die dritten weiter weg schon im Gras der Bleiche,
tatsächlich wie versammelt, in einer episodischen Eintracht, auch aller Nachbarn, auch der
Generationen. Eine Wolke von Müdigkeit, eine ätherische Müdigkeit vereinte uns damals (bis
sich die nächste Garbenladung ankündigte). Bilder solcher Wir-Müdigkeiten aus der Dorfkindheit
habe ich noch mehr.
Verklärt da nicht die Vergangenheit?
Wenn die Vergangenheit so war, dass sie es schafft, zu verklären, so soll sie mir recht sein, und
ich glaube solcher Verklärung. Ich weiss, dass diese Zeit eine heilige war.
Aber ist der Gegensatz, den du da nahelegst, zwischen gemeinschaftlichem Handwerk und
Alleinarbeit, am Automaten, nicht eine blosse Meinung und also vor allem ungerecht?
Nicht auf so einen Gegensatz kam es mir mit dem Erzählen gerade an, sondern auf das reine Bild;
sollte aber, gegen meinen Willen, sich eine Gegensätzlichkeit aufdrängen, so hiesse das, es wäre
mir kein reines Bild zu erzählen gelungen, und ich muss mich im folgenden noch mehr als bisher
hüten, in der Darstellung des Einen dieses stillschweigend gegen ein Anderes auszuspielen – es
darzustellen auf Kosten des andern, wie es das Kennzeichen des Manichäischen – nur das Gute,
nur das Böse – ist, welches heutzutage sogar schon im Erzählen vorherrscht, der ursprünglich am
meisten von Meinungen freien, weitherzigsten Weise zu reden: Hier erzähle ich euch von den
guten Gärtnern, aber nur, um dort um so mehr von den bösen Jägern reden zu können. – Tatsache
ist aber, dass ich von den Müdigkeiten der Handwerker herzbewegende, erzählbare Bilder habe,
von denen der Automatenbediener dagegen (noch) keine. Damals, in der gemeinsamen Müdigkeit
nach dem Korndreschen, sah ich mich einmal unter so etwas wie einem Volk sitzen, einem Volk,
wie ich es mir später in meinem Land Österreich immer wieder gewünscht und immer mehr
vermisst habe. Nicht von „ganzer Völker Müdigkeiten“, den auf den Lidern eines einzelnen,
eines Spätgeborenen, lastenden, spreche ich, sondern von dem Wunschbild der Müdigkeit des
einen, bestimmten, kleinen Volkes der zweiten Nachkriegsrepublik: dass all deren Gruppen,
Stände, Bünde, Korps, Domkapitel einmal so rechtschaffen müde wie wir Dörfler damals
dasässen, gleich auf gleich in der gemeinsamen Müdigkeit, von ihr geeinigt und vor allem
gereinigt. Ein französischer Freund, ein Jude, der während der deutschen Besatzung versteckt
leben musste, erzählte einmal, natürlich verklärend, aber um so mehr einleuchtend, nach der
Befreiung sei dann „wochenlang ein Strahlen durch das ganze Land gegangen“: und so ähnlich
wäre auch meine Vorstellung von einer gemeinsamen österreichischen Werk-Müdigkeit. Aber:
Ein Übeltäter, ungeschoren davongekommen, nickt zwar oft ein, wo er sitzt oder steht, wie so
mancher unstet Flüchtige, schläft dann auch viel, tief und geräuschvoll – nur kennt er keine
Müdigkeit, geschweige denn jene, die verbindet; bis zu seinem letzten Röchler wird er durch
nichts mehr auf der Welt müde zu kriegen sein, es sei denn durch seine endliche, insgeheim
vielleicht sogar von ihm selber herbeigesehnte Bestrafung. Und mein ganzes Land ist durchsetzt
von derartigen Unermüdlichen, Putzmunteren, bis hin zu den sogenannten Führungskräften; statt
je auch nur für einen Augenblick den Zug der Müdigkeit zu bilden, setzt dreist sich in Szene ein
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wimmelnder Haufen fortgesetzter Gewalttäter und Handlanger, ganz andern als den oben
beschriebenen, von alt, noch nicht müde gewordenen Massenmord-Buben und –Dirndeln, der
landesweit eine Nachkommenschaft von gleichermassen ewig aufgeweckten Kerlchen
abgesondert hat, welche dabei sind, auch schon die Enkel zu Spähtrupps zu drillen, so dass in
dieser gemeinen Mehrheit für all die Minderheiten nie ein Platz sein wird zu der so nötigen
Sammlung in einem Volk der Müdigkeit; in diesem Staat wird ein jeder mit seiner Müdigkeit bis
ans Ende der Geschichte dieses Staats mit sich allein bleiben. Das Weltgericht, an das ich einmal
was unser Volk betrifft, tatsächlich einen Moment lang glaubte – ich brauche nicht zu sagen,
wann das war -, gibt es dem Anschein nach doch nicht; oder anders: die Erkenntnisse solch eines
Weltgerichts traten innerhalb der österreichischen Grenzen nicht in Kraft und werden, so mein
Denken nach der kurzen Hoffnung, da auch niemals in Kraft treten. Das Weltgericht gibt es nicht.
Unser Volk, musste ich weiter denken, ist das erste unabänderlich verkommene, das erste
unverbesserliche, das erste für alle Zukunft zur Sühne unfähige, umkehrunfähige Volk der
Geschichte.
Ist das jetzt nicht eindeutig bloss eine Meinung?
Es ist keine Meinung, sondern ein Bild: denn was ich dachte, sah ich zugleich. Meinung, und
damit unrichtig, ist daran vielleicht das Wort „Volk“; denn in dem Bild erschien mir eben kein
„Volk“, sondern der verstockte, zu Uneinsichtigkeit seiner entmenschten Taten und zum endlosen
Kreisgang verurteilte „Haufen der Unmüden“. Aber selbstverständlich widersprechen dem jetzt
sofort andere Bilder und verlangen wieder Gerechtigkeit; bloss gehen sie mir nicht so tief,
mildern nur. – Die Vorfahren, soweit sie überhaupt zurückzuverfolgen sind, waren Knechte,
Keuschler (Kleinstbauern ohne Ländereien) und, wenn sie eine Ausbildung hatten, immer
Zimmerleute. Die Zimmerleute in der Gegend waren es auch, die ich wiederholt zusammen als
jenes Volk der Müdigkeit sah. Es war damals die Zeit des ersten Bauens nach dem Krieg, und ich
als das älteste der Kinder wurde oft von den Frauen des Hauses, der Mutter, der Grossmutter, der
Schwägerin, mit dem warmen Mittagessen in den Kannen zu den verschiedenen Neubauten im
Umkreis geschickt; alle Männer des Hauses, die nicht im Krieg umgekommen waren, auch noch
eine Zeitlang der sechzigjährige Grossvater, arbeiteten dort mit anderen Zimmerleuten
(„Zimmerern“) an den Dachstühlen. In meinem Bild sitzen sie während der Mahlzeit neben dem
Rohbau – wieder jenes verschiedentliche Sitzen – auf den zum Teil schon behauenen Balken oder
den noch zu bearbeitenden geschälten Stämmen. Sie haben die Hüte abgenommen, und die
Stirnen unter den angeklebten Haaren erscheinen milchweiss verglichen mit den dunklen
Gesichtern. Alle wirken sie sehnig, schmächtig, dabei feingliedrig und zart; ich kann mich an
keinen schmerbäuchigen Zimmermann erinnern. Sie essen gemächlich und schweigsam, selbst
der deutsche Stiefvater, der „Hilfszimmermann“, der sich in der Land- und Dorffremde sonst nur
durch seine weltstädtische Grossmäuligkeit behaupten konnte (Friede sei ihm). Danach bleiben
sie noch eine Weile sitzen, leicht müde einander zugekehrt, und unterhalten sich, ohne Witze,
ohne Geschimpfe, ohne je die Stimmen zu heben, über ihre Familien, fast ausschliesslich diese,
oder, wie friedlich, das Wetter – nie über ein Drittes -, eine Unterhaltung, die dann übergeht in
die Arbeitseinteilung für den Nachmittag. Obwohl es unter ihnen einen Vorarbeiter gibt, ist mein
Eindruck, dass niemand das Sagen, das erste Wort hat; zu ihrer Müdigkeit gehört, dass bei ihnen
gleichsam niemand und nichts „herrscht“ oder auch nur „vorherrschend“ ist. Dabei sind sie mit
all den schweren, entzündeten Lidern – ein besonderes Merkmal dieser Müdigkeit – wachen
Sinnes; jeder die Geistesgegenwart in Person („Da!“ – Ein Apfel wird geworfen – „Hab ihn
schon!“); beseelt (immer wieder das mehrstimmige, unwillkürliche, unvermittelte Anheben des
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Erzählens: „Vor dem Krieg, als die Mutter noch gelebt hat, haben wir sie einmal im Krankenhaus
von St. Veit besucht und sind dann in der Nacht die fünfzig Kilometer durch das Trixener Tal zu
Fuss nach Hause gegangen...“). Die Farben und Formen jener Bilder vom fragmentarischen Volk
der Müdigkeit sind das Blau der Arbeitshosen, die roten Geraden hingeschnalzt von der
Richtschnur an den Balken, die roten und violetten ovalzylindrischen Zimmermannsbleistifte, das
Gelb der Zollstöcke, das Oval der Luftblase in der Wasserwaage. Die schweissnassen Haare an
den Schläfen sind nun getrocknet und bauschen sich; an den Hüten, wieder aufgesetzt, keine
Abzeichen, in den Bändern statt des Gamsbarts der Bleistift. Hätte es damals schon ein
Transistorradio gegeben, es wäre, so stelle ich es mir jedenfalls vor, dort von den Baustellen
ferngeblieben. Und trotzdem ist mir, als käme aus der Helligkeit der jeweiligen Orte etwas wie
eine Musik – die der feinhörigen Müdigkeit selbst. Ja: auch jener Augenschein, wieder weiss ich
es, war eine heilige Zeit – Episoden des Heiligen. – Zu diesem müden Volk freilich – anders als
zu dem an der Dreschmaschine – gehörte ich nicht dazu und beneidete es. Als ich dann aber
später, ein Heranwachsenden, einmal hätte dazugehören können, wurde das ganz anders als in der
Vorstellung des Essensträgers. Mit dem Tod der Grossmutter, dem In-die-Rente-Gehen des
Grossvaters, dem Aufgeben der Landwirtschaft hörte an dem Hof – nicht nur an diesem einen im
Dorf die grosse Hausgemeinschaft der Generationen auf, und meine Eltern bauten ein eigenes
Haus. Bei diesem Hausbau, bei dem jeder in der Familie, bis auf die Kleinstkinder, irgendwie
mittun musste, wurde ich eingespannt und erfuhr so eine ganz neue Müdigkeit. Die Arbeit, die in
den ersten Tagen vor allem darin bestand, eine Schiebtruhe vollbeladen mit Quadern bergauf zu
der für Laster unzugänglichen Baustelle zu bringen, auf über den Schlaff gelegten Brettern,
erlebte ich nicht mehr als unsere gemeinsame Arbeit, sondern als Schinderei. Die Mühsal des
langwierigen stockenden, vom Morgen bis zum Abend wiederholten Bergaufschiebens traf mich
mit solcher Wucht, dass ich keine Augen mehr hatte für irgend etwas um mich herum, nur noch
vor mich hinstarren konnte, auf die grauen, scharfkantigen Ziegelbrocken, die auf dem Steg sich
wälzenden grauen Zementströme, und vor allem die Übergänge zwischen den einzelnen Brettern,
wo ich in der Regel die Karre ein wenig anzuheben oder zu verschieben hatte, um über die
Kanten und Kurven zu kommen. Nicht selten kippte die Last da um, und ich mit. In diesen
Wochen bekam ich die Ahnung davon, was Fron- oder Sklavenarbeit sein kann. „Ich bin
erschlagen“, sagt die Umgangssprache: Ja, ich war am Ende der Tage, nicht nur die Hände wund,
sonder auch die Zehen verbrannt von dem zwischen sie gequollenen Zement, in mich
zusammengesunken, dahockend (nicht sitzend), erschlagen vor Müdigkeit. Unfähig zu schlucken,
brachte ich kein Essen hinunter, und auch sprechen konnte ich nicht. Und das besondere Zeichen
dieser Müdigkeit war vielleicht, dass es schien, es gäbe von ihr keine Erholung. Eingeschlafen
war man zwar fast auf der Stelle, erwachte aber im nächsten Morgengrauen, kurz vor
Arbeitsbeginn, noch schwerer müde als zuvor; als habe die Schufterei alles aus einem entfernt,
was zu einem noch so kleinen Lebensgefühl – Empfindung des Frühlichts, des Winds an den
Schläfen – gehörte, und zwar für immer; als gäbe es für solches lebendig Totsein ab jetzt kein
Ende mehr. Hatte ich vorher bei Unannehmlichkeiten nicht schnelle eine Ausrede gefunden,
diese und jene Schliche gekannt? Nun war ich sogar zu matt, mich auf die bewährten Weisen –
„ich muss lernen, mich aufs Internat vorzubereiten“; „ich gehe euch in den Wald Pilze suchen“ –
zu drücken. Und kein Zuspruch, der etwa aufhalf: Obwohl es doch um meine eigene Sache ging –
unser Haus -, liess von mir keinmal ab die Müdigkeit eines Fremdarbeiters; Müdigkeit, die
vereinzelte. (Es gab im übrigen noch mehr solche Arbeiten, die von der Gesamtheit gefürchtet
wurden, so das Graben der Wasserleitungsschächte: „Diese Arbeit ist ein Hund, ein Teufel!“
Wundersam dann nur, dass mit der Zeit jene Todmüdigkeit noch von einem wich und Platz
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machte der Zimmerleute-Müdigkeit? Nein, Platz machte einer Sportlichkeit, einem Akkord-
Ehrgeiz, begleitet von einer Art Galgenhumor.) –
Eine wieder andere Müdigkeitserfahrung war dann die mit der Schichtarbeit während der
Studierzeit, zum Geldverdienen. Man arbeitete da von frühmorgens – um vier stand ich auf für
die erste Strassenbahn, ungewaschen urinierte in der Kammer in ein leeres Marmeladenglas, um
die Hausleute nicht zu stören – bis in den frühen Nachmittag oben unter Dach bei künstlichem
Licht in der Versandabteilung eines Warenhauses, die Wochen vor Weihnachten und Ostern. Ich
riss alte Kartons auseinander und schnitt aus ihnen mit einer mächtigen Messerguillotine grosse
Rechtecke heraus, als Einlagen und Stützen für die neuen Kartons, nebenan verpackt im
Fliessbandraum (eine Tätigkeit, die mir auf die Dauer, wie früher zu Hause das Holzhacken und
–sägen, sogar guttat, indem sie die Gedanken dabei freiliess, durch ihren Rhythmus aber nicht zu
sehr). Jene neue Müdigkeit kam nun, sowie wir nach der Schicht hinaus auf die Strassen traten
und jeder dann seiner Wege ging. Jäh bekam ich da, allein in meiner Müdigkeit, blinzelnd,
bestaubte Brille, verschmutzter offener Hemdkragen, andere Augen für das vertraute
Strassenbild. Ich sah mich nicht mehr wie zuvor unterwegs zusammen mit denen, die da
unterwegs waren, in die Geschäfte, zum Bahnhof, zu den Kinos, in die Universität. Obwohl ich in
einer wachen Müdigkeit dahinging, ohne Schläfrigkeit, ohne Eingeschlossenheit in mich selbst,
fand ich mich ausgesperrt von der Gesellschaft, und das war ein unheimlicher Moment; als
einziger bewegte ich mich in die Gegenrichtung zu all den andern, hinein in die Verlorenheit. In
den Nachmittagshörsälen, die ich danach betrat wie verbotene Räume, konnte ich den
Leierstimmen noch weniger zuhören als sonst; was da gesagt wurde, war ja auch nicht für mich
bestimmt, der ich nicht einmal so etwas wie ein Gasthörer war. Ich sehnte mich dann Tag für Tag
mehr hinein in die müden Grüppchen der Schichtarbeiter oben im Dachboden, und jetzt, im
Nachspüren dieses Bildes, erkenne ich, dass ich schon seinerzeit, sehr früh, als Neunzehn-,
Zwanzigjähriger, lange, bevor ich mich ernsthaft an mein Schreiben machte, aufhörte, mich unter
den Studenten als ein Student zu fühlen, und das war kein angenehmes, eher ein banges Gefühl.
Fällt dir eigentlich auf, dass du Bilder der Müdigkeit, in leicht romantischer Manier, nur von
deinen Handwerkern und Keuschlern gibst, nie aber von Bürgern, weder grossen noch kleinen?
Ich habe an den Bürgern eben nie jene bildhaften Müdigkeiten erlebt.
Kannst du sie dir nicht wenigsten vorstellen?
Nein. Mir scheint, die Müdigkeit gehört sich für sie nicht; sie erachten sie als eine Art schlechten
Benehmens, wie das Barfussgehen. Und sie sind zudem ausserstande, ein Bild der Müdigkeit
abzugeben; denn ihre Tätigkeiten, die sind nicht so. Höchstens können sie am Ende dann eine
Sterbensmüdigkeit zeigen, wie hoffentlich wir alle. Und ebensowenig gelingt mir eine
Vorstellung von der Müdigkeit eines Reichen, oder Mächtigen, ausgenommen vielleicht der
abgedankten, wie der Könige Ödipus und Lear. Nicht einmal müder Werktätige sehe ich bei
Feierabend aus den heutigen vollautomatisierten Betrieben kommen, sondern herrscherlich
aufgereckte Leute mit Siegermienen und riesigen Baby-Patschhänden, die am nächsten
Spielautomaten um die Ecke ihre lässig-munteren Griffe gleich fortsetzen werden. (Ich weiss,
was du jetzt einwendest: „Auch du solltest, bevor du dergleichen sagst, erst richtig müde werden,
um das Mass zu bewahren.“ Aber: ich muss manchmal ungerecht werden, habe auch Lust dazu.
Und ausserdem bin ich, inzwischen im Nachgehen der Bilder, meinem Vorwurf angemessen,
ganz schön müde.) – Eine der Schichtarbeiter-Müdigkeit vergleichbare Müdigkeit lernte ich dann
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kennen, als ich endlich – es war meine einzige Möglichkeit – „schreibenging“, täglich,
monatelang. Wieder, wenn ich nachher in die Stadtstrasse kam, sah ich mich als nicht mehr
zugehörig zu der grossen Zahl da. Doch das begleitende Gefühl war in diesem Fall ein ganz
anderes: kein Teilnehmer an dem üblichen Alltag zu sein, machte mir nichts mehr aus; es gab mir
im Gegenteil, in meiner Schaffensmüdigkeit, nah an der Erschöpfung, sogar ein rundum wohliges
Gefühl: Nicht die Gesellschaft war unzugänglich für mich, sondern ich war es für sie, für jeden.
Was gingen mich eure Lustbarkeiten Feste, Umarmungen an – ich hatte ja die Bäume da, das
Gras, die Kinoleinwand, wo Robert Mitchum nur für mich seine unergründliche Miene spielen
liess, die Jukebox, wo Bob Dylan allein für mich sein „Sad-Eyed Lady of the Lowlands“ sang,
oder Ray Davies sein und mein „I’m Not Like Everybody Else“.
Waren solche Müdigkeiten aber nicht in Gefahr, umzuspringen in Hochmut?
Ja. Ich ertappte mich dann auch immer bei einem kalten, leuteverachtenden Hochmut oder, noch
ärger, bei einem herablassenden Mitleid für alle die ordentlichen Berufe, die doch nie im Leben
zu einer so königlichen Müdigkeit führen konnten wie der meinen. In diesen Stunden nach dem
Schreiben war ich ein Unberührbarer – unberührbar in meinem Sinn, sozusagen thronend, mochte
es auch irgendwo im letzten Winkel sein. „Rühr mich nicht an!“ Und liess der Müdstolze sich
doch einmal anrühren, so war das wie nicht gewesen. – Eine Müdigkeit als ein
Zugänglichwerden, ja als die Erfüllung des Berührtwerdens und selber Berührenkönnens, erlebte
ich erst viel später. Das geschah so selten, wie im Leben nur die grossen Ereignisse, und ist auch
schon lange nicht mehr eingetreten, so als sei es allein in einer bestimmten Epoche des
menschlichen Daseins möglich und wiederhole sich danach nur noch in Ausnahmezuständen,
einem Krieg, einer Naturkatastrophe oder einer anderen Notzeit. Die paarmal, die mir jene
Müdigkeit, welches Zeitwort gehört zu ihr? „beschert wurde“? „zufiel“?, befand ich mich auch
tatsächlich in einer persönlichen Notzeit, und traf dabei, zu meinem Glück, auf einen zweiten, der
in einer ähnlichen Not war. Und immer war dieses andere eine Frau. Die Notzeit allein genügte
nicht; es gehörte auch, damit jene erotische Müdigkeit uns verband, eine gerade bestandene
Mühsal dazu. Es scheint eine Regel zu sein, dass Mann und Frau, bevor sie, für Stunden, so ein
Traumpaar werden, beide erst einmal einen langen beschwerlichen Weg zurücklegen, sich an
einem dritten, ihnen beiden fremden Ort, möglichst fern von jeder Art Heimat – oder
Heimeligkeit – treffen und zuvor auch noch gemeinsam eine Gefahr oder auch bloss eine
langwierige Wirrnis, mitten im Feindesland, das auch das eigene sein kann, bestanden haben
müssen. Dann wird es möglich, dass jene Müdigkeit, in dem Endlich still gewordenen
Zufluchtsraum, den beiden, Mann wie Frau, Frau wie Mann, Ruck um Ruck zueinander hingibt,
so selbstverständlich, so innig, wie das, so bilde ich es mir jetzt ein, in gleichwelchen anderen
Vereinigungen, und wenn auch der Liebe, kein Vergleich ist; „wie ein Austauschen von Brot und
Wein“, so hat das ein anderer Freund genannt. Oder es kommt mir, um solch ein Einswerden in
der Müdigkeit zu umschreiben, eine Gedichtzeile in den Sinn:“...Worte der Liebe – ein jedes
lachte...“, welche jenem „Ein Leib und eine Seele“ entspricht, auch wenn um die beiden Körper
das Schweigen herrscht; oder ich möchte einfach abwandeln, was, in einem Film von Alfred
Hitchcock, die angesäuselt den (noch) eher distanzierten, sehr müden Cary Grant umschlingende
Ingrid Bergman sagt: „So lassen Sie doch – ein müder Mann und eine betrunkene Frau, das ergibt
doch ein müde Frau, das ergibt doch das schönste Paar.“ Oder es zeigt sich das „Mit dir“ als
einziges Wort, so wie im Spanischen hier das „contigo“ ... Oder in deutscher Form vielleicht statt
des: „Ich bin deiner –„ das: „Ich bin dir müde“. Den Don Juan stelle ich mir, nach solchen
seltenen Erfahrungen, nicht als einen Verführer, sondern als einen jeweils zur richtigen Stunde, in
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Gegenwart einer müden Frau, müden, einen immer-müden Helden vor, dem so eine jede in den
Schoss fällt – ohne ihm allerdings, sind die Mysterien der erotischen Müdigkeit dann vollbracht,
je nachzutrauern; denn was mit den beiden Müden war, wird ja für immer gewesen sein, auf
Lebenszeit: nichts Nachhaltigeres kennen solche zwei, als so ineinandergeraten zu sein, und
keiner von ihnen bedarf auch der Wiederholung, ja scheut gar davor zurück. Nur: Wie schafft
dieser Don Juan seine immer neuen, ihn und die nächste so wunderbar mürbe-machenden
Müdigkeiten? Nicht bloss eine oder zwei, sondern tausendunddrei derartiger Gleichzeitigkeiten,
die sich, bis zu den kleinsten Hautkuppen, auf Lebzeit in das Körperpaar einschrieben, eine jede
Regung wahrhaftig, untrügerisch, ohne einen einzigen Spielzug dazwischen – eben Ruck um
Ruck? Unsereiner jedenfalls war nach derlei raren Ekstasen der Müdigkeit verloren für das
übliche Körpertum und –getue.
Und was blieb dir danach noch übrig?
Noch grössere Müdigkeiten.
Gibt es denn in deinen Augen noch grössere Müdigkeiten als die gerade angedeuteten?
Vor mehr als zehn Jahren nahm ich ein Nachtflugzeug von Anchorage in Alaska nach New York.
Es war ein sehr langwieriger Flug, mit dem Start, lang nach Mitternacht, von der Stadt am Cook
Inlet – in den bei Flut die Eisschollen hochaufgerichtet hinein-, aus dem sie bei Ebbe dann
schwarzgrau geworden wieder hinaus in den Ozean galoppierten -, einer Zwischenlandung im
ersten Morgengrauen bei Schneetreiben in Edmonton/ Kanada, einer weiteren Zwischenlandung,
mit Kreisen in der Warteschleife, dann Anstehen unten auf der Piste, in der grellen
Vormittagssonne von Chicago, der Landung am stickigen Nachmittag weit draussen vor New
York. Endlich im Hotel, wollte ich mich sofort schlafenlegen, wie krank – von der Welt
abgeschnitten – nach der Nacht ohne Schlaf, Luft und Bewegung. Aber dann sah ich unten die
Strassen am Central Park weit von der Frühherbstsonne, in der, wie mir vorkam, festtäglich die
Leute sich ergingen, und im Gefühl, im Zimmer jetzt etwas zu versäumen, zog es mich hinaus zu
ihnen. Ich setzte mich auf eine Caféterasse in die Sonne, nah am Getöse und an den
Benzinschwaden, noch immer benommen, ja im Innern in ein beängstigendes Wanken gebracht
von meiner Übernächtigkeit. Doch dann, ich weiss nicht mehr wie, allmählich?, oder wieder
Ruck um Ruck? Die Verwandlung. Ich habe einmal gelesen, Schwermütige könnten ihre Krisen
überbrücken, indem sie über Nächte und Nächte am Schlafen gehindert würden; die in ein
gefährliches Schwanken geratende „Hängebrücke ihres Ich“ würde dadurch stabil. Jenes Bild
hatte ich vor mir, als nun in mir die Bedrängnis der Müdigkeit Platz machte. Diese Müdigkeit
hatte etwas von einem Gesundwerden. Sagte man nicht: „mit der Müdigkeit kämpfen“? – Dieser
Zweikampf war zuende. Die Müdigkeit war jetzt mein Freund. Ich war wieder da, in der Welt,
und sogar – nicht etwa, weil es Manhattan war – in ihrer Mitte. Aber es kam dann noch einiges
dazu, vieles, und eins eine grössere Lieblichkeit als das andere. Ich tat, weit bis in den Abend
hinein, nichts mehr als sitzen und schauen; es war, als bräuchte ich dabei auch nicht einmal
atemzuholen. Keine auffälligen wichtigtuerischen Atemübungen oder Yoga-Haltungen: Du sitzt
und atmest im Licht der Müdigkeit jetzt beiläufig richtig. Es gingen ständig viele, auf einmal
unerhört schöne Frauen vorbei – ein Schönheit, die mir zwischendurch die Augen nass machte -,
und sie alle nahmen mich im Vorbeigehen auf: Ich kam in Frage. (Eigenartig, dass vor allem die
schönen Frauen diesen Blick der Müdigkeit beachteten, so wie auch noch manch alte Männer und
die Kinder.) Aber keine Idee, dass wir, eine von ihnen und ich, darüber hinaus miteinander etwas
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anfingen; ich wollte nichts von ihnen, es genügte mir, ihnen endlich einmal so zuschauen zu
können. Und es war auch wirklich der Blick eines guten Zuschauers, bei einem Spiel, das erst
glücken kann, wenn wenigstens ein solcher Zuschauer dabeisitzt. Das Schauen dieses Müden war
eine Tätigkeit, es tat etwas, es griff ein: die Akteure des Spiels wurden besser durch es, noch
schöner – zum Beispiel, indem sie sich vor solchen Augen mehr Zeit liessen. Dieser langsame
Lidschlag liess sie gelten – brachte sie zu ihrer Geltung. Dem dergestalt Schauenden wurde von
der Müdigkeit seinerseits das Ich-Selbst, das ewig Unruhe stiftende, wie durch ein Wunder von
ihm weggenommen: alle sonstigen Verzerrungen, Angewohnheiten, Ticks und Sorgenfalten von
ihm abgefallen, nichts mehr als die gelösten Augen, endlich auch so unergründlich wie die
Robert Mitchums. Und dann: das selbstlose Schauen wurde tätig weit über die schönen
Passantinnen hinaus, bezog ein in sein Zentrum der Welt alles, was lebte und sich regte. Die
Müdigkeit gliederte – ein Gliedern, das nicht zerstückelte, sondern kenntlich machte – das
übliche Gewirr durch sie rhythmisiert zur Wohltat der Form – Form, soweit das Auge reichte –
grosser Horizont der Müdigkeit.
Auch die Gewaltszenen, die Zusammenstösse, die Schreie als wohltätige Formen im grossen
Horizont?
Ich erzähle hier von der Müdigkeit im Frieden, in der Zwischenzeit. Und in jenen Stunden war
Frieden, auch am Central Park. Und das erstaunliche ist, dass meine Müdigkeit dort an dem
zeitweisen Frieden mitzuwirken schien, indem ihr Blick jeweils schon die Ansätze zu Gesten der
Gewalt, des Streits oder auch nur einer unfreundlichen Handlung beschwichtigte? Milderte? –
entwaffnete, durch ein ganz anderes Mitleid als das verächtliche manchmal der
Schaffensmüdigkeit: das Mitgefühl als Verständnis.
Aber was war das Besondere an dem Blick? Was bezeichnete ihn?
Ich sah, spürbar für den andern, mit ihm zugleich seine Sache mit: den Baum, unter dem er
gerade ging, das Buch, das er in der Hand hielt, das Licht, in dem er stand, auch wenn es das
künstliche eines Ladens war; den alten Stenz mit seinem hellen Anzug und seiner Nelke in der
Hand; den Reisenden mit seiner Gepäckslast; den Riesen mitsamt seinem unsichtbaren Kind auf
den Schultern; mich selbst mitsamt dem aus dem Parkwald wirbelnden Laub; jeden von uns mit
dem Himmel zu seinen Häupten.
Und wenn es solch eine Sache nicht gab?
Dann schuf meine Müdigkeit sie, und der andere, der gerade noch im Leeren geirrt war, empfand
um sich von einem Augenblick zum nächsten seiner Sache Aura. –
Und weiter: Jene Müdigkeit machte, dass die tausend unzusammenhängenden Abläufe kreuz und
quer vor mir sich ordneten über die Form hinaus zu einer Folge; jeder ging in mich ein als der
genau da hinpassende Teil einer – wunderbar feingliedrigen, leichtgefügten – Erzählung; und
zwar erzählten die Vorgänge sich selbst, ohne Vermittlung über die Wörter. Dank meiner
Müdigkeit wurde die Welt ihre Namen los und gross. Ich habe dazu ein etwas grobes Bild von
vier Verhältnisweisen meines Sprach-Ichs zur Welt: In der ersten bin ich stumm, schmerzhaft
ausgeschlossen von den Vorgängen – in der zweiten geht das Stimmengewirr, das Gerede von
draussen, auf mein Inneres über, wobei ich aber noch immer gleich stumm, höchstens schreifähig
bin – in der dritten kommt endlich Leben in mich, indem es da unwillkürlich, Satz um Satz, zu
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erzählen anhebt, ein gerichtetes Erzählen, an jemand Bestimmten meist, ein Kind, die Freunde –
und in der vierten dann, wie ich es bisher am nachhaltigsten damals in der klaräugigen Müdigkeit
erlebte, erzählt die Welt, unter Schweigen, vollkommen wortlos, sich selber, mir wie dem
grauhaarigen Zuschauernachbarn da und dem vorbeiwippenden Prachtweib dort; alles friedliche
Geschehen war zugleich schon Erzählung und diese, anders als die Kampfhandlungen und
Kriege, die erst einen Sänger oder Chronisten brauchten, gliederte sich in meinen müden Augen
von selber zum Epos, noch dazu, wie mir da einleuchtete, zum idealen: Die Bilder der flüchtigen
Welt rasteten ein, eins und das andere, und nahmen Gestalt an.
Ideal?
Ja, ideal: denn es ging darin alles mit rechten Dingen zu, und es passierten Dinge noch und noch,
und von nichts war zu viel da, von nichts zu wenig – alles, wie es sich für ein Epos gehört; sich
selbst erzählende Welt als sich selbst erzählende Menschengeschichte, so, wie sie sein könnte.
Utopisch? „La utopia no existe“, las ich hier auf einem Plakat, was übersetzt heisst: Den Nicht-
Ort gibt es nicht. Bedenk das einmal, und die Weltgeschichte fängt sich zu drehen an. Meine
utopische Müdigkeit von damals ergab jedenfalls einen Ort, zumindest den einen. Viel mehr
Ortssinn fühlte ich da als je sonst. Es war, als hätte ich, obwohl kaum erst da, den Ortsgeruch
angenommen in meiner Müdigkeit, sei da alteingesessen. – Und an diesen Ort reihten sich in den
ähnlichen Müdigkeiten der folgenden Jahre noch mehr. Auffällig, dass dabei oft Fremde mich
Fremden grüssten, weil ich ihnen bekannt vorkam, oder einfach nur so. In Edinburgh, wo ich,
nachdem ich über Stunden „Die sieben Sakramente“ von Poussin angeschaut hatte, welche Taufe,
Abendmahl und dergleichen endlich einmal im richtigen Abstand zeigten, strahlend müde in
einem italienischen Restaurant sass und mich so – Ausnahme, zugehörig dieser Müdigkeit –
selbstbewusst bedienen lassen konnte, waren am Schluss alle Kellner einig, mich schon einmal,
und zwar jeder an verschiedenen Orten, gesehen zu haben: der eine auf Santorin (wo ich noch nie
war), der andere im letzten Sommer, mit einem Schlafsack, am Gardasee – weder Schlafsack
stimmte noch See. Im Zug von Zürich nach Biel, nach einer Nacht ohne Schlaf zur Schulendfeier
der Kinder, sass mir eine ebenso übernächtigte junge Frau gegenüber, die vom Schlussfest der
Tour de Suisse kam, wo sie im Auftrag ihrer da mitmischenden Bank die Fahrer zu betreuen
gehabt hatte: Blumen überreichen, Küsse auf die Wange für die jeweilst auf dem Podest... Es
erzählte aus der Müden so übergangslos, als wüssten wir sonst alles voneinander. Einer, der
zweimal hintereinander Sieger geworden war und wieder seinen Kuss abbekommen sollte,
erkannte sie dabei schon nicht mehr; so sehr, das erzählte sie heiter, voller Achtung, nicht
enttäuscht, seien die Fahrer beschäftigt nur mit ihrem Sport. Nun würde sie sich aber nicht
schlafenlegen, sondern, hungrig wie sie auch sei, mit ihrer Freundin in Biel mittagessen – wobei
mir jetzt ein weiterer Anlass für jene weltvertrauende Müdigkeit klar wird: ein gewisses
Hungerhaben. Die Müdigkeit der Sattheit schafft so etwas nicht. „Wir waren hungrig und müde“,
so erzählte die junge Frau in Hammetts „Gläsernem Schlüssel“ Ned Beaumont ihren Traum von
ihnen beiden: Was sie zusammengebracht hat, auch für das Weitere, waren Hunger und
Müdigkeit. – Eine besondere Empfänglichkeit für derartige Müdigkeiten scheinen mir, neben den
Kindern – immer wieder das grossäugige, erwartungsvolle Sichumdrehen nach dem da Sitzenden
– und den Mitmüden, die Idioten und die Tiere zu haben. Ein Idiot von ein paar Tagen hier im
andalusischen Linares, der an der Hand seines Angehörigen abwesend dahinhoppelte, bekam bei
meinem Auf-der-Bank-Sitzen nach der Zettelwirtschaft des Vor- und Nachmittags so überraschte
Augen, als sähe er da einen seinesgleichen, oder anders: jemand noch Erstaunlicheren. Von dem
ganzen Gesicht, nicht nur den Augen des Mongoloiden, wurde ich angestrahlt; er blieb sogar
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stehen und musste regelrecht weitergezerrt werden – reines Vergnügen in seinem Antlitz, einfach
darüber, dass ein Blick den seinen wahrnahm und gelten liess. Und das war eine Wiederholung:
Dort und dort schon sind die Idioten des Erdkreises, europäische arabische, japanische, mit
kindlicher Freude das Schauspiel ihrer selbst vorführend, in das Blickfeld des Idioten der
Müdigkeit einbezogen. – Als ich nach einer Arbeit und einem langen Fussweg durch eine
baumlose friulanische Ebene „durchmüdet“ an einem Waldsaum bei dem Dorf namens Medea
vorbeikam, lagerten dort im Gras ein Entenpaar, ein Reh und ein Hase nebeneinander und führten
bei meinem Auftritt, nach den ersten Fluchtbewegungen, ihr Gleichmass vor, grasrupfend, äsend,
herumwatschelnd. – Beim Kloster Poblet in Katalanien begegneten mir auf der Landstrasse zwei
Hunde, einer gross, einer kleiner, wie Vater und Sohn, die dann mit mir mitgingen, einmal
hintennach, einmal mich überholend. Ich war so müde, dass die übliche Hundeangst ausblieb,
und ausserdem, so stellte ich mir vor, hätte ich durch das viele Gehen in der Gegend schon deren
Geruch angenommen und wäre den Hunden vertraut. Diese begannen auch wirklich zu spielen:
indem „der Vater“ um mich herumlief und „der Sohn“, ihm nach, mir durch die Beine. Ja, dachte
ich, das ist ein Bild für die richtige menschliche Müdigkeit: sie öffnet, sie macht durchlässig, sie
schafft einen Durchlass für das Epos aller Wesen, auch dieser Tiere jetzt. – Hier aber ist vielleicht
eine Einfügung am Platz: Auf der Schutt- und Kamillensteppe vor Linares, wo ich jeden Tag
hinausgehe, wurde ich Zeuge ganz anderer Geschehnisse zwischen Menschen und Tieren als
solcher. Davon nur in Stichworten: Die da vereinzelt in der Weite wie zum Ausruhen im Schatten
der Trümmer oder Steinblöcke Sitzenden, in Wahrheit aber lauernden, in Schussweite zu den im
Umkreis an biegsamen Stangen in den Schutt gesteckten winzigen Käfigen, kaum Raum für die
flatternden, doch um so mehr die Käfige ins Wackeln bringenden Kleinvögel darin, bewegliche
Köder für die Grossvögel (Schatten des Adlers aber weit weg von den Fallen, bei mir übers
Papier streichend, beim stillen, auch unheimlichen Eukalyptushain an den Bleibergwerksruinen,
meinem Schreibplatz im Freien während des ekstatischen Schrillens und Posaunens der
spanischen Karwoche); - oder die wie übermütig mit dem Sonnenuntergang aus der
Zigeunersiedlung auf die Heide stürzenden Kinder, umtänzelt von einem grazilen, edelköpfigen
Hund, dann, brüllend, ausser sich, als Zuschauer eines Spektakels, vorgeführt von einem
Halberwachsenen, bestehend im Aussetzen eines Hasens auf der Savanne und dem
Nachschiessen des Hundes, dem baldigen Eingeholtwerden des Hakenschlägers, dem Nackenbiss
des Hundes, spielerisch erst, dem Fallengelassenwerden des Hasens, seiner neuen Flucht, seinem,
noch rascheren, Gestelltwerden, im Maul des Hundes Emporgelüpftwerden, so Hin- und
Hergeschleudertwerden, dem mit der Beute zwischen den Zähnen Über-das-Feld-Wegrennen des
Hundes – langhinsichziehend das Hasengequiek -, Spektakel schliessend mit dem Einzug der
Kinderschaf zurück in die Siedlung, der Hund emporspringend zu des Anführers aufgereckter
Hand, an dieser, an den Löffeln, der Hase hängend, blutnass, erschlaffende Pfoten, noch ein
wenig zuckend, seine kleine Gestalt die vorderste in dem Zug gegen Sonnenuntergang, und hoch
über den Köpfen der Kinder, im Profil zu sehen, des Hasen Gesicht, in seiner Hilflosigkeit und
Verlassenheit erhaben sowohl über das eines Tiers als auch eines Menschen; - oder die
Halbwüchsigen erst gestern, auf meinem Eukalyptushain in die Stadt: an der Steinmauer bei den
Olivenfeldern, mit Ölzweigen und Schilfstöcken, unter Geschrei vor- und zurückschiessend, die
Steine auseinanderschiebend, und mit den Füssen stossend, darunter, jetzt offen in der Sonne, die
zusammengerollte, dicke und lange Schlange, erst einmal ausser einem Kopfrucken und dem
Züngeln sich kaum bewegend – noch schwer vom Winterschlaf? -, Das Stockniedersausen auf sie
dann von allen Seiten, splitterndes, aber harttreffendes Schilf, in diesem Geprassel der weiterhin
unter Geheul vor- und zurückschiessenden Fast-Kinder (in der Erinnerung auch ich dabei),
endlich das Sichaufrichten der Schlange, ganz hoch, und zugleich kläglich, nicht angriffsbereit, ja
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nicht einmal drohend, den Drohhals nur vorführend, als ihre angeborene Schlangengebärde, und
so aufgerichtet, im Profil, mit dem verdrückten Kopf und dem Blutaustritt am Maul, auf einmal,
im Moment vor dem Niedersinken nun unter den Steinwürfen, dem Hasen gleich, dritte Gestalt,
wie die für einen Augenblick in der Tiefe einer Bühne erscheinende gültige, beim Aufgehen eines
mit den gewohnten Tier- und Menschengestalten bemalten Vorhangs: - Doch woher in mir bei
dem allen dieses Sträuben, dergleichen Schrecknisse, die nichts erzählen, vielmehr höchstens
bestätigen, auch noch weiterzuerzählen, während, was jene einenden Müdigkeiten mir erzählen,
in mir ein wie doch natürliches Ausholen, weiter und weiter – das epische Atmen auslöst?
Ja, aber erkennst du nicht, dass das erstere nicht bloss Schrecknisse waren, und zwar daran, wie
du, obwohl du sie nur registrieren wolltest, dabei wider Willen fast ins Erzählen gerietst und
dessen Zeitwörterformen, der Mitvergangenheit, am Ende allein vermiedst durch Vorsatz – durch
einen Trick? Und dass, ausserdem, das Ausmalen der Schrecknisse anschaulicher, oder jedenfalls
suggestiver ist als die noch so friedsamen Begebenheiten deiner Epopöe der Müdigkeit?
Ich will aber nicht suggestiv werden. Nicht überreden möchte ich – auch nicht mit Bildern -,
sondern erinnern, jeden an seine höchsteigene erzählende Müdigkeit. Und deren Anschaulichkeit
kommt schon noch, zum Abschluss dieses Versuchs, gleich, vielleicht – sofern ich dazu in der
Zwischenzeit müde genug bin.
Was also ist, über deine Anekdoten und Bruchstücke hinaus, das Eine, das Wesen, der letzten
Müdigkeit? Wie wirkt sie sich aus? Was lässt sich mit ihr anfangen? Ermöglicht sie dem Müden
ein Handeln?
Aber sie ist doch schon selber die bestmögliche Handlung, es braucht mit ihr nicht eigens etwas
anzufangen zu sein, weil sie für sich schon ein Anfangen, ein Machen – „den Anfang machen“,
sagt die Umgangssprache – ist. Ihr Den-Anfang-Machen ist ein Lehren. Die Müdigkeit gibt
Lehren – ist anwendbar. Ein Lehren wessen? Fragst du. Früher in der Geschichte des Denkens
gab es die Vorstellung von einem Ding „an sich“, inzwischen vorbei, weil das Objekt sich nie an
sich zeigen könne, sondern nur im Verein mit mir. Die Müdigkeiten aber, die ich meine, erneuern
mir die alte Vorstellung und machen sie dazu sinnfällig. Mehr: Sie geben, mir der Vorstellung,
zugleich die Idee. Mehr: In der Idee des Dings berühre ich, gleichsam mit Händen zu fassen, ein
Gesetz: So wie das Ding im Augenblick sich zeigt, so ist es nicht bloss, so soll es auch sein. Und
noch mehr: Das Ding erscheint in solch fundamentaler Müdigkeit nie nur für sich, sondern immer
zusammen mit anderen, und wenn es auch nur wenige Dinge sein mögen, ist am Ende alles
beieinander. „Jetzt bellt auch noch der Hund – alles da!“ Und als Schluss: Solche Müdigkeiten
wollen geteilt werden.
Warum auf einmal so philosophisch?
Es stimmt – vielleicht bin ich immer noch nicht richtig müde -: In der Stunde der letzten
Müdigkeit gibt es keine philosophischen Fragen mehr. Diese Zeit ist zugleich der Raum, dieser
Zeitraum ist zugleich die Geschichte. Was ist, wird zugleich. Das andere wird zugleich ich. Die
zwei Kinder da unter meinen müden Augen, das bin jetzt ich. Und wie die ältere Schwester den
kleinen Bruder durch das Lokal schleppt, das ergibt zugleich einen Sinn, und hat einen Wert, und
nichts ist wertvoller als das andre – der Regen, der dem Müden auf den Puls fällt, ist gleich wert
wie der Anblick der Gehenden jenseits des Flusses -, und es ist so gut wie schön, und es gehört
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sich so, und so soll es auch weiter sein, und es ist, vor allem, wahr. Wie die Schwester, ich, den
Bruder, mich, um die Hüften packt, das ist wahr. Und das Relative zeigt sich im müden Blick
absolut, und der Teil als das Ganze.
Wo bleibt die Anschauung?
Ich habe für das „Alles in einem“ ein Bild: Jene, in der Regel niederländischen, Blumen-Stilleben
des siebzehnten Jahrhunderts, wo an den Blüten lebensecht, hier ein Käfer, hier ein Schnecke,
dort eine Biene, dort ein Schmetterling sitzt, und obwohl vielleicht keins eine Ahnung von der
Gegenwart des andern hat, im Augenblick, in meinem Augenblick, alle beieinander.
Kannst du nicht anschaulich zu werden versuchen ohne den Bildungsumweg?
So setz dich, auch du in der Zwischenzeit hoffentlich müde genug, mit mir auf die Steinmauer am
Rand des Feldwegs, oder noch besser, weil noch näher dem Erdboden, hock dich mit mir
zusammen hin auf den Weg, auf den grasigen Mittelstreifen. Wie doch, mit einem Ruck, so, an
diesem farbigen Abglanz, die Weltkarte jenes „Alles beieinander!“ sich zu erkennen gibt: Dem
Flecken Erde ganz nah sind wir zugleich im richtigen Abstand und sehen die sich aufbäumende
Raupe zusammen mit dem wurmlangen, vielgliedrigen, sich in den Sand bohrenden Käfer, diesen
zusammen mit der Ameise, die an einer Olive ruckelt, gleichzeitig mit dem Rindenbast, unter
unseren Blicken zur Acht gerollt.
Kein Bildbericht, sondern Erzählung!
Im Staub dieses andalusischen Feldwegs bewegte sich vor ein paar Tagen, so feierlich langsam
wie de Leidens- und Trauerstatuen, die hier in Andalusien während der Osterwoche auf Gestellen
durch die Strassen getragen werden, das Aas eines Maulwurfs dahin, unter dem, als ich es
umdrehte, ein Zug von goldglänzenden Aaskäfern ging, und in den Winterwochen davor hatte ich
auf einem ebensolchen Feldweg, in den Pyrenäen, in der gleichen Weise niedergehockt wie
gerade wir, den Schnee fallen sehen, in winzigen körnigen Flocken, im Liegen ununterscheidbar
von den hellen Sandkörnern, aber im Schmelzen dann eigentümliche Lachen hinterlassend,
dunkle Flecken ganz anders als die von Regentropfen, viel grossflächiger, unregelmässiger, im so
langsamen Einsickern in den Staub, und als Kind, in eben dem Abstand zur Erde, in dem wir jetzt
hocken, war ich an einem ebensolchen österreichischen Feldweg im ersten Frühlicht mit dem
Grossvater gegangen, barfuss, gleichnah der Erde und ebenso weltraumfern den vereinzelten
Kratern im Staub, den Einschlägen der Sommerregentropfen, meinem ersten, sich immer neu
wiederholenlassenden Bild.
Endlich in deinen Gleichnissen des Wirkens der Müdigkeit nicht nur die verkleinerten Massstäbe
der Dinge, sondern auch ein Menschenmass! Aber warum immer nur du als der Müde, allein?
Meine höchsten Müdigkeiten erschienen mir immer zugleich die unsrigen. In Dutjovlje im Karst
standen später nachts die alten Männer an der Theke, und ich war mit ihnen im Krieg gewesen:
Die Müdigkeit entwirft am andern, auch wenn ich nichts von ihm weiss, seine Geschichte. –
Diese zwei dort, mit den nass zurückgekämmten Haaren, den hageren Gesichtern, den rissigen
Nägeln, den frischen Hemden, sind Landarbeiter, labradores, die den ganzen Tag in der Einöde
geschuftet haben und einen weiten Weg hatten hierher in die Stadtbar, zu Fuss gekommen, im
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Unterschied zu allen andern da Stehenden; so wie der eine dort, der allein sein Essen
hineinschlingt, hier fremd ist, zur Montagearbeit ins Landrover-Werk von Linares beordert von
seiner Wohnsitzfirma, fern weg auch von seiner Familie; so wie der alte Mann, der täglich
draussen am Rand der Ölbaumfelder steht, zu seinen Füssen ein kleiner Hund, die Ellbogen in
eine Astgabelung gestützt, dort um seine verstorbene Frau trauert. – Dem ideal Müden „wird
Phantasie“, nur eine andere als etwa den Schlafenden in der Bibel oder der Odyssee, die Gesichte
haben: ohne Gesichte: ihm zeigend, was ist. – Und jetzt bin ich, wenn nicht müde, so doch frech
genug, um meine Phantasie der letzten Stufe der Müdigkeiten zu erzählen. Auf dieser Stufe sass
der müde Gott, müde und machtlos, in seiner Müdigkeit aber – um einen Ruck müder noch als je
ein Menschenmüder – allgegenwärtig, mit einem Blick, der, würde er von den Gesehenen, wo
auch immer im Weltgeschehen, sich bewusst gemacht und zugelassen, doch eine Art Macht hätte.
Genug von den Stufen! Sprich doch einmal von der dir vorschwebenden Müdigkeit einfach so,
wie es kommt, im Durcheinander.
Dank! Solch ein Durcheinander entspricht jetzt mir und meinem Problem. – Also: Eine
Pindarsche Ode auf einen Müden, statt auf einen Sieger! Die Pfingstgesellschaft, wie sie den
Geist empfing, stelle ich mir durch die Bank müde vor. Die Inspiration der Müdigkeit sagt
weniger, was zu tun ist, als was gelassen werden kann. Müdigkeit: der Engel, der des einen
träumenden Königs Finger berührt, während die anderen Könige traumlos weiterschlafen.
Gesunde Müdigkeit – sie allein schon die Erholung. Ein gewisser Müder als ein anderer Orpheus,
um den sich die wildesten Tiere versammeln und endlich mitmüde sein können. Die Müdigkeit
gibt den verstreuten Einzelnen den Takt. Philip Marlowe – noch ein Privatdetektiv – wurde im
Lösen seiner Fälle, je mehr schlaflose Nächte sich reihten, immer besser und scharfsinniger. Der
müde Odysseus gewann die Liebe der Nausikaa. Die Müdigkeit verjüngt, so wie du nie jung
warst. Die Müdigkeit als das Mehr des weniger Ich. Alles wird in ihrer, der Müdigkeit Ruhe
erstaunlich – wie erstaunlich doch der Papierpacken, den der erstaunlich gemächliche Mann dort
unter dem Arm über die erstaunlich stille Calle Cervantes trägt! Inbegriff der Müdigkeit: In der
Osternacht einst lagen bei der Auferstehungsfeier die alten Männer des Dorfs bäuchlings in der
Kirche vor dem Grab, einen roten Brokatumhang an der Stelle des blauen Arbeitszeugs, die
sonnenverbrannte Haut hinten am Nacken von den lebenslangen Anspannungen in ein Muster
von Vielecken ähnlich dem der Erde gespalten; die sterbende Grossmutter, in ihrer stillen
Müdigkeit, besänftigte das ganze Haus und sogar den unverbesserlichen Jähzorn ihres Mannes;
und an allen Abenden hier in Linares schaute ich dem Müdewerden der vielen Winzigkinder,
mitgeführt in die Bars, zu: keine Gier mehr, kein Greifen mehr in den Händen, nur noch ein
Spielen. – Und ist es bei dem allen nötig, zu sagen, dass selbst in solchen Tiefenbildern der
Müdigkeit die Trennungen bestehen bleiben?
Gut und schön: Eine gewissen Anschaulichkeit ist deinem Problem nicht abzusprechen (auch
wenn es die typisch dahingestammelte der Mystiker bleibt). Aber wie sind dergleichen
Müdigkeiten nun zu schaffen? Sich künstlich wachhalten? Kontinentalflüge unternehmen?
Gewaltmärsche? Eine Herkulesarbeit? Sich probeweise auf Sterben einlassen? Hast du ein Rezept
für deine Utopie? Munterkeitszügler für die ganze Bevölkerung in Tablettenform? Oder als
Pulver, beigegeben dem Trinkwasser der Quellenhäuser im Unmüde-Land?
Ich weiss kein Rezept, auch mir selber nicht. Ich weiss bloss: Solche Müdigkeiten sind nicht zu
planen; können nicht im voraus das Ziel sein. Aber ich weiss auch, dass sie nie grundlos
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eintreffen, sondern immer nach einer Beschwernis, im Übergang, in einer Überwindung. – Und
nun lass uns aufstehen und weggehen, hinaus, auf die Strassen, unter die Leute, um zu sehen, ob
uns vielleicht in der Zwischenzeit dort eine kleine gemeinsame Müdigkeit winkt, und was sie uns
heute erzählt.
Aber gehört zu dem richtigen Müdesein, ebenso wie zu dem richtigen Fragen das Aufstehen,
nicht das Sitzen? So wie jene alte krumme Frau in dem Gastgarten, wieder einmal
weitergetrieben von ihrem auch schon grauhaarigen, doch wenig gehetzten Sohn, sagte: „Ach,
sitzen wir doch noch!“
Ja, sitzen wir. Aber nicht hier, in der Menschenleere, im Rauschen des Eukalyptus, allein,
sondern am Rand der Boulevards und der Avenidas, im Zuschauen, vielleicht mit einer Jukebox
in Reichweite.
In ganz Spanien gibt es doch keine Jukebox.
Hier in Linares gibt es eine, eine sehr seltsame.
Erzähl.
Nein. Ein andermal, in einem Versuch über die Jukebox. Vielleicht.
Vor unserem Auf-die-Strasse-Gehen nun aber noch ein letztes Bild der Müdigkeit!
Gut. Es ist zugleich mein letztes Bild der Menschheit: versöhnt in ihren allerletzten
Augenblicken, in kosmischer Müdigkeit.
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Nachtrag:
Jene Kleinvogelkäfige, aufgestellt in der Savanne, sind nicht zum Ködern der Adler da. Ein Mann, der im Abstand
neben so einem Geviert sass, antwortet auf meine Frage, er trage sie hinaus auf das Feld, in die Schuttlandschaft, um
so im Umkreis das Singen zu hören; auch die Olivenzweige, neben die Käfige in den Boden gesteckt, sollten nicht
die Adler aus dem Himmel locken, sondern die Zeisige zum Singen bringen.
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Zweiter Nachtrag:
Oder hüpfen die Zeisige doch für den Adler hoch oben – den die Leute zur Abwechslung im Sturzflug sehen
möchten?
Linares, Andalusien, März 1989

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In diesem Versuch befragt Handke sich selbst über die Müdigkeit und setzt so die Gedanken über das Thema in Gang.

Am Anfang war die Müdigkeit für Peter Handke noch ein Leiden, wie er es in der Kindheit oder als Student kannte. Müdigkeiten zum Fürchten. Die Müdigkeit war verbunden mit einem Schuldgefühl.

Später folgt das Lob der Müdigkeit.

Auszug aus dem Buch, S.74:

Zitat:
„Also: Eine Pindarsche Ode auf einen Müden, statt auf einen Sieger!

Die Inspiration der Müdigkeit sagt weniger, was zu tun ist, als was gelassen werden kann. Müdigkeit: der Engel, der des einen träumenden Königs Finger berührt, während die anderen Könige traumlos weiterschlafen. Gesunde Müdigkeit – sie allein schon die Erholung. Ein gewisser Müder als ein anderer Orpheus, um den sich die wildesten Tiere versammeln und endlich mitmüde sein können. Die Müdigkeit
gibt den verstreuten Einzelnen den Takt. Philip Marlowe – noch ein Privatdetektiv – wurde im Lösen seiner Fälle, je mehr schlaflose Nächte sich reihten, immer besser und scharfsinniger. Der müde Odysseus gewann die Liebe der Nausikaa. Die Müdigkeit verjüngt, so wie du nie jung warst. Die Müdigkeit als das Mehr des weniger Ich.“


Erstaunlich, wie Peter Handke es mit seiner bildhaften Sprache schafft, einen Zustand zu erhöhen, und sei es nur die Müdigkeit.

Versuch über die Müdigkeit war der erste Essay Peter Handkes dieser Art. Am Ende des Buches wird das nächste schon angekündigt. Es folgten Versuch über die Jukebox, Versuch über den geglückten Tag, Versuch über den Pilznarren und Versuch über den stillen Ort.


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