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Saturday, August 28, 2010

HANDKE'S "Nacht Buch"

Saturday, August 21, 2010


Peter Handke : Ein Jahr aus der Nacht gesprochen

http://handke-magazin.blogspot.com/2010/06/handke-magazine-is-over-arching-site.html

several dozen excerpts at the end and Lothar Struck's reflections from Glanz & Elend:



 

Ist die Nacht überhaupt eine Tageszeit? Folgt sie einfach dem Abend wie der Mittag dem Morgen? Oder folgt sie nicht eher ganz anderen Gesetzen, jenen, die dem Taghellen, Vernunftgewogenen und Überschaubaren das Unberechenbare, Welt- und Traumverlorene gegenüberstellen und so das Überraschende, Undenkbare, Nicht-Erlaubte erlauben?

Jeder kennt diese Augenblicke zwischen Schlaf und Nicht-Schlaf noch vor dem wirklichen Wachsein, wenn aus dem Gemisch von Tagesresten und Träumen sich Bilder und Wörter zu halben und ganzen Sätzen verbinden wollen, meist aber zerrinnen, ehe sie Form angenommen haben.
Peter Handke hat die Fähigkeit, solche Sätze zu fassen und so seinen Tagebüchern ein Nachtbuch zur Seite zu stellen. Es sind oft seltsame Sätze, deren Herkommen so rätselhaft ist wie ihr Weiterwirken offen. Ihr Zauber entfaltet sich wie eine Rose von Jericho im Wasser: Ob sie wie Teile einer alten Erzählung klingen oder wie der Beginn einer neuen – sie blühen auf wie der junge Tag. 


Traumsätze und Morgengedanken

Peter Handkes „Ein Jahr aus der Nacht gesprochen“ erinnert an die Augenblicke zwischen Schlaf und Erwachen

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise
Peter Handke hat sich wieder zu Wort gemeldet. Es ist kein Roman und kein Reisebericht – sein soeben im Salzburger Verlag Jung und Jung erschienenes Buch „Ein Jahr aus der Nacht gesprochen“ ist ein Experimentierwerk. 365-mal hat der Schriftsteller, kaum dass er am Morgen erwacht ist, einen Satz formuliert und aufgeschrieben.
Jeder kennt wohl diese Augenblicke zwischen Schlaf und Erwachen, in denen der neue Tag langsam in unser Bewusstsein tritt. Doch während der Normalbürger mit scheinbar banalen Fragen wie „Wie wird heute das Wetter?“ oder sorgenvollen Feststellungen wie „Das wird ein anstrengender Tag werden“ ins Wachsein hinüberwechselt, gebärt ein Schriftsteller schlaftrunken solche Sätze: „Ich verstehe Kärnten immer noch nicht“, „Der Krebskranke ist der Spion aus der anderen Welt“ oder „Gott springt in Plastikfetzen zwischen den Autos über die Straße“. Das macht eben den Unterschied.
Unbearbeitet hat Handke seine Traum-Wach-Sätze gelassen und sie in der täglichen Reihenfolge zu einem Buch zusammengefasst. So blieb die Spontanität der Entstehung erhalten und die ungewöhnlichen Morgengedanken wurden nicht in ein vorgefertigtes System gepresst. Häufig sind es geheimnisvolle Formulierungen, die sich dem Leser nur schwer erschließen, aber manchmal wird der große Dichter auch überaus alltäglich: „Ob ich das Kreuzworträtsel noch schaffe?“ oder „Wer hat mein Glas weggenommen?“
Handke hat außerdem auf jegliche Kommentierung seiner metaphorischen Äußerungen verzichtet, kein Vorwort gibt eine Einstiegshilfe, kein Nachwort gibt abschließende Erklärungen. So muss der Leser das Gemisch aus Traumsätzen, Sprachbildern und Aphorismen selbst entschlüsseln oder versuchen, die morgendlichen Gedankensplitter weiterzuspinnen.
 


http://kurier.at/kultur/2025369.php

Peter Handkes "Nachtbuch"

Kleine, stille Fliegen in der Küche: Was denkt der Dichter, wenn er noch nicht wach ist, aber nicht mehr schläft?

rts Spricht 500 Mal aus der Nacht: Peter 
 
Das ist der Unterschied: Wacht unsereiner auf, ist der erste Gedanke vielleicht "Eine Minute, dann muss ich pinkeln".


Aber wenn ein Dichter wie Peter Handke langsam munter wird, wenn er nicht mehr schläft und noch nicht ganz wach ist, dann hat er folgenden Satz im Kopf: "Ich werde ab Herbst in Graz Luftwissenschaft studieren. Rufen Sie mich an!"


Oder: "Der Krebskranke ist der Spion aus der anderen Welt."


Die Bücher seines Mit-Schreibens täglicher Geschehnisse (zuletzt "Gestern unterwegs", 2005) sind ein jahrelanger Gefährte. Beim Lesen denkt man unwillkürlich daran, dass es Zeiten gab, als man ein Buch mit ins Grab genommen hat.


Bei Notizen wie "Versteh niemanden, so kommst du unbehelligt durchs Leben" kann man nicht gleich umblättern. Das muss wirken.


Wie ist das bei "Ein Jahr aus der Nacht gesprochen" ? Handke wollte seinen Tagebüchern ein Nachtbuch zur Seite stellen.


500-mal hielt er einen Satz fest, der in der Früh zerrinnen wollte. Selten (aber doch) hätte er ihn zerrinnen lassen sollen: "Der Bahnhof von Düsseldorf wird nie das Zentrum der Welt sein." - "Gase, kalte Luft und alleinlebende Frauen drehen links."

Andererseits: Darf einer wie Handke denn nie blödeln? Oft sind seine Worte beim Aufwachen noch nicht unter Kontrolle - dann "gliedert es", dann wird das Denken "gesiegelt".

Oft sind sie - wie es Verleger Jochen Jung sagt - Literatur vor der Literatur. Dann entstehen seltsame Bilder, die bei dem gebürtigen Kärntner bleibend sind:

"In Triest sich umziehen für die 1. Klasse!"

Da steckt eine Geschichte. Vielleicht fallen einem Leute ein, die ihre Wohnung putzen, bevor die Putzfrau kommt. Damit alles erstklassig aussieht. Damit der saubere Schein gewahrt wird.


Die Mischung Oder, ebenfalls schön zum Weiterspinnen: "Die kleinen, stillen Fliegen in der Küche: du musst sie nicht kaufen, du kannst sie auch mieten"


Es ist die Mischung, die es bringt. Heidelbeeren und Wasserverschwenden, Hostien und Orangen - Albernheiten und tiefer Sinn.


Daraus wird zwar kein Buch, mit dem zusammen man begraben werden will. Aber ins Bett kann man damit schon gehen.


PS: Die von der Deutschen Verlagsanstalt als "kontrovers" angekündigte Biografie Handkes "Meister der Dämmerung", geschrieben vom deutschen Literaturwissenschaftlers Malte Herwig, erscheint im November.


Und im Jänner 2011 veröffentlicht Suhrkamp Handkes Drama "Immer noch Sturm" - Zitat: "Ja wir haben das Unrecht begangen - das Unrecht, hier, gerade hier, geboren zu sein."

Es spielt in Kärnten.

http://diepresse.com/home/spectrum/zeichenderzeit/588998/index.do



HANDKE: Nachtbuch

20.08.2010 | 18:25 |   (Die Presse)
 
Im Erwachen hat Peter Handke mehrere hundert Male Sätze aus Schlaf und Traumfestgehalten und aufgeschrieben – seinen Tagebüchern dergestalt ein „Nachtbuch“ an die Seite stellend. „Es sind oft seltsame Sätze, deren Herkommen so rätselhaft ist wie ihr Weiterwirken offen.“

„Ein Jahr aus der Nacht gesprochen“ erscheint am 25. August im Verlag Jung und Jung, Salzburg. Das „Spectrum“ bringt – auf Wunsch des Autors in alter Rechtschreibung – Auszüge daraus.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2010)

I WILL ADD THE EXCERPTS AS SOON AS I FIND THIS "SPECTRUM" [IT TURNS OUT THAT THIS 'SPETRUM' is the Presse's own blog..]

Sätze aus der Nacht

20.08.2010 | 18:24 | Von Peter Handke (Die Presse)
„Und wieder einmal gehst du nur von einer Station zur anderen. Nichts stößt dir zu. Und das soll ein Buch sein?“ – Sätze aus Schlaf und Traum, beim Aufwachen notiert.
„Sollen wir's noch einmal versuchen, Frau?“

„Am Ende werde ich etwas sagen, ein bißchen“


„Manchmal, wenn man redet, redet man immer weiter“

„Die Woche über spielen sie Ping-Pong, am Samstag spielen sie Pong-Ping.“ – „Ja, die Wespen leben in Ketten“


„Sind Sie der, der hinter der grauen Holzhütte mir ein Gedicht vorgetragen hat?“


„Der Papst weiß sicher, daß er verdammt ist“

 
„Die Kinder haben sich über ihn lustig gemacht, aber nicht zu sehr“
 
„P. H. im Neunten Land?“ – „Neunmal kennt er das Land nicht“
 

„Columbo ist nicht mehr bei uns. Und wir sind auch nicht mehr bei uns“
 
„Wie schreibt sich ,Bondy‘?“ – „Wie Bondy“
 
„Sie ist so durcheinander, sie würde jemanden brauchen zum Dabeiruhen“


„Höhlenzeichnungen im Freien, draußen im Wald – gibt's denn so was?“ – „Ja, schau, in Anif!“

 

„Wie schön waren die Treffen ohne Literaturveranstaltungen!“
 
„Er ist gerade zum zweiten Mal geboren worden, diesmal aber –“
 
„Du bist mit ihm? Das ist ja fast so schlimm, als wärst du mit mir.“ – „Morgen wirst du geköpft“
 
„Schau, der haut ab!“

„Da, der Dalai Lama auf seinem Bergkanapee“

 
„Da liegt er nun. Wem würde er fehlen? Wem würde er nicht fehlen?“
 
„Soll ich dir alle deine Verrisse nach Breslau schicken?“
„Solange die Triestiner zur Schwedin sagen: ,Wie geht es? Schöner Tag heute?‘: kein Problem. Sowie sie aber fragen: ,Wie gefällt es Ihnen bei uns?‘...“
 
„Dem Text geht es nicht gut“
 
„Diese Zehe muß abgeschnitten werden!“
 
„Dein Gesicht riecht so nach Seife“

„Kennen Sie den ,Siebenkäs‘?“ – „Von JeanPaul!“ – „Ich möchte ihn verfilmen“

„Er hat sich den Arm abgehackt und sich zum Sterben gelegt“

 
„Ich bin schon gespannt auf das Rendezvous auf Seite sieben.“ – „Ja, willst du denn die ganze Marmelade lesen?“
 

„Ich verstehe Kärnten immernoch nicht“
 

„Polizei, schnell! Ein Mann liegtin der Allee.“ – „Ist er tot?“ –„Weiß nicht“
 

„Sag nicht dauernd ,Bravo!‘ zu mir!“ – „Arschloch!“ – „Ja, nennmich lieber ,Arschloch‘, oder ,Winterbierhaus‘ oder ,Schlaganfall‘!“
 
„Brad Pitt bei der Müllabfuhr!“ – „Und der tut, als wär' das normal!“
 
„Ich muß zu dem Buch. Es ist mein Alles. Nein, stimmt ja gar nicht“
 

„Man nennt sie die Epische Republik.“ –„Warum?“ – „Darum“
 

„Als ich Napoleon zum ersten Mal gesehen habe, wie auch immer, hat er gezittert“



„Im Herbst dann fand er sich in Thessaloniki ... Durch ihn verstrickte sich das Gericht in kambodschanische Zustände... So... Pot!“

 
„Das Verhalten der Männer hat sich starkverändert, außer wenn sie lieben“
„,Ich habe Heimweh nach der Schönheit‘, sagte Mascha, seine Frau“
 

„Du gehst dahin im Anzug wie einer im Rollkragenpullover.“ – „Ja, bin ich denn ein Mittelschulprofessor?“
 

„Was ich mag: Nightclubs, Vorspeisen und Raben.“ – „Lädst du mich ein?“ – „Jetzt müssen wir was trinken, wo wir unsere Namen spüren!“
 

„Das Perfekt!“ – „Und jetzt?“
 
„Die Insel La Réunion möchte das Wien des Indischen Ozeans werden“
 
„Kein Erbarmen auf der Brücke über dieDrina, und dreimal kein Erbarmen auf den drei Brücken über die Ljubljanica!“

„Gibt es immer noch die Verordnung, daß den Idioten die Hinterzimmer verboten sind?“


„Wie kann sich ein Kärntner Hiasl einbilden, mit seinem Design die Welt aufzufrischen?“

 
„Der Hirte im Speisewagen hatgesagt, daß er noch nie so viel im Wasser war wie in diesem Winter.“ – „Um die Schafe herauszuholen?“ – „Ja.“ – „Alles kommtwieder“
 
„Und Herzeleid ist mehr als Herzeleid“

 
„Das meiste ist weggeschwemmt. Aber füreuch gibt es noch schöne Reste“

 
„Seltsamer, du bist so schwer zu durchschauen.“ – „Du willst mich also durchschauen?“


 

„Das Blatt aus dem Heft reißen! Wenn nicht: weg von der Schule!“ – „Und ihr wollt Lehrer sein, so ohne Güte?“ – „Ja, ohne Güte. So ist das heute“


„Ich werde ab Herbst in Graz Luftwissenschaft studieren. Rufen Sie mich an!“


„Ich habe mir diese Frau extra für die Nacht ins Haus gebracht, Gemahlin. Und jetzt beleidigst du sie“
 

„Deine Schuhe stammen von den Texasrangern ab. Sie sind über den Himalaya zu uns gekommen und haben ihre Legitimität verloren. Es gibt die Überlegung, sie für null und nichtig zu erklären“
 
„Du wirst im Sterben vollkommen inkohärent sein.“ – „Wer weiß.“ – „Ja, wer weiß.“ – „Wer spricht da?“ – „Die Kompanie von Brügge.“ – „Ja, der Wind hat immer recht“
 
„Das Dorf darf Dorf sein“

„Damals hast du dich doch als Caspar David Friedrich am Meer photographieren lassen? Warum zerreißt du das Photo jetzt?“
 
„Ich hab' solch eine Sehnsucht nach einer Frau, in allen Fenstern habe ich die Fahnen ausgehängt“
 

„Ich weiß von dir alles: Du schläfst in einem Rundbett, und einmal wirst du den Großen Topf gewinnen.“ – „Und was weißt du noch?“ – „Sambesi ist eine Stadt in Nordmontenegro. Aber geographisch gehört es zu Italien“


„Ich habe dich aus den Flammen gezogen. Oder du mich aus dem Gasbereich. Im Kokosmattenhotel oder wo. Oder war das ein Widder?“


„Schaut so ein Heimweh aus?“

„Schau, die Bohrtürme in der Nordsee.“ – „Aber das sind doch bloß die Ähren des Spitzwegerich zwischen den Steinplatten!“ – „Gehen wir ins Zimmer!“ – „Ja, aber zeigen wir uns nicht auf der Terrasse!“

 
„Wie der Held ist? Er ist ... Ah, bis man all die Wintersachen ausgezogen hat! Und dann erst das Wintergesicht!“
 
„Zadek sagt, er erzähle einer jeden neuen Geliebten alle seine vorigen.“ – „Ja, und Jane Birkin hat noch nie Einkäufe gemacht“
 
„Ihr seid nicht das Volk. Weg mit dem Volk!!“
 
„Ein Taxi jetzt in der Nacht, in der Vorstadt?“ – „Doch, da ist ein Stand, vollbesetzt, unter den Kastanien, in der Dachauer Straße“
 

„Merkwürdig, daß die besten Schwimmer immer die sind, die das am meisten brauchen“
 

„Sämtliche wilden Tiere der Insel sind im selben Moment geboren. Gemeinsam sind bei allen die Fruchtblasen geplatzt, mit einem einzigen Knall. Seitdem sind alle touristischen Karten hier falsch, auch die beim Fahrer im Nachbarbus“
 
„In die Sense des Gegenspielers greifen, und wer als erster blutet, hat verloren.“ – „Oder den andern mit Weihrauch anblasen.“ – „Ja, jeden Tag stehen in der Zeitung neue Todesarten“
 

„Den Menschen bedeutet die Mitternacht viel. Aber wenn sie dann da ist – nichts als ein ,Die Mitternacht, hm‘“
 
„Und wie geht's mit uns beiden weiter, Liebe?“ – „Gar nicht. Wie von Anfang an, Lieber“
 
„Du legst das Farbband für die Schreibmaschine ein wie für eine Filmrolle.“ – „Ist sie ja auch.“ – „Und du stößt dabei die Luft aus wie ein Läufer.“ – „Bin ich ja auch.“ – „Und du zählst dabei bis elf.“ – „Wie die Sprossen der Himmelsleiter“
 

„Nächtelang brannte in deinem Zimmer das Licht. Von der ganzen Kaserne wurdest du als hochherzig eingestuft. Dann aber hat man dich abgeschoben.“ – „Wie hieß doch der Platz?“ – „Ja, hast du denn dort nicht gelebt?“ – „Ich hab's versucht“
 
„Es ist ja normal, bespickt zu werden mit Schmerzen – aber nicht von dir“

 

„In Frauentoiletten zu gehen ist nicht meine Sache. Aber warum sage ich das? Sie haben mich doch gar nicht danach gefragt“

 
„Diese Flasche Wein war doch für Sie gedacht. Und niemand, der Ihnen während der ganzen Fahrt serviert hat! Was war denn Ihre Rolle bei der Veranstaltung?“ – „Die der Wanderratte“


„Mein Mund ist zu klein für den Salatkopf. Ich der Singer, du der Sänger. Fliegen da Schwalben oder Mücken? Den Pilgern die feineren Netze! Everybody knows...“

 

„Das Schuldgeständnis des Mörders ruft das Opfer im Grab zur Auferstehung.“ – „Und das Wort ist Welt geworden“
 
„Halt! Da auf Ihrer Schulter, sehen Sie!, ein Käfer. Einer von denen, die, wie sagt man doch?“ – „In die Ohren schlüpfen. Ein Ohrenschlüpfer? Mit einer Zange vorn? Ich komme nämlich gerade aus dem Wald.“ – „Das hat gar nichts mit dem Wald zu tun. Diese Dinger sind heutzutageüberall“
 

„Die drei größten Errungenschaften der Menschheit möchten Sie wissen? Die Institutionen Griechenlands; der Gedanke, daß ein Gott möglich ist; und drittens noch etwas ...Die Peripherie! Fernes Glimmen“
 

„Schon wieder Gewalt! Gewalt um Gewalt!! Und noch mehr Gewalt!!! Hört endlich auf mit der Gewalt, ihr Scheußlichkeiten!!!! Ihr zwei Scheußlichkeiten!! Statt einfach still zu sterben“
 
„Seit einiger Zeit ist er ein Angehöriger des Werkfastens“
 

„Zu spät für die Messe – aber immerhin liegen von den Hostien noch ein paar Krümel herum“
 
„Wenn ich küsse, möchte ich nie damit aufhören. Das Küssen ist meine Heimat. Deswegen meide ich es, wie ich nur kann. Das Streichholz ausblasen!“
 
„Wie sieht dich deine Mutter aus der Ewigkeit?“ – „In der Hocke“
 
„Und wieder einmal gehst du nur von einer Station zur anderen. Nichts stößt dir zu. Und das soll ein Buch sein?“
 
„Jetzt hast du mich also geküßt, meinen ganzen Mund, mit deinem ganzen Mund. Was soll denn aus uns werden?“ – „Keine Angst. Es wird schon“
 

„Gefalle ich Ihnen?“ – „Nein. Aber Sie mißfallen mir auch nicht. Das heißt, daß Sie mir vielleicht eines Tages gefallen werden“

 
„Meine Vorfahren sind mit Sklavenschiffen aus Afrika gekommen.“ – „Aber Sie sind doch weiß und blond!“ – „Ja, und? Endlich sehen Sie mich“
 
„Indem du dich von selber eingemeindet hast in mein Geheimnis, bist du nicht mehr erwünscht im Durchgangssaal meiner Ungewißheit“
 

„Nächstes Jahr, da trauen wir uns was, da gehen wir in den Wald, wir zwei.“ – „Bingo!“

 

„Sie, der Sie aus der kaufmännischen Einsamkeit kommen...“ – „Jetzt werden Sie ironisch.“ – „Ich bin nicht ironisch. Und wenn...“


„Deine Schenkel haben sich nie als Schenkel um Schenkel geschmiegt!“


 

„Die einen können direktwandern, die andern nicht“
 

„Lange Zeit hat er im Gerümpelschuppen der Kirche gelebt, grau in grau. Nur zu Weihnachten kam er ins Grünen. Und jetzt grünt er und grünt er. Das erste Leben gilt nicht!“ – „Es hat an der Tür geläutet!“ – „Nicht hingehen. Nicht aufmachen. Das erste Läuten gilt nicht“
 

„Wenn du doch das Wasserverschwenden vermeiden könntest, Kind!“ – „Das schaff ich nicht, Vater, ich bin nicht wie du“

 
„Ich bin kein Gewächs für ein Treibhaus.“ – „Dein Name?“ – „Drei Uhr Angst“

„Nie und nimmer wirst du in mich kommen,nie und nimmer werden wir ein Paar. Nie und nimmer werden wir zweiparallel sein. Nie und nimmerwirst du der König sein“

„Fuck.“ – „Sprich nicht so.“ –„Das ist Dorfsprache. Im Villagemuß man so sprechen“

 
„Sie bekämpfen einander Tag für Tag auf Teufel komm raus. Und heute werden sie heiraten“
 
„Manchmal fehlst du mir.“ –„Hört, er hat mich gerade beimNamen genannt!“
 
„Ihr, die vielen, ich die Wildwüchslingin, die Samorastnika.Gekippt in die Brennesseln, auferstanden aus den Brennesseln, ohne euch, fern von euch, für immer allein, frei von euch, Hallelujah!“
 
„Pan ist alles. Komm dich waschen!“
 
„Ist deine Mutter zu Hause?“ – „Ich glaube“
 
„Einem Österreicher genügt es nicht, heimzukehren“
 

„Was gibt's zu essen, Küchlein?“
 
„Mit kalten Händen kann ich keine Frau angreifen.“ – „Wirklich?“ – „Wirklich“
 
„Wäre ich ein Priester, würde ich eleganter in meine Gewänder finden“

 
„Und morgen?“ – „Schwerwerden der Stirn“
 
„Haben wir uns nicht schon einmal getroffen?“ – „Ja, im Herbst 1972.“ – „Aber da waren Sie doch noch gar nicht geboren!“ – „Stimmt“
 

„Wo ist dein Beruf angesiedelt?“ – „In den Augenwinkeln“
 
„Da ein Henkel, dort ein Henkel“
 
„Die Flasche da gehört zu dem Gentleman am anderen Ende des Tisches.“ – „Und wer ist der zweite Herr dort?“ – „Ein Schirmpilzsucher aus Lothringen“
 
„Ein junges Mädchen, das seinen Vater ohrfeigt, das muß vom Propheten Elias abstammen!“
 

„Diese Linde steht so kräftig da, als flösse meine Tinte in ihr“
 

„Ich habe absolut nichts zu sagen, nichts und niemandem, vom Boulevard de Sébastopol bis zum Boulevard de la Chapelle!“

 

„Haben Sie schon einmal daran gedacht, Ihren Mantel da zu verkaufen?“ – „Nein, ich möchte ihn tragen bis zum Sterben“
 
„Die kleinen, stillen Fliegen in der Küche: du mußt sie nicht kaufen, du kannst sie auch mieten“
 
„Was für einen Sinn hat ein Leben ohne Tau?“
 

„Wie öffnet sich denn diese Parkplatzschranke?“ – „Der vierte Nerv, der vom inneren Auge zum Gehirn führt, hat die Aufgabe, Farbe und Schimmer von Haselnüssen weiterzuleiten. Du brauchst also nur den Haselstrauch da ins Auge zu fassen, und die Schranke öffnet sich.“ – „Aber sie öffnet sich nicht!“ – „Weil du die Nüsse nicht richtig angeschaut hast.“ – „Stimmt: als es geblitzt hat, ist mir was anderes durch den Kopf gegangen“

„Ein Rucksack voll Pfifferlingen von der Saualpe, das ergibt wieviel Rowohlt-Taschenbücher am Hauptplatz von Völkermarkt?“

 
„Sie haben viele Bewunderer.“ – „Viele Bewunderer sind schon tot, und auch ich werde bald sterben“ ■
  • HANDKE: Nachtbuch
  •  
  • http://diepresse.com/home/spectrum/literatur/590615/index.do?_vl_backlink=/home/spectrum/index.do





  • Satzblitz, ferner Donner, Hörfund

    27.08.2010 | 18:38 |  Von Evelyne Polt-Heinzl (Die Presse)
    Abgründe: leicht zu überlesen. Verblüffung: erst im zweiten Anlauf. „Ein Jahr aus der Nacht gesprochen“: Peter Handkes Notate beim Aufwachen.
     

     

       
    Ein Jahr aus der Nacht gesprochen“, das ergibt bei Peter Handke ein rundes Buch, und man ist froh darüber, dass er die Traumfantasie vom „Werkfasten“ nicht in die Tat umgesetzt hat. Es sind kurze Notate von meist zwei bis drei Zeilen, selten länger, die hier locker in Dreiergruppen über die Seiten angeordnet sind. Sie verarbeiten Tages- und Denkreste, tragen aufgeschnappte Alltagsdialoge zusammen, stellen sie mitunter auf den Kopf, lassen eigenwillige Verknotungen entstehen, wie das in der Traumarbeit zu geschehen pflegt. Und wie dort kann sich aus der Verschiebung und Überblendung etwas ganz Neues ergeben – oder auch einfach dadurch, dass eine durchaus „normale“Rede und Gegenrede herausgehoben, auf ein Zitatpodest gestellt wird: „Wie finde ich dich?“ – „Ich habe einen Schlüssel“.







    Viele der Geschichten muss man sich lesend selbst zu Ende erzählen: „Sie wäre die einzige gewesen, bei der man verstanden hätte, dass... “ Häufig bleiben sie gedanklich im Offenen und erschließen sich nicht im schnellen Lesen. „Er kommt vom Unkrautausreißen auf dem Schneeberg“, heißt ein Eintrag, und die Pointe der Geschichte, dass es eben kein Unkraut gibt, sondern stets der Gärtner bestimmt, was ein Unkraut sei und was nicht, muss man selbst hinzufügen, oder man kann den Satz zusammen lesen mit einem früheren Fundstück: „Eine Gegend ohne Produkte – wie kann man die lieb haben?“
    Anders als in Handkes Journalbänden werden hier nicht Wörter, Blickweisen,Sprachbilder oder poetologische Fragen erprobt und ausgearbeitet, hier ist Handke freier und zugleich gebundener: an Erlebnisse und Eindrücke, an Gesehenes und Gehörtes. Und das kann auch ein typisches Gepolter und Gezänk sein, wie es im öffentlichen Raum allerorten zu hören ist. Daneben stehen Hörfunde, die aus Kindermund zu stammen scheinen, der den Erwachsenen einen Zerrspiegel vorhält, etwa mit ei- nem „Keppelt ihr immer so?“. In einen Beipacktext verpackt findet sich die Essenz dieser Einträge – und auch der „Kindergeschichte“ aus dem Jahr 1981: „... enthält zwischen 20 und 70 Prozent Infantizide“, gleichsam als mögliche Medikamentierung für verstockte Erwachsenenherzen.
    Bezüge zu bekannten Themen Handkes kann man in vielen der Einträge finden oder herauslesen, „Bitte, ein Taxi zur Bergstation!“etwa als Volte des Fußwanderers Handke aufzeitgeistige Gipfelstürmer – oder „Ich habe heute acht Optionen offen“ als Kommentar zur mentalen Unrast, gegen die Handke seit Jahrzehnten anschreibt. Seine Leidenschaft für das Pilzesammeln wird in der Traumwelt zur Rechenbuchaufgabe vermengt mit einer tagespolitischen Anspielung: „EinRucksack voll Pfifferlingen von der Saualpe, das ergibt wieviel Rowohlt-Taschenbücher am Hauptplatz von Völkermarkt?“ Sprichwörter können hier ebenso mutieren – „Ich und Gras, wie leicht ist das“ – wie Märchenbilder: „Eingesperrt in einen Teufel aus Glas war ich“. Manchmal ist der eingebaute Abgrund leicht zu überlesen: „Es wird Nacht werden beim Gehen.“ – „Kein Wunder, das ist ja ein Trauma“.
    Manche der Protokollstücke lösen Verblüffung erst im zweiten Anlauf aus: „Das war ein schönes Tor. Aber wozu?“ Oder: „Merkwürdig, dass die besten Schwimmer immer die sind, die das am meisten brauchen“. Kränkungen über Kritikerschelten spuken ebenso durch Handkes nächtiges Erleben wie Bilder für sein poetisches Programm, so in Form einer versäumten Abzweigung in das „County der Neu-Anlauf-Nehmer“, oder das Bekenntnis zum realen wie metaphorischen Stolpern, das Handkes Werk mit einer dichten Spur durchzieht: „Wie oft bin ich ausgerutscht im Leben – und erst im Traum“. Hier sind die Folgen freilich harmloser: „Als nach langem Warten klar wurde, dass kein Ersatzbus mehr kommen würde, beschloss er aufzuwachen“.
    Bisweilen haben Kenner von Handkes Werk Wettbewerbsvorteile und können sich aus den Satzblitzen längere Geschichten erzählen. „Den Mantel nicht in die Fichte hängen! Sie bricht!“, heißt es einmal. In Handkes 1994 erschienenem Epos „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ mit dem Untertitel „Ein Märchen aus den neuen Zeiten“ rechnet Gregor Keuschnig mit der Ankunft eines Fabelwesens. Gleich nachdem er sich im neuen Haus eingerichtet hat, schneidet er den Wipfel der Fichte ab, um der Epiphanie des Fabelwesens einen Landeplatz zu schaffen. Die Chronik der Niemandsbucht als Schwellenort unserer Zeit enthält zumindest die Potenzialität, dass ein neues Märchen daraus werden kann, auch wenn das Fabelwesen in dieser Konkretion dann aus- und der Landeplatz leer bleibt. Die Fichte aber scheint an Stabilität verloren zu haben, und sie steht nach wie vor in der Niemandsbucht der Pariser Peripherie; die Peripherie aber zählt in einem der Nachtsätze zu den drei „größten Erfindungen der Menschheit“. Hier springt Gott „in Plastikfetzen zwischen den Autos über die Straße“; trotzdem: „Der Papst weiß sicher, dass er verdammt ist“. „Ein Buch ist mir erschienen“, heißt es einmal, und diesen Traum glaubt man keinem so freimütig wie Peter Handke; für uns Leser aber ist zumindest „Ein Jahr aus der Nacht gesprochen“ erschienen. ■
    ("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2010)







    "Literatur vor der Literatur"

    Die Unerschöpflichkeit des Träumens

    27. August 2010, 17:15
    • Artikelbild: "Er hat die Hand in den Fluß der Träume gesteckt und sie trocken wieder 

herausgezogen."  Das Notieren aus dem Traum heraus geborener Sätze ist 

Peter Handke zur Lebensgewohnheit geworden. - Foto: REUTERS/Hugo Correia




      "Er hat die Hand in den Fluß der Träume gesteckt und sie trocken wieder herausgezogen." Das Notieren aus dem Traum heraus geborener Sätze ist Peter Handke zur Lebensgewohnheit geworden.

    In seinem neuen Buch notiert Peter Handke Sätze unmittelbar nach dem Erwachen

    Die Erkundung der Träume führt den Dichter in ein Zwischenreich des Halbbewussten und zur "Literatur vor der Literatur".
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    ***
    Wien - Woher nimmt der Dichter seine Worte? Sucht und findet er sie, oder werden sie ihm nicht vielmehr eingegeben? Ist es der Dichter, der schreibt, oder wird der Dichter geschrieben? Oder auch: Was ist vor der Niederschrift der Worte durch den Dichter?
    Peter Handkes soeben erschienenes Buch Ein Jahr aus der Nacht gesprochen (Verlag Jung und Jung, Salzburg) ist ein Experiment, dem diese Fragen vorausgehen. Das Buch versammelt jene losen, ungeordnet belassenen Sätze, die der Autor über den Zeitraum eines Jahres unmittelbar nach dem Aufwachen niedergeschrieben hatte. Auf der Schwelle zwischen Schlaf und Wachzustand hoffte Handke in diesem Selbstversuch, ins "Zwischenreich des Halbbewussten" vorzudringen.
    Psychotherapeutische Versuche, das Unbewusste ins Bewusste zu transferieren, gehen bis ins späte 19. Jahrhundert zurück. Im Halbschlaf oder unter Hypnose regte Pierre Janet, der Erfinder der modernen Psychiatrie, seine Patienten zum Schreiben an. Der französische Surrealist André Breton adaptierte diese Methode der Écriture automatique in den 1920er-Jahren für die moderne Literatur. Schon vor Jahrhunderten vertrauten Künstler mit ähnlichen Methoden auf spirituelle oder ekstatische Eingebungen - und sei es nur, um einem Reflexionszwang zu entkommen oder Schreibhemmungen abzulegen.
    Unzensiert denken
    Breton brachte nun die Lehren Freuds, mit denen er bestens vertraut war, ins Spiel. Das Schreiben solle dem Denken unzensiert folgen. Wer, soeben aus dem Traum erwacht, willkürlich formulierte Sätze niederschreibt, unterziehe sich einem "Denkdiktat ohne jede Kontrolle der Vernunft" . Breton schwebte ein unmittelbar fließender Monolog vor, der die Zensur des Verstandes auszuschalten vermag. Der Kreativität läge dementsprechend die "Unerschöpflichkeit des Raunens" zugrunde.
    Handke, der bereits seine täglichen Beobachtungen auf Reisen oder Gestern unterwegs (2005), seine Verzettelungen oder auch einen Wintertagtraum publiziert hat, überrascht nun wenig mit seinem nächtlichen Notizbuch. Ihn beschäftigt mehr die Ergründung kreativer Prozesse als die Erkundung der eigenen Psyche. Das Notieren sei ihm zur "Lebensweise" geworden, zu einer "Möglichkeit, gleichsam hinter die Literatur zurückzugehen" , bevor etwas fest werde. Handke spricht von einer "Literatur vor der Literatur" und von "Anflügen" , aus denen er keine Geschichten machen wolle.
    Methodisch hält er sich genau an das Konzept der Surrealisten. Peter Handke bannt in seinen Aufzeichnungen Traumreste, die einer Sphäre des Vorbewussten entstammen und nur noch eine vage Ahnung von der Freud'schen Traumarbeit des Schreibenden hinterlassen.
    Ungeschliffene Sätze
    Ungeschliffen, unbearbeitet sind diese Traumsätze Handkes in Ein Jahr aus der Nacht gesprochen schlicht in der Form und Reihenfolge abgedruckt, wie sie vom Autor notiert wurden. Wie bei den Surrealisten wird die Grammatik in der Spontaneität ihrer Entstehung belassen. Weder lässt sich ein System erkennen, noch eine Interpretation vornehmen. Manche Sätze enthalten eine ganze Geschichte, die noch erzählt werden könnte, manche wirken verrätselt philosophisch, andere erscheinen dem Leser hingegen banal und redundant.
    Handke will einem hier keineswegs vorgaukeln, ein Dichter erwache morgens bereits mit klingenden Verszeilen auf den Lippen. Manchmal denkt er auch nur: "Ob ich das Kreuzworträtsel noch schaffe?" Oder: "Dein Gesicht riecht nach Seife" Oder er macht sich Gedanken über seine Heimat und befindet schlicht: "Ich verstehe Kärnten immer noch nicht."
    Immer wieder kommen reale Personen vor (Brad Pitt beispielsweise, ausgerechnet bei der Müllabfuhr!), naturgemäß tauchen auch Peter Handke selbst und sein Werk in den Traumnotaten auf. "P.H. im Neunten Land?" - "Neunmal kennt er das Land nicht" (die mit Abschied des Träumers vom Neunten Land betitelten Erinnerungen an Slowenien erschienen 1991), ein Einbaum fährt als Kinderwagen vorbei, und auch der Vorgang des Schreibens beschäftigt Handke in seinen Träumen.
    Aus der Unbeschwertheit dieser spontanen Formulierungen entstehen immer wieder überraschend humorvolle bis skurrile, flapsige und zweideutige Sequenzen, die man von einem Peter Handke kaum erwartet hätte. "Auf zum Tigerwirt, zur Frau mit der roten Orange!" geht es da, oder auch: "Zu spät für die Messe - aber immerhin liegen von den Hostien noch ein paar Krümel herum."
    Einladung in die Träume
    Auf einer Strecke von rund 500 Notaten überwiegt aber ein geheimnisvoll traumwandlerischer Ton, eine entrückt-versonnene Stimmung, die herrliche Phantasmen gebiert. Folgt man der Einladung in Handkes Traumbilder, sieht man Gott in Plastikfetzen über die Straße springen, man begegnet einem Frauenmörder, einem Hund mit gefrorenen Zähnen und vielen Liebenden. "Er hat die Hand in den Fluß der Träume gesteckt und sie trocken wieder herausgezogen." Oder es wird eine Schranke ersonnen, die sich durch einen Nerv im Auge, das einen Haselnussstrauch fixiert, öffnen lässt: "Aber sie öffnet sich nicht!" - "Weil du die Nüsse nicht richtig angeschaut hast."
    Verlagsleiter Jochen Jung gibt eine einfache Leseanleitung ab: "Alle Sätze haben hier ein Lebensrecht. Wenn sie wirken, freuen wir uns, wenn sie nicht wirken, dann lies den nächsten Satz."
    "Es kann zur Schrift kommen, aber es kann auch zu nichts kommen" , lautet einer dieser Sätze Peter Handkes. Man kann sein Buch einfach als Appell für die Muße lesen und im Sinne Bretons auf die Unerschöpflichkeit des literarischen Urmaterials vertrauen. (Isabella Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 28./29. August 2010)
    Peter Handke: "Ein Jahr aus der Nacht gesprochen" . Verlag Jung und Jung, Salzburg 2010. 216 Seiten, Euro 20,00

    http://derstandard.at/1282273771431/Literatur-vor-der-Literatur-Die-Unerschoepflichkeit-des-Traeumens

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  •  »Festhalten ohne gefangen nehmen«

    Handkes hintergründige und teils humorvolle Notate »Ein Jahr aus der Nacht gesprochen«


    Selbstporträt aus Unwillkürlichen Selbstgesprächen nannte Peter Handke seine zwischen April und November 2006 entstanden Aufzeichnungen, die in Alfred Kolleritschs Zeitschrift »Manuskripte« im März 2007 veröffentlicht wurden. Es sind zumeist kurze Sentenzen, die alle in Anführungszeichen gesetzt sind. Tatsächlich gewinnt man schnell den Eindruck von Selbstvergewisserungen, auch manchmal Selbstimperativen, Zwiegesprächen mit Dingen oder verstorbenen Personen (insbesondere der Mutter; etwas, was Handke seinen »Ahnenkult« nennt) oder einfach nur Assoziationssplittern. Wenn nicht am Ende der Äußerung ein Frage- oder Ausrufezeichen steht, schließt der letzte Satz ohne Punkt ab. Dies ist auch in Handkes Notizbüchern, den Journalen (wie »Das Gewicht der Welt«, »Am Felsfenster morgens« oder »Gestern Unterwegs«), der Fall und erzeugt einen »leisen Eindruck von Ungesagtem« (Leopold Federmair), eine Form von schwebender Luftigkeit, möglich vom Leser aufgegriffen, fortgeschrieben, weiterphantasiert zu werden.
    Im Gegensatz zu den Journalen finden sich weder Bemerkungen zu Lektüreeindrücken noch werkstattähnliche Entwürfe zu eigenen Projekten. Auch philosophische Reflexionen oder nuancierte Naturbeschreibungen vermisst man in den rund 300 Notaten. Und nur ab und zu gibt es  - hier dann wieder mit den Notizbüchern vergleichbar - sparsam gesetzte Orts- oder Zeithinweise, die dem Leser eine gewisse Einordnung anbieten, die er seltsamerweise gerne aufnimmt.
    Befragt über diese Form, sagte Handke: »Ich werde davon angeweht, von innen oder von außen her, oder von beidem? Außerdem bin ich ziemlich trainiert über die Jahrzehnte, sodass ich kurz und knapp denke. Was ich da unwillkürlich gedacht habe, hat eine seltsame Form, ohne dass ich auch nur den Willen oder eine Formulierungsvorstellung hätte. Das notiere ich mir, und das tut mir gut. Ich finde diese Sätze manchmal vor wie eine Nachricht, und dann denke ich: Seltsam, diese Form oder diese Figur eines Satzes hat es noch nie gegeben. Es wäre schade, wenn das, was mich anfliegt, wieder von mir wegfliegt - und so wird es sacht festgehalten, ohne dass ich es gefangen nehme.«
    Ähnlich kann sich der Leser dem aktuell bei Jung & Jung erschienenen Buch »Ein Jahr aus der Nacht gesprochen« nähern. Hier wird die Situation des Autors schon im Titel vorgegeben. So erübrigt sich jegliches Vor- oder Nachwort. Auf 216 Seiten sind rund 560 Notate abgedruckt; zwischen ein und maximal vier Sentenzen pro Seite - zumeist paritätisch links und rechts eingeordnet. Wie in den »Unwillkürlichen Selbstgesprächen« sind alle Eintragungen in Anführungszeichen gesetzt und auch hier befindet sich kein Punkt am Ende des letzten Satzes. Auf weiterführende Angaben wurde diesmal vollständig verzichtet.
    Zwar ist man ein wenig im Vorteil, wenn man von Handke etwas gelesen hat, dennoch kann man das Buch auch ohne genaue Kenntnisse mit Genuss lesen. Wer durch den Titel angeregt auf eine Art Traumtagebuch spekuliert, liegt allerdings falsch. Und da nächtliche Aufzeichnungen nicht an noch frisch erinnerte Träume andocken müssen, wird man derartige Deutungsversuche schnell verwerfen. Die Notate - selten länger als drei, vier Zeilen - bestehen wie schon 2006 aus Selbstbefragungen, Vergewisserungen, Bekenntnissen, kleinen Gedichten, Beschwörungen - oder auch einfach »nur« lustvollen Wortspielen (»In einer Tragödie tritt kein Tragöde auf«) oder Paradoxien (»Guten Morgen, liebe Hörer: Hier ist der Saarländische Rundfunk mit keinen Nachrichten«). Handke ist - und das ist relativ neu - durchaus auch ironisch, zuweilen sogar selbstironisch. »P. H. im Neunten Land? - Neunmal kennt er das Land nicht« heißt es da beispielsweise in Anspielung auf sein Jugoslawien-Engagement. Und auch »Du bist so, wie der Eindruck, den du hinterläßt« kann durchaus als Selbstreflexion auf die Ereignisse rund um seine Reiseessays gelesen werden. Und wie humorvoll-hintergründig Handke inzwischen mit seinem Werk umgeht zeigt sich sowohl an den Illustrationen von Kat Menschik in der FASZ zu einigen seiner Sprüche wie auch an dieser »Feststellung«: »Und wieder einmal gehst du nur von einer Station zur anderen. Nichts stößt dir zu. Und das soll ein Buch sein?«
    Neben heiteren Aussprüchen (»Wie schreibt sich 'Bondy'? - Wie Bondy«) werden auch ernste Situationen evoziert: »Und wenn die Insassen im brennenden Flugzeug vor dem Absturz ins Meer, wie die Passagiere der Titanic, zuletzt noch gesungen haben?« Und erstaunlich, welche poetische Kraft Handke mit wenigen Worten auch hier erzeugen kann, etwa wenn es heißt: »Die drei größten Errungenschaften der Menschheit möchten Sie wissen? Die Institutionen Griechenlands; der Gedanke, daß ein Gott möglich ist; und drittens noch etwas…Die Peripherie! Fernes Glimmen«. Im Nu ist der Handke-Kosmos wieder da, zumal, wenn man kurz zuvor las: »Das Schuldgeständnis des Mörders ruft das Opfer im Grab zur Auferstehung.« - »Und das Wort ist Welt geworden« . Und manchmal dann doch diese kurzen, aber enorm dichten Naturbeschwörungen: »Im Erdbraun alle Farben; plötzlich vielversprechender Karfreitag«.
    Gerade im Kontrast zwischen heiteren, verspielten, albernen, manchmal auch erotischen und dann wieder suchenden, hadernden, fragenden Aussprüchen liegt ein Reiz, der vom Leser ein Höchstmaß an Konzentration und Empathie erfordert. Vom vordergründig zum schnellen Lesen verleitenden Druckbild darf man sich nicht der Feinheiten berauben, die hier verborgen sind und sich nicht immer sofort erschließen. So könnte das Diktum »Finden dauert länger als suchen« kongeniales Motto dieses Buches sein.
    Also:
    »So schön im Garten. Komm!«  Lothar Struck
    Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.


  

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