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Monday, February 22, 2016

Tagebüchern 2007 bis 2015,

Komm mit! Komm mit!

Peter Handke.
Peter Handke. / Bild: (c) APA/BARBARA GINDL 
Wer die Orte nicht ehrt, / ist der Worte nicht wert / (und umgekehrt, und / wieder umgekehrt). – Erstveröffentlichung: die jüngsten Aufzeichnungen, Vorwinter 2015.
   (Die Presse)
Gehen wie Lesen: Ich bin in meinem Element. Die Zeit, sonst immer wieder ein feindliches Element, springt um in ein freundliches, wird ein mich be- und geleitendes, und der Raum, sonst so oft ohne Platz für mich, wird Luft- wie „Weltinnenraum“, nicht bloß der meine. Ich gehe und lese. Ich bin gegangen und habe gelesen. Ich werde gegangen sein und gelesen haben

Statt „Es muß alles anders werden“ sag: „Ich muß das Meine besser machen“

„Hoffnung“, „hoffen“: Ich habe diese Wörter immer nur rhetorisch gebraucht. Ich habe noch nie gehofft, kein einziges Mal

„Ich habe recht.“ – „Ja, du hast recht. Aber du wirst nicht recht behalten. Niemand behält recht. Niemand kann recht behalten“

„Nichts ist leerer als ein leeres Schwimmbecken“. – Ja, und nichts ist zeichentrickfilmreifer als das Schwanzzucken eines Eichkätzchens

Vor dreißig Jahren, im Friaulischen, ging der blinde alte Vater dort über die Felder mit der Hand auf der Schulter des ihn führenden Sohns, und jetzt hier, in einem Metrotunnel, begegnete mir gerade wieder so ein Blinder mit der Hand auf der Schulter eines Jungen, und ich sagte unwillkürlich im Stillen: „Was ich alles schon erlebt habe!“

Lauthälse haben kurze Beine

Ein Zusatzname für mich, jahraus, jahrein neu mich anfliegend beim Gehen durchs Spätherbst-Vorwinter-Laub: „Stapfer“ – in Stara Vas slawisiert zu „Štapfič“

Großbauernkinder bleiben immer Großbauernsprößlinge, Kleinbauernkinder dagegen –
Die Mär vom Sandmann, welcher dem Kind an den Abenden den Sand in die Augen streut. – Danach aber: kein Sandmann mehr, weder für den Jugendlichen noch für die Erwachsenenzeit. – An der Schwelle zum Alter freilich die Rückkehr des Sandmanns, mit seinem Augenstreusand, und da oft schon am Morgen. Und er streut dann und streut, von frühmorgens bis spätabends

Ein Jahr, ein jedes, die Jahre, sieh sie an und blick auf sie zurück als Wirtschaftsjahre, samtNichtstun, Trödeln, Stromern, „Tachinieren“. Hauptsache, du hast gewirtschaftet. Hauptsache? Ja, Hauptsache. Und wenn's bloß der Eindruck ist? Und wenn's bloß der Eindruck ist

Wenn die Experten den Mund aufmachen, istes jedesmal längst zu spät

Immer wieder die Verwandlung: Nicht „ich“ verwandle, erfinde etc., und schon gar nicht schafft das ein „System“, eine „Methode“, eine „Lehre“, vielmehr: ES verwandelt sich, ES erfindet. Das (ein) Erleben, indem es Erleben wird, geht von allein über ins Erfinden, verwandelt sich, sich steigernd und klärend, ins Erfinden, schwingt sich dazu auf – die Schwingen der Verwandlung empor zur Erfindung

„Was war deine Rolle im Traum?“ – „Ich war der, der ihn geträumt hat.“ – „Der Träumer, sonst niemand?“– „Doch: Einmal war ich derjenige auf dem Rücksitz neben meiner Mutter“

Einst die Todeskunde nachts im

Ruf des Käuzchens. Dagegen das ganz
andere „Komm mit!“ der Freude


Die Epen, die Geschichten der Sieger haben nicht recht – sind nicht recht. Aber ebenso wenig recht haben die Epen, die Geschichten der Verlierer. Weder-noch-Epen, jenseits von Siegen und Verlieren! („Letztes Epos“)

Wie viel, wie andauernd, wird heutzutage gestanden, tagaus-tagein, in einem fort: „Ich gestehe . . .“ Dabei wäre in der Tat nicht weniges zu gestehen, von einem jeden. Gesteh! Gesteht!

Wer die Orte nicht ehrt, / ist der Worte nicht wert / (und umgekehrt, und / wieder umgekehrt)

Sitz der Quelle der Trauer: hinter dem Stirnknochen, wasserloses Sprudeln

Goethe: vom Steinenarren zum Farbennarrenzum Wolkennarren, und so von einer Sphäre zur nächsten

Altern?: Selbst in den Träumen wundere ich mich „über gar nichts mehr“. – Du Schande!

Massaker um Massaker im Namen des Barmherzigen: „Aber damit die Welt untergeht, müssen ganz andere kommen!“ – Aber sind die nicht schon gekommen? (Und dazu jetzt das Rieseln des ehemaligen Meeressandes aus der millionenjahralten Muschel vom Vorzeitacker – und jetzt das ferne Grollenvom Wind hoch oben in den längst blattlosen schwarzen Wipfelruten der Buchen, als das Grollen des Hilflosen Gottes gegen die Schöpfungsmordbuben, 13. November 2015, Paris – Picardie)

Der Luft die Ehre geben – Schreiben

Stufen des Erwachens am Morgen: Was sich erst anhörte als Holzwurmschaben, und dannals Mäusetapsen, wird zuletzt, was es war undist: das Tropfen des Regens von den kahlen Bäumen (Picardie)

Halbsatz von einem Nebentisch: „Am Samstag, als er noch bei Bewußtsein war, sagte er . . .“

„Das Alleinsein macht ungerecht, ganz besonders!“ – „Ja, oder ganz besonders gerecht!“

Das ist kein Kunstwerk, wo man nicht auch berührt wird von einem Moment der Gequältheit.“ – „Der Qual?“ – „Nein, der Gequältheit“

„Wo er auch auftritt, hat er ein leichtes Spiel.“ – „Der Unselige! Count him out!“

Taupfützen, Tauwasserlacken, gibt's die? Ja, und man kann sich darin waschen. Und ein Vogel, wenn auch nur ein kleiner, kann darin baden

„Das Buch des Lebens“, es existiert. Es ist eingeschrieben, eingeblättert, eingegliedertin meinen Körper, in jede einzelne meiner Gliedmaßen, die Schulterblätter, die Kniekehlen, die Fersen, die Sehnen, die Gelenke, die Haarwurzeln, die Augenbrauen

Ein Blick als ein Gedicht, gibt es das? Ja, etwa das Schauen – das „Geschau“ – gerade des jungen Mädchens in der Metro

Das Kreisen der Baumschatten an der Zimmerwand in der Nacht: Bewegte Glasmalerei

„Du tust mir leid“ kann auch eine Schmähung sein. Auch „du erbarmst mir“? Nein

Gibt es das Paradies? Ja, im Vergleich. ImVergleich womit? Im Vergleich mit einemanderen Ort, mit anderen Zeiten – im Orts- und Zeitvergleich. – Und wie ist es, solch ein Paradies? – Spannend. Aufregend. Abenteuerlich


„Ich möchte mit Ihnen ein Grundsatzgespräch führen.“ – „Grundsatzgespräche führe ich nur mit mir allein. Und selbst da . . .“


Schreiber und Leser: der Vorspurer und der Nachspürer. „Aufregender Autor“? – Aufregender Leser


„Die Stille vor Angst mißbrauchen“. – Und den Wald (siehe / höre die Läufer) zum Keuchen mißbrauchen


„Amor fati“, die Liebe zum Geschick, übersetz frei mit „Wer weiß, wozu es gut ist“ (auch eine Religiosität)


„Berechtigte Freude“: Freude ist doch immer berechtigt?

„Ich kann nicht mehr!“ sagte er, und lachte sich dann aus

Seltsames Mondlicht: Es entrückt, statt zu umgeben; es liegt auf, statt zu umzirkeln; es enträumlicht, statt Raum (und Zwischenraum) zu schaffen; es konturiert und entwirklicht zugleich das Konturierte; es entkörpert, statt, wie das Tageslicht in der Regel, zu verkörpern.

Ich bin ein Adventskind. Und also bin ich doch kein Vaterloser?

Die wahren Leser, die wahrhaften, die Wahrleser – Eine Elite? – Ja, die Elite der Bedürftigen und der Überlieferer

Der Vaterlose: ohne Grenzen nach oben, ohne Fangnetz nach unten. – Wer war der Vater von Euphorion?

Unvergleichlich: das Licht des Mondes hinter einer einzelstehenden Fichte, hinter dem Fichtennadelgeäst, dem so dichten – ein anderes „Spektrum“ – ein Leuchtgelb, das, so wie dann der Mond, der volle, „in Person“ hinter der Fichte hervorkommt, auf der Stelle dieses Gelb verliert, verblaßt und ausbleicht hin ins Weißliche

Seltsam, wie sie mir immer wieder in den Sinn kommt, jene rätselhafte Inschrift auf dem längst verschwundenen Grabstein im Friedhof von Stara Vas: „. . . ist in seine fluidale Urheimat zurückgekehrt“. – Und was sehe ich, was sah ich gerade vor und in mir als Bild solcher Rückkehr? Das dichte gelbe Schilf des Dorfsees, und das Boot, den „Nachen“, den „Schinakel“ (šinakl), in dieses gelbe Schilfmeer eintauchend und darin verschwindend

„Wie sich kleiner Gabe / Dürft'ge Hand so hübsch entgegen dränget, / Zierlich dankbar, was du reichst, empfänget. / Welch ein Blick! ein Gruß! ein sprechend Streben! / Schau es recht und du wirst immer geben“ (West-Östlicher Divan)

Das kleinste, das flüchtigste Schöne – wie jetzt ein jähes Flimmern, einen Blick langhinziehend auf dem Waldweiher: kosmisch – der Kosmos

„He not busy being born is not busy dying“: das wär's – das ist es

Altern?: Selbst in den Träumen wundere ich mich „über gar nichts mehr“. – Du Schande!


Einst, nach Volksmund, die Todeskundenachts im Ruf des Käuzchens: „Komm mit!“ Dagegen das ganz andere „Komm mit!“ der Freude

„Adveniat regnum tuum!“ – Aber ist das Reich nicht schon gekommen? Wenn auch auf ganz verschiedene Weise? Und als ganz anderes Reich?

„Denn das Rechte zu ergreifen, / Muß man aus dem Grunde leben“ (West-Östlicher Divan) Das Rechte? Das Wirkliche, al-haqq

Aufschauen, anschauen ist schon für sich allein ein nach dem Rechten Schauen

Ist „Denkfehler“ nicht zuallererst „Gefühlsfehler“? Und hier, im Fehler, im Fehlen, sind Denken und Fühlen eins?

Gerade, als mir in den Sinn kam: „Daß zum Sterben und zum Tod nichts, aber auch gar nichts denkbar ist, das darf doch nicht sein!“, rief Spinoza dazwischen: „Gib's auf!“

Eingehen in das Wehen der Winterbaumkronen. Eingehen wie? – Durch die Drehtür der Baumkronen im Wind

Das Gebet des Aufsichübergehenlassens – zum Beispiel des Wehens der Blätter in den Baumkronen, auch wenn es die letzten sind, die gar spärlichen – gerade wenn es die letzten sind

Er war ein Dichter, bestand auf der Ahnung und haßte die Vorahnung


Wer in einem fort nach Hause strebt, kommt nie dort an?


Wandertruppen, lauthals durch die Wälder polternd: Klappern leerer Töpfe


„Dein abgehobenes Deutsch.“ – „Ja, mein erdiges Deutsch!“


Wer ewig strebend sich beläßt, den können wir erlösen

„Du sollst schauen, wo du schon immer geschaut hast!“ (eins der 11. Gebote)


Behalte deine Liebe für dich, und für den, den sie angeht. Verrate niemandem sonst deine Liebe. – Verrat? – Hochverrat


Nichts kehrt wieder. „Ewige Wiederkehr“? Nichts da. Wie sagte der jüngste Bruder meiner Mutter, zurückgekehrt noch einmal vor seinem Tod in der Tundra, angesichts der Milchfetzen, der von ihm verachteten, ihm vorgesetzt zu Hause in Stara Vas?: „Kommen Sie gestern!“

„Das waren noch Zeiten!“ – „Wart's ab!“

Schmerz, Existenz(be)gründer

Mein Vorurteil gegen alle Weißhaarigen und insbesondere Weißbärtigen, sie seien („seyen“) die Selbstzufriedenen und Selbstgerechten. – Auch gegen die Grauhaarigen? – Nein

Erster stiller Ausruf am Morgen: „Heilig, heilig, heilig!“ (Picardie); und dann: „Meine tägliche Auferstehung gib mir heute!“

Mein „Animismus“: Das Laub im Wind regt „sich“

Aufblick in der Dunkelheit des Geburtstagsmorgens in den Baumwipfel mit den letzten Blättern dort im Wind, dazwischen die Doppelschalen, die leeren, die stachligen, der Maronen, und Dankbarkeit. Dankbar wem? Der Mutter – und da flog sie schon vorbei, „zwischen Rabe und Taube“, „zwischen Fledermaus und Schwalbe“

Selbst Goethe hat sich „gewurmt“ (Gesprächemit Eckermann)

„Ins Leben eingeschlossen wie in ein Unterseeboot.“ – „Ins Unterseeboot eingeschlossen wie ins Leben.“ – „Aufsteigen!“ – „Kein Druckknopf! Nur Wasserblasen, schwarz, vor der Luke“

„Kunstlos“ als Lobeswort. Nein, ohne Kunst wird nichts. Und: Kunst als „Formwille“? – Nein, Formtreue. Nein, Lebenstreue


Meine Ankunft im Internat, September 1954: mein erstes wahres Weinen


Was ist, wann ist „wirklich schön“, „wirklichschön“? Wenn du dir sagst: „Schöner geht's nicht!“ Und: „Ein Ding der Möglichkeit!“


Weltwunder? Wie unnötig. Die Welt, des Planeten Erde, im Universum, als Welt, ein einziges Wunder – auch ein schreckliches. Immer noch: die Heilige Welt – samt dem Brausen der Autobahnen hinein in die Tiefe der Winterwälder (Niemandsbucht)

„Herkunft des Fleisches: Geboren in Deutschland. Aufgezogen: In Deutschland. Geschlachtet: In Deutschland“ (Bistro, schwarze Tafel)

Seltsam, wie ich, auch und gerade vor dem Endlich-Schönen, dem Vergänglich-Schönen –wie gestern vor dem Gelb-Raum-Muster der Herbstpfifferlinge im tiefen Teller –, denke: „Unendlich schön!“ – Seltsam?

Der Vaterlose als anderer Luzifer, der sich in jedem Sinn Überhebende. Über wen? Ohneeinen Gott? Oder sich überhebend gegen den Gott in sich selber, das Göttliche in sich selbst?

Langsam werden? Langsam werden


Der Sinnwahn als eine Art Wahnsinn? Der Wahnsinn des Sinnwahns?


„Die dunkle Zeit“, die Zeit „zwischen den Jahren“: die verkörperte Zeit. So war es einmal? So ist es noch immer


Es ist eine Zeit, da es recht ist, daß die Vornehmen, gerade sie, wenn es der Fall ist, unvornehm reden, „grobianisch“, „pöbelhaft“


Indem ihr mir den Nachtwind nehmt, werdet ihr ihn verstärken


Eine besondere Art des Erwachens: Werde ich gebraucht, erwache ich (auf der Stelle)


Was Gott entfernt hat, soll der Mensch nicht nähern. Gilt für manche Technik?


Kommt all das Sektentum, besonders dasheutige, nicht aus einer Unfähigkeit zur Verehrung? – Der Verehrung wessen? – Des Ganzen – des allgegenwärtigen offenbaren Geheimnisses. Sekten(un)wesen alsBedenk- und Gedenkschwäche? Daherdie Vergötzung von Einzelheiten, von willkürlichen Teilen, ohne den großen Anteil? Die fundamentale Lieblosigkeitall der Sekten – und von daher deren fundamentalistische Feindseligkeitgegen das Grenzenlose? Das lieblose ständige Sichabgrenzen, Begrenzen, Grenzen-durch-die-freien-Lüfte-Ziehen, als Gegenteil der aufs Grenzenlose zielenden Phantasie und Erfindung?

„Alle Guten sind genügsam“, sagt „der Dichter“ im West-Östlichen Divan

Immer wieder, seit Jahrzehnten schon, rotiert in mir als das „oberste“ der 11. Gebote: „Das Begehren des Begehrens des Anderen“. Das oberste? Das umfassende Gebot. Nur: Wer oder was ist „der Andere“? – Keine Frage

Wer keinen Sinn hat für das Geheimnis der Welt (siehe in der „Kindergeschichte“ das „Ich arbeite am Geheimnis der Welt“), der hat auch keinen Sinn für sonst etwas, schon gar nicht für den Frieden auf Erden. Also hört auf, Sinn-Lose, sinnlos vom Frieden zu schwätzen

Ohne die Träume kein Weltbestand. – Auch die scheinbar sinnlosen? – Auch die sinnlosen. – Auch die Alpträume? – Auch die Alpträume, gerade die. – Weltbestand – Weltverband

Zu Goethe flüchten? Vielleicht. Wenn aber ja: was für eine beherzte, was für eine mannhafte Flucht

„Seien wir wieder gut!“ („Samma
wiada guat!“): Das ist der mir am
innigsten nachgehende Kinderspruch


Ein Tagwerden, ein Tagen, wieder eines, im Tag: Sowie ich mich selber einhole, und verdoppele. Und ein Doppelter werde? Nein, ein Ganzer; ein Ergänzter

„Seien wir wieder gut!“ („Samma wiada guat!“): Das ist der mir am häufigsten und am innigsten nachgehende Kinderspruch quer durch das Dorf Stara Vas seinerzeit – unsrerzeit, wenn nach Tagen und Tagen des stummen Zwistes zwischen uns Kindern, des scheelen Umeinanderherumstreifens, des stieren Umeinanderherumstreichens, desEinanderausdemweggehens endlich ein Kindzum andern hinkurvte und murmelte, nuschelte, tuschelte, fast unhörbar: „Seien wir wieder gut!“ „Samma wiada guat!“ – Und wir waren einander dann in der Tat, bel et bien, actually, wieder gut = spielbereit. Ja, einander gut sein hieß: Weiterspielen, zusammen, auf der Stelle. Was auch geschah. – Und der das jeweils sagte, war das ich? War das der Andere? Einmal der Andere, dann wieder ich, dann wieder der Andere, und so fort –

„Das nächste Mal: nicht den Esel und das Rind vergessen, damit sie das königliche Kind wärmen“ (Bemerkung, geschrieben ins Handbuch der Kapelle, vor der alljährlichen Weihnachtskrippe, Niemandsbucht)


„Erfülle die Sekunde!“? – Ja, erfühle sie! – Und wo? – Im kleinen Finger, zum Beispiel. Oder in der großen Zehe. Oder in den Augenbrauen. Oder in den Nasenflügeln, besonders da ■

Aus den Tagebüchern 2007 bis 2015, die Anfang März im Verlag Jung und Jung herauskommen: „Vor der Baumschattenwand nachts“. – Text in alter Rechtschreibung.

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Notizbuch. 31. August 1978 - 18. Oktober 1978

Peter Handke

 

Querfeldein zum letzten Epos
Kaum einer nutzt das Genre des Journals so konsequent, abwechslungsreich und intelligent wie Peter Handke

Gäbe es von Peter Handke nur die Tagebuchaufzeichnungen („Journale“), es reichte hin, ihn für einen Autor von Rang zu halten. Seit dem „Gewicht der Welt“ (1977) bis „Gestern unterwegs“ (2005) hat er sich dieses Genre mit der ihm eigenen Unbeirrbarkeit und energischen Leichtigkeit angeeignet und mit neuen Akzenten fortgeschrieben. Entgegen seiner damaligen Ankündigung, diese Gattungsreihe damit abgeschlossen zu haben, ist nun die nächste Folge zu studieren und zu genießen: „Vor der Baumschattenwand nachts“. 
Wer sich näher für sein Werk interessierte, wusste seit der ersten Ausgabe von „literatur/a“, dem Jahrbuch des Klagenfurter Musil-Instituts, dass es „Folgen“ geben würde. Es fällt auf, dass die Notizen von 2006 in der Buchausgabe zur Gänze fehlen. Das macht auch darauf aufmerksam, dass die publizierten Journale jeweils Extrakte aus den weitaus umfangreicheren Notizbüchern waren. Davon vermag der jetzt publizierte und transkribierte Faksimile-Auszug des „Notizbuchs 31. August 1978 – 18. Oktober 1978“ eine Vorstellung zu geben. Handke hatte es seinem Verleger geschenkt, sein Lektor, Raimund Fellinger, hat es nun auszugsweise ediert, leider nur 23 von insgesamt 128 Seiten. 
Wenn ich nichts übersehen habe, findet sich lediglich ein Satz dieses Notizheft-Auszugs in dem zeitlich zugehörigen Journal „Die Geschichte des Bleistifts“. Das stilistisch leicht veränderte Notat betrifft den Protagonisten der „Langsamen Heimkehr“ und lautet im Journal: „,Schau, wo du gehst!‘ Durch diesen Spruch wurde Sorger zum Erdforscher“. Das Wort Erdforscher (statt: „Geologe“, wie es im Notizbuch heißt) verstärkt die Anspielung auf den „Fall“ des Philosophen Thales von Milet, der, über den Himmel nachdenkend, nicht auf die Erde achtete und in eine Zisterne stürzte – keine unpassende Warnung für einen Autor, der das Idealisieren und Fantasieren zu seiner Sache erklärt hat.
Man kann das alles als Angelegenheit für Spezialisten abtun. Die Aura der Handschrift, von der noch das Faksimile lebt, ist aber auch für den „common reader“ attraktiv, und kein Literaturmuseum lässt sich diese entgehen. Die Notizbücher und Journale Handkes haben noch einen anderen „Sitz im Leben“, wie man von literarischen Gattungen zu sagen pflegte. Sie müssen nur allererst als Gattungen wahrgenommen werden; es ist nicht das geringste Verdienst Handkes, das buchstäblich ins Werk gesetzt zu haben. Durch den Abbau von Gattungen neue zu stiften oder alte neu wahrnehmbar zu machen: der kürzeste Beweis von Handkes literarischer Intelligenz.

Liest man aber die Journale als Werke, eröffnen sich neue Abenteuer der Lektüre. Sie sind untereinander auch vielfältig verflochten, durch (Selbst-)Zitate, Anspielungen und Umwandlungen; sie unterscheiden sich aber durch einen je anders markierten Wahrnehmungsmodus oder schlicht durch das Ausmaß an Lektürenotizen, das der Autor jeweils zugelassen hat. 
In „Vor der Baumschattenwand nachts“ ist der auch sonst stets präsente Goethe beinah allgegenwärtig. Handke hat geradezu systematisch die Briefe Goethes gelesen und studiert. Kein anderer Autor nimmt, für alle Journale Handkes gesprochen, so viel Platz ein. Es gibt mitunter kommentierte Wiederaufnahmen früherer Zitate; vor allem aber gibt es eine Verlagerung der Aufmerksamkeit auf die Briefe, wenn man so will, an die Peripherie des Gattungssystems, wo Handke schon immer in seinem Element war. 
Mitunter wird Goethe auch spielerisch in andere Gattungen überspielt – „Goethe als Bluesman: „Ich war in Jena und fand es einsam, ich kam zurück [nach Weimar] und fand es leer“. Goethes „Formautorität“ erleidet keine Einbuße, wenn der Tagebuchschreiber John Cheever ins Unvergleichliche – eine Kategorie, die Handke immer wieder umkreist (ähnlich wie „unversehens“ oder „plötzlich“) – gerückt wird: „Niemand hat je so geschrieben wie John Cheever in seinem Journal.“ 
Die Transformation oder das je andere Beleuchten des Wiederaufgenommenen betont die Werkreihe als Prozess. Der Rückgriff auf früher Gelesenes und Zitiertes erzeugt den Schwung für die Fortsetzung und soll die Überraschung beim Schreiben ermöglichen. 

Die immer schon zitierten Autoren werden wieder und auch anders zitiert, einige erhalten Miniaturhommagen, von Nicolas Born bis Baruch Spinoza, von R. D. Brinkmann bis Ludwig Hohl. Und Ilse Aichingers mehrfach zitiertes „Die Stille zur Angst mißbrauchen“ kulminiert in dieser Zueignung: „Immer wieder Ilse Aichingers ,Die Stille zur Angst missbrauchen‘, ja – und, umgekehrt, das Gewahrwerden der Schönheit zum Stoßgebet gebrauchen.“ 
Das Lesen und das Gelesene (zu dem auch das eigene Werk gehört) lässt dem Zufall sein Recht, es kristallisiert sich aber „unversehens“ zu Opus-Fantasien, die Jahre zurückreichen und über das Journal hinausweisen, wie das „Letzte Epos“, das im ­vorliegenden Fall auch als „Einfache Fahrt ins Landesinnere“ oder „Die Obstdiebin“ aufscheint und ausstrahlt. Nebenher, nicht beiläufig, verdichten sich die dringlicher werdenden Notate zum „Heutigen Erzählen“. 
Im Unterschied etwa zu „Am Felsfenster morgens“ sind jetzt die Notizen zu den in der Aufzeichnungszeit erschienenen Werken viel spärlicher geworden. Eines davon, eben auch erst heuer erschienen, ist die Sammlung von Handkes literaturkritischen Schriften („Begleitschreiben“), die von der Mitte der 60er-Jahre bis in die Gegenwart reichen. Es trägt den Titel „Tage und Werke“, der im Journal durch die Lektüre von Hesiods epischem Lehrgedicht „Werke und Tage“ vorbereitet wird, für das Handke schon länger eine Vorliebe hegt. 
Der Band bietet mit seinen Vorreden, Nachwörtern, Polemiken und Widerreden, Essays und frühen Radiorezensionen, Nachrufen und Lobreden (vor allem im Zusammenhang mit dem Petrarca- bzw. Hermann-Lenz-Preis) ein schönes Durcheinander. Glanzstücke sind die ganz frühen und bislang – von der schönen Ausnahme der Konrad-Bayer-Besprechung abgesehen – unpublizierten Rezensionen, die der junge Handke für die Sendung „Bücherecke“ von Radio Steiermark geschrieben hat. 

Die luzideste Selbstkritik darüber hat niemand anderer als Handke selbst verfasst, als er 1973 mit einem langen Aufsatz den Schriftsteller Hermann Lenz der Vergessenheit entrissen hat. 
Er beginnt mit einer Erinnerung an die damalige Kritik von „Die Augen eines Dieners“ und die geht so: „Nichts vergessen … 1965 las ich im Auftrag des österreichischen Rundfunks ,Die Augen eines Dieners‘ von Hermann Lenz. Ohne geübt zu sein, schrieb ich eine halbwegs geübte Kritik, in der, als ich sie vor kurzem wiederlas, nichts von dem vorkam, was ich damals mit dem Buch erlebt hatte; stattdessen ein Vergleich mit Knut Hamsun, der Zuschlag zu einer vertrauten Literaturart und damit der Zuschlag zur Literatur als etwas Vertrautem. Und trotzdem vergaß ich Hermann Lenz nicht […].“ 
Und jetzt die Enttäuschung: Was Handke 1965 über Lenz geschrieben und 1973 wiedergelesen hat, fehlt in „Tage und Werke“. Die eine Seite ist nach eben diesem Wiederlesen verlorengegangen, was nicht gegen den Autor spricht! Nur ein Absatz ist im Sendemanuskript noch erhalten und kann im vorliegenden Band nachgelesen werden. 
Immerhin gibt es erstmals die Möglichkeit, alle diese frühen Besprechungen Handkes nachzulesen. Sie verraten eine funkelnde literarische Intelligenz und ein Markenzeichen: Dieser Autor denkt über die Gattung nach, in der er sich jeweils bewegt. Und so fallen gleich in der ersten Sendung Sätze zur Literaturkritik, die an Dringlichkeit nichts verloren haben: „Die Literaturkritik wertet, für die Bewertung aber besteht in der Sprache nur ein begrenzter Vorrat von Worten; dieser Vorrat schießt automatisch in die Gedanken, wenn die Sprache des zu beurteilenden Textes beurteilt werden soll: das ist es, was die Literaturkritik oft zu einem leeren Geschäft macht.“ 
Die Geburt eines Autors aus analytischer Schärfe und erwärmender Fantasie erfolgt vor den Augen des staunenden Lesers.
Karl Wagner in FALTER 27/2016
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Das muss erzählt werden!

Peter Handkes Notizen der Jahre 2007 bis 2015 erneuern den Traum von einer anderen Zeit

Von Thorsten CarstensenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thorsten Carstensen

Dass Peter Handke neben dem hohen Ton durchaus einen feinen Humor pflegt und Selbstironie gekonnt einzusetzen weiß, wurde schon in den letzten Versuchen über den Stillen Ort (2012) und den Pilznarren (2013) deutlich. In seinen Notizen der Jahre 2007 bis 2015 entwirft Handke von sich nun das Bild des letzten verbliebenen Landstreichers, der durch Haus, Garten, Wiesen und Wälder streift, Ansprachen an die dröhnende Hornisse („Hallo, Horni!“) hält, den morgendlichen Weberknecht als stets gern gesehenen Gast begrüßt, Platten von Johnny Cash auflegt und – denn wer täte dies nicht? – im Vorortrestaurant den Gästen am Nebentisch lauscht. Beim Blick in den eigenen Garten hält er die verlässlichen „Zeitschwellen“ fest: den ersten Zitronenfalter des Jahres, die Hummeln, die gegen die Fenster stupsen, die ersten reifen Frühäpfel im Juli, schließlich das Rissigwerden der Nussschalen. All diese Zeichen und Anflüge von der Peripherie, so der Untertitel des Vor der Baumschattenwand nachts benannten Bandes, reihen sich in jenen persönlichen Alltagsmythos ein, den Handke der politischen Historie mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit entgegensetzt: „Meine Monumente: die Wirbel der Kastanienblüten im Rinnstein; die Sandwirbel in den Straßenbahnschienen.“
Seit Erscheinen des ersten Bandes vor vier Jahrzehnten (Das Gewicht der Welt, 1977) dokumentieren die Journale, in denen Handke Auszüge aus seinen Notizbüchern veröffentlicht, eine auf das Schreiben hin ausgerichtete Lebensführung. Den täglichen Aufzeichnungen liegt das Bedürfnis zugrunde, die Welt anhand der Fantasie und jenseits abstrakter Begrifflichkeiten in epischen Wahrheiten mitteilen zu können. Der Traum eines solchen Erzählens bleibt auch in den jüngsten Notizen des bei Paris lebenden Autors aktuell. So sammelt das Journal programmatische Dialogfetzen, Konstellationen und Wahrnehmungen für ein „Letztes Epos“, welches über die Dörfer in die nordfranzösische Landschaft der Picardie führen und – ähnlich wie bereits Die morawische Nacht (2008) – als reflektierendes Alterswerk Biografie und Schreiben zueinander in Verbindung setzen wird. (Tatsächlich erscheint dieses Buch im Spätherbst dieses Jahres bei Suhrkamp unter dem Titel Die Obstdiebin oder Einfache Fahrt ins Landesinnere.)
Werkgenetische Rückschlüsse erlaubt das Journal außerdem hinsichtlich des Sommerdialogs Die schönen Tage von Aranjuez (2012), wobei etliche Einträge um Fragen der Liebe und das „Fest der Körper“ kreisen. Vor allem aber fällt in die Zeit der Notizen die Arbeit an dem Apfelgarten-Epos Immer noch Sturm (2010), zu dem das Journal zahlreiche kleine Vorstudien liefert. Diese verdeutlichen, wie sehr es Handke danach drängt, die Geschichte der Vorfahren zu erzählen, der „Kuhweiden-, Obstgarten- und Maisackeruntertanen“, die im Traum zu ihm sprechen und deren Zeuge er sein will, ohne dabei eine verdeckte politische Aussage zu formulieren: „Die Moral der Geschichte ist die Geschichte.“ Das Journal führt zurück in die Kindheit, zum Bild der sterbenden Großmutter, zum abendlichen Milchholen beim Nachbarbauern und zum „Entsetzen“ der ersten Stunde im Internat. Und bereits eingangs tauchen auch die beiden Lebensbilder wieder auf, die Handke seit nunmehr fünf Jahrzehnten beständig variiert. „Lang ist’s her, daß ich den Sonntagsmann im schwarzen Anzug und weißen Hemd mit flatternden Hosenbeinen habe gehen sehen am Rand der Landstraße in Oberösterreich. Lang ist’s her, daß ich an der Hand des Großvaters gegangen bin, im Vormorgenlicht angesichts der münzgroßen Regentropfen im Staub des Feldwegs bei Stara Vas.“ Es sind diese Landstraßen- und Feldwegbilder, die als Urszenen und Selbstzitate den größeren Zusammenhang von Handkes Werk fortwährend erneuern.
Damit entsteht der Eindruck eines von seiner erinnerten Herkunft bestimmten Schreiber-Lebens, in dem sich Auf- und Ausbrüche als Wiederholungen der Kindheitslandschaft vollziehen. Und schon die erste Notiz erinnert daran, dass Traum und Trauma eng beisammen liegen: „Der Vaterlose fühlt sich immer im Blickpunkt, im Guten wie im Bösen.“ Nicht zuletzt diese Vaterlosigkeit erklärt wohl auch Handkes Bestreben, sich in ästhetische Traditionen einzuschreiben. Mit seiner epischen Erzählweise, die im Journal in einer Art Selbstgespräch immer wieder auf die Probe gestellt wird, will er den Anschluss an eine epische Ahnenschaft herstellen, zu der er neben dem omnipräsenten Johann Wolfgang Goethe – dessen Rolle für sein Schreiben kaum überschätzt werden kann – Regisseure wie John Ford ebenso rechnet wie den Maler Paul Cézanne oder die Steinmetze des romanischen Mittelalters. Zahlreiche Zitate aus Werken von Baruch de Spinoza, Jakob Böhme, Friedrich Hölderlin, Stendhal, Gershom Scholem, Ilse Aichinger und Patrick Modiano belegen auch in Vor der Baumschattenwand nachts Handkes eklektische Lektüren. Darüber hinaus werden nicht nur die islamischen Mystiker Ibn ʿArabī und Al-Ghazali, der Koran, der arabische Dichter Ibn al-Fārid und der japanische Schriftsteller Kamo no Chōmei für die eigene Poetologie fruchtbar gemacht; sogar die amerikanische Literatur der Nachkriegszeit spielt für Handke, dessen Frühwerk von den Romanen William Faulkners inspiriert war, nun wieder eine Rolle. Während er Raymond Carver zu jenen Autoren rechnet, die das „Geheimnis des Schreibens“ aufs Technische reduzieren und einem „affigen Stilwillen“ nachhängen, wachsen ihm die Texte John Cheevers aus gutem Grund ans Herz: Die Formel „Erzählen als Offenbarung“, die Handke im Zusammenhang mit Cheever verwendet, verweist auf die Ansprüche des eigenen Schreibens.
Auch aufgrund dieser Lesespuren gewährt Handkes Journal Einblicke in eine Poetologie, die vor allen Dingen auf dem Gebot einer empathischen, aber interesselosen Anschauung beruht – einer Wahrnehmung, welche „die monumentale Welt im Kleinen, im Stillen“ aufscheinen lässt. In Handkes Schule des Sehens verbinden sich durch den sogenannten müden Blick die vernachlässigten Alltagsdinge im Umkreis mit den Bildern der Erinnerung: Auf diese Weise können Zusammenhänge freifantasiert werden. Zugleich beharren die Notizen darauf, dass das richtige Lesen der „wahrhaften Literatur“ die Anschauung verstärkt, eine tiefere, entschleunigte Teilhabe an der alltäglichen Gegenwart beschert und den Weg zurück zu den Dingen jenseits der „vergärtnerten“ Natur weist. So schärfen Henry David Thoreaus Reiseberichte aus Maine das Bewusstsein für die Landschaft, für die „Weltgeräusche“ – es ist eine Lektüre, nach der sich das Journal-Ich aufs Neue mit der „Erde unter dem Himmel“, dem „Dasein“ verknüpft sieht.
„Das Staunen wird uns retten“: Indem das Journal einerseits Achtsamkeit für Farben, Geräusche und Gerüche einfordert – wie etwa für „das unvergleichliche Blau des Vergißmeinnicht, heute, jetzt, hier, da, dort“ – und andererseits eine authentische Sprache für diese Momente einer „Anderen Zeit“ einübt, will es der Welt einen literarischen Friedensdiensterweisen. Wenn bei Handke das Salz „aus einer Vorzeitmuschel auf die Tageszeitung“ rieselt, dann erkennt der Leser: Nicht die offensichtlichen Ereignisse, sondern das Geschehen der langen Dauer gilt es erzählend festzuhalten. Denn auch dieser Band trägt mit charakteristischer Lust zur Selbstermahnung eine Maxime vor, die Handkes Werk seit seiner Schreibkrise Ende der siebziger Jahre prägt: „Das ist ja eine Geschichte! Das muß erzählt werden!“

http://literaturkritik.de/handke-vor-der-baumschattenwand-nachts-das-muss-erzaehlt-werden,23709.html
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Thursday, December 24, 2015

"Tage und Werke"

Peter Handke als LiteraturkritikerEin begnadeter Polemiker

"Begleitschreiben" nennt der Schriftsteller Peter Handke jene Texte, mit denen er literarische Arbeiten anderer Autoren bewirbt. Die Sammlung von Texten wurde im letzten Jahr unter dem Titel "Tage und Werke" veröffentlicht. Darin scheut er auch nicht die Kritik an Theodor W. Adorno und Martin Walser.
Von Martin Krumbholz
Autor Peter Handke im Oktober 2014 in Wien. (picture alliance / dpa / Georg Hochmuth)
Autor Peter Handke im Oktober 2014 in Wien. (picture alliance / dpa / Georg Hochmuth)
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Peter Handke Eine notwendige Provokation

Bereits der sehr junge, gerade einmal 22 Jahre alt gewordene Peter Handke wusste um die Aporien der Literaturkritik. In einem Beitrag für die sogenannte "Bücherecke" im Radio Steiermark schrieb der junge Dichter als Rezensent:
"Die Literaturkritik wertet, für die Bewertung aber besteht in der Sprache nur ein begrenzter Vorrat an Worten; dieser Vorrat schießt automatisch in die Gedanken, wenn die Sprache des zu beurteilenden Textes beurteilt werden soll: das ist es, was die Literaturkritik oft zu einem leeren Geschäft macht."
Es ist mutig, dergleichen in einer Kritik zu schreiben; der Autor beißt ja gewissermaßen die Hand, die ihn füttert. Gleichwohl weiß jeder, der mit dem Schreiben von Kritiken zu tun hat, dass Handke nicht ganz daneben liegt. Er fährt dann ein wenig begütigend fort:
"Indes ist dieses Übel der Literaturkritik ein natürliches, und somit kein Übel; es ist die Natur der Kritik, zu bewerten; die Bewertungsworte aber sind von Natur aus abstrakt, das heißt, sie tragen in sich keinen Begriff von dem, was sie bezeichnen; (…) was ihnen trotzdem zu einer Wirkung verhilft, ist die Gewöhnung des Zuhörers; es geschieht nämlich, dass auf die Nennung des automatisch gesagten Wortes, etwa die Sprache sei dicht, in dem Zuhörer ebenso von selber eine Wertvorstellung von dem Kritisierten entsteht. Im eigenen Lesen wird dann der leere Hinweis, die Sprache sei dicht, sozusagen mit Begreifen gefüllt."

Strenges Urteil über Adorno und Walser

Zwei Jahre lang hat Handke ungefähr einmal im Monat eine Sammelrezension verfasst, die bisweilen ein halbes Dutzend Titel umfasste. Interessant sind diese Aufsätze, die den 100 Seiten umfassenden Schlussteil von "Tage und Werke" bilden, aus mehreren Gründen. Zum einen zeigen sie einen äußerst selbstbewussten oder, besser gesagt, seiner Sache sicheren Autor, der in diesen Sekundärtexten bereits deutlich seinen eigenen durchgeformten und klaren Stil ausbildet – man beachte die parataktische Reihung im gehörten Zitat und vergleiche sie etwa mit der späteren "Publikumsbeschimpfung". Zum anderen handelt es sich bei den besprochenen Werken in der Regel nicht um Eintagsfliegen, sondern um Titel, die noch heute im Umlauf sind – oft stammen sie aus der Bibliothek oder edition Suhrkamp. Und Handke urteilt streng, egal ob es sich bei den Verfassern um Theodor W. Adorno oder um Martin Walser handelt. Adornos Essay "Jargon der Eigentlichkeit", der Martin Heidegger aufs Korn nimmt, wird regelrecht verrissen. Hören Sie mal hinein:
"Soweit Adorno nun selber bei der Sache bleibt und über die Sprache des falschen Bewusstseins bramarbasiert, ist es ein Vergnügen, ihm zu folgen; jedoch wenn er im späteren Verlauf mit Heidegger selber anbindet und dessen Jargon gebraucht, schlägt das Unterfangen ihm übel aus; er verstrickt sich heillos in den Wirrwarr der Heideggerschen Terminologie und wird ungenau; seine sprachliche Methode (…) reicht an die Sache nicht mehr heran, wird krampfhaft und stumpft zusehends ab; die Worte werden schartig und schneiden nicht mehr; Jargon streitet wider Jargon (…)."
Die Walser-Rezension vom 5. Juli 1965 wiederum beginnt mit dem fast schon vernichtenden Satz:
"Martin Walser ist unter den jüngeren deutschen Autoren in seinem Metier der geschäftigste."

Experimenteller Sprachforscher

Es versteht sich, dass darauf nur noch ein Verriss folgen kann – es geht um den Essayband "Erfahrungen und Leseerfahrungen". Aber der junge Handke verreißt nicht aus Freude am Verreißen. Ein begnadeter Polemiker steckte von Anfang an in ihm, das zeigt sich auch hier, doch seine Argumente sind genau, und wenn er lobt, was oft geschieht, dann lobt er sorgfältig und mit Freude am Loben. Der Essay über die Korrespondenz zwischen dem in der DDR ansässigen Poeten Carlfriedrich Claus und dem westdeutschen Lyriker Franz Mon, der das Herzstück des Bandes bildet, trägt den Titel "Eine Ideal-Konkurrenz". Der Begriff, aus der Wirtschaft entlehnt, bezeichnet eine "reine und vollkommene Konkurrenz". Bei einer Wirtschaftskonkurrenz, erst recht wenn sie eine ideale ist, muss es einen Profit geben, und so auch hier. Handke beschreibt ihn. Sein Sensorium für die Valenz von Wörtern ist legendär – von Wörtern, die er nicht selten methodisch in einen anderen Kontext versetzt und überdies auf ihre Brauchbarkeit, ja einfach auf ihre Schönheit hin – vielleicht könnte man sagen: auf ihre praktische Schönheit hin – überprüft, ob es sich um ausgefallene oder fast schon aussterbende Wörter handelt wie das Wort "Saumseligkeit" oder um ganz alltägliche und allzu oft gebrauchte. Insofern ist Handke bis heute seinen Anfängen als experimenteller Sprachforscher treu geblieben, obwohl seine Poetik sich natürlich im Lauf der Zeit stark gewandelt hat und heute viel erzählerischer ist.
Und auch: viel ernster. Die Ironie spielt eine sehr untergeordnete Rolle bei Handke; hier weiß er sich seinem erklärten Idol Goethe verpflichtet. Einmal heißt es in Klammern: "Ein Wortspiel pro Text ist erlaubt." So eine Anmerkung klingt scherzhaft und ist doch zugleich auch ernst gemeint. Die Entscheidung des Nobelpreis-Komitees für den schwedischen Lyriker Tomas Tranströmer kommentiert Handke so:
"Tranströmer ist ein sehr nobler Mensch, aber zur Noblesse gehört auch eine gewisse Schalkhaftigkeit. Dieses Spielerische ist es wohl, das ihn zum Schreiben bringt, aber er lässt nicht zu, dass es in seinen Gedichten mitwirkt."

Ablehnung des Heinrich-Heine Preises

Angesichts dessen überrascht es vielleicht, dass Handke ausgerechnet in einer sehr ernsten Angelegenheit, nämlich der Verleihung bzw. Nicht-Verleihung des Düsseldorfer Heinrich-Heine-Preises 2006, einen schalkhaften Ton anschlägt. Aber hier handelt es sich eben nicht um Dichtung, sondern eher um das, was einen zum Schreiben bringt, das reale Leben. In einem Brief an den inzwischen verstorbenen Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin heißt es:
"Ich schreibe Ihnen heute, um Ihnen (und der Welt) die Sitzung des Düsseldorfer Stadtrats (heißt das so?) zu ersparen, womit der Preis an mich für nichtig erklärt werden soll, zu ersparen auch meiner Person, nein, eher dem durch die Öffentlichkeit (?) geisternden Phantom meiner Person, und insbesondere zu ersparen meinem Werk oder meinetwegen Zeug (…) Ich bitte Sie – so das in Ihrer Macht steht -, die Sitzung oder Veranstaltung auf den Nimmerleinstag zu verschieben und statt dessen die Stadträte an die frische Luft zu entlassen, z.B. zu einem Picknick an den Rhein."
Das klingt denn auch ein wenig gewollt schalkhaft, es klingt – was die gespielten Unsicherheiten in der Wortwahl und die eingestreuten Fragezeichen verraten – nicht so souverän, wie es klingen soll. Und das ist ja letztlich auch nicht verwunderlich. "Am Rand der Erschöpfung reden wir alle in Hauptsätzen", lautet der Titel der Dankesrede zum Ibsen-Preis, den Handke nicht zurückgeben musste. Im Brief an den Oberbürgermeister ist das Gegenteil der Fall, hier redet der Autor ausnahmsweise in umständlichen Parataxen, und es handelt sich offenbar nicht um Erschöpfung, auch nicht um moralische Erschöpfung, sondern um Verärgerung oder um mühsam unterdrückten, um camouflierten Zorn. 
Peter Handke: Tage und Werke. Begleitschreiben. Suhrkamp, 288 S., 22,95 €.

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Peter Handke: Verknüpfen und Unverknüpftlassen HANS HÖLLER 1. Jänner 2100, 01:00 posten Über das Entziffern der Welt in Werken der Kunst: Kommenden Freitag wird im Burgtheater aus Peter Handkes Textsammlung "Tage und Werke" gelesen Wo immer man zu lesen anfängt in diesem Buch vom Lesen, es ergeben sich sofort vielfältige höchst persönliche und doch uns alle angehende Verbindungen. Handke schreibt zum Beispiel über Valentin Hausers Buch Greutschach. Ein Bergdorf erzählt, und sofort stellen sich Erinnerungen ein zur Herkunftswelt des Autors – und zu unser aller Kindheit, auch in dem Sinn, dass man etwas nie kennengelernt hat und sich doch daran erinnern kann. Genauso lässt Handke in einem anderen "Begleitschreiben" eine andere Erinnerung an einen geschichtlichen Landschaftsraum aufleuchten, utopisch in den schönsten Farben. Handke erzählt dort eine "Zusammenkunft von drei Schreibern", Dimitri T. Analis, Adonis und er selber, "einer syrisch-arabisch, einer griechisch-französisch, der dritte österreichisch-slawisch, in einem libanesischen Restaurant im 15. Pariser Arrondissement, es ist das bevölkerungsreichste "und auch völkervielfältigste der ganzen Stadt." Der eine, der österreichisch-slawische Autor, hört den Gesprächen der beiden anderen zu und verspricht ihnen, wenn sie dieses Gespräch in eine Korrespondenz verwandeln, es zu übersetzen. "Gesagt, geschrieben, übersetzt (ein bisschen spät)." Und dann blendet er eine utopische Erinnerung ein, eine der vielen wunderbaren Stellen in den mehr als dreißig – die Rundfunkbeiträge für die Bücherecke in Radio Steiermark nicht mitgezählt – Erzählungen vom Lesen und vom Entziffern der Welt in den Werken der Kunst, ein Wachtraum vom malerischen Werk Picassos, der fast einzig und allein mit der Nennung von geografischen Namen auskommt: Einmal habe ihm ein Malerfreund, "inzwischen lange tot", von Picasso gesagt, in dessen Malerei "seien noch einmal sämtliche Küsten des Mittelmeers aufgeflammt, von Haifa über Aleppo, von Kappadokien über Athen und den Peloponnes, von Marseille über Barcelona und Valencia, von der Enge von Gibraltar bis Marokko, Algier, Tripolis und Alexandria." Kunst im Alltag Und Handke fügt dieser Aufzählung hinzu, dass er "im Lesen als Übersetzer" dachte, auch in der Korrespondenz zwischen Dimitri T. Analis und Adonis "leuchteten die Mittelmeergestade im Kreise noch einmal auf, wenn auch auf eine andere – zage und zugleich 'panische' Weise." "Begleitschreiben" nennt Handke die unter dem Titel Tage und Werke zusammengestellten Vor- oder Nachworte zu Büchern und die Rezensionen, Reden, Zeitungsartikel, Radiobeiträge und Betrachtungen zu Werken der bildenden Kunst. So verschieden der mediale Kontext ihres Erscheinens war und so weit die Erscheinungsjahre auseinanderliegen, diese "Begleitschreiben" sind miteinander verbunden durch verwandte, einander ergänzende Denkmotive und vor allem durch ein erzählerisches Element, welches die beschriebenen Werke im Alltag verankert, ihnen eine Geschichte gibt und freundschaftlich das persönliche Ich in den Werken mitdenkt und würdigt. Und wir als Leser werden hineingenommen in eine seltene Aufmerksamkeit für Bücher und Kunstwerke, in welcher die Idee von Literatur spürbar wird: dass nämlich Lesen und Schreiben heute eine nur umso dringender gebrauchte Form der Weltentdeckung sind, weil das Bild der Welt nur immer noch mehr von "der" Wirtschaft, "den" Militärs und "den" Medien bestimmt wird. Handkes Titelwort Tage und Werke weist als umgestelltes Zitat auf Hesiods Werke und Tage zurück, ein griechisches Lehrgedicht, um 700 vor Christi Geburt entstanden, das in seinen Hexametern das Tagwerk und die Arbeitsrhythmen des Jahres in einer kleinbäuerlichen archaischen Welt beschreibt. Sie wird unter das Gesetz und die Ethik der friedlichen kultivierenden Arbeit gestellt – eine solidarische, dörfliche Gegenwelt zur aristokratisch-heroischen Kriegskultur in den homerischen Epen. Wenn Handke in seinem Buchtitel das Wort "Tage" an den Beginn setzt, erinnert er an sein Selbstverständnis als literarischer Chronist, der er mit seinen beständig geführten Notizbüchern ja auch ist, und das Wort "Werke" lässt uns an sein mehr als 50 Jahre währendes beständiges Am-Werk-Sein denken, ein Schreiben, das von Beginn an den Zusammenhalt mit dem Alltag und mit dem Tagewerk der vielen von der Literaturwelt ausgeschlossenen Menschen sucht. Wie ein Aufschrei klingt in einem seiner Tagebücher (Das Gewicht der Welt, 12. Dezember 1978) die Frage, an die er sein Recht zum Schreiben knüpft: "Warum eigentlich sollte nicht jeder seine Meisterwerke nötig haben". Alle die bunt zusammengewürfelten "Begleitschreiben" in Tage und Werke erscheinen in ihrem Neben- und Nacheinander so zusammengehörig und genau an ihrem Platz notwendig, als gehörten das Würfeln und die Buntheit zur Kunst, so wie "Verknüpfen und Unverknüpftlassen" das Schreiben ausmachen, und letztlich auch die Lebenskunst, wenn Identität nicht zur Erstarrung führen soll. (Hans Höller, Album, 13.2.2016) Peter Handke, "Tage und Werke. Begleitschreiben." € 23,60 / 287 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2016 Hinweis: Am 19. 2. (20 Uhr) lesen Philipp Hauß, Sylvie Rohrer, Dörte Lyssewski, Peter Simonischek u. a. im Wiener Burgtheater aus dem besprochenen Band. Link Burgtheater - derstandard.at/2000030990589/Peter-Handke-Verknuepfen-und-Unverknuepftlassen
  http://derstandard.at/2000030990589/Peter-Handke-Verknuepfen-und-Unverknuepftlassen

http://www.begleitschreiben.net/peter-handke-tage-und-werke/
or
http://www.glanzundelend.de/Red15/h15/peter-handke-tage-und-werke-struck.htm
Mit »Tage und Werke« setzt der Suhrkamp-Verlag die Reihe der Aufsatzsammlungen Peter Handkes fort. Der letzte Band aus dem Jahr 2002 (»Mündliches und Schriftliches«) versammelte Texte von 1992 bis 2001; neben Aufsätzen zu Schriftstellern (unter anderem Karl-Philipp Moritz, Hermann Lenz, Georges-Arthur Gold­schmidt, Josef W. Jancker oder Ralf Rothmann) auch einige über Handkes zweiter Leidenschaft neben der Literatur, dem Kino, wie etwa Elogen zu den Regisseuren Abbas Kiarostami und Danièle Huillet/Jean-Marie Straub. Mit Helmut Färber wurde sogar ein (Film-)Kritiker essayistisch gewürdigt. Der aktuelle Band versammelt nun Aufsätze, Vor- oder Nachworte, Kurztexte und Reden Handkes von 2003 bis zur Gegenwart.
ctd at  BEGLEITSCHREIBEN
http://www.begleitschreiben.net/peter-handke-tage-und-werke/
or
http://www.glanzundelend.de/Red15/h15/peter-handke-tage-und-werke-struck.htm

Peter Handke als Leselustmacher

Mit „Tage und Werke“ hat der Autor Peter Handke ein Buch über die Bücher vorgelegt und über das Schreiben der Anderen. Mit der Sammlung an Reden, Artikeln und Vorworten offenbart er sich als literarische Wanderer und Sucher. Und als unbescheiden.
Der Schriftsteller Peter Handke
Quelle: APA
Leipzig. „Mein Ideal ist der Leser“, verkündete einmal der Autor Peter Handke in einem Interview und gestand, dass er, wenn er in einem Café, im Park, in der Metro, wenn er wo auch immer Menschen in ein Buch vertieft finde, jedes Mal aufs Neue schaue und zu erkunden versuche: „Könnte das der Leser sein?“
Der Leser. Im Abteil eines Vorortzuges nach Versailles ist Handke ihm schließlich begegnet. Und das in gleich dreifacher Ausführung. Denn drei junge Männer saßen da und lasen, und was sie lasen war „jeweils ein ernstes Buch – es war, Schönheit der Bücher wie der drei Leser, offenbar die alte, die ernste, die ewig neue Literatur.“
So jedenfalls beschreibt es Handke, in diesem ihm wahrlich nicht fremden Tonfall einer gesetzten Feierlichkeit und stillen Emphase, die zu entäußern man heutzutage ja erst einmal den Mut haben muss, in der Vorbemerkung zu „Tage und Werke“. Ein Buch über die Bücher und über das Schreiben der Anderen. Eine Sammlung an Reden, Artikeln und Vorworten samt jenen Kurzrezensionen, die der damals Anfang 20-jährige Handke von 1964 bis 1966 für die „Bücherecke“ des ORF-Hörfunks verfasste.

Bewundern und lieben

„Begleitschreiben“ nennt der Autor seine Texte in diesem fast 300 Seiten umfassenden Kompendium. Was wie ein (selbst)ironischer Distanzversuch zu dessen Titel lesbar sein mag, spielt der doch – und das wohl eher nicht versehentlich – auf die „Werke und Tage“ des Hesiod an. Ein Kritiker maßregelte das dann auch schon als die „Unbescheidenheit des Jahres“, wohl nicht zuletzt davon ausgehend, dass ein Verfechter, um nicht zu sagen Prediger der „Ernsthaftigkeit“ und mithin Verfasser „ernster Literatur“ wie Handke es ist, solche Parallelen eben auch nur allen Ernstes ziehen könne. Und tatsächlich offenbart sich ja Handke, wie er denkt, fühlt, liest und schreibt, dann auch in „Tage und Werke“ lieber als unbescheiden denn ironisch.
Und außerdem natürlich als genauer Beobachter, als der literarische Wanderer und Sucher, der wirklich – und das heißt hier auf geradezu ansteckende Weise – bewundern und lieben kann. Was da über den slowenischen Erzähler Florjan Lipuš oder den griechischen Lyriker Dimitri Analis, was über Rolf Dieter Brinkmann, Kito Lorenc, John Cheever oder auch den Briefwechsel zwischen Romain Roland und Stefan Zweig (zwei Schriftsteller, die man in Handkes Kosmos nicht vermutet) zu lesen ist, macht diese Texte weniger zu Begleit-, als vielmehr zu Geleit-Schreiben. Schickt einen Handke damit doch gewissermaßen in die Spur, hin zu diesen Autoren und Werken.
Peter Handke
Peter Handke: Tag und Werke. Suhrkamp Verlag 2015. Gebunden, 287 Seiten. 22,95 Euro
Quelle: Suhrkamp Verlag
Und völlig gleich ist, ob man die jeweils selbst schon gelesen hat, ob man sie „kennt“ oder nicht, weil besagte Spur oft eine ist, auf der, folgt man ihr nach, sich Augen und Ohren noch einmal anders und neu öffnen. Die Kunst der Betrachtung ist bei Handke eben auch eine Kunst der Stimulans.
Handke ein Leselustmacher, wie es keinen zweiten gibt. Und der dann trotzdem, man weiß es ja, selbst „neben der Spur“ sein kann. Was nicht jene Seitenhiebe meint, die Handke auch in diesem Buch austeilt, etwa in Richtung Uwe Tellkamp oder Martin Walser. Das sind Sentenzen einer Kritik, die sprachlich knapp, rigoros, klar, treffend ist.

„Wider-Rede“ in Oslo

Doch findet sich auch Anderes. Etwa dieser Text über Barack Obama. Ein Lob- und Hoffnungssingsang befremdlichen Überschwangs. Oder, als Gegenpol, aber ebenso aus der Spur, nur jetzt eben statt ins Schwärmen in Rage geratend, Handkes Rede im Nationaltheater von Oslo. 2014 bekam der Dichter dort den Ibsen-Preis überreicht. Und das nicht ohne Gegenproteste, die noch aus den alten, wahrlich nicht verheilten Wunden des Balkankrieges schwelten. Wegen seiner proserbischen Position denunzierte eine skandierende Menge Handke als „Mörder“ und „Faschisten“, der wiederum diesen Protestlern in einer „Wider-Rede“ attestierte „Feinde des Menschlichen“ und „Handlanger des ewigen Tötens“ zu sein.
Es ist dabei nicht die Frage, ob Handkes Reaktion in dieser Form legitim ist oder nicht. Dass aber die Sprache dieses sprachbewussten und sprachsensiblen Autors strauchelt und schäumt, sobald sie sich den Sphären des Politischen nähert, mag man bezeichnend finden.
„Es ist schon so: Ich suche Streit.“ Auch das ein Geständnis des Peter Handke, zu lesen in seinen „Phantasien der Wiederholung“. Und weil das so ist, weil dieser Autor, dieser Mensch so ist, schlägt sich das auch in „Tage und Werke“ nieder. Nur ein Begleitschreiben zum Hauptwerk, ist dieses Buch zugleich (und trotzdem) ein fraglos schönes Geleit-Schreiben. Für alle wirklichen, für alle „ernsten Leser“.
Peter Handke: Tag und Werke. Suhrkamp Verlag; 287 Seiten. 22,95 Euro
Von Steffen Georgi

http://www.lvz.de/Kultur/News/Peter-Handke-als-Leselustmacher
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Dezember 23
10:402015
http://theberlintimes.de/kultur/duesseldorf-die-diva-schwaechelt-hingeschluderte-texte-von-peter-handke/


http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/die-grenzen-der-souveraenitaet-1.18675464


Peter Handke als Kritiker
Die Grenzen der Souveränität

Neben seinem poetischen Schreiben hat Peter Handke immer auch die Literatur- und Literaturbetriebskritik gepflegt. Seine «Begleitschreiben» zeigen ihn als nicht immer offenen und originellen Geist.
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Bildnis des Autors als Rezensent: Im neuen Buch versammelt Peter Handke Texte zur Literaturkritik. (Bild: Serge Picard / VU / Keystone)

«Tage und Werke», das neue Buch von Peter Handke, versammelt Gelegenheitsschriften, die meisten davon aus den letzten zehn Jahren. Im Untertitel sind sie treffend als «Begleitschreiben» charakterisiert, wobei es sich manchmal um eine Art Geleit für Autoren und Künstler handelt, die Handke am Herzen liegen, oft aber auch um durchaus kritische, literatur- und betriebskritische Stellungnahmen.
Der auch für Peter-Handke-Kenner überraschendste und aufschlussreichste, mehr als ein Drittel ausmachende Teil wird jedoch von Beiträgen gebildet, die der «österreichisch-slawische» Autor – so die Selbstbezeichnung – als junger Mann für die «Bücherecke» von Radio Steiermark verfasste. Dieser Titel klingt provinziell, und der Radiosender war es wohl insgesamt, doch die frühen Begleitschreiben Handkes sind auf der Höhe sowohl ihrer Zeit als auch der Bücher aus aller Herren Ländern, von denen sie erzählen. Wie damals, Mitte der sechziger Jahre, als «die Grazer auszogen, die Literatur zu erobern» (so ein Buchtitel der Edition Text + Kritik), überhaupt viele überregionale Impulse von der steirischen Landeshauptstadt ausgingen.

Ein gewaltiges Programm

Die Rezensionsbündel, die Handke ablieferte, sind sämtlich mit einer Einleitung versehen, die zeigen, wie der junge Autor sich geistig den Boden bereitet für alles, was er später schaffen sollte – ein gewaltiges Programm, mehr oder minder bewusst ausgearbeitet und schrittweise verwirklicht. Aufschlussreich etwa seine Bemerkungen über modernes Theater, wo er mit grosser Souveränität die Möglichkeiten und Grenzen – ja, auch schon die Grenzen – von epischem Theater à la Brecht und Illusionsdurchbrechung auf der Bühne sondiert. Wenig später hatte er die rasch hingeschriebene «Publikumsbeschimpfung» fertig, mit der er, sekundiert von Regisseur Peymann, Furore machte.
Ebenfalls berühmt wurde seine Provokation auf der Tagung der Gruppe 47 in Princeton im April 1966, wo er die «Beschreibungsimpotenz» der zeitgenössischen deutschen Literatur anprangerte. Was er über die Abgrenzung vom platten Realismus hinaus, der nie seine Sache war, genau meinte, blieb und bleibt unklar, doch der herausfordernde Gestus war schon in den Beiträgen zur «Bücherecke» vorgeprägt. Er findet sich auch in späteren Schriften wieder, nicht selten in Form überzogener Strenge, als Unduldsamkeit nicht nur gegenüber dem «abgrundbösen» Suhrkamp-Gesellschafter Hans Barlach, der in dem viel zu langen, geifernden Text mit dem launigen Titel «Von HB zu HB» erledigt wird, sondern auch in Äusserungen zu jüngeren Autoren.

Betulich und automatisiert

In den «Bücherecke»-Rezensionen fordert Handke Aufmerksamkeit für Widersprüche ein, also die Bereitschaft, die andere Seite wahrzunehmen, den Bogen gespannt zu halten und Widersprüche nicht vorschnell aufzulösen. Man spürt auch, bei aller frühreifen Souveränität, Einflüsse vom Zeitgeist – so ist die weitgehende Zustimmung zu den Schriften Herbert Marcuses bemerkenswert (die Ablehnung aller Dogmatismen hingegen fast selbstverständlich).
Wenn man als geneigter Leser in der Entwicklung Handkes, die der vorliegende Band unbeabsichtigt nachzeichnet, eine wiederkehrende Stelle feststellen kann, die den Reichtum seines Werks – vielleicht notwendigerweise – einschränkt, so ist es die schwache Bereitschaft, sich anderen, nicht nur den Weggefährten, zu öffnen, sich einzufühlen in fremde Gedankenwelten und sie aus ihren Widersprüchen heraus zu verstehen, gegebenenfalls auch zu schätzen.
Die späten Begleitschreiben Handkes wirken mitunter betulich, der Fragestil, zu dem er in den neunziger Jahren fand, wie automatisiert (eine der wesentlichen schöpferischen Aufgaben war für den jungen Mann die Entautomatisierung im Sinne der russischen Formalisten), deshalb unproduktiv, und manche Äusserungen schlicht und einfach ungerecht. Handke war und ist ein Kritiker – kein Hermeneutiker, kein Verstehenskünstler. Dieses Urteil mag überraschen, es könnte aber erklären, weshalb sein Werk, so zurückhaltend und umschreibend sein Erzähler auch auftritt, doch viel öfter das Selbst als das Andere im Auge behält.
Peter Handke: Tage und Werke. Begleitschreiben. Suhr
http://www.ardmediathek.de/radio/WDR-3-Buchrezension/Tage-und-Werke-Begleitschreiben-von-P/WDR-3/Audio-Podcast?documentId=32718384&bcastId=19358026




Vor allem der Band "Tage und Werke" enttäuscht. Er enthält knapp 50 Texte. Die meisten sind in den vergangenen 15 Jahren entstanden. Reden, Kritiken, Nachworte zu Autoren und Büchern - "Begleitschreiben", wie sie im Untertitel genannt werden. Manche von ihnen in eigener Sache, wie die Auseinandersetzung um den Heine-Preis oder den Rechtsstreit im Suhrkamp Verlag. Dann gibt es da aber auch noch 13 Radiofeuilletons mit Buchtipps, die der junge Handke Mitte der 1960er Jahre für Radio Steiermark produzierte. Ein Kessel Buntes also, in dem der einzige rote Faden der Bezug zur Literatur ist.
Wüsste man es nicht besser, hätte Peter Handke nicht auch in den vergangenen Jahren hervorragende Texte geschaffen, würde man glauben, er muss als "Rest of" schon die übrig gebliebenen Krümel zusammenklauben. Den Theaterdirektor Claus Peymann, "der, wenn er telefoniert, mit gleichwem?, sich immer erst verbinden lässt", nennt Handke liebevoll einen "geisterweckenden Provokateur". Den Lyriker Tomas Tranströmer, in dessen Nominierung für den Literaturnobelpreis er eine überfällige "Entscheidung für die Dichtung und die Poesie" sieht, bezeichnet er als "Elementarschreiber". Und am westfälischen Dichter Ernst Meister bewundert er "das stetige wilde Todes- und Sterbenmüssenbewustsein".
Doch Handke wäre nicht Handke, wenn er nur lobende Worte finden würde. Die Besprechung von Friederike Mayröckers "Vogel-Greif"-Gedichten nutzt er, um dem Kollegen Uwe Tellkamp an den Karren zu fahren, der im Klappentext von einer "Sprachzauberin" spricht. Solch "falscher Posaunenstöße" bedürfe es nicht: "Wäre ich nicht schon seit längerem ein Leser Friederike Mayröckers - Lesen als Mitbuchstabieren, Entdecken, Welt- und Selbsterforschen -, hätte solch Geschwafel mich weggejagt von diesem Buch, woandershin, in den Wald, ins Kino, zu einem anderen Buch." Im selben Text kritisiert Handke die "vorgefasste, gefahrlose Methodik" in den Büchern von Herta Müller, die seiner Ansicht nach "gefälschte Literatur von A bis Z sind". Eine Lanze dagegen bricht er für Dag Solstad, Dragan Aleksiæ oder Xaver Bayer und ihre "Primärliteratur", die "unmaskiert" daherkomme.


Nicht viel besser ist das zweite in diesem Jahr erschienene Buch Handkes, ein "Notizbuch" aus dem Jahr 1978, entstanden auf einer Amerikareise, die er in "Langsame Heimkehr" verarbeitete. Wenn schon so ein Heft veröffentlichen, um die Arbeitsweise des Autors zu zeigen, wie Raimund Fellinger im editorischen Nachwort schreibt, warum dann nur in Auszügen? Weil alles andere das Format der Insel-Bücherei sprengt? Das mag nicht überzeugen. So bleibt der Eindruck, dass auch dieses Büchlein nur zusammenfasst, was vom Tagewerk übrig blieb.
Wer kein Handke-Jünger ist, kann die Finger von beiden Büchern lassen.
Info Peter Handke: "Tage und Werke. Begleitschreiben", Suhrkamp, 288 S., 22,95 Euro. Peter Handke: "Notizbuch. 31. August 1978 - 18. Oktober 1978", Insel-Bücherei Nr. 1367, 68 S., 13,95 Euro







Quelle: RP

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